Sie ist nur wenige Zentimeter groß, verursacht aber riesige Probleme: Die Quaggamuscheln brauchten nur ein paar Jahre, dann hatten sie das fünf Kilometer lange Kühlungsrohrsystem der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne (EPFL) gekapert. Als irgendwer bemerkte, was vor sich ging, war es schon zu spät. Die Leistung einiger Wärmeaustauscher war um ein Drittel zurückgegangen, da sie mit zermahlenen Muschelschalen verstopft waren.

Die Klimaanlage funktionierte nicht mehr, und Gebäude, in denen es im Sommer weniger als 24 Grad Celsius warm sein sollte, konnten nicht unter 26 bis 27 Grad gekühlt werden. Die invasive Muschelart hatte die Rohrleitungen zugesetzt, durch die kaltes Wasser aus 75 Metern Tiefe aus dem Genfer See gesaugt wird. Es sei „eine offene Invasion“, sagt Mathurin Dupanier, Verantwortlicher für den Betrieb der Versorgungsanlagen an der EPFL.

Aber der Schaden ging weit darüber hinaus, dass Seminarräume nicht ordentlich gekühlt wurden. Auch die Datenzentren der Universität Lausanne brauchen Kühlung. Außerdem gibt es langfristige Experimente, die Temperaturschwankungen nicht vertragen. „Forschung ist ein Teil unserer Arbeit. Wenn das wegfällt, muss die Hochschule schließen“, erklärt Dupanier. Die EPFL beherbergt zudem Tokamak – eine experimentelle Kernfusionsanlage mit dem Ziel, saubere Energie zu gewinnen. Auch Tokamak muss gekühlt werden – sonst schmilzt die Anlage.

„Wir haben die Augen zugemacht“

Quaggamuscheln gehören zu den aggressivsten invasiven Arten der Welt. Sie vermehren sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit: Eine weibliche Quaggamuschel produziert bis zu einer Million Eizellen. Man weiß, dass einige Muscheln 30 Jahre lang an den tiefsten Stellen von US-amerikanischen Seen überleben. Sie können sich das ganze Jahr über fortpflanzen und laichen selbst dann noch, wenn die Temperaturen auf bis zu 5 Grad fallen.

Dupanier und sein Team waren schockiert, als sie 2022 das Ausmaß der Invasion entdeckten. „Wir wollten nicht wahrhaben, was da vor sich ging“, sagt er. Die Quagga-Muscheln waren erst sechs Jahre zuvor im Genfer See entdeckt worden und hatten sich bereits wie ein Lauffeuer verbreitet.

Placeholder image-1

Die Gefahren für Infrastruktureinrichtungen wie Tokamak verdeutlichen das mögliche Ausmaß ihrer Auswirkungen. Der Ausfall der Kühlung würde dort zwar nicht zu einer nuklearen Explosion führen, aber die Anlage würde sich abschalten. Alle Aktivitäten, die kaltes Wasser aus den Tiefen des Sees nutzen, sind derzeit in Gefahr. Das Trinkwasser in Genf und Lausanne ist potenziell gefährdet, da sich die Pump- und Filtersysteme in der Quagga-Zone befinden. Auch der Flughafen, der dasselbe Wasserkühlsystem nutzt wie die Universität, ist betroffen. „Alle rund um den See haben dieses Problem, ohne Ausnahme“, sagt Dupanier.

Die einzige Möglichkeit für EPFL und die Universität Lausanne, ihre Rohrleitungen zu schützen, ist der Bau eines neuen geschlossenen Kühlsystems, das frei von Quaggamuscheln ist. Die Bauarbeiten sollen 2027 beginnen und fünf Jahre dauern. Dupanier sagt, es sei ein Wettlauf gegen die Zeit, man müsse gewährleisten, dass wichtige Forschung fortgesetzt werden kann, bevor die Quaggamuscheln ihre Systeme weiter verstopfen.

Von einer schwimmenden Forschungsstation aus sieht der Genfersee genauso aus wie eh und je, mit schneebedeckten Bergen, die sich im dunklen Wasser spiegeln. Ökologen wissen jedoch, dass sich dieser See in den vergangenen zehn Jahren stark verändert hat. „Die Oberfläche ist nur ein winziger Teil“, erklärt Bastiaan Ibelings, Professor für Ökologie an der Universität Genf.

Eine Wiese voller Quaggamuscheln

Um das Ausmaß der Veränderungen zu veranschaulichen, ziehen Techniker eine Kette aus der Tiefe hoch. Sie ist mit Quaggamuscheln übersät, die wie Diamanten auf auffälligem Modeschmuck glänzen. Die Basis der Nahrungskette, die dieses gesamte Ökosystem ernährt, hat sich komplett verändert: Schnecken, Garnelen und einheimische Muscheln, die man früher hier finden konnte, sind nirgends mehr zu sehen. Selbst nach 100 Metern Kette werden immer noch Quaggamuscheln aus dem Wasser gezogen. „Es ist zu spät für diesen See“, erklärt Ibelings. „Es ist wie eine Wiese aus Quaggamuscheln da unten. Jede Stelle ist belegt. Statt Sand sieht man Quaggamuscheln.“

Placeholder image-2

Im Genfersee haben die Muscheln es bis in die Rekord-Tiefe von 250 Metern geschafft – eine stockdunkle Umgebung, in der fast kein Sauerstoff vorhanden ist und außer Mikroben kaum Leben existiert. Die Fähigkeit der Muscheln, dort zu überleben, wo andere Arten nicht überleben können, lässt sie in Alpenseen unkontrolliert wachsen.

Lange Zeit war die Invasion für die Öffentlichkeit nicht sehr sichtbar, sagt Ibelings, aber jetzt merken die Leute, dass etwas nicht stimmt. Tote Muscheln werden an die Strände gespült und die Strandbesucher können nicht barfuß laufen, weil sie sich schneiden. Freizeitbootfahrer müssen die Muscheln alle paar Monate von ihren Booten abkratzen. Krebse sind mit Muscheln bedeckt und sterben, weil sie sich nicht mehr bewegen können.

Quaggamuscheln stammen aus dem Schwarzmeerraum und wurden über Schiffsrouten in die ganze Welt verbreitet. 1989 drangen sie in die „Großen Seen“ Nordamerikas ein und sind dort heute die dominierende Lebensform, die in einigen Seen mehr als 99 Prozent der gesamten Wirbellosen-Biomasse ausmacht. In den USA haben sie einen Zusammenbruch der Fischbestände in der Region verursacht, wobei Politiker warnen, dass sie 500 Millionen US-Dollar (427 Millionen Euro) an Bundesgeldern brauchen, um das Problem anzugehen. Schiffwracks in den Great Lakes – mehr als 100 Jahre lang in makellosem Zustand erhalten – sind jetzt mit Quaggamuscheln überzogen.

Im Dezember wurden sie zum ersten Mal in Nordirland bemerkt, wo der Umweltminister des Landes, Andrew Muir, mahnte, dass „erhöhte Wachsamkeit und Überwachung“ entscheidend seien. In der Schweiz wurden 2014 Quaggamuscheln entdeckt. Die höchste Dichte wurde im Genfer See gemessen, mit durchschnittlich 4.000 Muscheln pro Quadratmeter. An einigen Stellen fanden sich mehr als 35.000 pro Quadratmeter. Im Jahr 2022 stellten Forscher fest, dass 98,9 Prozent der Proben Quaggamuscheln waren, und bei einer Untersuchung im Jahr 2024 schöpften sie ausschließlich Quaggamuscheln aus dem Wasser – nichts Anderes.

„Quaggamuscheln machten 100 Prozent der Proben aus“, sagt Salomé Boudet, Doktorandin an der Universität Genf, die die Studie leitete. Die Muschelbiomasse im Genfer See ist laut Forschern nun vergleichbar mit der in den „Großen Seen“. Auch in deutschen Flüssen findet sich die Muschel, im Bodensee führt sie laut Naturschutzbund ebenfalls bereits zu teuren Problemen bei der Wasserversorgung. Weltweit gehören invasive Arten wie die Quaggamuschel zu den fünf Hauptursachen für den Rückgang der Artenvielfalt.

Der Weg zurück: Ein Märchen

Jede Muschel kann täglich bis zu zwei Liter Wasser filtern und ernährt sich hauptsächlich von Phytoplankton, das die Grundlage der Nahrungskette des Sees bildet. Winzige Lebewesen wie Wasserflöhe ernähren sich von Phytoplankton, und Fische wiederum ernähren sich von Wasserflöhen. Wenn die Basis der Kette verschwindet, hat das weitreichende Auswirkungen auf das gesamte Nahrungssystem und möglicherweise schwerwiegende Folgen für den Lebensunterhalt der 120 Berufsfischer, die auf dem Genfer See arbeiten.

Die Filteraktivität der Quaggamuschel führt auch dazu, dass das Wasser klarer wird, wodurch das Licht tiefer eindringen kann. Wie der Klimawandel kann das zum tieferen Vordringen von wärmerem Wasser führen, was wiederum eine Zunahme giftiger Blaualgenblüten nach sich ziehen kann. Früher sorgte kalte Luft aus der Atmosphäre für Strömungen im See, wodurch sich das Wasser vermischte, aber seit 2012 ist dies nicht mehr passiert.

Nach Tausenden Jahren der Stabilität hat der Genfersee innerhalb von nur einem Jahrzehnt eine Phase großer und unumkehrbarer Veränderungen erlebt. In den amerikanischen und kanadischen Seen gibt es nach 30 Jahren Kolonisierung keine Anzeichen dafür, dass die Quagga-Populationen zurückgehen.

„Die Entwicklung zurückzudrehen, ist ein Märchen“, erklärt der Forscher Ibelings – wegen der Quaggamuscheln und dem Klimawandel. „Wir haben weder Kontrolle über das eine noch das andere. Und beide Phänomene werden nicht einfach verschwinden.“ Daher müsse man für den Genfersee akzeptieren: „Was auch immer da ist“, sagt Ibelings, „es ist jetzt ein anderer See.“

Phoebe Weston ist Reporterin beim Guardian



Source link