Moskau ist anders als Kiew nicht vom Krieg gezeichnet. Drohnen schlagen praktisch nie ein und niemand muss evakuiert werden. Stattdessen gibt es viele Touristen aus China. Für Bürgermeister Sobjanin ist es „die sicherste Stadt Europas“
Der Alltag in Moskau scheint unberührt vom Krieg in der Ukraine
Foto: Picvario Komsomolskaya Pravda/picture alliance
Nirgends sind Ruinen zu sehen. Die wenigen ukrainischen Drohnen, die in Moskau nicht von der Luftabwehr abgeschossen wurden, haben kaum Schaden angerichtet. Die Luftverteidigung für die Hauptstadt hatte schon während des Zweiten Weltkrieges selbst nach Einschätzung deutscher Bomberpiloten einen hohen Standard.
So ist Angst vor Drohnenattacken nirgends ein Gesprächsthema. Auch gibt es im Unterschied zum Großen Vaterländischen Krieg von 1941 bis 1945 keine Lebensmittelkarten. Die Supermärkte, von denen manche rund um die Uhr geöffnet haben, sind stets gut gefüllt, mit einem breiten Angebot inklusive Südfrüchten, darunter Avocados aus Israel, Mandarinen aus der Türkei und Bananen aus Brasilien, aus Ländern also, die sich den EU-Sanktionen nicht angeschlossen haben.
Europäischer Käse aus Weißrussland
Auch an anderen Nahrungsgütern herrscht kein Mangel, selbst wenn der Käse „Maasdam“ nicht in den Niederlanden gereift ist, sondern in der staatlichen Käserei „Sawuschkin Produkt“ im belarussischen Brest-Litowsk, das dem russischen Brudervolk selbstbewusst „europäischen Käse“ anbietet. Die prophetische These der damaligen deutschen Außenministerin Annalena Baerbock vom 25. Februar 2022, die Finanzsanktionen der EU würden „Russland ruinieren“, sorgt inzwischen bei Moskauern nur noch für sarkastisches Lachen. In Journalistenkreisen ist sie diese Ansage längst zum Running Gag geworden.
Eine Veränderung fällt ins Auge, wenn man die touristischen Zentren wie die Fußgängerzone Arbat oder den Roten Platz besucht. Europäische Besucher, dort bis Februar 2022 häufig und in großer Zahl zu sehen, sind verschwunden. An ihre Stelle sind chinesische Touristen getreten, die meist in kleinen Gruppen, angeführt von resoluten Reiseleitern und vor allem Reiseleiterinnen mit kleinen dreieckigen Fahnen, das Stadtzentrum zwischen Kreml-Mauer und dem Außenministerium am Smolensker Platz frequentieren.
Bis zu 30 Tage ohne Visum Russland besuchen
Allein von Januar bis September 2025 besuchten 1,4 Millionen Chinesen Russland, davon eine halbe Million Moskau. Dessen Tourismusbranche erwartet für 2026 einen weiteren Anstieg von Reisenden aus dem „Reich der Mitte“. Dazu trägt auch der visafreie Verkehr bei, den China im Vorjahr überraschend für die Russen eingeführt hat, bevor Moskau – unter Zugzwang geraten – den Chinesen Gleiches gewährte. Bis zu 30 Tage können chinesische Besucher jetzt ohne Visum ganz Russland besuchen.
Zhang Hanhui, Chinas Botschafter in Russland, schreibt dazu in der Regierungszeitung Rossiskaja Gaseta, aus der Visafreiheit würden sich „Dividenden“ auch für die wirtschaftliche Zusammenarbeit ergeben. Zudem solle die Kooperation auf dem Bildungssektor in diesem Jahr intensiviert werden. Das Ziel, so der Diplomat, sei eine „neue Epoche der großen Entwicklung“ in den Beziehungen beider Länder, die sich „in größerem Maßstab und in größerer Tiefe“ entwickeln. Dabei sollten beide Staaten „einen chinesisch-russischen Beitrag für den Schutz des Friedens und die Stabilität auf der ganzen Welt leisten“.
Einsamer russischer Emigrant in Schanghai
Zhang Hanhui, früher für die chinesische Botschaft in Kiew akkreditiert, erwähnt den Krieg in der Ukraine nicht. Doch Chinas Position ist bekannt: Peking will einen baldigen Verhandlungsfrieden und ist bereit, zu vermitteln, wenn es darum gebeten wird, drängt sich aber nicht auf.
Zugleich ist die Volksrepublik auf dem Moskauer Buchmarkt erstaunlich präsent. Das Angebot reicht von Werken chinesischer Historiker über eine differenzierte Studie des Sinologen Iwan Suenko von der Moskauer Diplomatenhochschule MGIMO über China in der Epoche Xi Jinping bis zu dem Roman Schanghai des Schriftstellers Wadim Tschekunow. Der Autor war als Russisch-Lehrer in China tätig und ist mit einer Chinesin verheiratet. Sein Buch handelt vom Leben eines einsamen russischen Emigranten in Schanghai um 1930, den – der Leser ahnt es – die Liebe zu einer Chinesin rettet.
Moskau, seit 1995 Partnerstadt Pekings, präsentiert sich als moderne Metropole, die vom technischen Fortschritt her andere europäische Hauptstädte überrundet. Auch dabei wirkt das chinesische Beispiel. Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin will seine Stadt zum „Welt-Leader der fahrerlosen Transporttechnik“ machen. Straßenbahnen und Züge der U-Bahn sollen vollautomatisch fahren. Erste Teststrecken funktionieren bereits, aber sicherheitshalber noch ohne Passagiere. Sicherheitsfragen stehen für den ambitionierten Moskauer Stadtchef, dem auch Appetit auf das Präsidentenamt nachgesagt wird, ohnehin hoch im Kurs.
Ruhe die erste Bürgerpflicht
Videokameras fixieren rund um die Uhr Personenbewegungen in der russischen Hauptstadt. Mit Stolz in der Stimme verweist der Moskauer Bürgermeister auf die Kriminalitätsstatistik der zurückliegenden acht Jahre. Danach hat sich in der russischen Hauptstadt die Zahl der Morde halbiert, die Pkw-Diebstähle und Einbrüche sind um 75 Prozent zurückgegangen. Moskau, so Sobjanin, sei „die sicherste Stadt Europas“ geworden.
Die Kehrseite dieser ruhig gestellten Metropole: Vor dem Krieg gab es Demonstrationen verschiedenster politischer Gruppierungen, von Liberalen und Monarchisten über Nationalbolschewisten bis zu Anarchisten. Jetzt liegt eine früher ungewohnte politische Stille über einer Stadt, einst das Zentrum eines revolutionären Staates war. Nunmehr ist Ruhe die erste Bürgerpflicht. Damit das so bleibt, werden auch digitale Tricks angewandt. Vielerorts, auch in Moskauer Hotels funktioniert das WLAN nicht mehr, wenn jemand VPN benutzt.
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KP-Chef Sjuganow ist kein Oppositioneller mehr
Selbst die Kommunisten, deren überalterte Partei durch staatliche Subsidien am Leben erhalten wird, raunen in Gestalt ihres 81-jährigen Vorsitzenden Gennadi Sjuganow dem Präsidenten nur noch leicht dissonante Auffassungen zu. Wenn Russlands oberster Kommunist von „unseren Jungs“ redet, die „gegen die Neonazis in der Ukraine kämpfen“, lassen ihn Interviewer des Staatsfunks gern ausreden. Nur rund zwanzig Jahre ist es her, da monierte Sjuganow noch, Präsident Wladimir vereine „in sich die Macht des Zaren, des KPdSU-Generalsekretärs und eines Pharao, ohne irgendjemandem verantwortlich zu sein“. Kein russischer Kommunist würde das heute noch öffentlich aussprechen.
Währenddessen wissen die politischen Akteure im Umfeld des Kremls sehr genau, dass das militärische Vorgehen in der Ukraine in der Bevölkerung keine Begeisterung weckt. Daher bemüht sich der Vizevorsitzende des Föderationsrates, Konstantin Kossatschow in einem Interview mit der populären Wochenzeitung Argumenty i Fakty darum, Verhandlungsbereitschaft zu signalisieren: „Wir alle hoffen darauf, dass der ukrainische Konflikt am Verhandlungstisch gelöst wird, mit politischen Mitteln.“ Allerdings, fügt er hinzu, müssten „die Ziele der militärischen Spezialoperation erreicht“ werden. Und erhoffe, „dass dies in vollem Umfang in diesem Jahr geschieht“.
gut gefüllt, mit einem breiten Angebot inklusive Südfrüchten, darunter Avocados aus Israel, Mandarinen aus der Türkei und Bananen aus Brasilien, aus Ländern also, die sich den EU-Sanktionen nicht angeschlossen haben. Europäischer Käse aus WeißrusslandAuch an anderen Nahrungsgütern herrscht kein Mangel, selbst wenn der Käse „Maasdam“ nicht in den Niederlanden gereift ist, sondern in der staatlichen Käserei „Sawuschkin Produkt“ im belarussischen Brest-Litowsk, das dem russischen Brudervolk selbstbewusst „europäischen Käse“ anbietet. Die prophetische These der damaligen deutschen Außenministerin Annalena Baerbock vom 25. Februar 2022, die Finanzsanktionen der EU würden „Russland ruinieren“, sorgt inzwischen bei Moskauern nur noch für sarkastisches Lachen. In Journalistenkreisen ist sie diese Ansage längst zum Running Gag geworden.Eine Veränderung fällt ins Auge, wenn man die touristischen Zentren wie die Fußgängerzone Arbat oder den Roten Platz besucht. Europäische Besucher, dort bis Februar 2022 häufig und in großer Zahl zu sehen, sind verschwunden. An ihre Stelle sind chinesische Touristen getreten, die meist in kleinen Gruppen, angeführt von resoluten Reiseleitern und vor allem Reiseleiterinnen mit kleinen dreieckigen Fahnen, das Stadtzentrum zwischen Kreml-Mauer und dem Außenministerium am Smolensker Platz frequentieren. Bis zu 30 Tage ohne Visum Russland besuchenAllein von Januar bis September 2025 besuchten 1,4 Millionen Chinesen Russland, davon eine halbe Million Moskau. Dessen Tourismusbranche erwartet für 2026 einen weiteren Anstieg von Reisenden aus dem „Reich der Mitte“. Dazu trägt auch der visafreie Verkehr bei, den China im Vorjahr überraschend für die Russen eingeführt hat, bevor Moskau – unter Zugzwang geraten – den Chinesen Gleiches gewährte. Bis zu 30 Tage können chinesische Besucher jetzt ohne Visum ganz Russland besuchen.Zhang Hanhui, Chinas Botschafter in Russland, schreibt dazu in der Regierungszeitung Rossiskaja Gaseta, aus der Visafreiheit würden sich „Dividenden“ auch für die wirtschaftliche Zusammenarbeit ergeben. Zudem solle die Kooperation auf dem Bildungssektor in diesem Jahr intensiviert werden. Das Ziel, so der Diplomat, sei eine „neue Epoche der großen Entwicklung“ in den Beziehungen beider Länder, die sich „in größerem Maßstab und in größerer Tiefe“ entwickeln. Dabei sollten beide Staaten „einen chinesisch-russischen Beitrag für den Schutz des Friedens und die Stabilität auf der ganzen Welt leisten“.Einsamer russischer Emigrant in SchanghaiZhang Hanhui, früher für die chinesische Botschaft in Kiew akkreditiert, erwähnt den Krieg in der Ukraine nicht. Doch Chinas Position ist bekannt: Peking will einen baldigen Verhandlungsfrieden und ist bereit, zu vermitteln, wenn es darum gebeten wird, drängt sich aber nicht auf.Zugleich ist die Volksrepublik auf dem Moskauer Buchmarkt erstaunlich präsent. Das Angebot reicht von Werken chinesischer Historiker über eine differenzierte Studie des Sinologen Iwan Suenko von der Moskauer Diplomatenhochschule MGIMO über China in der Epoche Xi Jinping bis zu dem Roman Schanghai des Schriftstellers Wadim Tschekunow. Der Autor war als Russisch-Lehrer in China tätig und ist mit einer Chinesin verheiratet. Sein Buch handelt vom Leben eines einsamen russischen Emigranten in Schanghai um 1930, den – der Leser ahnt es – die Liebe zu einer Chinesin rettet.Moskau, seit 1995 Partnerstadt Pekings, präsentiert sich als moderne Metropole, die vom technischen Fortschritt her andere europäische Hauptstädte überrundet. Auch dabei wirkt das chinesische Beispiel. Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin will seine Stadt zum „Welt-Leader der fahrerlosen Transporttechnik“ machen. Straßenbahnen und Züge der U-Bahn sollen vollautomatisch fahren. Erste Teststrecken funktionieren bereits, aber sicherheitshalber noch ohne Passagiere. Sicherheitsfragen stehen für den ambitionierten Moskauer Stadtchef, dem auch Appetit auf das Präsidentenamt nachgesagt wird, ohnehin hoch im Kurs. Ruhe die erste BürgerpflichtVideokameras fixieren rund um die Uhr Personenbewegungen in der russischen Hauptstadt. Mit Stolz in der Stimme verweist der Moskauer Bürgermeister auf die Kriminalitätsstatistik der zurückliegenden acht Jahre. Danach hat sich in der russischen Hauptstadt die Zahl der Morde halbiert, die Pkw-Diebstähle und Einbrüche sind um 75 Prozent zurückgegangen. Moskau, so Sobjanin, sei „die sicherste Stadt Europas“ geworden. Die Kehrseite dieser ruhig gestellten Metropole: Vor dem Krieg gab es Demonstrationen verschiedenster politischer Gruppierungen, von Liberalen und Monarchisten über Nationalbolschewisten bis zu Anarchisten. Jetzt liegt eine früher ungewohnte politische Stille über einer Stadt, einst das Zentrum eines revolutionären Staates war. Nunmehr ist Ruhe die erste Bürgerpflicht. Damit das so bleibt, werden auch digitale Tricks angewandt. Vielerorts, auch in Moskauer Hotels funktioniert das WLAN nicht mehr, wenn jemand VPN benutzt. Placeholder image-1KP-Chef Sjuganow ist kein Oppositioneller mehrSelbst die Kommunisten, deren überalterte Partei durch staatliche Subsidien am Leben erhalten wird, raunen in Gestalt ihres 81-jährigen Vorsitzenden Gennadi Sjuganow dem Präsidenten nur noch leicht dissonante Auffassungen zu. Wenn Russlands oberster Kommunist von „unseren Jungs“ redet, die „gegen die Neonazis in der Ukraine kämpfen“, lassen ihn Interviewer des Staatsfunks gern ausreden. Nur rund zwanzig Jahre ist es her, da monierte Sjuganow noch, Präsident Wladimir vereine „in sich die Macht des Zaren, des KPdSU-Generalsekretärs und eines Pharao, ohne irgendjemandem verantwortlich zu sein“. Kein russischer Kommunist würde das heute noch öffentlich aussprechen.Währenddessen wissen die politischen Akteure im Umfeld des Kremls sehr genau, dass das militärische Vorgehen in der Ukraine in der Bevölkerung keine Begeisterung weckt. Daher bemüht sich der Vizevorsitzende des Föderationsrates, Konstantin Kossatschow in einem Interview mit der populären Wochenzeitung Argumenty i Fakty darum, Verhandlungsbereitschaft zu signalisieren: „Wir alle hoffen darauf, dass der ukrainische Konflikt am Verhandlungstisch gelöst wird, mit politischen Mitteln.“ Allerdings, fügt er hinzu, müssten „die Ziele der militärischen Spezialoperation erreicht“ werden. Und erhoffe, „dass dies in vollem Umfang in diesem Jahr geschieht“.