Im Sommer 1988 begleitete die Jenaer Germanistikstudentin Ines Geipel zehn Deutschlehrer aus aller Welt in die Gedenkstätte Buchenwald. Davor war sie zuletzt als Schülerin auf dem Weimarer Ettersberg gewesen. Am Abend nach dem Besuch der Gedenkstätte sei Hanna aus Wuppertal gleich zur Sache gekommen, erinnert sie sich in ihrer für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Quellen- und Selbstbefragung Landschaft ohne Zeugen.
„Was das solle, fragte sie mich. Wo denn in der Ausstellung die Juden seien, die Zeugen Jehovas, die Homosexuellen, die Kriegsgefangenen und die Zwangsarbeiter.“ Sie wisse heute nicht mehr, ob sie etwas gesagt habe, räumt Geipel im Buch ein, aber sie könne sich noch an das Gefühl erinnern, „im Nichts zu stehen, in etwas Voraussetzungslosem, wie blind“.
Vielleicht liegt in diesem blinden Moment der Ursprung für Geipels besonderes Interesse am Komplex Buchenwald, jenem staatlichen „Memorialmassiv“, das von Jena nur 30 Kilometer entfernt lag. Denn sie setzt sich in ihren Texten immer wieder mit dem ehemaligen KZ auseinander; in der schonungslosen Familienbefragung Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass ebenso wie in der akribischen Recherche Gesperrte Ablage zur unterdrückten Literatur in der DDR.
Auch in ihrem 2024 erschienenen Buch Fabelland schrieb Geipel über das Lager, in dem zwischen Juli 1937 und April 1945 annähernd 277.000 Menschen inhaftiert waren. Etwa 56.000 Menschen sind in Buchenwald ums Leben gekommen, 109 davon waren Kommunisten.
109 Kommunisten. Und die anderen Buchenwald-Opfer?
277.000, 56.000, 109 – diese drei Zahlen reichen, um eine Irritation auszulösen, zumindest bei ostsozialisierten Menschen. In der DDR wurde um Buchenwald die Legende des aufopferungsvollen antifaschistischen Widerstands gestrickt. Ernst Thälmann stand als prominentester in Buchenwald ermordeter Kommunist im Zentrum dieses Mythos.
Aber wie gehen diese Zahlen mit der Geschichte der von den Nazis verfolgten Kommunisten zusammen? Wo ist die Erinnerung an die deutliche Überzahl der nicht-kommunistischen Opfer hin? Und was bedeutet all das Wegsortierte und Verdrängte, das Verschliffene und Verwaschene, Zerstörte und Zermalmte für unsere Gegenwart? Diese Fragen wirft die 1960 in Dresden geborene Publizistin in ihrer essayistischen Suchbewegung durch Archive und Erinnerungen auf.
Betritt man die Gedächtnislandschaft Buchenwald, dann betritt man jenes „Fabelland“, über das Geipel zuletzt ganz ausdrücklich, aber im Grunde schon immer schrieb. Die DDR und ihre verdrängten Wahrheiten bilden das umkämpfte Terrain, zu dem sie immer wieder zurückkehrt, um Zorn und Hass, Komplexe und Seelenrisse, alte Lasten und neue Himmel im Osten sowie dessen komplexes Verhältnis zum Westen aus persönlicher Warte zu erkunden.
Nach der unterdrückten Literatur- und der vergessenen Militärgeschichte zeigt sie gut 80 Jahre nach der Befreiung des KZ Buchenwald, was dort geschehen ist. Und was die Auslöschung dieser Geschichte mit der Gegenwart zu tun hat.
Das Prinzip der Täuschung
Noch in den letzten Kriegstagen besichtigte eine parlamentarische US-Delegation das befreite Lager, in dem sich damals noch rund 21.000 Menschen aufhielten. Bei der Begehung fiel den Delegierten eine Gruppe deutscher Kommunisten auf, die sich „vom Rest der Insassen durch ihre rosigen Wangen und ihre robuste Gesundheit unterschieden“, wie es in ihrem Bericht später hieß. Diese Gruppe bildete den Kern eines kommunistischen Netzwerks, dem unzählige Insassen zum Opfer fielen.
Geipel zeichnet das „Beseitigen, Abspritzen, Liquidieren“ der roten Kapos nach, um zu veranschaulichen, mit welch skrupellosem Kalkül die Realität von Buchenwald nach der Befreiung vertuscht wurde. Denn machthungrige und mörderische Lager-Kader, die mit Faschisten paktierten, konnte die antifaschistische DDR nicht gebrauchen. Die aus dem sowjetischen Exil heimgekehrten Hardliner um Walter Ulbricht trafen mit ihnen den Deal, den „Terror innerhalb des Terrors“ unter den Teppich zu kehren. Die Alliierten hatten ebenfalls kein Interesse, den Geschehnissen in den Lagern auf den Grund zu gehen.
Die Nachkriegszeit war eine „Zeit ohne Fassung“, schreibt Geipel, in der man im Osten von einem „besseren Deutschland“ träumte, während hinter den Kulissen aufgeräumt wurde. Sie zeigt, wie manche der roten Lager-Kader unter die Räder der stalinistischen Säuberungen kamen, während andere zum Mythos Buchenwald beitrugen. Vorher aber mussten die Spuren beseitigt und eine neue Legende gestrickt werden.
Erfolgsroman „Nackt unter Wölfen“ und die Erinnerung
Der fast vollständige Abriss des Lagers Anfang der 1950er-Jahre sollte die Landschaft tilgen, auf der sich braune und rote Gewaltwelten so nah wie nirgendwo sonst kamen. Die hinterlassene Leerstelle wurde von einem Politmärchen ausgefüllt, dessen Drehbuch der ehemalige Häftling 2417 schrieb. Bruno Apitz wollte mit seinem autobiografischen Roman Nackt unter Wölfen eigentlich Rechenschaft ablegen.
Die staatlichen Zensoren aber schrieben sein Manuskript zu einem Erlösungsbuch um, das als literarische Gründungsurkunde der DDR diente. „Die Ostdeutschen lasen sich mit Nackt unter Wölfen in eine solidarisch verbundene Opfergemeinschaft hinein, in der sich Schulddynamiken, Verstrickungen oder Widerspruch in einem blindgläubigen Nichts auflösten“, so Geipel.
Das staatliche Prinzip der Täuschung in der DDR, da nahm es seinen Anfang. Statt kritischer Auseinandersetzung herrschte Vertuschung und Legendenbildung. Die „Gravitation in Kreisen nimmt zu“, da ist sich Geipel sicher. Denn wovon erzählte der SS-Mann, den es im antifaschistischen Osten nicht geben durfte? Woran durfte sich Geipels Großvater Otto erinnern, der in Riga diente, als die Wehrmacht dort Massaker verübte?
Der Berg des verschwiegenen und unterdrückten Lebens wuchs im Osten ins Unermessliche. Und Geipel fragt sich, „wie viel Unzugängliches das Gedächtnis einer Gesellschaft verträgt und ab wann es anfängt, in die Destruktion zu kippen“.
Der Mythos hinter dem Lager
Die (Selbst-)Täuschung sei die Manipulationsmaschine, die sich bis in die Gegenwart „eines Landes ohne jede Haftung für die Vergangenheit“ geschlichen hat. Ein Land, in dem rechtsextreme Politiker die Tätergeschichte zum „Fliegenschiss“ verklären und die nächste „erinnerungspolitische Wende“ fordern.
Landschaft ohne Zeugen ist eine kritische Annäherung an die Auslöschung der Geschichte, die aus Buchenwald erst eine vermeintlich unbeschriebene Landschaft und schließlich die „gedächtnispolitische Rotationsachse der DDR“ gemacht hat. In kreisenden Bewegungen nähert sich Ines Geipel dem Lagerkomplex, bricht den politischen Mythos dahinter auf und folgt den Rissen im (ost-)deutschen Gedächtnisbeton.
Sie tastet sich vorsichtig durch diese „zitternde Zeit“, um sich in sie einzuschleusen, sie lesbar und den Bruch mit der Erinnerung nachvollziehbar zu machen. Dafür holt sie die wegsortierten Fakten aus den Archiven und fragt, wie sich Identität bildet, wenn an die Stelle der Erinnerung ein staatlich verordnetes Verdrängen und Verschweigen tritt. Wenn eine Gesellschaft auf Legenden setzt, die immer wieder befeuert werden müssen, um das Lügengebäude nicht zum Einsturz zu bringen.
Die Gedächtnispolitik in der DDR sei „etwas konsequent nicht Offenes“ gewesen, schreibt Geipel. Etwas, „das mit Verstecken, Verschleiern, Kaschieren zu tun hat, mit Verhüllen, Tarnen, Vernebeln“. Dieser Erinnerungskultur setzt Geipel ein durchgehend offenes Verfahren der (F)Akten- und Selbstbefragung entgegen, das nicht letzte historische Antworten finden, sondern Fragen für die Gegenwart aufwerfen will. Dabei nimmt sie keine Rücksicht auf Sentimentalitäten, auch nicht, wenn es ihre (Familien-)Geschichte betrifft. Sie nutzt dieses gelebte Wissen zur persönlichen Ausleuchtung einer infiltrierten Geschichte.
Geipels Suchbewegung
Die durchdachte Gestaltung des Buchs greift die Erfahrung der gezeichneten und vernichteten Körper „als bandagierte Erinnerung und bandagierter Text“ am unteren Seitenrand auf. Dort verläuft eine fast durchgängige Banderole, in der Geipel die Menschen aus den Akten, Dokumenten, Filmen und Bildern unkommentiert sprechen lässt.
Man kann das als lebendigen Kommentar zu ihrer Suchbewegung lesen, der dokumentiert, wie wenig die Mär des antifaschistischen Widerstands der historischen Wirklichkeit entsprach. Oder als räumlich-visuelle Veranschaulichung des anhaltenden Nebeneinanders von Wort- und Körpergedächtnis. Die Körper und die Sprache, das Private und das Öffentliche, das Vergangene und die Gegenwart – Motive, die wie konzentrische Kreise Geipels Sondierung der Landschaft prägen. Und die die Erschütterung der Erinnerung bis in die Gegenwart eindrucksvoll vor Augen führen.
Landschaft ohne Zeugen Ines Geipel S. Fischer 2026, 333 S., 25 €
und die Zwangsarbeiter.“ Sie wisse heute nicht mehr, ob sie etwas gesagt habe, räumt Geipel im Buch ein, aber sie könne sich noch an das Gefühl erinnern, „im Nichts zu stehen, in etwas Voraussetzungslosem, wie blind“.Vielleicht liegt in diesem blinden Moment der Ursprung für Geipels besonderes Interesse am Komplex Buchenwald, jenem staatlichen „Memorialmassiv“, das von Jena nur 30 Kilometer entfernt lag. Denn sie setzt sich in ihren Texten immer wieder mit dem ehemaligen KZ auseinander; in der schonungslosen Familienbefragung Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass ebenso wie in der akribischen Recherche Gesperrte Ablage zur unterdrückten Literatur in der DDR.Auch in ihrem 2024 erschienenen Buch Fabelland schrieb Geipel über das Lager, in dem zwischen Juli 1937 und April 1945 annähernd 277.000 Menschen inhaftiert waren. Etwa 56.000 Menschen sind in Buchenwald ums Leben gekommen, 109 davon waren Kommunisten.109 Kommunisten. Und die anderen Buchenwald-Opfer? 277.000, 56.000, 109 – diese drei Zahlen reichen, um eine Irritation auszulösen, zumindest bei ostsozialisierten Menschen. In der DDR wurde um Buchenwald die Legende des aufopferungsvollen antifaschistischen Widerstands gestrickt. Ernst Thälmann stand als prominentester in Buchenwald ermordeter Kommunist im Zentrum dieses Mythos.Aber wie gehen diese Zahlen mit der Geschichte der von den Nazis verfolgten Kommunisten zusammen? Wo ist die Erinnerung an die deutliche Überzahl der nicht-kommunistischen Opfer hin? Und was bedeutet all das Wegsortierte und Verdrängte, das Verschliffene und Verwaschene, Zerstörte und Zermalmte für unsere Gegenwart? Diese Fragen wirft die 1960 in Dresden geborene Publizistin in ihrer essayistischen Suchbewegung durch Archive und Erinnerungen auf.Betritt man die Gedächtnislandschaft Buchenwald, dann betritt man jenes „Fabelland“, über das Geipel zuletzt ganz ausdrücklich, aber im Grunde schon immer schrieb. Die DDR und ihre verdrängten Wahrheiten bilden das umkämpfte Terrain, zu dem sie immer wieder zurückkehrt, um Zorn und Hass, Komplexe und Seelenrisse, alte Lasten und neue Himmel im Osten sowie dessen komplexes Verhältnis zum Westen aus persönlicher Warte zu erkunden.Nach der unterdrückten Literatur- und der vergessenen Militärgeschichte zeigt sie gut 80 Jahre nach der Befreiung des KZ Buchenwald, was dort geschehen ist. Und was die Auslöschung dieser Geschichte mit der Gegenwart zu tun hat.Das Prinzip der TäuschungNoch in den letzten Kriegstagen besichtigte eine parlamentarische US-Delegation das befreite Lager, in dem sich damals noch rund 21.000 Menschen aufhielten. Bei der Begehung fiel den Delegierten eine Gruppe deutscher Kommunisten auf, die sich „vom Rest der Insassen durch ihre rosigen Wangen und ihre robuste Gesundheit unterschieden“, wie es in ihrem Bericht später hieß. Diese Gruppe bildete den Kern eines kommunistischen Netzwerks, dem unzählige Insassen zum Opfer fielen.Geipel zeichnet das „Beseitigen, Abspritzen, Liquidieren“ der roten Kapos nach, um zu veranschaulichen, mit welch skrupellosem Kalkül die Realität von Buchenwald nach der Befreiung vertuscht wurde. Denn machthungrige und mörderische Lager-Kader, die mit Faschisten paktierten, konnte die antifaschistische DDR nicht gebrauchen. Die aus dem sowjetischen Exil heimgekehrten Hardliner um Walter Ulbricht trafen mit ihnen den Deal, den „Terror innerhalb des Terrors“ unter den Teppich zu kehren. Die Alliierten hatten ebenfalls kein Interesse, den Geschehnissen in den Lagern auf den Grund zu gehen.Die Nachkriegszeit war eine „Zeit ohne Fassung“, schreibt Geipel, in der man im Osten von einem „besseren Deutschland“ träumte, während hinter den Kulissen aufgeräumt wurde. Sie zeigt, wie manche der roten Lager-Kader unter die Räder der stalinistischen Säuberungen kamen, während andere zum Mythos Buchenwald beitrugen. Vorher aber mussten die Spuren beseitigt und eine neue Legende gestrickt werden.Erfolgsroman „Nackt unter Wölfen“ und die ErinnerungDer fast vollständige Abriss des Lagers Anfang der 1950er-Jahre sollte die Landschaft tilgen, auf der sich braune und rote Gewaltwelten so nah wie nirgendwo sonst kamen. Die hinterlassene Leerstelle wurde von einem Politmärchen ausgefüllt, dessen Drehbuch der ehemalige Häftling 2417 schrieb. Bruno Apitz wollte mit seinem autobiografischen Roman Nackt unter Wölfen eigentlich Rechenschaft ablegen.Die staatlichen Zensoren aber schrieben sein Manuskript zu einem Erlösungsbuch um, das als literarische Gründungsurkunde der DDR diente. „Die Ostdeutschen lasen sich mit Nackt unter Wölfen in eine solidarisch verbundene Opfergemeinschaft hinein, in der sich Schulddynamiken, Verstrickungen oder Widerspruch in einem blindgläubigen Nichts auflösten“, so Geipel.Das staatliche Prinzip der Täuschung in der DDR, da nahm es seinen Anfang. Statt kritischer Auseinandersetzung herrschte Vertuschung und Legendenbildung. Die „Gravitation in Kreisen nimmt zu“, da ist sich Geipel sicher. Denn wovon erzählte der SS-Mann, den es im antifaschistischen Osten nicht geben durfte? Woran durfte sich Geipels Großvater Otto erinnern, der in Riga diente, als die Wehrmacht dort Massaker verübte?Der Berg des verschwiegenen und unterdrückten Lebens wuchs im Osten ins Unermessliche. Und Geipel fragt sich, „wie viel Unzugängliches das Gedächtnis einer Gesellschaft verträgt und ab wann es anfängt, in die Destruktion zu kippen“.Der Mythos hinter dem LagerDie (Selbst-)Täuschung sei die Manipulationsmaschine, die sich bis in die Gegenwart „eines Landes ohne jede Haftung für die Vergangenheit“ geschlichen hat. Ein Land, in dem rechtsextreme Politiker die Tätergeschichte zum „Fliegenschiss“ verklären und die nächste „erinnerungspolitische Wende“ fordern.Landschaft ohne Zeugen ist eine kritische Annäherung an die Auslöschung der Geschichte, die aus Buchenwald erst eine vermeintlich unbeschriebene Landschaft und schließlich die „gedächtnispolitische Rotationsachse der DDR“ gemacht hat. In kreisenden Bewegungen nähert sich Ines Geipel dem Lagerkomplex, bricht den politischen Mythos dahinter auf und folgt den Rissen im (ost-)deutschen Gedächtnisbeton.Sie tastet sich vorsichtig durch diese „zitternde Zeit“, um sich in sie einzuschleusen, sie lesbar und den Bruch mit der Erinnerung nachvollziehbar zu machen. Dafür holt sie die wegsortierten Fakten aus den Archiven und fragt, wie sich Identität bildet, wenn an die Stelle der Erinnerung ein staatlich verordnetes Verdrängen und Verschweigen tritt. Wenn eine Gesellschaft auf Legenden setzt, die immer wieder befeuert werden müssen, um das Lügengebäude nicht zum Einsturz zu bringen.Die Gedächtnispolitik in der DDR sei „etwas konsequent nicht Offenes“ gewesen, schreibt Geipel. Etwas, „das mit Verstecken, Verschleiern, Kaschieren zu tun hat, mit Verhüllen, Tarnen, Vernebeln“. Dieser Erinnerungskultur setzt Geipel ein durchgehend offenes Verfahren der (F)Akten- und Selbstbefragung entgegen, das nicht letzte historische Antworten finden, sondern Fragen für die Gegenwart aufwerfen will. Dabei nimmt sie keine Rücksicht auf Sentimentalitäten, auch nicht, wenn es ihre (Familien-)Geschichte betrifft. Sie nutzt dieses gelebte Wissen zur persönlichen Ausleuchtung einer infiltrierten Geschichte.Geipels SuchbewegungDie durchdachte Gestaltung des Buchs greift die Erfahrung der gezeichneten und vernichteten Körper „als bandagierte Erinnerung und bandagierter Text“ am unteren Seitenrand auf. Dort verläuft eine fast durchgängige Banderole, in der Geipel die Menschen aus den Akten, Dokumenten, Filmen und Bildern unkommentiert sprechen lässt.Man kann das als lebendigen Kommentar zu ihrer Suchbewegung lesen, der dokumentiert, wie wenig die Mär des antifaschistischen Widerstands der historischen Wirklichkeit entsprach. Oder als räumlich-visuelle Veranschaulichung des anhaltenden Nebeneinanders von Wort- und Körpergedächtnis. Die Körper und die Sprache, das Private und das Öffentliche, das Vergangene und die Gegenwart – Motive, die wie konzentrische Kreise Geipels Sondierung der Landschaft prägen. Und die die Erschütterung der Erinnerung bis in die Gegenwart eindrucksvoll vor Augen führen.