In seinem neuen Roman schreibt der Görlitzer Autor Lukas Rietzschel über eine ostdeutsche Familie im fiktiven „Sanditz“. Eine, die Krisen kennt und nicht rechts wählt. Ein Gesellschaftsroman des Ostens ist es nicht, sagt unsere Autorin
Immer wieder zieht es Lukas Rietzschel literarisch in die Dörfer und Kleinstädte der Lausitz
Foto: Alexandra Polina
Sagenhaft fängt es an. Da landet ein Schwarm Raben – man muss nicht zählen, um zu wissen, dass es zwölf sind – auf einem Feld. An den slawisch eingefärbten Namen wie Andrusch, Juro, Petar erkennt man es sofort: Es sind die Müllersgesellen aus Otfried Preußlers Krabat. Eigentlich glaubt man es sofort, wenn man durch die Lausitz streift, dass Krabats Gefährten hier irgendwo hausen müssen.
Doch die Kumpane, die sich schwirren Flugs von Raben in Menschen verwandeln, treffen auf die Profanität der Gegenwart des Ostens: die Carports, die Discounter, die Flatscreen-Fernseher unter Walmdächern. Sie sind in Sanditz gelandet, dem Schauplatz des neuesten Romans von Lukas Rietzschel, um dem Roman ein mystisches Vorspiel zu schenken.
In der Psychoanalyse spräche man wohl von Wiederholungszwang: Immer wieder zieht es Lukas Rietzschel literarisch in die Dörfer und Kleinstädte der Lausitz, dorthin, wo die Ortsnamen auf -y und -itz enden, und damit auf ihren slawischen Ursprung verweisen.
Dorthin, wo heute die postapokalyptischen Landschaften wuchern, Braunkohleraubbau die alten Kirchen und Friedhöfe vernichtete und wo man lieber nicht so genau wissen möchte, bei welcher Partei der Nachbar das Kreuzchen macht – obwohl man das eigentlich ohnehin schon weiß. So ein Ort ist Sanditz.
Die Krabat-Sage in der Lausitz
Schon dem Namen nach, als wäre es auf Sand und nicht auf der so wertvollen Braunkohle errichtet, dem Verfall preisgegeben. Das ursprüngliche Sanditz, das ist schon dem Tagebau zum Opfer gefallen, seine letzten Einwohner wurden umgesiedelt, in kleine Bungalows:
Die Familie Wenzel bewohnt zwei der vier Bungalows. Die Wenzels, das sind Großmutter Erika und Onkel Dirk, sowie die Moschniks: Mutter Marion Moschnik (geborene Wenzel) und ihre Zwillinge Maria und Tom. Mit letzterem beginnt die Familiengeschichte.
Tom wurde soeben von seiner Freundin Caro abserviert. Sie brauche Zeit für sich. Das ist ja Gegenwartssprech für „Ich steh einfach nicht so auf dich“. Trotzdem hält Tom an seiner Hoffnung auf Liebe fest. Die Krabat-Sage in der Bearbeitung von Otfried Preußler, so vermutet man, liefert womöglich das Grundmotiv für den Text: Der Bursche, Tom, kann nur durch die Liebe des Mädchens, Caro, erlöst werden.
Die ist namentlich nicht weit weg von Krabats Kantorka. Kantorka muss in Preußlers Buch ja den verzauberten Gesellen erkennen, nur dann wird er vom Teufelsopfer verschont. Doch Rietzschel führt den Leser aufs Glatteis. Zwar werden die Raben am Ende Toms Schicksal besiegeln, aber ganz anders als gedacht. Vorerst muss man rätseln, was es mit Tom eigentlich auf sich hat.
Familienzwist wegen der Corona-Regeln
Über die Corona-Verhaltensregeln, ja, über das, was man den Vollzug der Freiheit nennen kann, hat sich die Familie entzweit. Tom, der sich nicht an die Regeln hält, darf nicht mehr dabei sein, wenn die Familie Weihnachten und Geburtstage feiert. Dabei geht es in dieser Familie ums Kümmern; man kümmert sich nicht nur um die Familienmitglieder, sondern um die Gemeinschaft. Religiös ist die Familie, pietistisch-protestantisch, der Großvater begleitete die Gottesdienste auf der Orgel, die Großmutter trompetet am geöffneten Fenster für die Dorfgemeinschaft im Lockdown.
Nein, Sanditz, das ist kein AfD-Kaff, im Gegenteil, es ist stabil. Rietzschel spielt in seinem Roman gekonnt mit Erwartungen, die zuverlässig enttäuscht werden. Es kann einem angst und bange werden um Tom, der einmal Polizist werden wollte, nun aber scheinbar in „Aktionen“ verwickelt ist, die gegen das Gesetz verstoßen (eine scheint mit dem Sturz des örtlichen Bismarck-Denkmals zu tun zu haben). Politisch aber ist er nicht eindeutig zu verorten. Es ist ja nicht das Völkische, das Rechtspopulistische, das ihn anzieht, sondern ein sonderbarer Freiheitsbegriff.
Auch sozial ist die Lage komplex: Familie Wenzel ist kein Abziehbildchen einer Wendeverlierergemeinschaft. Tochter Maria ist Lokaljournalistin, Vater Roland lebt eine große Lebenslüge, die aber nichts – wie man es von einer Geschichte auf der Schwelle zwischen Spät-DDR-Zeit und den ersten beiden Nachwende-Jahrzehnten erwarten würde – mit Stasi-Verwicklungen oder gesellschaftlichem Abstieg zu tun hat (auch wenn die Staatssicherheit, am Rande, auftaucht).
Der falsche Landstrich zur falschen Zeit
Wenn Rietzschel Familie Wenzel durch die DDR und bis in die Lockdown-Gegenwart folgt, dann entfaltet sich ein Panorama der Enge, das man mit Gemütlichkeit verwechseln könnte. Hier, im Peripheren, im Raum, in dem Traditionen schon immer länger überdauern konnte, ist die Familie – eine Ausnahme im Postwende-Osten – intakt und hält zusammen.
Auch deswegen ist Toms Schwester Maria aus dem Westen zurückgekommen: „Wie Tom war sie müde von den Krisen der letzten Jahre. Immer häufiger wünschte sie sich ein Leben in Ruhe und frei von dem Gefühl, dem Untergang entgegenzugehen. Immerzu lag es an ihr: mehr arbeiten, aber trotzdem keine Rente kriegen. Die Welt retten, den Osten, das Klima. […] Einfach ein gutes Leben führen. Eine Zigarette rauchen, […] das sollte doch machbar sein. Vielleicht lebte sie dafür im falschen Landstrich zur falschen Zeit.“
Rietzschel wollte, das merkt man schnell, eine Lausitz-Familiensaga verfassen, etwas, das sich gut in einen ZDF-Dreiteiler umwandeln ließe: Interessantes Setting, ein bisschen Untergangsstimmung und pittoreskes Herrnhutertum inklusive. Deswegen liefert Rietzschel das Szenenbild in seinem Roman vorsorglich mit: „In den Küchen flackern die Neonröhren über den Arbeitsplatten, die Bildschirme der Fernseher gehen plötzlich aus. Dunst hat sich zwischen die Häuser gelegt. Nicht sicher, ob es Nebel ist oder die neue Pelletheizung der Witwe Krah. […] Niemand ist erreichbar, die Telefone sind tot.“
Lässt sich der Osten der Gegenwart erzählen?
Bei dem Autor, es ist eines seiner Markenzeichen, ist die Landschaft nie Landschaft und das Wetter nie Wetter: Die Wetterlage ist immer Stimmungsbild. Folgerichtig herrscht im Text vor allem Kälte. Das hat mit der deutschen Geschichte zu tun: „Schon seltsam, dass große Ereignisse in Deutschland oft im Herbst passieren.“
Eigentlich keine Überraschung, vor dem Winter, dem langen, lockt noch einmal der Neuanfang. Doch irgendwo unterwegs bleibt die Familiensaga stecken. Man bemerkt nach der Hälfte des Textes, dass die Zeitsprünge größer werden.
Dass die Luft für ein großes Gesellschaftspanorama des Ostens, wie es zuletzt Christoph Hein mit Das Narrenschiff vorlegte, nicht reichte. Oder mehr noch: Dass die Zeit dieser Familienuntergangspanoramen vielleicht zu Ende gegangen ist. Hastig muss der Roman daher einem alternativen Thema entgegentreiben, das sich im Schicksal Toms manifestiert.
So bleibt man beim Lesen, obwohl der Autor sein Handwerk fraglos versteht, ein wenig enttäuscht zurück: Zu viele Figuren sind aus dem Erzählfokus verschwunden, die eigentlichen Dramen ihrer Existenz gehen auf Nebenkriegsschauplätzen verschütt. Vielleicht, so könnte man sagen, lässt sich der Osten der Gegenwart nicht bündig erzählen. Vielleicht lässt sich überhaupt keine Gegenwart bündig erzählen.
ernseher unter Walmdächern. Sie sind in Sanditz gelandet, dem Schauplatz des neuesten Romans von Lukas Rietzschel, um dem Roman ein mystisches Vorspiel zu schenken.In der Psychoanalyse spräche man wohl von Wiederholungszwang: Immer wieder zieht es Lukas Rietzschel literarisch in die Dörfer und Kleinstädte der Lausitz, dorthin, wo die Ortsnamen auf -y und -itz enden, und damit auf ihren slawischen Ursprung verweisen.Dorthin, wo heute die postapokalyptischen Landschaften wuchern, Braunkohleraubbau die alten Kirchen und Friedhöfe vernichtete und wo man lieber nicht so genau wissen möchte, bei welcher Partei der Nachbar das Kreuzchen macht – obwohl man das eigentlich ohnehin schon weiß. So ein Ort ist Sanditz.Die Krabat-Sage in der Lausitz Schon dem Namen nach, als wäre es auf Sand und nicht auf der so wertvollen Braunkohle errichtet, dem Verfall preisgegeben. Das ursprüngliche Sanditz, das ist schon dem Tagebau zum Opfer gefallen, seine letzten Einwohner wurden umgesiedelt, in kleine Bungalows:Die Familie Wenzel bewohnt zwei der vier Bungalows. Die Wenzels, das sind Großmutter Erika und Onkel Dirk, sowie die Moschniks: Mutter Marion Moschnik (geborene Wenzel) und ihre Zwillinge Maria und Tom. Mit letzterem beginnt die Familiengeschichte.Tom wurde soeben von seiner Freundin Caro abserviert. Sie brauche Zeit für sich. Das ist ja Gegenwartssprech für „Ich steh einfach nicht so auf dich“. Trotzdem hält Tom an seiner Hoffnung auf Liebe fest. Die Krabat-Sage in der Bearbeitung von Otfried Preußler, so vermutet man, liefert womöglich das Grundmotiv für den Text: Der Bursche, Tom, kann nur durch die Liebe des Mädchens, Caro, erlöst werden.Die ist namentlich nicht weit weg von Krabats Kantorka. Kantorka muss in Preußlers Buch ja den verzauberten Gesellen erkennen, nur dann wird er vom Teufelsopfer verschont. Doch Rietzschel führt den Leser aufs Glatteis. Zwar werden die Raben am Ende Toms Schicksal besiegeln, aber ganz anders als gedacht. Vorerst muss man rätseln, was es mit Tom eigentlich auf sich hat.Familienzwist wegen der Corona-Regeln Über die Corona-Verhaltensregeln, ja, über das, was man den Vollzug der Freiheit nennen kann, hat sich die Familie entzweit. Tom, der sich nicht an die Regeln hält, darf nicht mehr dabei sein, wenn die Familie Weihnachten und Geburtstage feiert. Dabei geht es in dieser Familie ums Kümmern; man kümmert sich nicht nur um die Familienmitglieder, sondern um die Gemeinschaft. Religiös ist die Familie, pietistisch-protestantisch, der Großvater begleitete die Gottesdienste auf der Orgel, die Großmutter trompetet am geöffneten Fenster für die Dorfgemeinschaft im Lockdown.Nein, Sanditz, das ist kein AfD-Kaff, im Gegenteil, es ist stabil. Rietzschel spielt in seinem Roman gekonnt mit Erwartungen, die zuverlässig enttäuscht werden. Es kann einem angst und bange werden um Tom, der einmal Polizist werden wollte, nun aber scheinbar in „Aktionen“ verwickelt ist, die gegen das Gesetz verstoßen (eine scheint mit dem Sturz des örtlichen Bismarck-Denkmals zu tun zu haben). Politisch aber ist er nicht eindeutig zu verorten. Es ist ja nicht das Völkische, das Rechtspopulistische, das ihn anzieht, sondern ein sonderbarer Freiheitsbegriff.Auch sozial ist die Lage komplex: Familie Wenzel ist kein Abziehbildchen einer Wendeverlierergemeinschaft. Tochter Maria ist Lokaljournalistin, Vater Roland lebt eine große Lebenslüge, die aber nichts – wie man es von einer Geschichte auf der Schwelle zwischen Spät-DDR-Zeit und den ersten beiden Nachwende-Jahrzehnten erwarten würde – mit Stasi-Verwicklungen oder gesellschaftlichem Abstieg zu tun hat (auch wenn die Staatssicherheit, am Rande, auftaucht).Der falsche Landstrich zur falschen ZeitWenn Rietzschel Familie Wenzel durch die DDR und bis in die Lockdown-Gegenwart folgt, dann entfaltet sich ein Panorama der Enge, das man mit Gemütlichkeit verwechseln könnte. Hier, im Peripheren, im Raum, in dem Traditionen schon immer länger überdauern konnte, ist die Familie – eine Ausnahme im Postwende-Osten – intakt und hält zusammen.Auch deswegen ist Toms Schwester Maria aus dem Westen zurückgekommen: „Wie Tom war sie müde von den Krisen der letzten Jahre. Immer häufiger wünschte sie sich ein Leben in Ruhe und frei von dem Gefühl, dem Untergang entgegenzugehen. Immerzu lag es an ihr: mehr arbeiten, aber trotzdem keine Rente kriegen. Die Welt retten, den Osten, das Klima. […] Einfach ein gutes Leben führen. Eine Zigarette rauchen, […] das sollte doch machbar sein. Vielleicht lebte sie dafür im falschen Landstrich zur falschen Zeit.“Rietzschel wollte, das merkt man schnell, eine Lausitz-Familiensaga verfassen, etwas, das sich gut in einen ZDF-Dreiteiler umwandeln ließe: Interessantes Setting, ein bisschen Untergangsstimmung und pittoreskes Herrnhutertum inklusive. Deswegen liefert Rietzschel das Szenenbild in seinem Roman vorsorglich mit: „In den Küchen flackern die Neonröhren über den Arbeitsplatten, die Bildschirme der Fernseher gehen plötzlich aus. Dunst hat sich zwischen die Häuser gelegt. Nicht sicher, ob es Nebel ist oder die neue Pelletheizung der Witwe Krah. […] Niemand ist erreichbar, die Telefone sind tot.“Lässt sich der Osten der Gegenwart erzählen?Bei dem Autor, es ist eines seiner Markenzeichen, ist die Landschaft nie Landschaft und das Wetter nie Wetter: Die Wetterlage ist immer Stimmungsbild. Folgerichtig herrscht im Text vor allem Kälte. Das hat mit der deutschen Geschichte zu tun: „Schon seltsam, dass große Ereignisse in Deutschland oft im Herbst passieren.“Eigentlich keine Überraschung, vor dem Winter, dem langen, lockt noch einmal der Neuanfang. Doch irgendwo unterwegs bleibt die Familiensaga stecken. Man bemerkt nach der Hälfte des Textes, dass die Zeitsprünge größer werden.Dass die Luft für ein großes Gesellschaftspanorama des Ostens, wie es zuletzt Christoph Hein mit Das Narrenschiff vorlegte, nicht reichte. Oder mehr noch: Dass die Zeit dieser Familienuntergangspanoramen vielleicht zu Ende gegangen ist. Hastig muss der Roman daher einem alternativen Thema entgegentreiben, das sich im Schicksal Toms manifestiert.So bleibt man beim Lesen, obwohl der Autor sein Handwerk fraglos versteht, ein wenig enttäuscht zurück: Zu viele Figuren sind aus dem Erzählfokus verschwunden, die eigentlichen Dramen ihrer Existenz gehen auf Nebenkriegsschauplätzen verschütt. Vielleicht, so könnte man sagen, lässt sich der Osten der Gegenwart nicht bündig erzählen. Vielleicht lässt sich überhaupt keine Gegenwart bündig erzählen.