Das Narva-Szenario ist obsolet. Jetzt ist das Rügen-Szenario an der Reihe. Geht es nach dem estnischen Sicherheitsexperten Erkki Koort, könnten bald russische Militärs ohne Hoheitsabzeichen an den berühmten Kreidefelsen auftauchen. Eine Posse.
Von Astrid Sigena
Der BND schläft mal wieder. Während die Talking Heads der Bundesrepublik noch das Narva-Szenario in den Talkshows und Podcasts rauf- und runterbeten, muss erst ein estnischer (Ex-)Geheimdienstler (Achtung! Es gibt keine Ehemaligen) daherkommen und uns auf die wahre Gefahr hinweisen. Nein, die „зеленые человечки“, die „grünen Männchen“ – bewaffnete und maskierte Soldaten in grünen Militäruniformen ohne Abzeichen – werden das nächste Mal nicht im russisch-estnischen Grenzgebiet auftauchen, sondern auf der schönen deutschen Ostseeinsel Rügen.
Dies meint zumindest der estnische Sicherheitsexperte Erkki Koort. In einem Artikel für die estnische Tageszeitung Postimees warnte er, Deutschland sei als logistische Drehscheibe der NATO ein sogenanntes „Hochwert-Ziel“ für russische Aggressoren. „Tatsächlich ist Deutschland Moskaus Ziel“, lauten Koorts Fazit und zugleich der Titel des Artikels. Das ideale Ziel für russische Destabilisierungsmaßnahmen sei dabei die Insel Rügen.
Russland fürchte nämlich nichts so sehr wie ein militärisch starkes Deutschland als Führungs- und Schutzmacht Europas. Um das zu verhindern, planten die Russen Zersetzungsmaßnahmen. Das isoliert liegende Rügen wäre Koort zufolge ein ideales Ziel für russische Sabotage oder die Invasion „kleiner grüner Männchen“. Immerhin habe der russische Ex-Präsident Dmitrij Medwedew bereits mit der Entführung von Bundeskanzler Friedrich Merz gedroht. Ein Szenario, das durchaus realistisch sei.

Problem nur: Merzens Unbeliebtheit rechnet der estnische Experte dabei nicht mit ein. Ein derartiges Unterfangen wäre ein unkalkulierbares Risiko für die Russen, sollte man Merz in Deutschland nicht wiederhaben wollen!
Mit Rügen als Einfallstor könnten DDR-Nostalgiker und die Putin-Freunde von der AfD Moskau in die Hände spielen, weiß der estnische Ex-Geheimdienstler. Nicht zu vergessen Putins Fünfte Kolonne, der Russland-Fähnchen und Z-Symbole schwenkende Teil der Russlanddeutschen Community, der die deutsche Gesellschaft jedes Jahr am 9. Mai mit Autocorsos und Georgsbändchen peinigt, so Koort. Damit müsse jetzt endgültig Schluss sein! Deutschland solle sich ein Beispiel an Estland nehmen, das wisse, wie man mit der russischsprachigen Minderheit umzugehen habe!
Eine russische Invasion Rügens „womöglich unter dem Banner der AfD“ würde Deutschland in ein inneres Chaos führen, folgert Koort weiter. Während Russland-Freunde wie Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder sofort deeskalierende Maßnahmen fordern würden, könnten die „grünen Männchen“ mithilfe deutscher Unterstützer auf Rügen Sabotageakte gegen die Infrastruktur verüben, Demonstrationen und Autokorsos organisieren und Regierungsgebäude in Berlin besetzen.
Hoppla! Von Rügen nach Berlin – das ging aber schnell! Aber so einem russischen Saboteur ist nichts unmöglich. Zumal, wenn er – wie Koort prophezeit – „sowohl auf die bereits in Deutschland vorhandenen Agentennetzwerke als auch beispielsweise Schiffe der ‚Schattenflotte'“ setzen kann.
Ein Szenario, das Angst macht. Immerhin ist man mittlerweile auch in Deutschland aufgewacht und rezipiert die estnischen Warnungen. Der Reservistenverband der Bundeswehr gab dem estnischen Analysten dankenswerterweise den Raum, seine brisanten Erkenntnisse in einem Podcast darzustellen. Die Deutschen können also im Ernstfall nicht behaupten, sie seien nicht informiert worden!
Leider verrät uns unser estnischer Freund nicht, warum es die Russen ausgerechnet auf Rügen abgesehen haben. Deutschland hat so viele schöne Inseln. Warum nicht Mallorca, Deutschlands siebzehntes Bundesland? Dort ist das Wetter im April bereits mild und sonnig. Oder ist Mallorca den russischen Herrschaften etwa zu prollig?
Es muss ja nicht unbedingt die Ostsee sein. Wie wäre es mit der schnieken Promi-Insel Sylt? Aber Sylt hat es sich mit seiner Ausländerfeindlichkeit bei den russischen Planern hybrider Kriegsführung endgültig verscherzt. Nicht einmal am hermetisch abgeschotteten Russland ist es vorbeigegangen, dass Deutschlands Jeunesse dorée dort im Frühjahr 2024 zu Gigi D’Agostinos Hit „L’amour toujours“ die fremdenfeindliche Parole „Döp, Dö, Dö, Döp. Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“ skandiert hatte.

Auch der Bodensee fällt als Destination für eine russische Aggression aus. Dass die schöne Blumeninsel Mainau für die Herren Invasoren nicht infragekommt, ist nur logisch. Schließlich heißt es in diesen Gefilden drohend: „Wir können alles. Außer Hochdeutsch.“ Das schreckt ab. Außerdem liegt Deutschlands Südwesten geografisch doch etwas weit ab vom Schuss.
Also läuft es doch auf Rügen hinaus. Immerhin war Rügen einstmals slawisches Gebiet und vom westslawischen Volk der Ranen besiedelt. Die dortigen Ortsnamen auf -itz, -ow und -in dürften bei den вежливые люди, den höflichen Leuten, für anheimelnde Gefühle wie auf der Krim sorgen. Außerdem ist Rügen durch Caspar David Friedrichs berühmte Darstellung der Kreidefelsen ein nationales Heiligtum in der emotionalen Landkarte der Deutschen. Dort angreifen, wo’s am meisten weh tut, heißt die Devise! Alles in allem hat Koort also recht: Rügen ist die nächstliegende Lösung.
Vergangenes Wochenende bröckelten nördlich von Sassnitz 9.000 Kubikmeter Kreide ab. Es war der größte Kreideabbruch seit 15 Jahren auf Rügen. Und mit weiteren Abbrüchen wird gerechnet. Die Behörden wiegeln natürlich ab: Der Abbruch sei nach dem Tauwetter der vergangenen Tage zu erwarten gewesen. Es handele sich um natürliche Prozesse, die seit Jahrtausenden aufträten. Tauwetter? Natürliche Prozesse? Wir Eingeweihten wissen es besser, Erkki Koort sei Dank: Da hat in Wahrheit die Wühlarbeit russischer Maulwürfe, Putins Fünfte Kolonne, zugeschlagen! Die Destabilisierung Rügens hat begonnen. Osterurlauber auf Rügen dürfen sich nicht wundern, wenn grüne Männchen am Strand neben ihnen auftauchen.
Mehr zum Thema – Eine durch und durch deutsche Grüne und der estnische Geheimdienst
RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.
Durch die Sperrung von RT zielt die EU darauf ab, eine kritische, nicht prowestliche Informationsquelle zum Schweigen zu bringen. Und dies nicht nur hinsichtlich des Ukraine-Kriegs. Der Zugang zu unserer Website wurde erschwert, mehrere Soziale Medien haben unsere Accounts blockiert. Es liegt nun an uns allen, ob in Deutschland und der EU auch weiterhin ein Journalismus jenseits der Mainstream-Narrative betrieben werden kann. Wenn Euch unsere Artikel gefallen, teilt sie gern überall, wo Ihr aktiv seid. Das ist möglich, denn die EU hat weder unsere Arbeit noch das Lesen und Teilen unserer Artikel verboten. Anmerkung: Allerdings hat Österreich mit der Änderung des „Audiovisuellen Mediendienst-Gesetzes“ am 13. April diesbezüglich eine Änderung eingeführt, die möglicherweise auch Privatpersonen betrifft. Deswegen bitten wir Euch bis zur Klärung des Sachverhalts, in Österreich unsere Beiträge vorerst nicht in den Sozialen Medien zu teilen.