
Washington und Tel Aviv wollen den Regime Change im Iran. Wer zieht bei den Mullahs nach dem Enthauptungsschlag die Fäden?
Trump-Berater und Senator Bill Graham hat von einem „Berlin Wall Moment“ gesprochen, als er den Angriffsbefehl des US-Präsidenten auf den Iran kommentierte. Der berühmte Mantel der Geschichte weht wieder. Und Donald Trump hat zugepackt!
Das Schwein ist tot!
Wenn ein politisches System jahrzehntelang um eine einzelne Figur kreist, dann ist der Moment ihres Verschwindens selten nur ein Personalwechsel. Er ist ein Stresstest für die Architektur der Macht. Genau das geschieht nun im Iran nach dem Tod von Revolutionsführer Ali Chamenei.
Vier Jahrzehnte lang war Khamenei mehr als nur der oberste religiöse Führer. Er war die Schaltzentrale eines Systems, das religiöse Legitimation mit einem ausgeklügelten Sicherheitsapparat verband. Der Oberste Führer entschied über Krieg und Frieden, kontrollierte die Streitkräfte, dominierte die Außenpolitik und stand über allen gewählten Institutionen. Präsidenten kamen und gingen, Parlamente wechselten ihre Mehrheiten, doch Chamenei blieb der Fixstern der Islamischen Republik. Mit seinem Tod endet diese Ära. Und plötzlich wird sichtbar, was sich in Wahrheit schon lange verändert hat.
Der Mythos vom allmächtigen Revolutionsführer
Die iranische Verfassung sieht klare Regeln vor. Stirbt der Oberste Führer, übernimmt ein Übergangsrat aus Präsident, Justizchef und einem Vertreter der Geistlichkeit die wichtigsten Befugnisse. Parallel dazu tritt die Expertenversammlung zusammen, um einen neuen Führer zu bestimmen. Auf dem Papier wirkt das wie ein geordnetes Verfahren. Ein Staat mit festen Mechanismen, der auch ohne seine überragende Figur funktionieren kann. Doch wer den Iran kennt, weiß: Die wirkliche Macht folgt dort selten den offiziellen Diagrammen. Denn längst hat sich im Hintergrund ein anderer Machtkern gebildet.
Die unheimliche Macht der Revolutionsgarden
Während Chamenei formal an der Spitze stand, entwickelte sich über Jahre hinweg ein Staat im Staate. Die Revolutionsgarden, ursprünglich gegründet als ideologische Schutztruppe der Revolution von 1979, sind heute eine militärische, wirtschaftliche und politische Superstruktur. Sie kontrollieren Teile der Wirtschaft, verfügen über eigene Geheimdienste und bestimmen maßgeblich die regionale Außenpolitik des Landes. In Syrien, im Irak, im Libanon und im Jemen agieren ihre Netzwerke längst wie eine geopolitische Schattenarmee.
Der Oberste Führer war zwar ihr oberster Befehlshaber. Doch ihre institutionelle Macht ist inzwischen so groß, dass sie den politischen Kurs selbst mitbestimmen können. Insider sagen: allein bestimmen können. Mit Khameneis Tod wird diese Realität noch deutlicher.
Die Männer hinter der Bühne
In der Übergangsphase treten nun Figuren in den Vordergrund, die in der Öffentlichkeit weniger bekannt sind als Präsidenten oder Minister, innerhalb des Systems aber enorme Bedeutung besitzen.
Der Justizchef Mohseni Ejei gehört dazu, ebenso der Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf, ein ehemaliger Kommandeur der Revolutionsgarden. Auch der langjährige Machtpolitiker Ali Larijani spielt weiterhin eine Rolle als Strippenzieher innerhalb der Elite. Sie repräsentieren jene Generation von Funktionären, die Politik, Sicherheitsapparat und wirtschaftliche Macht miteinander verknüpft haben.
Ihre Stärke liegt nicht in religiöser Autorität, sondern in Netzwerken. Sie kennen die Kommandostrukturen der Garden, die Loyalitäten der Geheimdienste und die internen Rivalitäten der politischen Fraktionen. Mit anderen Worten: Sie wissen, wie Macht im Iran tatsächlich funktioniert.
Ein Führer ohne Führungsmacht?
Die Expertenversammlung hat einen der Söhne Chameneis, Modschtaba Chamenei, als aussichtsreichen Nachfolger seines Vaters ausgewählt. Noch ist der 55-Jährige ehemalige Büroleiter seines Vaters noch nicht bestätigt. Doch selbst wenn diese Entscheidung formal reibungslos verläuft, könnte sich die Rolle des Amtes verändern. Zumindest mutet seine wahrscheinliche Berufung als Nachfolger seines Vaters wie eine Mullah-Monarchie an: Verfallssymptome eines korrupten Systems.
Der nächste Führer wird ein System übernehmen, das längst nicht mehr allein auf charismatischer religiöser Autorität basiert. Vielmehr ist die Islamische Republik zu einem komplexen Sicherheitsstaat geworden. Das bedeutet: Der Titel des Revolutionsführers bleibt wichtig. Aber er könnte stärker symbolisch werden als bisher. Die operative Macht liegt zunehmend bei jenen Institutionen, die Waffen, Geheimdienste und wirtschaftliche Ressourcen kontrollieren.
Der Iran nach der Ära der Ajatollahs
Die Islamische Republik begann 1979 als religiöse Revolution. Ayatollah Chomeini verkörperte sie, Chamenei verwaltete sie über Jahrzehnte. Doch mit dem Ende dieser Generation könnte sich der Charakter des Systems verändern. Der Iran bewegt sich möglicherweise von einer Theokratie hin zu einer Art militärisch gestützter Oligarchie. Die religiöse Legitimation bleibt bestehen, doch die Entscheidungen werden von einem engen Kreis politischer und sicherheitspolitischer Eliten getroffen.
Das Regime wird dadurch nicht automatisch schwächer. Im Gegenteil: Sicherheitsapparate reagieren oft besonders stabil auf Machtübergänge, weil ihre Interessen klar organisiert sind. Aber es wird ein anderer Staat sein. Nicht mehr der Iran der revolutionären Ajatollahs, sondern der Iran der Generäle und Strategen.
Die entscheidende Frage
Für die iranische Bevölkerung stellt sich deshalb eine andere Frage als für die Machtelite. Nicht wer der nächste Oberste Führer wird, sondern ob das System selbst noch reformierbar ist. Denn ein Staat, dessen Zentrum sich von religiöser Autorität zu militärischer Macht verschiebt, wird selten offen oder pluralistisch. Meist wird er nur effizienter in der Aufrechterhaltung seiner Kontrolle.
Der Iran steht damit an einer Weggabelung. Doch die Richtung scheint bereits vorgezeichnet. Die Revolution hat ihre Hohepriester verloren. Geblieben sind die Wächter. Die iranische Opposition ist so vielfältig wie ein Sommergarten, jedoch völlig zerstritten. Bisher gibt es nur den Schah-Sohn Reza Pahlavi als bekanntester Kopf des Widerstands im Ausland. Auf der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz ist er hofiert worden und damit ist klar: Er soll noch was werden.
US-Präsident Trump weiß aus eigener Erfahrung, dass es eine charismatische Figur für den Sieg braucht. Die Amerikaner und auch die Israelis scheinen auf Pahlavi als eine integrierende Persönlichkeit für den Übergang zu setzen. Dass geht nur, wenn die Mullahkratie fällt. Und das geht nur mit der Fortsetzung des Krieges mit Bodentruppen. Doch wagen sich Washington und Tel Aviv das? Es wäre ein Szenario mit höchst ungewissem Ausgang.