In Kürze:
- Das Radio liefert seit über 100 Jahren Nachrichten, Reportagen und Musik.
- Podcasts sind deutlich jünger, sorgen für eine breite Themenpalette und sind jederzeit abrufbar.
- Beide Medien wirken sich unterschiedlich auf das Denken und Fühlen aus.
- Das Radio stellt heute ein Basisangebot, während Podcasts kreativ bereichern können.
Der noch junge Tag grüßt mit Klängen aus dem elektronischen Radiowecker oder lockt wahlweise in einer programmierten Dauerschleife erbarmungslos aus dem Schlaf. Zum Frühstück wird neben Müsli die Stimme eines Moderators genossen, dazu eine festgelegte Auswahl an Musikstücken, serviert über den Äther.
„Alle haben konzentriert zugehört“
In Westberlin war das Radio freier, offener. Musik habe damals in ihrer Familie beim Radiohören kaum eine Rolle gespielt. Für die Kinder etwa sei am Sonntagvormittag „der Onkel Tobias vom RIAS“ sehr unterhaltsam gewesen.
„Während dieser halben Stunde herrschte ringsherum absolute Stille. Auch die Nachrichten, morgens und abends, waren festgelegt: 10 Minuten, nichts in der Wiederholung. Und alle haben konzentriert zugehört.“
Eine andere Form der Beschallung gab es nicht. Humor wie im Kabarett „Der Insulaner“ vermittelte Politik verständlich und schuf Zusammenhalt.
Das Radio als Fenster zur Welt
„Ich fand im Radio das, was mich antrieb. Ich selbst war immer schon sehr wissbegierig. Wie der Maler Gauguin fragte ich mich: ‚Wer sind wir, woher kommen wir, wohin gehen wir?‘ Das Radio wurde ein Raum zum Verstehen.“ Die heutigen Nachrichten zur vollen Stunde empfindet sie mit häufig nur 3 Minuten als zu kurz. „Die 10 Minuten in meiner Jugendzeit hatten mehr Breite und Tiefe geboten.“
„Damals war das Radio für die Menschen das einzige technische Fenster zur Welt. Denn die Nachrichten waren ja nicht wiederholbar.“
Heute sei alles wieder abrufbar, ohne pünktlich oder ruhig sein zu müssen. Wenn etwas verpasst werde, könne es später nachgeguckt werden. „Damals ging das alles nicht. Und bei den Zeitungen war man froh, wenn sie etwas, zwar erst am nächsten Tag, manches dafür aber ausführlicher brachten. Sie waren sehr sorgfältig, da war man gut informiert. Aber eine Radiosendung, die hatte eben ein ganz besonderes Gewicht.“
Informiert, wenn es darauf ankommt
Das Programm fußt überwiegend auf einer linearen Perspektivführung, wodurch Inhalte verständlich und zugänglich vermittelt werden. Dadurch ist der Hörer über die Ereignisse des Tages informiert und kann sich darüber austauschen – „Hast du gehört?“ oder „Heute Morgen im Radio haben sie gesagt …“.
Das Radio, früher UKW, heute auch DAB, hat noch eine weitere Funktion und kann sogar Leben retten, nämlich wenn der Strom einmal länger ausfällt. Batteriefähige oder solarbetriebene Geräte und Kurbelradios funktionieren unabhängig von Naturkatastrophen, politischen Unruhen oder technischen Störungen. Eben da, in Krisenzeiten, zeigen sich die charakteristischen Vorzüge des technischen Geräts. Ein Radio bleibt die letzte technische noch funktionierende Informationsquelle, durch die man erfährt, was geschehen ist, was zu tun ist oder wie es weitergeht.
Streamingangebot (fast) ohne Limit
Nutzer wählen Inhalte selbst aus, können sie jederzeit pausieren, wiederholen oder abbrechen und greifen dabei auf ein globales Angebot aus Musik, Interviews, Reportagen und Unterhaltung zu, das täglich wächst. Auch fremdsprachige Inhalte sind häufig unmittelbar und komfortabel nutzbar, da sie teils durch Übersetzungen und interaktive Kommunikationsformen ergänzt sind.
In jedem Fall ist die Nutzung online verfügbarer Medien nicht nur vom Strom, sondern auch vom Internet abhängig. So reicht oft schon ein regionaler Stromausfall, um Router und/oder Mobilfunk verstummen zu lassen und die Unterhaltung zu unterbrechen. Was bleibt, sind Erinnerungen an das Radio, mit dem über Langwelle auch weit entfernte Sender empfangen werden konnten.
Gefahren und Chancen zwischen Gemeinschaft und Individualität
Auch Erwachsene verlieren die Zeit aus den Augen und laufen Gefahr, in suchterzeugende, infantile Muster abzugleiten oder aus der Realität zu flüchten. Hier hilft es, auch den monetären Hintergrund einer Plattform sowie die im Internet verbrachte Zeit im Auge zu behalten, um sich bewusst Zeitfenster für Abstinenz zu schaffen.
Am Ende ergänzen sich beide Hörwelten. Auf der einen Seite erreicht das Radio bis heute Millionen Menschen gleichzeitig, informiert nach vorgegebenen Maßstäben und schafft so eine einhellige Form der wahrgenommenen Wirklichkeit. Es bündelt Aufmerksamkeit, teilt Themen deutlich in Kategorien ein und bildet medial einen gesamtgesellschaftlichen Rahmen.
Am Ende entsteht Sinn nicht dort, wo wir wahrnehmen, sondern in der Art, wie wir Neues aufnehmen, uns bewusst machen und für unser individuelles Wachstum analysieren.