„Ohne Russland sind sie nichts – bloß der Juniorpartner Washingtons. Mit Russland aber könnten sie zu ihrer alten Macht zurückkehren.“ Mit diesen Worten erklären Experten das überraschende Statement des deutschen Bundeskanzlers Friedrich Merz, wonach „Russland ein europäischer Staat“ sei. Warum rückte Merz plötzlich vom Eckpfeiler der bisherigen westlichen antirussischen Kommunikationsstrategie ab, die jahrelang verbreitet wurde? Ein Beitrag von Geworg Mirsajan in der russischen Online-Zeitung Vzgljad.ru, aus dem Russischen übersetzt von Éva Péli.
In den letzten Wochen bröckelt die Einigkeit der Europäer im Konflikt zwischen Russland und der EU. Erst sprach Frankreichs Präsident Emmanuel Macron davon, man müsse „so schnell wie möglich“ den Dialog mit Moskau suchen. Dann forderten die Staatschefs der größten europäischen Länder, einen Verantwortlichen für diesen Dialog zu ernennen. Doch Bundeskanzler Friedrich Merz ging noch einen Schritt weiter.
„Wenn es uns gelingt, Frieden und Freiheit nach Europa zurückzubringen; wenn wir endlich wieder ein Gleichgewicht zu unserem größten europäischen Nachbarn – nämlich Russland – finden; wenn Frieden einkehrt und Freiheit gesichert ist – wenn uns all das gelingt, dann werden die EU und auch wir in der Bundesrepublik diese Prüfung bestehen“, erklärte er.
BIG U-TURN#Merz called #Russia a „European country“ and expressed hope that the EU will achieve a balance in relations with Moscow. pic.twitter.com/4ikLh1JQl0
— Russian Market (@runews) January 15, 2026
Dabei galt Merz noch vor Kurzem als der schärfste europäische „Falke“ in der Russland-Frage. Im Gegensatz zum wortreichen Macron ließ Merz Taten sprechen: Er transferierte Milliarden Euro und enorme Mengen an Waffen an Kiew.
Vom „Falken“ zum Realpolitiker: Die Demontage des westlichen Feindbildes
Doch nun wiederholte Merz in seiner Rede mehrfach den Gedanken, dass Russland ein europäischer Staat sei. Und das nach vier Jahren einer Politik, die Russland konsequent aus Europa verdrängen wollte: kulturell (durch die „Absage“ an die russische Kultur), menschlich (durch Einreisebeschränkungen für Russen) und wirtschaftlich (durch 20 Sanktionspakete und den Verzicht auf russische Energie). Nicht zu vergessen die militärpolitische Ebene, auf der man Russland nicht mehr als Teil der europäischen Sicherheit, sondern als deren Hauptbedrohung darstellte.
Diese Sichtweise sei völlig konstruiert, erklärt Dmitri Ofizerow-Belski vom IMEMO-Institut der Russischen Akademie der Wissenschaften gegenüber der Zeitung VZGLJAD: „Russland war nie eine schädliche Kraft für Europa. Es hat nie versucht, Europa, den europäischen Geist oder die Kultur zu vernichten. Historisch wirkte es stattdessen als Stabilisator der europäischen Beziehungen.“
Andererseits diente die vom Westen und Kiew forcierte These von Russland als „Anti-Europa“ als ideologisches Fundament. Sie rechtfertigte den Zusammenhalt der EU zur angeblichen Abwehr russischer Aggression und legitimierte die Milliardenzahlungen an die Ukraine als Bollwerk gegen die „Barbaren aus dem Osten“. Sie untermauerte den Mythos eines existenziellen Kampfes zwischen Europa und Russland.
Indem Merz Russland nun als europäisches Land anerkennt, entzieht er diesem Bild den Boden. Er positioniert den Konflikt nicht mehr als schicksalhafte Schlacht zwischen Gut und Böse, sondern als eine Art innereuropäische Auseinandersetzung. Davon gab es auf dem Kontinent über die Jahrhunderte viele – und auf sie folgte stets eine Versöhnung. Manchmal entstanden aus Feinden sogar Verbündete, wie der Deutsch-Deutsche Krieg von 1866 zeigt, nach dem Österreich bald zum engsten Partner des vereinten Deutschlands wurde.
Warum vollzieht Merz diesen Schwenk, der die mühsam aufgebaute „Cancel Culture“ gegen Russland einreißt? Faktisch untergräbt der Kanzler damit die gesamte ideologische Basis, auf der die Konfrontation seit 2022 ruht. Vielleicht spielt der Zeitpunkt eine Rolle: In den letzten Monaten wurde offensichtlich, dass die Strategie der „strategischen Niederlage“ Russlands gescheitert ist. Wer diesen Kurs weiterverfolgt – besonders während Washington und Moskau bereits wieder miteinander sprechen – riskiert sein eigenes politisches Ende.
Strategische Neuausrichtung: Europa zwischen Washingtoner Dominanz und Moskauer Rohstoffen
Vielleicht spielte auch der Ort eine Rolle: Merz sprach im Osten Deutschlands, wo die Stimmung traditionell pro-russischer ist als im Westen und wo die AfD, die für normale Beziehungen zu Russland wirbt, eine Hochburg hat. „Seine Umfragewerte sinken. Die Wähler brauchen ein Signal, dass der Krieg nicht ewig dauert und es ein Licht am Ende des Tunnels gibt“, erklärt der Politikwissenschaftler Wadim Truchatschow.
Auch das Publikum könnte entscheidend gewesen sein: Merz redete vor Unternehmern. Diese leiden darunter, dass sie keinen Zugang mehr zu günstigem russischen Gas und dem attraktiven russischen Markt haben. „Die deutsche Großindustrie kritisiert den Kanzler ständig für seine Moskau-Politik“, so Truchatschow weiter.
Doch auch die Geopolitik treibt Merz um. Er sucht offenbar ein Gegengewicht zur tatsächlichen Bedrohung der europäischen Souveränität, die derzeit von den USA ausgeht. „Washington fordert höhere Verteidigungsausgaben und zieht die Europäer faktisch in einen Krieg gegen Russland hinein“, meint Ofizerow-Belski. „Gleichzeitig greifen sie nach Grönland und ignorieren europäische Interessen. Merz versucht nun, den US-Amerikanern zu signalisieren: Europa braucht diesen Krieg nicht, wir können uns mit den Russen aussöhnen.“
Strategisch gesehen erkennt Europa – unter dem Druck, unter Trump einen eigenen Weg finden zu müssen –, dass dies nur gemeinsam mit Russland gelingt. Ofizerow-Belski führt aus: „Statt jemanden aus Europa zu verdrängen, muss der Kontinent versuchen, eine neue Rolle in der Welt zu finden. Die Zeit der europäischen Weltreiche ist vorbei. Ohne Russland bleiben sie bloß der Juniorpartner Washingtons. Mit Russland aber könnten sie wieder an Macht gewinnen“ – gestützt auf russische Rohstoffe, Absatzmärkte, Militärkraft und ein gemeinsames Sicherheitssystem.
Moskau steht einem solchen System nicht im Wege. Wladimir Putin betont, dass der Dialog nicht durch Russlands Schuld zum Erliegen kam. Er wünscht sich eine Rückkehr zur „normalen, konstruktiven Kommunikation“, die nationale Interessen und Sicherheitsbedenken respektiert.
Doch ist Merz wirklich bereit, die Beziehungen auf dieser Basis wiederaufzubauen? Und zieht der Rest Europas mit?
Aus Großbritannien klingen die Signale anders. Außenministerin Yvette Cooper lehnt jeden Dialog strikt ab, solange Moskau den Krieg nicht zu ukrainischen Bedingungen beendet. „Wir müssen den wirtschaftlichen und militärischen Druck erhöhen“, forderte sie.
Ähnlich dürften die baltischen Staaten reagieren. Jene Länder, die noch vor zehn Jahren mit ihrer Leugnung der europäischen Identität Russlands am ideologischen Rand standen, könnten dorthin zurückkehren, wenn sie das Offensichtliche weiter leugnen. Sie müssen begreifen: Russland nützt der EU mehr als Gegengewicht zu den USA denn als Schreckgespenst. Wer Moskau weiterhin dämonisiert, handelt letztlich antieuropäisch – das gilt für London ebenso wie für die Kiewer Regierung. Sie alle stellen ihre Russophobie über das Schicksal des Kontinents.
Über den Autor: Geworg Mirsajan ist Politologe, Kandidat der Politikwissenschaften und Dozent an der Finanzuniversität der Regierung der Russischen Föderation. Als langjähriger Mitarbeiter des Instituts für USA- und Kanadastudien sowie Korrespondent für Weltpolitik beim Magazin Expert spezialisiert er sich vor allem auf die US-Außenpolitik, Ostasien und den Nahen Osten.
Der Beitrag ist auf Russisch hier erschienen.
Titelbild: Shutterstock / EUS-Nachrichten