Wie Historic England am 7. Januar dieses Jahres berichtet hat, wurde in West Norfolk, England, ein aus der Eisenzeit stammender „hoard“ gefunden, sehr unvollkommen ins Deutsche als „Schatz“ übersetzt, bei dem es sich um eine Sammlung von Metallobjekten handelt, wie sie auch anderswo in Europa gefunden wurde, und die häufig als Ablage von Votivgaben interpretiert wird.

Der Fund wurde im Zuge einer routinemäßigen archäologischen Ausgrabung gemacht, die Teil des normalen Planungsorozesses für den Bau von Wohnimmobilien ist. Die Ausgrabung wurde von „Pre-Construct Archaeology“ (PCA) durchgeführt, einem unabhängigen, auf archäologische Ausgrabungen spezialisierten Unternehmen.

Bildquelle: Claude Valette, 2012 ; CC.BY.2.0

Was PCA zu Tage gefördert hat, ist bemerkenswert, denn der „hoard“ umfasst bislang in anderen „hoards“ selten vertretene Objekte wie eine Standarte mit Eberkopf, fünf Schildbuckel und – allen voran – eine fast vollständige Carnyx, d.h. eine eisenzeitlichen Art von S-förmiger langer Trompete oder Horn, sowie Teile einer zweiten Carnyx.

Die Carnyx wurde in der Zeit von etwa 300 v. Chr. bis 200 n.Chr. in Weiten Teilen Europas von keltischen Stämmen benutzt, und das Instrument ist nicht nur auf keltischen Münzen, die in Frankreich und auf der Britischen Insel gefunden wurden, abgebildet (Hunter 2009), sondern auch auf der Platte E des berühmten Silberkessels von Gundestrup, der in Dänemark gefunden wurde und aus eben dem genannten Zeitraum stammt. Er zeigt drei Carynx-Spieler, die hinter Schwert- und Schildträgern in den Kampf ziehen oder sich bereits im Kampf befinden (s. oben auf dem Bild) .

Kopf der Leichestown Deskford Carnyx; Bildquelle: „spricey“ 2011; Quelle: Spricey CC.BY.2.0

Funde von (Teilen von) Carnyx-Instrumenten sind aber eine Seltenheit; nur 21 solcher Funde aus der Eisen- oder Römerzeit konnte Fraser Hunter in seiner Zusammenstellung aus dem Jahr 2019 (auf Seite 125) nennen, wobei sieben von ihnen allein auf den Fundort Tintignac in Frankreich entfallen. In Großbritannien wurden vor dem Fund aus Norfolk nur zwei Exemplare gefunden, nämlich die Leichestown Deskford Carnyx, die im Jahr 1816 in einem Torfmoor in Schottland entdeckt wurde, und eine Carnyx, die 1768 bei Tattershall Ferry aus dem Fluss Witham ausgebaggert wurde, aber inzwischen verloren geangen ist und nur per Bild dokumentiert ist.

„Die Carnyx war ein hohes, tierköpfiges Kriegshorn, das aufrecht gespielt wurde, damit sein Klang über die Landschaft getragen werden konnte. Es handelte sich nicht nur um ein Musikinstrument, sondern um ein Mittel der psychologischen Kriegsführung, das darauf ausgelegt war, einzuschüchtern, zu verunsichern und zu überwältigen, bevor irgendwelche Kämpfe begannen. Antike Schriftsteller waren von seiner Wirkung deutlich beeindruckt. Der griechische Historiker Polybios (ca. 200 –ca. 118 v. Chr.) beschrieb die Schlacht von Telamon und schrieb, dass der kombinierte Klang von Carnyxen und anderen Kriegshörnern so überwältigend sei, dass er ’vom gesamten Land auszugehen schien’“.

Im Original:

„The carnyx was a tall, animal-headed war horn, played upright so its sound could carry across the landscape. It wasn’t just a musical instrument, but a tool of psychological warfare, designed to intimidate, unsettle and overwhelm before any fighting began. Ancient writers were clearly struck by its effect. Describing the battle of Telamon, the Greek historian Polybius (c.200–c.118 BC) wrote that the combined sound of carnyces and other war horns was so overwhelming that it seemed to ’emanate from the entire countryside’“.

So heißt es auf einer Seite des PCA.

Weil keine vollständig intakte Carnyx aus der Eisenzeit gefunden wurde, war unklar, wie genau sie funktioniert hat und wie sich angehört hat:

„Im Jahr 1992 führte ein multidisziplinäres Team, darunter der Musikwissenschaftler John Purser, der Archäologe Fraser Hunter, der Silberschmied John Creed und der Musiker John Kenny, eine Rekonstruktion der Carnyx durch, eines keltischen Blechblas-Instrumentes, gekennzeichnet durch eine Glocke in Form eines Eberkopfes. Die Rekonstruktion basierte auf einem Fragment einer Carnyx, die im frühen 19. Jahrhundert auf Ackerland in der Nähe von Deskford im Nordosten Schottlands entdeckt wurde. Da nur der Kopf der Deskford-Carnyx überlebt hat, wurden Entscheidungen über die Länge und das Bohrungsprofil des Rohrs und die Art und Ausrichtung des Mundstücks von Bildern der Carnyx auf Gefäßen und Münzen aus der frühen Hälfte der christlichen Ära angeleitet und durch akustische Überlegungen auf der Grundlage von Berechnungen und Messungen an einem Prototyp. Im Jahr 2004 wurde bei Ausgrabungen im französischen Tintignac eine Sammlung von Bronzerohren freigelegt, darunter Teile von mehreren Carnyxen. Der vorliegende Artikel untersucht das akustische und musikalische Verhalten der Deskford-Rekonstruktion und überdenkt die 1992 getroffenen Entscheidungen im Lichte der neuen Informationen von Tintignac und der umfangreichen Auftrittserfahrung von John Kenny in den letzten achtzehn Jahren“.

Im Original:

„In 1992 a multidisciplinary team including the musicologist John Purser, the archaeologist Fraser Hunter, the silversmith John Creed and the musician John Kenny undertook a reconstruction of the carnyx, a Celtic brass instrument characterised by a bell in the form of a boar’s head. The reconstruction was based on a fragment of a carnyx which was  discovered in the early nineteenth century buried on farm land near Deskford in north-east Scotland. Since only the head of the Deskford carnyx has survived, decisions on the length and bore profile of the tube and the nature and orientation of the mouthpiece were guided by images of the carnyx on vessels and coins from the early part of the Christian era, and by acoustical considerations based on calculations and measurements on a prototype. In 2004 excavations at Tintignac in France revealed a collection of bronze tubing including parts of several carnyxes. The present paper reviews the acoustical and musical behaviour of the Deskford reconstruction, and reconsiders the decisions taken in 1992 in the light of the new information from Tintignac and the extensive performing experience of John Kenny over the last eighteen years“ (Campbell &  Kenny 2012: 3962).

Mit dem neuen Fund einer fast vollständigen Carnyx aus Norfolk sollte es möglich sein, die Funktionsweise der Carnyx und (damit) ihren Klang noch besser zu rekonstruieren. Gegebenenfalls wird das Ergebnis einer neuerlichen Rekonstruktion aber nicht sehr viel anders ausfallen als das Ergebnis, das bereits auf der Basis der bisherigen Rekonstruktionen erzielt wurde.

Und damit man sich vorstellen kann, wie die Carnyx geklungen hat, hier eine Demonstration, die (ich glaube,) John Kenny selbst auf dem Festival Interceltique de Lorient des Jahres 2019 gegeben hat:

 


Zitierte Literatur:

Campbell, Murray, & Kenny, John, 2012: Acoustical and Musical Properties of the Deskford Carnyx Reconstruction. Acoustics 2012, Apr 2012, Nantes, France. ffhal-00811340

Hunter, Fraser, 2019: The Carnyx in Iron Age Europe: The Deskford Carnyx in its European context. Vol. 1. Mainz: Verlag des Römisch-Germanischen Zentralmuseums (RGZM Monographien Band 146)

Hunter, Fraser, 2009: The Carnyx and Other Trumpets on Celtic Coins, S. 231-248 in: van Heesch, Johan, & Heeren, Inge, (Hrsg.): Coinage in the Iron Age: Essays in Honour of Simone Scheers. London: Spink

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