Links und patriotisch sein, beißt sich das nicht?
Illustration: der Freitag
Die gesellschaftliche und politische Linke braucht eine optimistische Antwort auf die identitäre Offensive von rechts. Dabei sollte sie einen aufgeklärten, inklusiven Patriotismus pflegen
Wenn ein rechter Stratege wie Götz Kubitschek gefragt wird, was ihn in seinem aktivistischen Handeln motiviert, dann bezieht er sich auf die Nation und das deutsche Volk. Das ist insofern geschickt, als ihm dieses Engagement niemand bestreiten wird. Die gesellschaftliche und politische Linke hat darauf keine Antwort, weil sie jeden Bezug auf die Nation vermeidet.
Dabei geht es doch in der Politik um Begriffe, deren Inhalte nicht essenzialistisch vorgegeben sind, sondern stets das Ergebnis von semantischen Operationen und ideologischen Kämpfen. Umso mehr gilt dies für den Osten Deutschlands, der nach 1990 zu einem wahren Eldorado für rechte Rattenfänger wurde.
Viele Ostdeutsche haben ein starkes deutsches Nationalgefühl, sehen sich aber seit 35 Jahren nur als Deutsche zweiter Klasse. Dies führte zu einem Phantomschmerz, der in jeder gesellschaftlichen Krise neu „getriggert“ wird.
Die Linke hatte dagegen in der Wendezeit nur die Warnungen vor einem „Vierten Reich“ und in radikalster Konsequenz den Slogan „Nie wieder Deutschland“ zu bieten. Ansonsten beließ sie es bei einer rein ökonomischen Argumentation. Sich als Deutsche zweiter Klasse wahrzunehmen, kann aber als empfundene oder reale Kränkung eine Identität prägen und zu destruktiven Handlungen führen; die blaue Protestwahl gegen die Eliten aus dem Westen ist schließlich ein Massenphänomen.
Was Migrant*innen und Ostdeutsche teilen
Die Annahme besteht nun darin, dass es Geflüchteten und Migrant*innen ähnlich wie den Ostdeutschen geht; dass sie durch Sprach- und Integrationskurse Lust auf dieses Land bekommen haben, das dabei ist, ihre neue Heimat zu werden; dass danach aber nur noch das Funktionieren in Beruf und Alltag zählt – und die identitäre Zugehörigkeit von der eigenen Community bestimmt wird. Auch hier könnte man von einem Phantomschmerz sprechen, denn das Land, auf das man nun so gut vorbereitet ist, bleibt einem letztlich fremd.
Als Antwort auf dieses Fremdeln ist zuletzt – auch im Freitag – viel über die neue linke Lust an der Gemeinschaft geschrieben worden, wobei die deutsche Phantomschmerz-Lücke Patriotismus nicht zu übersehen ist. Zohran Mamdani, der Bürgermeister von New York, auf dessen erfolgreichen Haustürwahlkampf sich Linke hierzulande gern berufen, ist eben ganz selbstverständlich auch ein linker Patriot.
Was bei Mamdani eher episodisch erscheint, hat La France Insoumise (LFI), die Schwesterpartei der Linken in Frankreich, mit dem Konzept des „Neuen Frankreich“ systematisch ausgearbeitet. Dabei geht es nicht etwa um ein utopisches Zukunftskonzept, sondern um sich verändernde gesellschaftliche Realitäten, die schon jetzt einen anderen Begriff der Nation erzwingen.
Anstelle des umstrittenen Begriffs der Kreolisierung, der Vermischung der Kulturen, den LFI in ihrem Programm für die Präsidentschaftswahlen verwendet, schlage ich hier den des Rhizoms vor. Ein inklusiver, linker Patriotismus folgt nicht dem vertikalen Baumschema mit der Hierarchie von Wurzel (= Ursprung), Stamm und Ästen, sondern dem horizontalen Rhizomschema, das nicht nur einen, sondern viele Ursprünge und Vernetzungen anerkennt.
Einen gemeinsamen Raum schaffen
Ein solches Schema überlagert nur, aber ersetzt nicht die Zugehörigkeit zu den diversen Communitys, die im Rhizom einzelne Cluster bilden. Es geht also nicht darum, jemandem ein ausschließliches Bekenntnis zu Deutschland abzupressen. Es geht auch nicht um eine als Checkliste formulierte Leitkultur, sondern um eine Praxis der Anerkennung, die über identitäre Zugehörigkeiten hinausgeht.
Die rhizomatische Überlagerung der einzelnen Communitys ist nicht ein beliebiges „nice to have“, denn sie ist gleichbedeutend mit einem Zugang zu einem gemeinsamen politischen Raum, der angesichts von Parallelgesellschaften und Polarisierungen immer mehr zu entgleiten droht.
Ein linker, inklusiver Patriotismus knüpft damit an den Verfassungspatriotismus Habermas’scher Prägung und an den Republikanismus in Frankreich an. „Unsere“ Demokratie und „unser“ Sozialstaat sind eben nur dann funktional, wenn sich eine übergroße Mehrheit für ihren Bestand einsetzt und sich zugleich solidarisch verhält. Ohne Patriotismus sind diese grundlegenden Institutionen nicht lebensfähig.
Man könnte hier von emotionalen Graden des Patriotismus sprechen
Als aufgeklärtes Gefühl ist linker Patriotismus skeptisch gegenüber thymosgenerierten männlichen Gruppenritualen. Man könnte hier von emotionalen Graden des Patriotismus sprechen: Sicher lebt ein Ultra aus Cottbus seinen Patriotismus anders aus als eine eben erst eingewanderte Palästinenserin. Ob man etwa bei einem Fußballspiel – oder gar auf einer linken Demo? – Schwarz-rot-goldene Fahnen zu schwenken, ist schließlich jedem selbst überlassen, es schadet aber auch nicht.
Wenn die Linke es schafft, auf die identitäre Offensive von rechts eine der Gegenwart angemessene, optimistische Antwort zu formulieren, könnte sie aus dem demoskopischen Gefängnis der zehn Prozent heraustreten und auch für jene wählbar werden, für deren ökonomische Belange sie sich jetzt schon lautstark einsetzt.
in starkes deutsches Nationalgefühl, sehen sich aber seit 35 Jahren nur als Deutsche zweiter Klasse. Dies führte zu einem Phantomschmerz, der in jeder gesellschaftlichen Krise neu „getriggert“ wird.Die Linke hatte dagegen in der Wendezeit nur die Warnungen vor einem „Vierten Reich“ und in radikalster Konsequenz den Slogan „Nie wieder Deutschland“ zu bieten. Ansonsten beließ sie es bei einer rein ökonomischen Argumentation. Sich als Deutsche zweiter Klasse wahrzunehmen, kann aber als empfundene oder reale Kränkung eine Identität prägen und zu destruktiven Handlungen führen; die blaue Protestwahl gegen die Eliten aus dem Westen ist schließlich ein Massenphänomen.Was Migrant*innen und Ostdeutsche teilenDie Annahme besteht nun darin, dass es Geflüchteten und Migrant*innen ähnlich wie den Ostdeutschen geht; dass sie durch Sprach- und Integrationskurse Lust auf dieses Land bekommen haben, das dabei ist, ihre neue Heimat zu werden; dass danach aber nur noch das Funktionieren in Beruf und Alltag zählt – und die identitäre Zugehörigkeit von der eigenen Community bestimmt wird. Auch hier könnte man von einem Phantomschmerz sprechen, denn das Land, auf das man nun so gut vorbereitet ist, bleibt einem letztlich fremd.Als Antwort auf dieses Fremdeln ist zuletzt – auch im Freitag – viel über die neue linke Lust an der Gemeinschaft geschrieben worden, wobei die deutsche Phantomschmerz-Lücke Patriotismus nicht zu übersehen ist. Zohran Mamdani, der Bürgermeister von New York, auf dessen erfolgreichen Haustürwahlkampf sich Linke hierzulande gern berufen, ist eben ganz selbstverständlich auch ein linker Patriot.Was bei Mamdani eher episodisch erscheint, hat La France Insoumise (LFI), die Schwesterpartei der Linken in Frankreich, mit dem Konzept des „Neuen Frankreich“ systematisch ausgearbeitet. Dabei geht es nicht etwa um ein utopisches Zukunftskonzept, sondern um sich verändernde gesellschaftliche Realitäten, die schon jetzt einen anderen Begriff der Nation erzwingen.Anstelle des umstrittenen Begriffs der Kreolisierung, der Vermischung der Kulturen, den LFI in ihrem Programm für die Präsidentschaftswahlen verwendet, schlage ich hier den des Rhizoms vor. Ein inklusiver, linker Patriotismus folgt nicht dem vertikalen Baumschema mit der Hierarchie von Wurzel (= Ursprung), Stamm und Ästen, sondern dem horizontalen Rhizomschema, das nicht nur einen, sondern viele Ursprünge und Vernetzungen anerkennt.Einen gemeinsamen Raum schaffenEin solches Schema überlagert nur, aber ersetzt nicht die Zugehörigkeit zu den diversen Communitys, die im Rhizom einzelne Cluster bilden. Es geht also nicht darum, jemandem ein ausschließliches Bekenntnis zu Deutschland abzupressen. Es geht auch nicht um eine als Checkliste formulierte Leitkultur, sondern um eine Praxis der Anerkennung, die über identitäre Zugehörigkeiten hinausgeht.Die rhizomatische Überlagerung der einzelnen Communitys ist nicht ein beliebiges „nice to have“, denn sie ist gleichbedeutend mit einem Zugang zu einem gemeinsamen politischen Raum, der angesichts von Parallelgesellschaften und Polarisierungen immer mehr zu entgleiten droht. Ein linker, inklusiver Patriotismus knüpft damit an den Verfassungspatriotismus Habermas’scher Prägung und an den Republikanismus in Frankreich an. „Unsere“ Demokratie und „unser“ Sozialstaat sind eben nur dann funktional, wenn sich eine übergroße Mehrheit für ihren Bestand einsetzt und sich zugleich solidarisch verhält. Ohne Patriotismus sind diese grundlegenden Institutionen nicht lebensfähig.Man könnte hier von emotionalen Graden des Patriotismus sprechenAls aufgeklärtes Gefühl ist linker Patriotismus skeptisch gegenüber thymosgenerierten männlichen Gruppenritualen. Man könnte hier von emotionalen Graden des Patriotismus sprechen: Sicher lebt ein Ultra aus Cottbus seinen Patriotismus anders aus als eine eben erst eingewanderte Palästinenserin. Ob man etwa bei einem Fußballspiel – oder gar auf einer linken Demo? – Schwarz-rot-goldene Fahnen zu schwenken, ist schließlich jedem selbst überlassen, es schadet aber auch nicht.Wenn die Linke es schafft, auf die identitäre Offensive von rechts eine der Gegenwart angemessene, optimistische Antwort zu formulieren, könnte sie aus dem demoskopischen Gefängnis der zehn Prozent heraustreten und auch für jene wählbar werden, für deren ökonomische Belange sie sich jetzt schon lautstark einsetzt.