Im Archiv des Freitag findet sich ein Gespräch, das Herausgeber Günter Gaus im Jahr 1999 mit Michael Succow geführt hat: „Kann die Erde diese Menschheit noch ertragen?“ lautet der Titel des Auszugs aus Gaus Reihe Zur Person. Michael Succow war zwei Jahre zuvor mit dem Right Livelihood Award ausgezeichnet worden, dem „Alternativen Nobelpreis“.

Succow, Jahrgang 1941 und Bauernsohn aus Brandenburg, hat in den 1960er Jahren Biologie in Greifswald studiert und ist als „Moorpapst“ bekannt, weil er sich dem Schutz der ökologisch wichtigen Feuchtgebiete verschrieben hat. Überhaupt war und ist Succow einer der bekanntesten Naturschützer der Republik – und einer der wirkmächtigsten: 1990 landete er als kurzzeitiger stellvertretender Minister für Natur-, Umweltschutz und Wasserwirtschaft der DDR einen Coup. Unter anderem darum geht es im Buch Das Abenteuer des Lebens. Erfahrungen und Erkenntnisse eines Ökologen, Weltbürgers und Mutmachers, das Michael Succow gerade mit der Journalistin Christiane Grefe veröffentlicht hat.

der Freitag: Frau Grefe, Michael Succow war maßgeblich daran beteiligt, dass fünf Prozent der Fläche der DDR unter Naturschutz gestellt wurde, wofür er mit dem „Alternativen Nobelpreis“ geehrt wurde. Was ist seine größte Leistung?

Christiane Grefe: Es waren sogar 10,8 Prozent! Knapp fünf Prozent sind durch die Rechtsprechung der DDR unter Schutz gestellt worden, am 1. Oktober 1990 wurden die Verordnungen in einem Sonderdruck des „Gesetzblattes der Deutschen Demokratischen Republik“ veröffentlicht – und traten zwei Tage vor dem Beitritt zum Geltungsbereich des westdeutschen Grundgesetzes in Kraft. Darüber hinaus hatten er und sein Team aber weitere Flächen so gesichert, dass der Schutz eine logische Konsequenz war: für den Nationalpark Unteres Odertal beispielsweise oder den Nationalpark Harz.

Die spektakuläre Vulkanlandschaft Kamtschatkas wurde unter UNESCO-Weltnaturerbe gestellt

Michael Succow kann Menschen mitreißen, aber für mich ist seine größte Leistung seine Ausdauer: Nicht die Repressalien in der DDR, keine wirtschaftlichen Interessen, kein Scheitern konnten ihn aufhalten. Finanzielle Probleme lösen, sich gegen politische Widerstände durchsetzen, gegen die Zwänge der Intensivlandwirtschaft und ihrer Interessenvertreter anzukämpfen, das hat er beharrlich und mit Erfolg getan. Nach dem Motto: Für Resignation habe ich keine Zeit.

Eine Szene beschreibt, wie er mit dem Gouverneur der russischen Halbinsel Kamtschatka zuerst in die Sauna geht und dann Wodka säuft. Was war da los?

Naja, gesoffen hat Succow nicht, aber in den früheren Sowjetrepubliken ging oft nichts ohne Verbrüderungs-Wodka. Ursprünglich wollte der Gouverneur Michael Succow gar nicht empfangen! Damals, kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, kamen viele amerikanische, aber auch andere Wirtschaftsvertreter auf die riesige Halbinsel mit dem Angebot, die Rohstoffe aus dem Boden zu holen. Der Gouverneur befürchtete den „Ausverkauf“ seiner Heimat. Als er dann mitkriegte, dass Succow genau das Gegenteil vorhatte, fasste er doch Vertrauen. Die Sauna-Diplomatie hatte Erfolg: Die spektakuläre Vulkanlandschaft Kamtschatkas wurde unter UNESCO-Weltnaturerbe gestellt. Im Buch gibt es ein schönes Foto vom Saunabesuch.

In der Mongolei war Succow schon 1973: Obwohl kein SED-Kader, sollte er als Bodenkundler helfen, ein erstes Staatsgut im Rahmen der DDR-Entwicklungshilfe aufzubauen

Diese Sauna-Diplomatie hat Succow öfter angewandt. Was kam dabei heraus?

Er musste natürlich nicht jedes Mal schwitzen, um vor allem in Osteuropa und den Nachfolgestaaten der früheren Sowjetrepubliken Schutzgebiete zu erreichen. Als DDR-Bürger konnte er Russisch, durch seine Reisen mit dem Kulturbund der DDR gab es viele Kontakte. So konnten das Lena-Delta und Teile Kareliens unter Schutz gestellt werden, es entstanden Biosphärenreservate in Kirgisistan, Kasachstan und Usbekistan sowie Nationalparks in Georgien, Russland oder Belarus.

Oder auch in der Mongolei. Dort war Succow schon 1973, als Bodenkundler sollte er – obwohl kein Parteikader – helfen, ein erstes Staatsgut im Rahmen der DDR-Entwicklungshilfe aufzubauen. Das Land mit seinen indigenen Züchtern und deren Lebensweise hat ihn ungeheuer fasziniert und war, glaube ich, sehr prägend. Und dann war er in Äthiopien, auch dort zunächst als Helfer aus dem sozialistischen Bruderstaat, später dann aber auch für den Naturschutz.

Jetzt ist das Buch erschienen, in welches Genre würden Sie es einordnen?

Es ist weder eine klassische Autobiographie noch eine klassische Biografie: Wir haben es am Schluss „Collage“ genannt. Das Buch gibt erzählerisch Succows Leben und sein Denken in Landschaften wieder, mit vielen O-Tönen, teils im Zwiegespräch mit ihm, teils aus der Erinnerung von Wegbegleitern. Wir wollten es so spannend und lebendig wie möglich machen, um den Leser für den Naturschutz zu gewinnen.

Kommen denn auch kritische Stimmen zu Wort?

Natürlich! Michael Succow kann Menschen sehr leicht für ein Projekt begeistern, zeigt dann aber manchmal wenig Interesse an den realen Hindernissen, weil er schon wieder beim nächsten Projekt ist. Darunter mussten einige Mitarbeiter leiden, die sich alleingelassen fühlten.

Aktuell wird der Naturschutz mal wieder stark zu Gunsten der Wirtschaft geschliffen

Michael Succow hat erzählt, sie haben geschrieben: Mussten Sie sich den fertigen Text von ihm genehmigen lassen?

Das musste ich nicht, aber ich wollte. Erstens steht ja sein Autorenname über meinem, es heißt auf dem Cover ‚Michael Succow mit Christiane Grefe‘. Zweitens bin ich keine Biologin, keine Botanikerin oder Ornithologin. Da war es mir ganz lieb, dass er den Text gelesen und Fehler ausgebügelt hat.

Das Buch ist jetzt raus, wer sollte es lesen?

Alle! Wir erleben eine so enorme Entfremdung von der Natur, uns geht das Verständnis für die Vielfalt und Schönheit einerseits verloren, aber andererseits auch für die Ökosystemleistungen der natürlichen Ressourcen und jene Grenzen, die sie uns setzen. Von der bundesdeutschen Planungsgesetzgebung bis zur Agrarpolitik: Aktuell wird der Naturschutz mal wieder stark zu Gunsten der Wirtschaft geschliffen. Das Buch liefert Argumente für die politische Diskussion – für unsere Zukunft.

Christiane Grefe, Jahrgang 1957, ist Absolventin der Deutschen Journalistenschule in München. Als Reporterin und Redakteurin arbeitete sie unter anderem für Wochenpost, GEO, Süddeutscher Zeitung und Zeit. Sie ist Autorin zahlreicher Sachbücher und wurde 2024 mit dem UmweltMedienpreis der Deutschen Umwelthilfe für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Das Abenteuer des Lebens: Erfahrungen und Erkenntnisse eines Ökologen, Weltbürgers und Mutmachers von Michael Succow mit Christiane Grefe ist im Oekom-Verlag erschienen (305 Seiten, 24 €).

222;Moorpapst“ bekannt, weil er sich dem Schutz der ökologisch wichtigen Feuchtgebiete verschrieben hat. Überhaupt war und ist Succow einer der bekanntesten Naturschützer der Republik – und einer der wirkmächtigsten: 1990 landete er als kurzzeitiger stellvertretender Minister für Natur-, Umweltschutz und Wasserwirtschaft der DDR einen Coup. Unter anderem darum geht es im Buch Das Abenteuer des Lebens. Erfahrungen und Erkenntnisse eines Ökologen, Weltbürgers und Mutmachers, das Michael Succow gerade mit der Journalistin Christiane Grefe veröffentlicht hat.der Freitag: Frau Grefe, Michael Succow war maßgeblich daran beteiligt, dass fünf Prozent der Fläche der DDR unter Naturschutz gestellt wurde, wofür er mit dem „Alternativen Nobelpreis“ geehrt wurde. Was ist seine größte Leistung? Christiane Grefe: Es waren sogar 10,8 Prozent! Knapp fünf Prozent sind durch die Rechtsprechung der DDR unter Schutz gestellt worden, am 1. Oktober 1990 wurden die Verordnungen in einem Sonderdruck des „Gesetzblattes der Deutschen Demokratischen Republik“ veröffentlicht – und traten zwei Tage vor dem Beitritt zum Geltungsbereich des westdeutschen Grundgesetzes in Kraft. Darüber hinaus hatten er und sein Team aber weitere Flächen so gesichert, dass der Schutz eine logische Konsequenz war: für den Nationalpark Unteres Odertal beispielsweise oder den Nationalpark Harz.Die spektakuläre Vulkanlandschaft Kamtschatkas wurde unter UNESCO-Weltnaturerbe gestelltMichael Succow kann Menschen mitreißen, aber für mich ist seine größte Leistung seine Ausdauer: Nicht die Repressalien in der DDR, keine wirtschaftlichen Interessen, kein Scheitern konnten ihn aufhalten. Finanzielle Probleme lösen, sich gegen politische Widerstände durchsetzen, gegen die Zwänge der Intensivlandwirtschaft und ihrer Interessenvertreter anzukämpfen, das hat er beharrlich und mit Erfolg getan. Nach dem Motto: Für Resignation habe ich keine Zeit. Eine Szene beschreibt, wie er mit dem Gouverneur der russischen Halbinsel Kamtschatka zuerst in die Sauna geht und dann Wodka säuft. Was war da los?Naja, gesoffen hat Succow nicht, aber in den früheren Sowjetrepubliken ging oft nichts ohne Verbrüderungs-Wodka. Ursprünglich wollte der Gouverneur Michael Succow gar nicht empfangen! Damals, kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, kamen viele amerikanische, aber auch andere Wirtschaftsvertreter auf die riesige Halbinsel mit dem Angebot, die Rohstoffe aus dem Boden zu holen. Der Gouverneur befürchtete den „Ausverkauf“ seiner Heimat. Als er dann mitkriegte, dass Succow genau das Gegenteil vorhatte, fasste er doch Vertrauen. Die Sauna-Diplomatie hatte Erfolg: Die spektakuläre Vulkanlandschaft Kamtschatkas wurde unter UNESCO-Weltnaturerbe gestellt. Im Buch gibt es ein schönes Foto vom Saunabesuch.In der Mongolei war Succow schon 1973: Obwohl kein SED-Kader, sollte er als Bodenkundler helfen, ein erstes Staatsgut im Rahmen der DDR-Entwicklungshilfe aufzubauenDiese Sauna-Diplomatie hat Succow öfter angewandt. Was kam dabei heraus?Er musste natürlich nicht jedes Mal schwitzen, um vor allem in Osteuropa und den Nachfolgestaaten der früheren Sowjetrepubliken Schutzgebiete zu erreichen. Als DDR-Bürger konnte er Russisch, durch seine Reisen mit dem Kulturbund der DDR gab es viele Kontakte. So konnten das Lena-Delta und Teile Kareliens unter Schutz gestellt werden, es entstanden Biosphärenreservate in Kirgisistan, Kasachstan und Usbekistan sowie Nationalparks in Georgien, Russland oder Belarus.Oder auch in der Mongolei. Dort war Succow schon 1973, als Bodenkundler sollte er – obwohl kein Parteikader – helfen, ein erstes Staatsgut im Rahmen der DDR-Entwicklungshilfe aufzubauen. Das Land mit seinen indigenen Züchtern und deren Lebensweise hat ihn ungeheuer fasziniert und war, glaube ich, sehr prägend. Und dann war er in Äthiopien, auch dort zunächst als Helfer aus dem sozialistischen Bruderstaat, später dann aber auch für den Naturschutz.Jetzt ist das Buch erschienen, in welches Genre würden Sie es einordnen?Es ist weder eine klassische Autobiographie noch eine klassische Biografie: Wir haben es am Schluss „Collage“ genannt. Das Buch gibt erzählerisch Succows Leben und sein Denken in Landschaften wieder, mit vielen O-Tönen, teils im Zwiegespräch mit ihm, teils aus der Erinnerung von Wegbegleitern. Wir wollten es so spannend und lebendig wie möglich machen, um den Leser für den Naturschutz zu gewinnen.Kommen denn auch kritische Stimmen zu Wort?Natürlich! Michael Succow kann Menschen sehr leicht für ein Projekt begeistern, zeigt dann aber manchmal wenig Interesse an den realen Hindernissen, weil er schon wieder beim nächsten Projekt ist. Darunter mussten einige Mitarbeiter leiden, die sich alleingelassen fühlten.Aktuell wird der Naturschutz mal wieder stark zu Gunsten der Wirtschaft geschliffenMichael Succow hat erzählt, sie haben geschrieben: Mussten Sie sich den fertigen Text von ihm genehmigen lassen?Das musste ich nicht, aber ich wollte. Erstens steht ja sein Autorenname über meinem, es heißt auf dem Cover ‚Michael Succow mit Christiane Grefe‘. Zweitens bin ich keine Biologin, keine Botanikerin oder Ornithologin. Da war es mir ganz lieb, dass er den Text gelesen und Fehler ausgebügelt hat.Das Buch ist jetzt raus, wer sollte es lesen?Alle! Wir erleben eine so enorme Entfremdung von der Natur, uns geht das Verständnis für die Vielfalt und Schönheit einerseits verloren, aber andererseits auch für die Ökosystemleistungen der natürlichen Ressourcen und jene Grenzen, die sie uns setzen. Von der bundesdeutschen Planungsgesetzgebung bis zur Agrarpolitik: Aktuell wird der Naturschutz mal wieder stark zu Gunsten der Wirtschaft geschliffen. Das Buch liefert Argumente für die politische Diskussion – für unsere Zukunft.



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