KI-Musik ist gekommen, um zu bleiben. Sie verstopft mittlerweile die Playlists, macht Musikschaffenden die Tantiemen streitig und sorgt beim Publikum für Verunsicherung. Wohin soll das alles noch führen? Wird sie echte kreative Leistungen verdrängen und als neues Propagandawerkzeug noch mehr rechtsradikale Musik in die Charts bringen?

Der Streamingservice Deezer vermeldete Anfang 2025, dass 10.000 KI-generierte Musikstücke pro Tag auf die Plattform geladen würden, und korrigierte die Zahl dann stetig nach oben. Im November waren es bereits 50.000. Nicht nur Deezer ist betroffen, die Plattform wird von denselben Vertrieben beliefert wie alle anderen auch.

Beim Marktführer Spotify legten KI-Artists sonderbare Karrieren hin. Im Sommer schmuggelte sich die Fake-Band The Velvet Sundown mit Dad-Rock ins Playlist-Ökosystem und erreichte dadurch unbemerkt Hunderttausende Menschen, bevor die Sache aufflog und die Plays noch weiter in die Höhe schnellten. Das inspirierte die Köpfe hinter dem synthetischen Dark-Country-Act Breaking Rust offenkundig dazu, einen ähnlichen Skandal zu forcieren: Nach ein paar mutmaßlich selbstgetätigten MP3-Käufen rangierte das Stück Walk My Walk kurzzeitig in einer unbedeuteten Download-Chart.

Slop von Rechts

Weil die Angelegenheit medial aufgeblasen wurde, zahlte sich diese Investition wohl letztlich aus. Und da wäre noch all der Slop mit brisanten politischen Inhalten. Rechtsradikale Hardstyle-Tracks enterten die niederländischen Viral-Charts von Spotify. Der Song We Are Charlie Kirk über den ermordeten amerikanischen Rechtspopulisten schaffte das nach einer koordinierten Kampagne auf Tiktok und anderswo sogar auf globaler Ebene.

Auf unterschiedliche Arten nutzen also anonyme Personen KI-Musik, um die Dynamiken des Streamingumfelds (aufmerksamkeits-)ökonomisch für sich zu nutzen. Einhalt wird ihnen kaum geboten: Mit Ausnahme von Deezer und Rokk hält sich das Gros der Konkurrenz bedeckt und geht kaum gegen die Slopifizierung ihrer Plattformen vor.

Mehr noch kam es ab Herbst nach erbitterten Rechtsstreits zu Einigungen zwischen Teilen der Musikindustrie und einigen großen Musik-KI-Anbietern wie Udio und Suno. Selbst Spotify hat ein Lizenzmodell mit weiten Teilen der Industrie abgeschlossen, um in absehbarer Zeit Features mit generativer KI anzubieten.

Als ab Ende 2023 die Musikkonzerne Universal, Sony und Warner immer mehr Klagen gegen unterschiedliche KI-Anbieter wie Anthropic, Suno und Udio erhoben, fühlten sich einige an das Napster-Zeitalter erinnert. Doch anders als damals wollte die Industrie die neue Technologie nicht vom Markt, sondern an den Verhandlungstisch klagen. Während die Verwertungsgesellschaft GEMA mit Klagen gegen OpenAI und Suno Grundsatzurteile forcieren und damit Rechtssicherheit für potenziell die gesamte Musikwelt schaffen wollte, zielten Universal, Sony und Warner auf außergerichtliche Einigungen ab: Lizenzabkommen, die im Hinterzimmer abgeschlossen werden.

KI-Remixe für Superfans

Dementsprechend wenig ist über die Details der Deals bekannt. Im Kern aber sehen sie vor, dass die Konzerne die Musik der von ihnen vertretenen Künstler:innen mit deren Einverständnis an die KI-Anbieter zum Training ihrer Modelle freigeben und im Gegenzug an deren Einnahmen beteiligt werden. Das legt den Anbietern Beschränkungen auf. Theoretisch können sie sich zu Trainingszwecken nicht mehr ohne Weiteres alles an Musik einverleiben, was online aufzustöbern ist. Das könnte sich negativ auf die Qualität des Outputs auswirken. Nicht nur das dürfte Nutzer:innen verärgern. Nach dem Lizenzabkommen mit Universal schaltete Udio über Nacht die Download-Funktion ab.

Und nachdem Suno mit Warner gemeinsame Sache gemacht hatte, müssen Prompter:innen graduell mehr Geld dafür zahlen, ihren synthetisierten Slop in größerer Anzahl herunterzuladen. Noch haben Suno und Udio nicht mit allen Konzernen Abkommen geschlossen und noch gibt es andere Anbieter, die weitgehend uneingeschränkt agieren. Doch könnte es auch denen bald an den Kragen gehen. Nachdem die beiden Marktführer in die Knie gezwungen wurden, ist es nur eine Frage der Zeit, bis es ihnen ähnlich ergeht.

Die Lizenzabkommen zwischen Musikkonzernen und KI-Anbietern haben zwar die Büchse der Pandora geöffnet und das Geschäft mit der KI-Musik legalisiert. Doch werden sie es ebenso von Grund auf verändern. Womöglich wird in Zukunft weniger KI-Slop auf die Streamingplattformen gepumpt. Allein das könnte die KI-Anbieter dazu zwingen, sich neu aufzustellen. Der Deal zwischen Warner und Suno sah vor, dass der Musikkonzern dem KI-Anbieter die Plattform Songkick überschrieb, über die sich Fans über Konzerte in ihrer Gegend auf dem Laufenden halten können.

Das löste Spekulationen darüber aus, dass Anbieter wie Suno sich zu Firmen ummodeln könnten, in denen das vormalige Kerngeschäft nur als Teil eines größeren Ensembles überlebt. Möglich ist, dass sie sukzessive in sogenannte Superfan-Dienste umgemodelt werden. Der Begriff Superfan hat seit einigen Jahren Konjunktur, wird aber selten definiert. Verkürzt gesagt, setzt sich die BTS Army aus Superfans der K-Pop-Band zusammen und auch die sogenannten Swifties gelten als Superfans – so wird also ein Fansegment bezeichnet, das besonders leidenschaftlich und, wichtiger noch, spendierfreudig ist.

Spotify will zur Everything-App werden

Während die Einnahmen aus dem Streaminggeschäft auf Dauer zu stagnieren drohen, versucht die Musikindustrie zunehmend, attraktive Angebote für Superfans zu schaffen und ihnen tiefer in die Tasche zu greifen. Plattformen wie Songkick für passionierte Konzertgänger:innen gehören dazu. Und welche Rolle könnte generative KI dabei spielen? Kaum eine andere Firma ist dermaßen versessen darauf, den Pro-Kopf-Umsatz des eigenen Publikums in die Höhe zu treiben wie Spotify. Die Plattform wandelt sich zunehmend zur Everything-App, und KI soll dabei eine große Rolle spielen. Die mit dem Segen der Musikindustrie entwickelten KI-Features sind zweifellos Teil dieser Strategie.

Schon seit Jahren wird über ein Remix-Feature beim Streamingmarktführer spekuliert. Dank generativer KI könnte es nun endlich kommen. Fans könnten dann über die Plattform nicht nur Merchandising und Konzerttickets ihrer Stars kaufen, sondern obendrein noch einen Techno-Remix des Lieblingssongs generieren. Es ist derzeit nicht unwahrscheinlich, dass Suno und andere KI-Anbieter zukünftig einen ähnlichen Zweck erfüllen werden – und damit ihre Kernkompetenz als Slop-Generatoren für ein holistischeres Angebot vernachlässigen müssen, in dem die KI-Synthese zum Bonus-Feature wird. Die Frage ist nur: Wer will das eigentlich?

Als im April 2023 der anonyme Produzent Ghostwriter977 für den Song Heart on My Sleeve die Stimmen von Drake und The Weeknd klonte, schien das einem Dammbruch gleichzukommen. Würden wir bald von Fake-Drakes überschwemmt? Muss der echte Drake seinen Rapper-Job an den Nagel hängen?

Nichts dergleichen ist passiert, weil Popkultur auf Identifikationsfiguren oder zumindest sehr echtes Drama angewiesen ist. So sehr zukünftig auch bei Musikproduktionen KI auf unterschiedliche Arten zum Einsatz kommen mag: Ein Drake-Diss wie Not Like Us von Kendrick Lamar ließe sich herbeiprompten, die menschlichen Geschichten dahinter aber nicht. Auch die vermeintlichen Erfolgsgeschichten des vergangenen Jahres wurden heißer gegessen als gekocht – und einige standen mutmaßlich im Zusammenhang mit Streamingmanipulation. Was lediglich funktioniert: anonymes Hintergrundrauschen für Playlists oder forcierte Kontroversen. Beides steht nicht in Konkurrenz zu echten Popstars.

Verdächtig selten wird gefragt, ob das Publikum überhaupt Interesse an mehr KI-Musik hat. Laut einer von Deezer in Auftrag gegebenen Studie würde fast die Hälfte der Befragten KI-Musik am liebsten aus ihrem Hörerlebnis herausfiltern lassen. Eine andere Erhebung ergab, dass zwei Drittel der 2.000 Studienteilnehmer:innen KI-Musik insgesamt ablehnen. Angesichts der zunehmenden Konsolidierung des Geschäfts mit der KI-Musik wirft das eine Frage auf, die sich weder die Musikindustrie noch die KI-Anbieter zu stellen scheinen: Besteht überhaupt eine echte menschliche Nachfrage nach KI-Musik oder generativen KI-Features? Oder wollen wir alle nicht viel lieber in Zukunft von noch mehr Slop verschont werden?

ich die Fake-Band The Velvet Sundown mit Dad-Rock ins Playlist-Ökosystem und erreichte dadurch unbemerkt Hunderttausende Menschen, bevor die Sache aufflog und die Plays noch weiter in die Höhe schnellten. Das inspirierte die Köpfe hinter dem synthetischen Dark-Country-Act Breaking Rust offenkundig dazu, einen ähnlichen Skandal zu forcieren: Nach ein paar mutmaßlich selbstgetätigten MP3-Käufen rangierte das Stück Walk My Walk kurzzeitig in einer unbedeuteten Download-Chart.Slop von RechtsWeil die Angelegenheit medial aufgeblasen wurde, zahlte sich diese Investition wohl letztlich aus. Und da wäre noch all der Slop mit brisanten politischen Inhalten. Rechtsradikale Hardstyle-Tracks enterten die niederländischen Viral-Charts von Spotify. Der Song We Are Charlie Kirk über den ermordeten amerikanischen Rechtspopulisten schaffte das nach einer koordinierten Kampagne auf Tiktok und anderswo sogar auf globaler Ebene.Auf unterschiedliche Arten nutzen also anonyme Personen KI-Musik, um die Dynamiken des Streamingumfelds (aufmerksamkeits-)ökonomisch für sich zu nutzen. Einhalt wird ihnen kaum geboten: Mit Ausnahme von Deezer und Rokk hält sich das Gros der Konkurrenz bedeckt und geht kaum gegen die Slopifizierung ihrer Plattformen vor.Mehr noch kam es ab Herbst nach erbitterten Rechtsstreits zu Einigungen zwischen Teilen der Musikindustrie und einigen großen Musik-KI-Anbietern wie Udio und Suno. Selbst Spotify hat ein Lizenzmodell mit weiten Teilen der Industrie abgeschlossen, um in absehbarer Zeit Features mit generativer KI anzubieten.Als ab Ende 2023 die Musikkonzerne Universal, Sony und Warner immer mehr Klagen gegen unterschiedliche KI-Anbieter wie Anthropic, Suno und Udio erhoben, fühlten sich einige an das Napster-Zeitalter erinnert. Doch anders als damals wollte die Industrie die neue Technologie nicht vom Markt, sondern an den Verhandlungstisch klagen. Während die Verwertungsgesellschaft GEMA mit Klagen gegen OpenAI und Suno Grundsatzurteile forcieren und damit Rechtssicherheit für potenziell die gesamte Musikwelt schaffen wollte, zielten Universal, Sony und Warner auf außergerichtliche Einigungen ab: Lizenzabkommen, die im Hinterzimmer abgeschlossen werden.KI-Remixe für SuperfansDementsprechend wenig ist über die Details der Deals bekannt. Im Kern aber sehen sie vor, dass die Konzerne die Musik der von ihnen vertretenen Künstler:innen mit deren Einverständnis an die KI-Anbieter zum Training ihrer Modelle freigeben und im Gegenzug an deren Einnahmen beteiligt werden. Das legt den Anbietern Beschränkungen auf. Theoretisch können sie sich zu Trainingszwecken nicht mehr ohne Weiteres alles an Musik einverleiben, was online aufzustöbern ist. Das könnte sich negativ auf die Qualität des Outputs auswirken. Nicht nur das dürfte Nutzer:innen verärgern. Nach dem Lizenzabkommen mit Universal schaltete Udio über Nacht die Download-Funktion ab.Und nachdem Suno mit Warner gemeinsame Sache gemacht hatte, müssen Prompter:innen graduell mehr Geld dafür zahlen, ihren synthetisierten Slop in größerer Anzahl herunterzuladen. Noch haben Suno und Udio nicht mit allen Konzernen Abkommen geschlossen und noch gibt es andere Anbieter, die weitgehend uneingeschränkt agieren. Doch könnte es auch denen bald an den Kragen gehen. Nachdem die beiden Marktführer in die Knie gezwungen wurden, ist es nur eine Frage der Zeit, bis es ihnen ähnlich ergeht.Die Lizenzabkommen zwischen Musikkonzernen und KI-Anbietern haben zwar die Büchse der Pandora geöffnet und das Geschäft mit der KI-Musik legalisiert. Doch werden sie es ebenso von Grund auf verändern. Womöglich wird in Zukunft weniger KI-Slop auf die Streamingplattformen gepumpt. Allein das könnte die KI-Anbieter dazu zwingen, sich neu aufzustellen. Der Deal zwischen Warner und Suno sah vor, dass der Musikkonzern dem KI-Anbieter die Plattform Songkick überschrieb, über die sich Fans über Konzerte in ihrer Gegend auf dem Laufenden halten können.Das löste Spekulationen darüber aus, dass Anbieter wie Suno sich zu Firmen ummodeln könnten, in denen das vormalige Kerngeschäft nur als Teil eines größeren Ensembles überlebt. Möglich ist, dass sie sukzessive in sogenannte Superfan-Dienste umgemodelt werden. Der Begriff Superfan hat seit einigen Jahren Konjunktur, wird aber selten definiert. Verkürzt gesagt, setzt sich die BTS Army aus Superfans der K-Pop-Band zusammen und auch die sogenannten Swifties gelten als Superfans – so wird also ein Fansegment bezeichnet, das besonders leidenschaftlich und, wichtiger noch, spendierfreudig ist.Spotify will zur Everything-App werdenWährend die Einnahmen aus dem Streaminggeschäft auf Dauer zu stagnieren drohen, versucht die Musikindustrie zunehmend, attraktive Angebote für Superfans zu schaffen und ihnen tiefer in die Tasche zu greifen. Plattformen wie Songkick für passionierte Konzertgänger:innen gehören dazu. Und welche Rolle könnte generative KI dabei spielen? Kaum eine andere Firma ist dermaßen versessen darauf, den Pro-Kopf-Umsatz des eigenen Publikums in die Höhe zu treiben wie Spotify. Die Plattform wandelt sich zunehmend zur Everything-App, und KI soll dabei eine große Rolle spielen. Die mit dem Segen der Musikindustrie entwickelten KI-Features sind zweifellos Teil dieser Strategie.Schon seit Jahren wird über ein Remix-Feature beim Streamingmarktführer spekuliert. Dank generativer KI könnte es nun endlich kommen. Fans könnten dann über die Plattform nicht nur Merchandising und Konzerttickets ihrer Stars kaufen, sondern obendrein noch einen Techno-Remix des Lieblingssongs generieren. Es ist derzeit nicht unwahrscheinlich, dass Suno und andere KI-Anbieter zukünftig einen ähnlichen Zweck erfüllen werden – und damit ihre Kernkompetenz als Slop-Generatoren für ein holistischeres Angebot vernachlässigen müssen, in dem die KI-Synthese zum Bonus-Feature wird. Die Frage ist nur: Wer will das eigentlich?Als im April 2023 der anonyme Produzent Ghostwriter977 für den Song Heart on My Sleeve die Stimmen von Drake und The Weeknd klonte, schien das einem Dammbruch gleichzukommen. Würden wir bald von Fake-Drakes überschwemmt? Muss der echte Drake seinen Rapper-Job an den Nagel hängen?Nichts dergleichen ist passiert, weil Popkultur auf Identifikationsfiguren oder zumindest sehr echtes Drama angewiesen ist. So sehr zukünftig auch bei Musikproduktionen KI auf unterschiedliche Arten zum Einsatz kommen mag: Ein Drake-Diss wie Not Like Us von Kendrick Lamar ließe sich herbeiprompten, die menschlichen Geschichten dahinter aber nicht. Auch die vermeintlichen Erfolgsgeschichten des vergangenen Jahres wurden heißer gegessen als gekocht – und einige standen mutmaßlich im Zusammenhang mit Streamingmanipulation. Was lediglich funktioniert: anonymes Hintergrundrauschen für Playlists oder forcierte Kontroversen. Beides steht nicht in Konkurrenz zu echten Popstars.Verdächtig selten wird gefragt, ob das Publikum überhaupt Interesse an mehr KI-Musik hat. Laut einer von Deezer in Auftrag gegebenen Studie würde fast die Hälfte der Befragten KI-Musik am liebsten aus ihrem Hörerlebnis herausfiltern lassen. Eine andere Erhebung ergab, dass zwei Drittel der 2.000 Studienteilnehmer:innen KI-Musik insgesamt ablehnen. Angesichts der zunehmenden Konsolidierung des Geschäfts mit der KI-Musik wirft das eine Frage auf, die sich weder die Musikindustrie noch die KI-Anbieter zu stellen scheinen: Besteht überhaupt eine echte menschliche Nachfrage nach KI-Musik oder generativen KI-Features? Oder wollen wir alle nicht viel lieber in Zukunft von noch mehr Slop verschont werden?



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