Es ist noch nicht lange her, dass Grönland als Kulisse für Thriller-Plots etabliert wurde. Immer geht es dabei um Öl, um Gier, Intrigen, Gewalt und politische Einflussnahme. Wer diese Grönland-Filme jetzt sieht, schaut sie mit anderen Augen
Alles zerstört: Szene aus dem Katastrophenfilm „Greenland 2“
Foto: Tobis Film
Ist Donald Trump deshalb so von Grönland besessen, weil er 2020 den Kinofilm Greenland gesehen hat? Hauptdarsteller Gerald Butler rettet sich darin angesichts postapokalyptischer Meteoritenschauer von den USA über Kanada auf die Insel im Nordatlantik? Machen Sie sich selbst ein Bild: Die Fortsetzung dieses dystopischen Action-Blockbusters, in dem Grönland die Rettung in katastrophalen Zeiten verheißt, ist dieser Tage im Kino angelaufen.
Es ist schon bemerkenswert, wie sehr die riesige, aber noch immer siedlungsfeindliche und eisbedeckte Insel derzeit in den Fokus rückt. Denn lange spielte Grönland in südlicheren Öffentlichkeiten so gut wie keine Rolle, wenn man von Dänemark einmal absieht sowie von US-amerikanischen Raketen-Strategen. Diese hatten bereits in den 1950ern dafür gesorgt, dass die Vereinigten Staaten dort Militärbasen einrichteten, die Trump nun geräuschlos ausbauen könnte, wenn er nicht den ganzen Kuchen wollte.
Grönland-Topoi von Thule-Mythos bis Erdöl-Gier
Ansonsten kam Grönland als kultureller Topos bis in die 2010er Jahre allenfalls indirekt bei marginalen Rechtsextremen vor, die sich ins antike „Thule“ wünschten. Die mythische Insel im eisigen Meer, die der Seefahrer Pytheas von Massalia (370 bis 310 v.u.Z.) beschrieben hatte, war etwa namensgebend für das 1980 in Kassel gegründete „Thule-Seminar“. Diesen nordisch-völkischen Fantasten wünschte man stets ein Zusammentreffen mit den Menschen aus dem realen Thule, das auf Kalaallisut, der Landessprache Grönlands, Qaanaaq heißt. Sie würden ihren verschrobenen Idealen kaum entsprochen.
Bei Trump, der zwar weit rechts steht, der Kenntnis randständiger Mythen mit Antike-Bezug aber unverdächtig ist, dürfte sich der schon während der ersten Amtszeit ausgesprochene, nun aber noch verdichtete Drang nach Norden wohl eher auf die Gier nach Energieressourcen gründen. Ganz ähnlich wie in der aktuellen Serie Smillas Gespür für Schnee, einer neuen filmischen Adaption des Neunziger-Klassikers: Grönland wird hier zur Projektionsfläche für die Jagd nach den Ressourcen der Zukunft. Vorneweg marschiert dabei ein widerlicher Faschist, der in der 2040 angesiedelten Geschichte davon überzeugt ist, in Grönland so etwas wie den heiligen Gral der Energiesicherheit zu finden. Den braucht er, um unangefochten herrschen zu können.
Die Last Frontier im hohen Norden
Sieht ganz so aus, als würde in Dons Griff nach Grönland die Realität mal wieder die Fiktion einholen. Jedenfalls gingen dem jetzt so dringlichen Gezerre um die Schatzinsel im Höchsten Norden knapp anderthalb Jahrzehnte an Unterhaltungs-Content voran, die Grönland als Destination solchen Glücksrittertums kulturell etablierten. Einen Anfang machte das mehr oder minder geskriptete Reality-Reportage-Männer-Format Eiskaltes Gold (2012–2015). Darin macht sich eine Gruppe von Schatzsuchern um die Medien-Persönlichkeit Eric Drummond in Grönland auf die Suche nach Gold und Rubinen, die – wie sie hoffen – durch den Klimawandel jetzt besser zugänglich seien.
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Aufs Erdöl bezogen und zum Polit-Thriller ausgebaut, findet sich dieser Last-Frontier-Plot nicht nur in der vierten Staffel von Borgen, der paradigmatischen Serie um Macht und Moral in Dänemark. Sondern auch in der Serie Thin Ice (2020), in die man derzeit via ARD-Mediathek einsteigen kann: Der – real existierende – Arktische Rat will auf Grönland ein Umweltabkommen unterzeichnen, das dort Ölbohrungen verbietet, aber dann treten ominöse Terroristen in Erscheinung, die im eisigen Meer ein Forschungsschiff entführen. Auf diesem vermuten sie die schwedische Außenministerin, die als gelernte Klimatologin das betreffende Abkommen initiiert hat …
Der Planet Ghorman, um den es in der zweiten Staffel des Star-Wars-Ablegers Andor (2025) geht, hat mit Grönland zwar wenig gemein. Aber auch hier wird ein marginales Territorium zum Gegenstand imperialer Strategien: Um die Ressourcen zum Bau des hinlänglich bekannten Todessterns zu gewinnen, muss dieser Planet komplett zerstört werden, was dann auch passiert. Dem voraus geht eine Counter-Intelligence-Aktion, um Widerstände und einen Aufstand zu kreieren, der dem Imperium die Zerstörung ermöglicht.
Wenn in der Fiktion imperiale Offiziere über den Energiehunger ihrer Kriege und des dazugehörigen totalitären Unterdrückungssystems sprechen, hat man immer wieder den Eindruck, man höre Trump persönlich. Kein Wunder, dass Hollywood in diesem Fall sogar die terroristischen Bombenleger von der anti-imperialen Rebellenarmee als coole Helden in Szene setzt.
Russische Petro-Heads und andere mögliche Eindringlinge
Eröffnet wurde das Genre vom plötzlich höchst begehrten und daher erbittert umkämpften Norden allerdings schon 1992: in Sailor Song, dem Spätwerk der US-amerikanischen 1968er-Ikone Ken Kesey, dem wir auch Einer flog übers Kuckucksnest verdanken. In diesem Frühwerk der Climate Fiction – wohl nicht aus Zufall just 2025 ins Deutsche übersetzt – lebt eine wilde Truppe von Drop-Outs in einem Alaska der Zukunft, das angesichts des Klimawandels zum nachgefragten Ort wird und zu diesem Zweck enteignet und touristisch genutzt werden soll.
Bleibt erstens die Frage nach dem Bösewicht. Im schwedischen Netflix-(Anti‑)Kriegsfilm Operation Schwarze Krabbe, der kurz nach Russlands Einfall in die Ukraine und Schwedens NATO‑Beitritt entstand, liegt die Antwort darauf nahe. Auch gemahnt der Plot, in dem Soldaten auf Schlittschuhen in einer postapokalyptischen Welt über ein zugefrorenes Meer fahren, um eine verloren gegangene Bio-Waffe ausfindig zu machen, an Grönland.
Dort soll ja 1968 bei einem Flugzeugabsturz eine US-amerikanische Atomwaffe verloren gegangen sein – was offizielle Untersuchungen allerdings herunterspielen. Etwas komplexer entwickelt sich die Handlung von Thin Ice: Nachdem zunächst alles auf die finsteren russischen Petro-Heads als Hintermänner jener Terror-Aktivität hinzuweisen scheint und Russland aus dem Arktischen Rat geworfen wird, nimmt der Plot noch eine Wendung. So scheint es nun ja auch in Wirklichkeit zu sein.
Was geht da noch an Widerstand – wenn nicht indigene Magie?
Was aber ist schließlich mit – Widerstand? Hier wird die populärkulturelle Vorlage so dünn wie wohl auch die politische Realität. Die sehenswerte neue Smilla-Serie weist darauf hin, dass in Grönland „Freiheit“ gewiss nicht selbstverständlich mit dem Status Quo eines dänischen Außengebiets in Verbindung gebracht werden muss. Das Verhältnis der indigenen Bevölkerung zu den in dieser Serie ziemlich rechtsgerichteten und nationalistischen Dänen, ist angespannt, ihre Sprache im Kernland sogar verboten.
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Die Titelfigur, eine Mathematikerin, bekommt den anti-grönländischen Rassismus zu spüren, der im fiktiven Kopenhagen des Jahres 2040 herrscht. Die Geschichte der realen Kolonialgewalt Dänemarks auf der Insel klingt hier also deutlich an. So zeigt die Serie gewissermaßen auch, wo ein gewitzter Trump bei seinem Griff nach der Insel ansetzen müsste, auch wenn die USA in Sachen Schutz des indigenen Lebens ja nicht die beste Bilanz aufweisen.
Aber politische Klugheit gehört ja weit weniger zur DNA des Präsidenten als die nackte und rohe Macht. Und dieser hat Grönland in der sehenswerten Smilla-Serie, die gegen Ende ein wenig in eine esoterisch angehauchte Fantasy-Erzählung abrutscht, nur noch eins entgegenzusetzen – ominöse, quasi-magische indigene Kräfte. Das ist bezeichnend für die wirkliche Welt, in der man auf diese kaum setzen können wird.
n südlicheren Öffentlichkeiten so gut wie keine Rolle, wenn man von Dänemark einmal absieht sowie von US-amerikanischen Raketen-Strategen. Diese hatten bereits in den 1950ern dafür gesorgt, dass die Vereinigten Staaten dort Militärbasen einrichteten, die Trump nun geräuschlos ausbauen könnte, wenn er nicht den ganzen Kuchen wollte.Grönland-Topoi von Thule-Mythos bis Erdöl-Gier Ansonsten kam Grönland als kultureller Topos bis in die 2010er Jahre allenfalls indirekt bei marginalen Rechtsextremen vor, die sich ins antike „Thule“ wünschten. Die mythische Insel im eisigen Meer, die der Seefahrer Pytheas von Massalia (370 bis 310 v.u.Z.) beschrieben hatte, war etwa namensgebend für das 1980 in Kassel gegründete „Thule-Seminar“. Diesen nordisch-völkischen Fantasten wünschte man stets ein Zusammentreffen mit den Menschen aus dem realen Thule, das auf Kalaallisut, der Landessprache Grönlands, Qaanaaq heißt. Sie würden ihren verschrobenen Idealen kaum entsprochen. Bei Trump, der zwar weit rechts steht, der Kenntnis randständiger Mythen mit Antike-Bezug aber unverdächtig ist, dürfte sich der schon während der ersten Amtszeit ausgesprochene, nun aber noch verdichtete Drang nach Norden wohl eher auf die Gier nach Energieressourcen gründen. Ganz ähnlich wie in der aktuellen Serie Smillas Gespür für Schnee, einer neuen filmischen Adaption des Neunziger-Klassikers: Grönland wird hier zur Projektionsfläche für die Jagd nach den Ressourcen der Zukunft. Vorneweg marschiert dabei ein widerlicher Faschist, der in der 2040 angesiedelten Geschichte davon überzeugt ist, in Grönland so etwas wie den heiligen Gral der Energiesicherheit zu finden. Den braucht er, um unangefochten herrschen zu können.Die Last Frontier im hohen NordenSieht ganz so aus, als würde in Dons Griff nach Grönland die Realität mal wieder die Fiktion einholen. Jedenfalls gingen dem jetzt so dringlichen Gezerre um die Schatzinsel im Höchsten Norden knapp anderthalb Jahrzehnte an Unterhaltungs-Content voran, die Grönland als Destination solchen Glücksrittertums kulturell etablierten. Einen Anfang machte das mehr oder minder geskriptete Reality-Reportage-Männer-Format Eiskaltes Gold (2012–2015). Darin macht sich eine Gruppe von Schatzsuchern um die Medien-Persönlichkeit Eric Drummond in Grönland auf die Suche nach Gold und Rubinen, die – wie sie hoffen – durch den Klimawandel jetzt besser zugänglich seien.Placeholder image-2Aufs Erdöl bezogen und zum Polit-Thriller ausgebaut, findet sich dieser Last-Frontier-Plot nicht nur in der vierten Staffel von Borgen, der paradigmatischen Serie um Macht und Moral in Dänemark. Sondern auch in der Serie Thin Ice (2020), in die man derzeit via ARD-Mediathek einsteigen kann: Der – real existierende – Arktische Rat will auf Grönland ein Umweltabkommen unterzeichnen, das dort Ölbohrungen verbietet, aber dann treten ominöse Terroristen in Erscheinung, die im eisigen Meer ein Forschungsschiff entführen. Auf diesem vermuten sie die schwedische Außenministerin, die als gelernte Klimatologin das betreffende Abkommen initiiert hat …Der Planet Ghorman, um den es in der zweiten Staffel des Star-Wars-Ablegers Andor (2025) geht, hat mit Grönland zwar wenig gemein. Aber auch hier wird ein marginales Territorium zum Gegenstand imperialer Strategien: Um die Ressourcen zum Bau des hinlänglich bekannten Todessterns zu gewinnen, muss dieser Planet komplett zerstört werden, was dann auch passiert. Dem voraus geht eine Counter-Intelligence-Aktion, um Widerstände und einen Aufstand zu kreieren, der dem Imperium die Zerstörung ermöglicht.Wenn in der Fiktion imperiale Offiziere über den Energiehunger ihrer Kriege und des dazugehörigen totalitären Unterdrückungssystems sprechen, hat man immer wieder den Eindruck, man höre Trump persönlich. Kein Wunder, dass Hollywood in diesem Fall sogar die terroristischen Bombenleger von der anti-imperialen Rebellenarmee als coole Helden in Szene setzt.Russische Petro-Heads und andere mögliche EindringlingeEröffnet wurde das Genre vom plötzlich höchst begehrten und daher erbittert umkämpften Norden allerdings schon 1992: in Sailor Song, dem Spätwerk der US-amerikanischen 1968er-Ikone Ken Kesey, dem wir auch Einer flog übers Kuckucksnest verdanken. In diesem Frühwerk der Climate Fiction – wohl nicht aus Zufall just 2025 ins Deutsche übersetzt – lebt eine wilde Truppe von Drop-Outs in einem Alaska der Zukunft, das angesichts des Klimawandels zum nachgefragten Ort wird und zu diesem Zweck enteignet und touristisch genutzt werden soll.Bleibt erstens die Frage nach dem Bösewicht. Im schwedischen Netflix-(Anti‑)Kriegsfilm Operation Schwarze Krabbe, der kurz nach Russlands Einfall in die Ukraine und Schwedens NATO‑Beitritt entstand, liegt die Antwort darauf nahe. Auch gemahnt der Plot, in dem Soldaten auf Schlittschuhen in einer postapokalyptischen Welt über ein zugefrorenes Meer fahren, um eine verloren gegangene Bio-Waffe ausfindig zu machen, an Grönland.Dort soll ja 1968 bei einem Flugzeugabsturz eine US-amerikanische Atomwaffe verloren gegangen sein – was offizielle Untersuchungen allerdings herunterspielen. Etwas komplexer entwickelt sich die Handlung von Thin Ice: Nachdem zunächst alles auf die finsteren russischen Petro-Heads als Hintermänner jener Terror-Aktivität hinzuweisen scheint und Russland aus dem Arktischen Rat geworfen wird, nimmt der Plot noch eine Wendung. So scheint es nun ja auch in Wirklichkeit zu sein. Was geht da noch an Widerstand – wenn nicht indigene Magie?Was aber ist schließlich mit – Widerstand? Hier wird die populärkulturelle Vorlage so dünn wie wohl auch die politische Realität. Die sehenswerte neue Smilla-Serie weist darauf hin, dass in Grönland „Freiheit“ gewiss nicht selbstverständlich mit dem Status Quo eines dänischen Außengebiets in Verbindung gebracht werden muss. Das Verhältnis der indigenen Bevölkerung zu den in dieser Serie ziemlich rechtsgerichteten und nationalistischen Dänen, ist angespannt, ihre Sprache im Kernland sogar verboten.Placeholder image-1Die Titelfigur, eine Mathematikerin, bekommt den anti-grönländischen Rassismus zu spüren, der im fiktiven Kopenhagen des Jahres 2040 herrscht. Die Geschichte der realen Kolonialgewalt Dänemarks auf der Insel klingt hier also deutlich an. So zeigt die Serie gewissermaßen auch, wo ein gewitzter Trump bei seinem Griff nach der Insel ansetzen müsste, auch wenn die USA in Sachen Schutz des indigenen Lebens ja nicht die beste Bilanz aufweisen. Aber politische Klugheit gehört ja weit weniger zur DNA des Präsidenten als die nackte und rohe Macht. Und dieser hat Grönland in der sehenswerten Smilla-Serie, die gegen Ende ein wenig in eine esoterisch angehauchte Fantasy-Erzählung abrutscht, nur noch eins entgegenzusetzen – ominöse, quasi-magische indigene Kräfte. Das ist bezeichnend für die wirkliche Welt, in der man auf diese kaum setzen können wird.