Experten zufolge vollbringen russische Flugzeug- und Triebwerkskonstrukteure derzeit ein großes Wunder. Die russische Luftfahrtindustrie habe im vergangenen Jahr eine Reihe wichtiger Errungenschaften erzielt.

Von Olga Samofalowa

Im Jahr 2025 starteten gleich vier Flugzeugmodelle zu ihrem Jungfernflug, die nicht nur aus russischer Produktion stammten, sondern vollständig im Inland hergestellt wurden. Dabei handelte es sich um die Regionalmaschine Il-114-300, das Mittelstreckenflugzeug MS-21, den neuen Superjet-100 und das Kleinflugzeug Baikal.

Russland ist es also gelungen, die wichtigsten Komponenten für diese Flugzeuge zu entwickeln – die Triebwerke. Triebwerke sind die technologisch komplexesten und arbeitsintensivsten Produkte in der Luftfahrt, erinnert Wladimir Tschernow, Analyst bei Freedom Finance Global. Roman Gussarow, Leiter von Avia.ru, sagt:

„Das ist ein unbestreitbarer Erfolg, das Ergebnis langjähriger, mühevoller Arbeit. Die Politik der Importsubstitution für den Superjet wurde bereits 2018 gestartet, für den MS-21 im Jahr 2022. Auch die Baikal hat mehrere Jahre auf einen einheimischen Motor gewartet, und der Motor für die Il-114 wurde ebenfalls mehrere Jahre lang überarbeitet.“

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Der Superjet ist ein Kurzstreckenflugzeug, das heute praktisch das Standardmodell der russischen Zivilluftfahrt ist. Vor mehr als zwanzig Jahren war dieses Projekt für Russland das erste zivile Verkehrsflugzeug seit dem Zusammenbruch der UdSSR. Es wird seit Langem von russischen Fluggesellschaften eingesetzt, jedoch war ursprünglich ein französischer SaM-146-Motor für dieses Flugzeug vorgesehen.

Aufgrund der vom Westen verhängten Sanktionen wurde die Lieferung dieser Triebwerke nach Russland eingestellt. Man stand nun also vor der Aufgabe, in kürzester Zeit einen eigenen Antrieb zu entwickeln – und sie wurde erfolgreich umgesetzt. Im Jahr 2025 gelang es, ein Flugzeug in die Luft zu bringen, dessen Komponenten vollständig aus russischer Produktion stammen. Dazu gehört auch das neue Triebwerk PD-8.

Was das Mittelstreckenflugzeug MS-21 betrifft, so erreichte das Flugtestprogramm für das Flugzeug mit in Russland hergestellten Komponenten im Jahr 2025 seine maximale Intensität. Sieben Jahre nach den ersten Sanktionen gegen die MS-21 befindet sich das Projekt nunmehr auf der Zielgeraden. In einem Jahr wird das Flugzeug die ersten Passagiere befördern. Jetzt müssen sich Boeing und Airbus mit dem ersten direkten Konkurrenten in der postsowjetischen Geschichte abfinden.

Mit dem Turboprop-Flugzeug Il-114-300 hat ein weiteres russisches Regionalflugzeug mehr als 99 Prozent der Zertifizierungsflüge absolviert und wird das Testprogramm in absehbarer Zukunft abschließen. Es wird erwartet, dass die ersten drei Maschinen bereits 2026 für Kunden bereitstehen werden. Wadim Badecha, Generaldirektor des russischen Flugzeugherstellers OAK, sagte Ende Dezember:

„Es sind nur noch wenige Flüge übrig, die mit den klimatischen Besonderheiten des Betriebs zusammenhängen. Wir werden auf das Eintreten der entsprechenden klimatischen Bedingungen warten. Es gibt dort Fragen im Zusammenhang mit Vereisung, niedrigen Temperaturen und Gewitter. Wir hoffen, dass dies in absehbarer Zukunft geschieht.“

Im Werk in Luchowizy wurde bereits die Serienproduktion der Il-114-300 aufgenommen. Bis 2030 soll die Produktion auf 20 Einheiten pro Jahr gesteigert werden.

Und schließlich hat auch das leichte Mehrzweckflugzeug Baikal seinen ersten Flug mit einem vollständig in Russland hergestellten Triebwerk absolviert. Der neue Motor bedeutet eine neue Etappe in der Entwicklung der Kleinluftfahrt in Russland.

Baikal soll die berühmte An-2 ersetzen – das meistgebaute sowjetische Flugzeug, das seit 1948 produziert wurde. Dank des neuen Triebwerks soll das Land ein neues Flugzeug erhalten, das auf allen unbefestigten Flugplätzen und sogar auf Feldern landen und starten kann. Baikal wird auch die entlegensten Siedlungen und Dörfer erreichen können. Es ist leiser und umweltfreundlicher als die An-2. Noch dazu ist es komfortabler, da es über eine beheizbare Kabine verfügt.

Die russische Luftfahrtindustrie durchläuft derzeit eine wichtige Phase der Serienproduktion vollständig importunabhängiger Flugzeuge. Roman Gussarow erklärt:

„Aus strategischer Sicht vollbringen unsere Flugzeug- und Triebwerkshersteller gerade jetzt ein großes Wunder. Niemand auf der Welt produziert Flugzeuge oder Triebwerke vollständig in Eigenregie. Wir hingegen lösen diese Aufgabe.“

Russland gelang ein Ingenieurswunder im Bereich der Luftfahrt

Der Experte ruft dazu auf, Verständnis dafür zu haben, dass die Industrie nicht immer das ursprünglich angekündigte Produktionstempo für neue Maschinen einhalten kann. Er hebt hervor:

„Es ist eine mühsame Arbeit. Das Schönste daran ist, dass sowohl unsere Ingenieure als auch unsere Wissenschaftler und unsere Produzenten mit all dieser Arbeit fertig werden. Ein besonderer Dank gilt unseren ehemaligen westlichen Partnern, die Sanktionen verhängt haben. Und plötzlich stellte sich heraus, dass wir alles selbst produzieren können.“

Die Übergabe der ersten Superjets und MS-21 an Fluggesellschaften für den kommerziellen Betrieb ist für Ende 2026 nach Abschluss der Flug- und Zertifizierungsprüfungen geplant. Der Luftfahrtexperte betont:

„Allerdings kann man nicht mit einer großen Anzahl dieser Flugzeuge rechnen, da die Industrie Zeit braucht, um die Produktion anzukurbeln. Die Produktionszahlen für neue Flugzeuge werden schrittweise gesteigert. Auch die Fluggesellschaften benötigen Zeit, um die Technik in Betrieb zu nehmen, den technischen Support zu organisieren und das Personal, die Ingenieure und die Flugbesatzungen zu schulen. Daher werden diese ersten Flugzeuge noch keinen Einfluss auf die Marktsituation im nächsten Jahr haben. Die ersten Ergebnisse des Einsatzes der neuen Flugzeugmodelle bei den Fluggesellschaften werden wir erst 2027 beurteilen können.“

Darüber hinaus stellen Experten noch einige weitere positive Veränderungen in der russischen Luftfahrtindustrie fest. Tschernow merkt an:

„Es ist wichtig, einen weiteren Bereich hervorzuheben, der oft unterschätzt wird – nämlich die ‚Bodenarbeit‘, also die technische Unterstützung der Flugzeuge. Die Reparaturkapazitäten für die westlichen Flugzeuge wurden 2025 zu einem eigenständigen Industriezweig, da sie dem Transportsystem (des Landes) Zeit verschafften, damit neue russische Flugzeuge und Triebwerke zertifiziert werden und in Serie gehen können.“

Ein weiterer Punkt ist die Aufrechterhaltung der Flugsicherheit trotz des Rückzugs westlicher Unternehmen, die zuvor die ausländischen Flugzeuge gewartet haben. Selbst unter den Bedingungen umfassender Sanktionen bleibe Russland auf einem angemessenen Niveau der Flugsicherheit, betont Gussarow. Dabei gewährleiste das Land weiterhin ein hohes Verkehrsaufkommen, das mehr als 100 Millionen Passagiere pro Jahr ausmacht.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 11. Januar 2026 auf der Webseite der Zeitung „Wsgljad“ erschienen.

Olga Samofalowa ist Wirtschaftsanalystin bei der Zeitung „Wsgljad“.

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