In Kürze:

  • Das Radio liefert seit über 100 Jahren Nachrichten, Reportagen und Musik.
  • Podcasts sind deutlich jünger, sorgen für eine breite Themenpalette und sind jederzeit abrufbar.
  • Beide Medien wirken sich unterschiedlich auf das Denken und Fühlen aus.
  • Das Radio stellt heute ein Basisangebot, während Podcasts kreativ bereichern können.

Der noch junge Tag grüßt mit Klängen aus dem elektronischen Radiowecker oder lockt wahlweise in einer programmierten Dauerschleife erbarmungslos aus dem Schlaf. Zum Frühstück wird neben Müsli die Stimme eines Moderators genossen, dazu eine festgelegte Auswahl an Musikstücken, serviert über den Äther.

Häufig wird das Radio beim Autofahren eingeschaltet. Nachrichten werden vor dem Start in den Berufsalltag möglicherweise noch in Fragmenten oder, je nach Zeitmanagement, zur vollen Stunde im Laufe des Tages gehört. Dazwischen buhlen festplatzierte Werbejingles um Aufmerksamkeit. Es gibt aber auch Menschen, die das Radio bewusst ausschalten, weil sie nach eigener Aussage keine Dauerbeschallung mehr wollen.
Eine Alternative ist das Smartphone, beim Frühstück neben dem Teller platziert. So lassen sich beim sinnlich-kulinarischen Start des Tages und der ersten Tasse Kaffee in der Hand Informationen und Unterhaltung in Form von Podcasts, Musikvideos oder eben die wohltuende Stille in den ersten Morgenstunden genießen.

„Alle haben konzentriert zugehört“

Renate Lilge-Stodieck, Jahrgang 1943, wuchs nicht nur mit dem Radio auf – in einer Zeit, in der ein Gerät, das auf Empfang stand, zum Teil lebenswichtig war, um informiert zu sein. Sie hegte auch eine besondere Liebe zu dem Medium.
Ein Fernseher gehörte noch nicht zum Alltag. Die früheste Erinnerung der späteren Journalistin beginnt 1950, nach dem Umzug aus der sowjetisch besetzten Zone in der Mark Brandenburg nach Westberlin. Die Familie habe in einer derart schwierigen Zeit um die außerordentliche Bedeutung der Vorsicht gewusst. „Auf der Straße durften meine Schwester und ich nur über das Wetter sprechen. Man wusste nie, wer mitlauschte“, schilderte sie im Gespräch mit Epoch Times.

In Westberlin war das Radio freier, offener. Musik habe damals in ihrer Familie beim Radiohören kaum eine Rolle gespielt. Für die Kinder etwa sei am Sonntagvormittag „der Onkel Tobias vom RIAS“ sehr unterhaltsam gewesen.

„Während dieser halben Stunde herrschte ringsherum absolute Stille. Auch die Nachrichten, morgens und abends, waren festgelegt: 10 Minuten, nichts in der Wiederholung. Und alle haben konzentriert zugehört.“

Eine andere Form der Beschallung gab es nicht. Humor wie im Kabarett „Der Insulaner“ vermittelte Politik verständlich und schuf Zusammenhalt.

Das Radio als Fenster zur Welt

Nach ihrem Abitur studierte Lilge-Stodieck Germanistik und Geschichte und ging als freie Mitarbeiterin zum Rundfunk. Sie machte unter anderem Beiträge für den Schulfunk, später für den Frauenfunk. Interviews, Recherche, politische Themen – fast wie ein Podcast, lange bevor das Wort existierte.

„Ich fand im Radio das, was mich antrieb. Ich selbst war immer schon sehr wissbegierig. Wie der Maler Gauguin fragte ich mich: ‚Wer sind wir, woher kommen wir, wohin gehen wir?‘ Das Radio wurde ein Raum zum Verstehen.“ Die heutigen Nachrichten zur vollen Stunde empfindet sie mit häufig nur 3 Minuten als zu kurz. „Die 10 Minuten in meiner Jugendzeit hatten mehr Breite und Tiefe geboten.“

„Damals war das Radio für die Menschen das einzige technische Fenster zur Welt. Denn die Nachrichten waren ja nicht wiederholbar.“

Heute sei alles wieder abrufbar, ohne pünktlich oder ruhig sein zu müssen. Wenn etwas verpasst werde, könne es später nachgeguckt werden. „Damals ging das alles nicht. Und bei den Zeitungen war man froh, wenn sie etwas, zwar erst am nächsten Tag, manches dafür aber ausführlicher brachten. Sie waren sehr sorgfältig, da war man gut informiert. Aber eine Radiosendung, die hatte eben ein ganz besonderes Gewicht.“

Informiert, wenn es darauf ankommt

Nach einer Auswertung der Medienanstalt Baden-Württemberg aus dem Jahr 2025 schalten auch heute gut 50 Millionen Menschen täglich mindestens einen der weit über 500 deutschen Radiosender ein. Unverändert ist das Konzept: Das Radio bietet Nachrichten in stündlicher oder halbstündiger Wiederholung, aktuelle Musik und/oder die guten alten Hits und vorproduzierte Geschichten über den Tag verteilt an.

Das Programm fußt überwiegend auf einer linearen Perspektivführung, wodurch Inhalte verständlich und zugänglich vermittelt werden. Dadurch ist der Hörer über die Ereignisse des Tages informiert und kann sich darüber austauschen – „Hast du gehört?“ oder „Heute Morgen im Radio haben sie gesagt …“.

Das Radio, früher UKW, heute auch DAB, hat noch eine weitere Funktion und kann sogar Leben retten, nämlich wenn der Strom einmal länger ausfällt. Batteriefähige oder solarbetriebene Geräte und Kurbelradios funktionieren unabhängig von Naturkatastrophen, politischen Unruhen oder technischen Störungen. Eben da, in Krisenzeiten, zeigen sich die charakteristischen Vorzüge des technischen Geräts. Ein Radio bleibt die letzte technische noch funktionierende Informationsquelle, durch die man erfährt, was geschehen ist, was zu tun ist oder wie es weitergeht.

Streamingangebot (fast) ohne Limit

Im Gegensatz zum Radio ermöglichen Podcasts und Angebote-on-Demand auf Plattformen wie YouTube, Spotify oder Amazon eine nahezu unbegrenzte, individuell steuerbare Mediennutzung. Auch Radiosender haben diesen Wunsch ihrer Hörer erkannt und bieten ihrerseits entsprechende Formate an.

Nutzer wählen Inhalte selbst aus, können sie jederzeit pausieren, wiederholen oder abbrechen und greifen dabei auf ein globales Angebot aus Musik, Interviews, Reportagen und Unterhaltung zu, das täglich wächst. Auch fremdsprachige Inhalte sind häufig unmittelbar und komfortabel nutzbar, da sie teils durch Übersetzungen und interaktive Kommunikationsformen ergänzt sind.

Dieser personalisierte Gebrauch eröffnet individuelle digitale Erfahrungsräume unterschiedlicher Couleur. Dies führt zugleich zu einer geteilten Wahrnehmung von Anwendern und sorgt für eine facettenreiche Medienerfahrung, auch hinsichtlich der Qualität. Weil jeder zu jedem denkbaren Thema veröffentlichen kann, was nicht gegen die Richtlinie der Plattformbetreiber verstößt, ist die Authentizität der Informationen nicht immer gewährleistet.
Um der Informationsflut Herr zu werden, stellen Algorithmen Themen bereit, die individuell auf die Interessen der Nutzer zugeschnitten sind und (vermeintlich) Relevantes hervorheben. Ergänzt wird dies durch gezielte Werbeeinblendungen, die wiederum zu den präsentierten Inhalten passen. In diesem Zusammenhang ist die Frage berechtigt, ob Podcasts oder Werbung das eigentliche Geschäftsmodell darstellen.

In jedem Fall ist die Nutzung online verfügbarer Medien nicht nur vom Strom, sondern auch vom Internet abhängig. So reicht oft schon ein regionaler Stromausfall, um Router und/oder Mobilfunk verstummen zu lassen und die Unterhaltung zu unterbrechen. Was bleibt, sind Erinnerungen an das Radio, mit dem über Langwelle auch weit entfernte Sender empfangen werden konnten.

Gefahren und Chancen zwischen Gemeinschaft und Individualität

Sowohl Radio als auch Podcasts haben ihre jeweiligen Vor- und Nachteile. Allgemein gilt, Moderatoren oder Influencer nicht zu verklären, sondern den Informationswert genau im Auge zu behalten. Speziell bei Podcasts kommt hinzu, im überbordenden Angebot interessante Themen bewusst auszuwählen und die Zeit einzuschränken. Das ist vor allem für junge Menschen wichtig, die sich in ihrer Selbstfindung und beim Erwachsenwerden an Vorbildern orientieren.

Auch Erwachsene verlieren die Zeit aus den Augen und laufen Gefahr, in suchterzeugende, infantile Muster abzugleiten oder aus der Realität zu flüchten. Hier hilft es, auch den monetären Hintergrund einer Plattform sowie die im Internet verbrachte Zeit im Auge zu behalten, um sich bewusst Zeitfenster für Abstinenz zu schaffen.

Am Ende ergänzen sich beide Hörwelten. Auf der einen Seite erreicht das Radio bis heute Millionen Menschen gleichzeitig, informiert nach vorgegebenen Maßstäben und schafft so eine einhellige Form der wahrgenommenen Wirklichkeit. Es bündelt Aufmerksamkeit, teilt Themen deutlich in Kategorien ein und bildet medial einen gesamtgesellschaftlichen Rahmen.

Andererseits bieten Podcasts auf Plattformen-on-Demand Informationen, Unterhaltung, Musik und Infotainment zum Sehen und Hören. Ein globales, ins Unermessliche wachsendes, meist freies Angebot, das jederzeit abrufbar ist, ermöglicht es, Schwerpunkte und Sachverhalte frei zu wählen, kann zum autodidaktischen Lernen beitragen und so eine sinnvolle Ergänzung zur limitierten Bandbreite des Radioangebots sein. Mit seinen Nischen, komplexen Analysen und Dialogen liefert dieses Format individuelle Tiefe und kreative Freiheit, die jedoch ein hohes Maß an Selbstdisziplin nötig macht.

Am Ende entsteht Sinn nicht dort, wo wir wahrnehmen, sondern in der Art, wie wir Neues aufnehmen, uns bewusst machen und für unser individuelles Wachstum analysieren.



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