Ein Gastbeitrag von Thomas Rießinger
Wie die meisten Menschen habe ich nur wenig Freude daran, mich mit fremden Federn zu schmücken; ich bin ja kein Staatsminister. Was ich gleich berichten werde, habe ich nicht selbst entdeckt, sondern wir haben es dem inzwischen recht bekannten Plagiatsjäger Stefan Weber zu verdanken, der am 13. Dezember auf seinem „Blog für Ehrlichkeit“ einen Beitrag zu – wie sollte es auch anders sein – einer neuen Plagiatsentdeckung veröffentlicht hat. Da aber nicht jeder den Besuchs dieses Blogs zu seinen täglichen Gewohnheiten zählt, will ich ein wenig darüber sprechen, was er gefunden hat.
Es geht wieder einmal um Wolfram Weimer, seines Zeichens hochgeachteter Staatsminister im Kanzleramt und Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien. Zu seinem Amtsantritt mögen sich manche noch gefreut haben in der Hoffnung, er werde das Amt etwas besser ausüben als seine direkte Vorgängerin – die hieß allerdings Claudia Roth, und man kann sich nur schwer einen Amtsnachfolger vorstellen, mit dem man keine Hoffnungen auf Verbesserung verbinden würde. Doch kaum war er einige wenige Monate in Amt und Würden, kam sein Ruf ins Wanken, denn es stellte sich heraus, dass er ein einigermaßen freihändig-eigenwilliges Verständnis des Urheberrechts pflegte und seine Firma, die Weimer Media Group, im Rahmen bestimmter Veranstaltungen teuer bezahlte Zugänge zu Politikern feilbot. Bisher scheinen ihn solche Erkenntnisse nicht weiter gestört zu haben, immerhin konnte und kann er sich des uneingeschränkten Vertrauens seines Vorgesetzten Friedrich Merz erfreuen, der meinte: „Die Vorwürfe, die gegen Wolfram Weimer erhoben worden sind, haben sich alle als falsch erwiesen.“
Das entspricht zwar nicht unbedingt der Wahrheit, aber wir sind es schon lange gewöhnt, Worte des Bundeskanzlers nicht auf die Goldwaage zu legen. Ob er allerdings nach den neuesten Fundstücken Webers noch immer an der Nibelungentreue zu Weimer festhalten will, wird sich erst noch erweisen.
Denn die darf man tatsächlich als interessant bezeichnen. Weimers nicht völlig unbekannt gebliebenes Buch „Das konservative Manifest“ enthält nämlich eine Reihe von Plagiaten, die auch das Wort eines sogenannten Bundeskanzlers nicht einfach vom Tisch wischen kann; da bedürfte es schon eines Robert Habeck, der nach bewährtem Muster formulieren könnte, Weimer habe nicht plagiiert, er habe nur das Gleiche geschrieben wie ein paar andere. Aber sehen wir uns die Beweise an.
Im Jahr 2013 veröffentlichte Michael Conradt beim Bayrischen Rundfunk einen Text zum Thema „Die Würde des Menschen“. Dort schrieb er: „Die Geschichte der Menschenwürde als ethisches Konzept beginnt mit dem römischen Politiker und Philosophen Cicero. Er ist im ersten vorchristlichen Jahrhundert der erste Denker, der dem Menschen allein aufgrund seiner Vernunftbegabung eine besondere Stellung zuweist.“ In Weimers Buch, das 2018 erschienen ist, wird daraus: „Die Geschichte des konservativen Ur-Begriffs als ethisches Konzept beginnt mit dem römischen Philosophen Cicero. Er ist der antike Vordenker, der dem Menschen allein aufgrund seiner Vernunftbegabung eine besondere Stellung zuweist.“ Aus dem Begriff „Menschenwürde“ hat er also einen „konservativen Ur-Begriff“ gemacht und vergessen, dass Cicero auch Politiker war. Und aus dem ersten Denker im ersten vorchristlichen Jahrhundert wird schlankerhand der antike Vordenker. Das könnte man noch als lässliche Sünde ansehen, auch wenn Conradt durchaus nicht zitiert, sondern nur benutzt wird. Aber die Ausrede der Lässlichkeit ist gleich darauf nicht mehr aufrecht zu erhalten. In Conradts Original heißt es nämlich: „Allerdings meint Cicero, man müsse sich seine Würde durch sittliche Lebensführung erst erwerben. Im Mittelalter kommt ein neuer, christlicher Aspekt hinzu: was den Menschen aus der Schöpfung heraushebt, ist seine Erschaffung als Ebenbild Gottes.“ Den ersten Satz hat Weimer vollständig übernommen, im zweiten hat er das Wort „neuer“ gestrichen und die „Erschaffung“ durch „Existenz“ ersetzt. Das ist nun doch schon ein wenig zu planvoll, um noch als Zufall oder als kleine Schlamperei durchzugehen. Und es wird in den nächsten Sätzen noch deutlicher, die bei Conradt folgendermaßen lauten: „Mit der Fähigkeit zur Selbstbestimmung bringt später das Zeitalter der Aufklärung ein weiteres Kriterium ins Spiel: die Freiheit. Immanuel Kant geht noch einen Schritt weiter und definiert die Würde als das Merkmal eines jeden Menschen, das unvergänglich, unveräußerlich und un-bedingt sei. Er meint, dass sich der Mensch durch seine ihm eigene Moralität als würdig erweise.“ Was sagt Weimer dazu? Wörtlich das Gleiche. Er hat sich nicht einmal mehr die Mühe gemacht, hin und wieder ein Wort wegzulassen oder zu ändern, in seinem Buch stehen wortgleich die Sätze von Michael Conradt über die Aufklärung und über Kant. Nicht etwa als Zitat, sondern einfach so als Text in seinem eigenen Buch, ganz so, als hätte er diese Sätze selbst erfasst. Hat er aber nicht, das war Michael Conradt.
Es gab nicht nur die eine Quelle, Weber führt noch mehrere auf. In einer Rede aus dem Jahr 2013 schrieb beispielsweise der CSU-Politiker Alois Glück – Weber hat ihn irrtümlich als CDU-Politiker bezeichnet – den folgenden Satz über die Familie: „Selbst, wenn sie räumlich getrennt sind, halten Familien zusammen und übernehmen gegenseitige Verantwortung und Fürsorge.“ Und kurz darauf: „Das Vertrauen, sich auf den Mitmenschen und sein Fürsorge verlassen zu können, aber auch die Vermittlung von Durchsetzungskraft und Teamfähigkeit sind für eine vitale und solidarische Gesellschaft unersetzlich. Die Familie ist das fundamentale Band zwischen den Menschen, auf das Nation und Staat aufbauen können. Politik und Sozialstaat können die familiären Bindungen und die menschliche Fürsorge weder ersetzen noch schaffen.“ Beide Passagen hat Weimer wörtlich übernommen, nur dass er einen dazwischen liegenden Absatz Glücks gestrichen hat.
Drei weitere Beispiele, in denen Weimer fremde Texte entweder wörtlich übernahm oder durch die eine oder andere kleine Änderung als seine eigenen verwendete, führt Weber in seinem Beitrag auf; ich erspare den Lesern diese Einzelheiten. Denn schon anhand der angeführten Beispiele ist deutlich zu sehen, dass Weimers kreative Variante des Urheberrechts nicht unbedingt mit dem üblichen Verständnis übereinstimmt.
Noch im Oktober hat Weimer sich beklagt, „Plattformen wie Google kopierten das gesamte Wissen im Internet“, wie uns das ZDF damals freudig mitteilte. Das mag schon sein. Aber Weimer kopiert offenbar ganze Passagen anderer Autoren, ohne es zu vermerken.
Friedrich Merz sollte sich sehr genau überlegen, wem er unbedingte Treue halten will.
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Thomas Rießinger ist promovierter Mathematiker und war Professor für Mathematik und Informatik an der Fachhochschule Frankfurt am Main. Neben einigen Fachbüchern über Mathematik hat er auch Aufsätze zur Philosophie und Geschichte sowie ein Buch zur Unterhaltungsmathematik publiziert.
Bild: Juergen Nowak/Shutterstock
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