Wir Menschen haben die Angewohnheit, lange – oft sogar viel zu lange – an jenen Elementen festzuhalten, die für uns zu einer stimmigen Vorstellung von einer Handlung oder einem Handlungsmuster dazugehören. So gehört das Eisessen für viele von uns untrennbar zu unserer Vorstellung davon, wie ein gelungener Urlaub auszusehen hat. Was aber, wenn die Urlaubstage zur Abwechselung mal in Grönland verbracht werden?

Je konservativer Menschen sind und agieren, umso länger werden sie dazu neigen, an überkommenen Vorstellungen festzuhalten, auch wenn längst jene Fakten auf dem Tisch liegen, die ein Umdenken und eine Neuorientierung dringend nahelegen. Das Militär ist in nahezu allen Ländern eine Organisation, in der eher in traditionellen Mustern gedacht und gehandelt wird.

Das hat Vorteile, aber auch gravierende Nachteile. Diese traten im Ersten Weltkrieg mit tödlichen Konsequenzen zu Tage, als Kavallerieangriffe gegen Stellungen geritten wurden, die mit Maschinengewehren verteidigt wurden. Maschinengewehre waren damals zwar neu und eine vergleichsweise junge Waffe, doch sie waren nicht so neu, dass man nicht um ihre Funktionsweise und ihre tödliche Wirkung bei einem Frontalangriff hätte wissen können.

Werden die Zeichen der Zeit dieses Mal rechtzeitig erkannt?

Dennoch wurden in den ersten Tagen des Ersten Weltkriegs mit verheerenden Folgen Kavallerieangriffe auf Maschinengewehrstellungen geritten, weil eine Kavallerieattacke einfach zu dem Bild, das man sich von einem Krieg und von den Operationen auf dem Schlachtfeld gemacht hatte, dazugehörte und es bedurfte erst schmerzhafter Verluste, ehe ein Umdenken einsetzte.

Sind wir heute an dieser Stelle einen wesentlichen Schritt weiter als 1914? Vermutlich nicht, denn auch jetzt wieder werden alte Schlachtbilder fortgeschrieben. So bestellt beispielsweise die Bundeswehr neue Leopard-Kampfpanzer, die über keinen adäquaten Schutz vor Drohnenangriffen verfügen, obwohl der Krieg in der Ukraine jedem, der es sehen wollte, gezeigt hat, wie verletzlich auch modernste Panzer gegenüber Drohnen geworden sind.

Im Schwarzen Meer hat die Ukraine die Moskwa, das Flaggschiff der russischen Schwarzmeerflotte versenkt und den Rest der Flotte erfolgreich aus Sewastopol vertrieben. Neue billige Seedrohnen beherrschen das Meer und die einst so stolzen Schiffe sind nicht einmal im Hafen vor ihnen sicher. Dennoch tragen sich Staaten wie Frankreich und die Türkei derzeit mit Plänen zum Neubau großer Flugzeugträger.

Diese Kaufentscheidungen werden getroffen, als hätte es den Seekrieg im Schwarzen Meer nicht gegeben. Eigentlich müsste unter Militärexperten schon längst eine heftige Diskussion darüber entbrannt sein, wie und mit welchen Waffen die Kriege der Zukunft geführt werden. Doch Militär und Politik geben sich bei der Beschaffung neuer Waffen bislang weiterhin so konservativ wie bisher. Sie halten unverdrossen und vor allem unverändert an Panzern und Flugzeugträgern fest, wie ihre Vorgänger vor über 100 Jahren an der Kavallerie. Wenn das mal nicht tödlich endet.





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