Der aktuelle Konflikt zwischen Iran, Israel und den USA, der am 28. Februar 2026 mit massiven Luftschlägen begann, markiert einen Wendepunkt in der Geopolitik Westasiens. Was als vermeintlich schneller „Decapitation Strike“ geplant war, hat sich zu einem erbitterten Abnutzungskrieg entwickelt. In einem ausführlichen Gespräch mit Glenn Diesen enthüllt der renommierte geopolitische Analyst Pepe Escobar die tieferen Hintergründe, die iranische Strategie und die globalen Implikationen dieses Krieges. Escobar, einer der letzten „old school“-Auslandskorrespondenten mit jahrzehntelanger Erfahrung in Afghanistan, Irak und Iran, beschreibt den Konflikt als lange geplante Auseinandersetzung um die Vorherrschaft in der Region – und als Existenzkampf für ein widerstandsfähiges Iran.

Der historische und strategische Kontext: Iran als „Holy Grail“

Seit den 1990er Jahren stand Iran im Fokus neokonservativer und zionistischer Planungen. Pepe Escobar verweist auf Dokumente wie das Project for the New American Century und die „Clean Break“-Strategie, die bereits damals einen Regime-Change in Teheran als zentrales Ziel sahen. Der berühmte Ausspruch von US-General Wesley Clark nach dem 11. September 2001 – der Plan, sieben Länder zu „nehmen“ (Irak, Syrien, Libanon, Libyen, Somalia, Sudan und als Höhepunkt Iran) – unterstreicht diese Kontinuität. Jeder US-Präsident seit Bush sprach von der „Achse des Bösen“, doch nur Trump wagte den vollen Angriff.

Der Grund: Iran ist die einzige regionale Supermacht, die Israel als Hegemon in Westasien herausfordert. Eine erfolgreiche „Greater Israel“-Vision setzt voraus, dass Iran eliminiert oder entscheidend geschwächt wird. Escobar betont, dass der Krieg seit den späten 1990er Jahren geplant war – nicht nur 20–25 Jahre, sondern länger. Der „Baboon im Weißen Haus“ (Trump), umgeben von zionistischen Einflüssen und Profiteuren wie Jared Kushner (der Milliarden von Saudi-Arabien und anderen erhielt), diente als perfekter Vollstrecker. Finanzielle Interessen – von Rüstung bis Immobilien – spielen eine zentrale Rolle: „Follow the money.“

Der Angriff begann mit einem massiven Schlag gegen die iranische Führung, doch schon nach einer halben Stunde fehlte ein Plan B. Statt schnellem Sieg geriet das Unternehmen ins Stocken. Trump musste zurückrudern, als die Finanzmärkte kollabierten: Die Renditen für 10-jährige US-Staatsanleihen kletterten über 5 %, was das US-Finanzsystem bedrohte. Escobar: Der Bond-Markt war entscheidender als der Ölmarkt. Iran dementierte sofort jegliche Gespräche mit Trump und nannte ihn einen Lügner – ein PR-Coup.

Irans Strategie: Vom defensiven Mosaik zur offensiven Abnutzung

Iran verfolgt eine dezentralisierte Mosaik-Strategie, die Escobar als „Death by a Thousand Cuts“ beschreibt. Jahrzehntelang vorbereitet – intensiv seit 2005/2006 –, basiert sie auf:

Unterirdischen Raketenstädten (besonders in Sistan-Belutschistan nahe der afghanischen Grenze), die von US- und israelischen Kräften bisher nicht einmal lokalisiert wurden. Zehntausende Raketen und Drohnen lagern dort geschützt.

Inkrementeller Abschreckung: Iran setzt hochpräzise Systeme wie Khorramshahr-4 und Fateh-2 sparsam, aber wirkungsvoll ein. Neue Waffen tauchen wöchentlich auf – ein technologischer Schachzug.

Shift von defensiv zu offensiv: Nach Erschöpfung der israelischen und US-Luftabwehr (Arrow-3, Iron Dome etc. weitgehend neutralisiert) wählt Iran Ziele präzise aus. Beispiel: Statt des Dimona-Reaktors wurde ein Gebäude in der Nähe mit Wissenschaftlern getroffen – eine klare Botschaft: „Wir können, tun es aber (noch) nicht. Bombardiert ihr Natanz, bombardieren wir Dimona.“

Die neue Phase nennt Iran die „Great Constriction“ (Große Einschnürung): gezielte Angriffe auf zivile Dual-Use-Infrastruktur in Israel (Raffinerien in Haifa, Militäreinrichtungen nahe Ben-Gurion-Flughafen, Schlüsselknoten des Staates). Zivilisten werden bewusst geschont – im Gegensatz zu den „Terrorregimen“ Israel und USA, die Wohnviertel in Teheran bombardieren.

Iran kann diesen Krieg monatelang durchhalten: Unbekannte Lagerstätten, ständige Innovationen und unberührte Verteidigungssysteme für die Straße von Hormus (mit „Toll Booth“-Regeln: Nur Schiffe ohne israelische Verbindung, mit Versicherung und in iranischen Gewässern dürfen passieren). Die USA haben keine unbegrenzten Waffen – sie ziehen sogar Abwehrsysteme aus anderen Regionen ab.

Interne Stabilität und Kontinuität: Der IRGC an der Macht

Entgegen westlicher Hoffnungen führte die Ermordung von Ajatollah Khamenei nicht zum Kollaps. Mojtaba Khamenei, der neue Oberste Führer, symbolisiert Kontinuität: Er war jahrelang eng mit der Islamischen Revolutionsgarde (IRGC) verbunden und genießt breiten Respekt. Die IRGC führt nun de facto das Land – Überleben des Staates ist ihr Überleben. Die schiitische Märtyrer-Ethik und persische Kultur stärken den Widerstandswillen: „Man kann solche Menschen nicht brechen.“

Iran hat zudem die Kunst der Soft Power gelernt: Humorvolle Videos (z. B. Lego-Figuren, „Donald Trump, you’re fired“) und kluge PR gewinnen den globalen Süden für sich. Die Unterstützung dort ist nahezu einhellig – das „Empire“ hat die Schlacht um die öffentliche Meinung verloren.

Globale Dimension: Iran kämpft für den Globalen Süden

Escobar sieht diesen Krieg als Proxy für den multipolaren Aufstieg. Iran kämpft nicht nur für sich, sondern für den gesamten Globalen Süden gegen das „Krebsgeschwür“ der US-israelischen Dominanz. Russland und China unterstützen diplomatisch, mit Geheimdienstinformationen und Hardware (z. B. verbesserte Shahed-Drohnen, Iljuschin-Transporte).

Dennoch liegt BRICS derzeit „im Koma“: Interne Spaltungen (UAE und Indien als Verräter am Iran, Brasilien irrelevant, Südafrika marginal) lähmen das Bündnis. Die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) reagierte schwach.

Langfristig hängt die eurasische Integration von Russland, China und Iran ab. Ein Sieg oder stabiles Iran würde das Projekt massiv stärken – ein Scheitern würde es zurückwerfen. Indien spielt ein riskantes Doppelspiel (z. B. bei der Torpedierung eines iranischen Schiffs), das seiner eigenen Strategie (INSTC-Korridor, Balance gegen China) schadet.

Aserbaidschan und weitere Risiken: Unkontrollierbare Variablen

Aserbaidschan (unter Aliyev) und die Türkei (Erdogan als Hedger) bleiben heikle Faktoren. Israel bezieht einen Teil seines Öls über die BTC-Pipeline (Baku-Tiflis-Ceyhan). Sollte Aserbaidschan in den Konflikt hineingezogen werden (z. B. durch Angriffe von seinem Territorium), drohen massive Konsequenzen – Iran hat bereits in früheren Phasen Beweise für solche Beteiligung.

Die Energiearchitektur Eurasiens würde erschüttert; Europa, das auf Diversifikation setzt, stünde vor neuen Problemen.

Unüberbrückbare Forderungen und der Abgrund

Irans Kernforderungen sind maximal: Keine US-Basen mehr in Westasien (70–80 % bereits zerstört), Reparationen (Zahlen bis 500 Milliarden Dollar kursieren), Ende aller Sanktionen, freies Fortsetzen von Raketen- und Nuklearprogramm.

Die USA und Israel fordern das Gegenteil: Kapitulation, Aufgabe regionaler Verbündeter, Abrüstung.

Eine Einigung ist unmöglich – der Krieg bleibt ein Cliffhanger. Jede „Off-Ramp“ für Trump käme dem Ende des amerikanischen Imperiums gleich; gleichzeitig kann er die iranischen Bedingungen nicht erfüllen.

Escobar warnt: Die Eskalationsmaschine läuft weiter, nur um fünf Tage verschoben. Iran hat bereits gezeigt, dass es die US-Präsenz in der Region massiv schwächen kann (z. B. Vertreibung aus dem Irak nach 23 Jahren).

Der Konflikt wird die Welt verändern – entweder durch Stärkung der multipolaren Ordnung oder durch chaotische Eskalation.

Zusammenfassend zeichnet Pepe Escobar ein Bild eines hochvorbereiteten, resilienten Irans, das den Westen strategisch und moralisch überfordert. Die Arroganz des „Empires“, das Gegner stets unterschätzt, könnte hier ihren Höhepunkt erreichen.

Ob der Krieg in Monaten endet oder zu einem längeren Abnutzungskrieg wird, hängt von der Fähigkeit Irans ab, seine Karten – militärisch, wirtschaftlich und narrativ – weiter auszuspielen. Für den Globalen Süden und die eurasische Integration ist dies mehr als ein regionaler Konflikt: Es ist ein Kampf um die Zukunft der Weltordnung.



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