Wir hören ständig davon, wie schwierig es sei, sich in der medial vermittelten Welt zurechtzufinden im Hinblick auf die Interessen, die hinter bestimmten Medien oder hinter bestimmten Nachrichten oder Berichten stehen, wie schwierig es sei, Wahrheit von Lüge zutrennen, Aufklärung von Täuschung etc. Gleichzeitig werden Vorurteile oder Heuristiken, die man dabei verwendet, sich ein Urteil über etwas zu bilden, verteufelt, weil sie im Einzelfall oder vielleicht sogar in einer nennenswerten Anzahl von Fällen ja immerhin falsch sein könnten.

Geraten wird uns, dem zu vertrauen, was uns „Experten“ unbekannter Qualifikation als richtig oder gut verkünden, ganz so, als sei Expertentum, so es denn tatsächlich vorhanden sein sollte, eine Eigenschaft, durch die sich ein quasi göttliches Urteil über das, was richtig oder gut ist, am Ende sogar für alle bzw. „die Gesellschaft“, mitteile.

Dass das keine vernünftigte Option ist, sollte eigentlich für jeden ziemlich schnell erkennbar sein, und sei es nur aufgrund vergangener Erfahrungen mit „Experten“, die entweder tatsächlich keine Expertise hatten oder ihre Expertise aus opportunistischen Gründen in den Wind zu schreiben bereit waren.

Was also tun?

Dass wir Heuristiken anwenden, wenn wir entscheiden (sollen), wie wir uns zu Dingen stellen, ist unvermeidlich.

Wenn es um moralische Urteile geht, dann fällt vielen von uns die Entscheidung darüber, wie wir uns zu etwas stellen (sollten), vergleichsweise leicht, nämlich dann, wenn wir grundlegende Prinzipien haben, die unsere Moral ausmachen. Wir legen diese Prinzipien bzw. auf ihnen basierende Heuristiken unseren moralischen Urteilen zugrunde und werfen sie nicht einfach über den Haufen, weil jemand ein anderes Prinzip hat und seinen eigenen Urteilen zugrundelegt.

Sicher haben Sie ein „Rezept“, eine Heuristik, die Ihnen dabei hilft, sich zu Dingen zu stellen, ohne sie in jedem Fall und im Einzelnen würdigen zu müssen (was die menschliche Kognition ohnehin völlig überfordern würde).

Welches ist es?
Auf welches Grundprinzip des Anstandes (wenn man so sagen will) geht es zurück?

Ich persönlich habe ein „Rezept“ mit Bezug auf moralische Urteile, und es ist ein recht simples. Ich behaupte nicht, dass es unfehlbar sei – das wird man von keinem oder kaum einem Prinzip behaupten können – , aber in den bei Weitem meisten Fällen hat es sich für mich als tragfähig erwiesen.

Das „Rezept“ besteht darin, die folgende einfache Frage zu stellen:

„Bringt eine Sache oder ein Handeln mehr – vor allem: mehr unnötiges – Leid in diese Welt oder reduziert es das Leid in dieser Welt vorhersehbar?“

Eine philosophische Abhandlung würde erfordern, dass „Leid“ definiert wird, dass eine Regel für die Abwägung von Leid der einen gegen Nutzen (im weitesten Sinn) der andern angegeben wird etc. Aber seien wir ehrlich: im täglichen Leben ist es gewöhnlich nicht notwendig, z.B. zu definieren, was genau „Leid“ sein soll; es teilt sich ziemlich unmittelbar mit, vor allem als Angst oder Schmerz. Und ebenso verhält es sich in der Regel mit dem Abwägen von Leid(/-Verursachen) auf der einen Seite und Nutzen oder „Erfordernis“ auf der anderen Seite.

So habe ich keinerlei Schwierigkeiten, das Verfahren des Halal-Schlachtens als gänzlich unmoralisch anzusehen und als akzeptabel auszuschließen, bringt es doch de facto mehr Leid, und vor allem in der Sache des Tötens mehr unnötiges Leid für die so zur Strecke gebrachten Tiere in diese Welt.

Auf der anderen Seite besteht ein „Nutzen“ von Fleischessern lediglich darin, dass sie meinen können, dass ein Gott, von dem sie eine bestimmte Vorstellung haben, Propheten damit beauftragt haben mag, auf eine Weise zu handeln, die unnötiges Leid in diese Welt gebracht hat, und dass sie es deshalb genauso machen müssten.

Warum, bitte, sollte man sich einen solchen – sadistischen – Gott vorstellen wollen oder meinen, ihm Folge leisten zu sollen, wenn dieser Gott nichts besseres zu tun hatte, als mehr und unnötiges Leid in diese Welt zu bringen?! Und überhaupt: wenn Gott alles kann, kann er dann nicht vielleicht seine Meinung ändern?

Wie dem auch sei – in jedem Fall steht realem, unnötigem Leid, lediglich eine Vorstellung gegenüber, deren Bezug zur Realität, sagen wir, höchst fragwürdig ist. Die Entscheidung in diesem Fall sollte also anhand meiner einfachen Frage leicht fallen.

Dasselbe gilt für die große Mehrzahl politischer Entscheidungen oder Maßnahmen:

Ist es akzeptabel, dass aufgrund der Vorstellung von menschengemachtem Klimawandel konkretes und unnötiges Leid unter Menschen verursacht wird, etwa in Form finanzieller Not, die sich u.a. in frierenden und sogar erfrierenden alten Menschen äußert? Selbst dann, wenn er existieren würde, würden Maßnahmen wie die Reduktion von CO2-Ausstoß z.B. in Deutschland oder im Vereinigten Köngreich ohne Effekt bleiben, wenn Staaten wie China und Indien sich nicht an ihnen beteiligen oder sie sogar als eine Art „Freischein“ ansehen, um selbst mehr CO2 ausstoßen zu können. Dem konkreten verursachten Leid stünde also keinerlei erkennbarer Nutzen in der beobachtbaren Realität gegenüber; solches Leid ist im tiefsten Sinn unnötig.

Aber selbst dann, wenn China und Indien dieselben Politiken verfolgen würde wie Deutschland oder das Vereinigte Königreich – wäre jetzt konkret verursachtes Leid dadurch zu rechtfertigen, dass kommende Generationen vielleicht in einer Welt leben werden, in der die durchschnittliche Temperatur des Erdballes 1 Grad höher ist als das jetzt der Fall ist?

Ergebnisse des Sozialismus in Kambodscha

Und wenn dieser Fall eintreten würde, welche negativen oder – unerwarteten? – positiven Effekte hätte es? Welche vielleicht viel besseren Arten des Umgangs mit den herrschenden Bedingungen würden die kommenden Generationen entwickeln? Die Möglichkeitsform ist hier das leitende Motiv; das verursachte Leid samit seiner Folgen ist konkret, benennbar, beobachtbar. Für mich fällt das moralische Urteil über staatliche Maßnahmen zur Bekämpfung angeblich von Menschen gemachten Klimawandels deshalb ebenfalls negativ aus: Die Vorstellung samt aller ihrer Floskeln in der Möglichkeitsform rechtfertigen es nicht, unnötiges Leid – in der Gegenwartsform!

Und was ist mit illegaler Masseneinwanderung?

Wir wissen bereits, dass es sich bei den illegal einwandernden Menschen in aller Regel nicht um Personen handelt, die an Leib und Leben bedroht sind, sondern um Terroristen im schlechtesten Fall, Glücksritter im mittleren Fall und Leute, deren „life style“ im Herkunfsland nicht gerne gesehen ist, im besten Fall. Der Nutzen ihres illegalen Handelsn für sie ist also wiederum einer in der Möglichkeitsform. Sie wissen gewöhnlich nicht, ob und welche und wie lange sie welchen Nutzen vom Aufenthalt im jeweiligen Land, in das sie eingewandert sind, haben werden. Nicht einmal im Hinblick auf ihre – in manchen Ländern derzeit noch üppige – materielle Versorgung oder ihre schlichte physische Answesenheit können sie einigermaßen sicher sein. Es genügt u.U. ein einziges Ergebnis einer baldigen nationalen Parlamentswahl, um ihren Aufenthalt per se in Frage zu stellen (wie das im Vereinigten Königreich der Fall ist).

Dem gegenüber steht das konkrete – unnötigerweise verursachte – Leid der einheimischen Bevölkerung, das von terroristischen Gewalttaten über sonstige Kriminalität bis hin zu Angst vor Verlust der kulturellen Identität bzw. Überfremdung reicht. Und dann sind wir noch nicht bei Gerechtigkeitserwägungen, die, wenn ihnen nicht Rechnung getragen wird, ebenfalls Leid verursachen – und nicht nur psychologisches Leid –, so z.B. wenn Leute, die ihr Leben lang ihre Beiträge in die Krankenkasse bezahlt haben, nun nicht den notwendigen Operationstermin bekommen können, weil ihnen Zuwanderer hinsichtlich ärztlicher Behandlung vorgezogen werden, die niemals einen Beitrag in die Krankenkasse geleistet haben und gewöhnlich keine lebensbedrohende Erkrankung aufweisen, schon weil es sich in vielen Fällen um ziemlich gesunde jüngere Menschen handelt.

Auch in diesem Fall ist die moralische Beurteilung der Sache recht einfach: Unnötiges Leid wird geschaffen, weil staatliche Politiken vagen und unsicheren Nutzen für Menschen schaffen, die ihrerseits nicht vor – unnötigem – Leid im Herkunfsland fliehen, sondern schlicht die Chancen zur Nutzenmaximierung nutzen, die sich ihnen bietet.

Man könnte beliebig viele weitere Beispiele anführen, in denen mein einfaches „Rezept“ trotz seiner Einfachheit eine ziemlich große Chance hat, ein verantwortbares moralisches Urteil – und ggf. ein auf ihm basierendes Handeln – zu ergeben. (Dessen ungeachtet gibt es echte Dilemmata, vor denen nicht nur mein „Rezept“ versagen dürfte, sondern jede Entscheidung eine falsche ist.) Immer geht es um ein mehr oder weniger von Leid, besonders von unnötigem Leid, und immer geht es um Realität versus Vorstellung.

Das ist alles.

Und was ist Ihr „Rezept“, das Sie verwenden und das sich für Sie als belastbar erwiesen hat, wenn es um moralische Urteile geht bzw. darum, wie man sich zu Dingen stellen sollte?


 

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