Während des tagelangen Stromausfalls in Berlin reagierten die Menschen vor allem mit Solidarität und Unterstützung. Genau das sollten wir stärken, um uns zukünftig auf Katastrophen vorzubereiten
Im Stromausfall braucht es Gemeinschaft, damit es warm bleibt
Foto: Omer Messinger/Getty Images
Im Südwesten Berlins hat ein Brandanschlag auf das Stromnetz zu einem mehrtägigen Stromausfall geführt. Über 30.000 Haushalte waren bis zum Mittwochvormittag betroffen. Vier Tage saßen Menschen im Dunkeln, oft ohne warmes Wasser, manchmal ohne Heizung. Und das bei Schnee und Temperaturen um oder unter dem Gefrierpunkt.
Hunderte, Tausende Menschen litten, aber der Großteil der medialen Debatte drehte sich nicht darum, was zu tun wäre, um das Leiden zu reduzieren, in der akuten Situation und auch in Zukunft, sondern um die Frage, wer den Anschlag denn nun verübt habe: „der Russe“ oder „die Linksradikalen“. Aus der Perspektive der in dem Moment leidenden Menschen eine zumindest zu dem Zeitpunkt irrelevante Frage.
Natürlich ist die „Schuldfrage“ interessant und wichtig. Sie ist aber auch ein Modus der Problemverdrängung, denn sie erlaubt es uns, das Problem beiseitezuschieben, das wir spätestens seit der tödlichen Flut im Ahrtal genauso bewusst ignorieren, wie die Tatsache, dass wir keinen wirklichen Klimaschutz betreiben:
Wir als Gesellschaft sind extrem schlecht auf Katastrophen vorbereitet – egal ob „natürlich“ oder menschengemacht. Das Leid, das Menschen in einer Katastrophe erleiden, ist eben auch das Resultat schlechter, oder mangelhafter Vorbereitung auf solche Katastrophen.
Denn es kann eigentlich überhaupt nicht angehen, dass ein Brand an zwei Stromkabeln in der Bundeshauptstadt zu einem viertägigen Stromausfall für Zehntausende Menschen führt. Das ist ein totales Versagen gesellschaftlicher – was in diesem Fall vor allem heißt staatlicher und öffentlicher – Katastrophenhilfestrukturen.
Bedürfnis nach körperlicher Unversehrtheit ist auch wichtig
Dass dem so ist, ist aber nicht wirklich überraschend: Nach mehreren Jahrzehnten Neoliberalismus, in denen jedes bisschen Vorsorge, jedes bisschen in-ein-System-eingebaute-Resilienz als unnötiger Kostenpunkt gesehen und weggespart wurde, gibt es in vielen gesellschaftlichen Strukturen keine Puffer mehr, die Extremereignisse abfedern können.
Daraus folgt, dass in den – im Kontext eines sich anbahnenden ökologischen und gesellschaftlichen Kollapses – immer häufiger eintretenden Katastrophen immer mehr Menschen leiden werden. Denn ob Stromausfall oder Hochwasser oder auch – nicht alle Katastrophen sind „Naturkatastrophen“. Zum Beispiel im Fall faschistischer Machtübernahmen werden auf lange Sicht immer mehr menschliche Grundbedürfnisse nicht mehr erfüllt. Angefangen beim Bedürfnis nach körperlicher Sicherheit und Unversehrtheit über das Bedürfnis nach Wasser, nach Strom, nach Wärme, nach warmem Essen oder einem Dach über dem Kopf.
Aber menschliche Grundbedürfnisse sind nun einmal Grundbedürfnisse, weshalb in Situationen, in denen staatliche Systeme diese nicht mehr befriedigen können, zivile Strukturen und Netzwerke entstehen, um dies selbst, gleichsam „von unten“, zu tun. Das ist nicht neu. Wir kennen das aus ökonomischen Zusammenbrüchen wie der Eurokrise in Griechenland, oder dem Kollaps der argentinischen Wirtschaft vor 25 Jahren.
Wir erleben es aber auch im Kontext des Berliner Stromausfalls: Viele Berliner*innen reagieren mit einer Welle der Solidarität und Unterstützung, und bestätigen so die Grundthese der „Kollapsbewegung“: Menschen helfen sich in einer Katastrophe gegenseitig, statt einander die Köpfe einschlagen zu wollen. Berliner*innen haben vollkommen „fremden“ Menschen angeboten, bei ihnen in der Wohnung zu schlafen. Ehrenamtliche Helfer*innen aus ganz Deutschland reisten an, um Kaffee zu kochen, Brötchen zu schmieren, und auf allerlei andere Arten und Weisen zu helfen.
Katastrophen sind nicht das Ende der Menschlichkeit
Das Spannende an dieser Art gesellschaftlicher Katastrophenhilfe ist, dass sie nicht nur horizontale soziale Beziehungen stärkt und ganz konkret menschliches Leiden reduziert. Sie vermittelt den Helfenden außerdem ein Gefühl von Selbstwirksamkeit, das so ganz im Gegensatz steht zu den Gefühlen, die gerade in der Gesellschaft zu dominieren scheinen: Machtlosigkeit, Angst, Vereinzelung.
Wer in einer Katastrophe anderen hilft, erlebt, dass wir in einer Katastrophe nicht handlungsunfähig sein müssen, sondern, mit der richtigen Vorbereitung, in der Lage sind, selbstwirksame, solidarische Menschen zu sein. Und wem in einer Katastrophe solidarisch geholfen wird, erlebt, dass Katastrophen nicht das Ende der Menschlichkeit sind, sondern Momente, die das Beste in Menschen hervorbringen können.
Genau in diese Richtung weist die entstehende „Kollapsbewegung“: Wir als Bewegung akzeptieren, dass es immer mehr „Katastrophen“ geben wird, welcher Art und wie verursacht auch immer. Wir wissen, dass in solchen Katastrophen Menschen leiden werden, und wollen dieses Leid reduzieren, gleichzeitig aber auch Pfade zu Hoffnung und Handlungsfähigkeit trotz Katastrophen anbieten.
Solidarisches Preppen bedeutet, Gemeinschaften zu stärken
Die Strategie, die wir hier vorschlagen, nennen wir „solidarisches Preppen“. Das bedeutet nicht, massenhaft Vorräte in privaten Bunkern zu sichern, sondern zuallererst soziale Beziehungen und Netzwerke zu stärken. Das bedeutet, Nachbar*innen und Mitglieder der eigenen „Community“ (in meinem Fall wäre das unter anderem die queere/schwule Community Berlins) aktiv kennenzulernen, herauszufinden, wer welche (besonderen) Bedürfnisse hat, wer welche Fähigkeiten und Ressourcen mitbringt.
Es bedeutet, Treffpunkte und Kommunikationsweisen festzulegen, für den Fall, dass keine Telekommunikation funktioniert. Solidarisches Preppen bedeutet, Gemeinschaften zu stärken, und somit solidarisches Handeln in der Katastrophe praktisch möglich zu machen.
Und je besser wir uns solidarisch auf Katastrophen vorbereiten, desto resilienter werden wir als Gesellschaft – egal, ob bei Stromausfall oder Hochwasser, trotz Kollaps oder Faschismus. Solidarische Katastrophenvorbereitung ist der Weg nach vorn. Berlin hat das in diesen Tagen wieder sehr eindrücklich bewiesen.
e Linksradikalen“. Aus der Perspektive der in dem Moment leidenden Menschen eine zumindest zu dem Zeitpunkt irrelevante Frage.Natürlich ist die „Schuldfrage“ interessant und wichtig. Sie ist aber auch ein Modus der Problemverdrängung, denn sie erlaubt es uns, das Problem beiseitezuschieben, das wir spätestens seit der tödlichen Flut im Ahrtal genauso bewusst ignorieren, wie die Tatsache, dass wir keinen wirklichen Klimaschutz betreiben:Wir als Gesellschaft sind extrem schlecht auf Katastrophen vorbereitet – egal ob „natürlich“ oder menschengemacht. Das Leid, das Menschen in einer Katastrophe erleiden, ist eben auch das Resultat schlechter, oder mangelhafter Vorbereitung auf solche Katastrophen.Denn es kann eigentlich überhaupt nicht angehen, dass ein Brand an zwei Stromkabeln in der Bundeshauptstadt zu einem viertägigen Stromausfall für Zehntausende Menschen führt. Das ist ein totales Versagen gesellschaftlicher – was in diesem Fall vor allem heißt staatlicher und öffentlicher – Katastrophenhilfestrukturen.Bedürfnis nach körperlicher Unversehrtheit ist auch wichtig Dass dem so ist, ist aber nicht wirklich überraschend: Nach mehreren Jahrzehnten Neoliberalismus, in denen jedes bisschen Vorsorge, jedes bisschen in-ein-System-eingebaute-Resilienz als unnötiger Kostenpunkt gesehen und weggespart wurde, gibt es in vielen gesellschaftlichen Strukturen keine Puffer mehr, die Extremereignisse abfedern können.Daraus folgt, dass in den – im Kontext eines sich anbahnenden ökologischen und gesellschaftlichen Kollapses – immer häufiger eintretenden Katastrophen immer mehr Menschen leiden werden. Denn ob Stromausfall oder Hochwasser oder auch – nicht alle Katastrophen sind „Naturkatastrophen“. Zum Beispiel im Fall faschistischer Machtübernahmen werden auf lange Sicht immer mehr menschliche Grundbedürfnisse nicht mehr erfüllt. Angefangen beim Bedürfnis nach körperlicher Sicherheit und Unversehrtheit über das Bedürfnis nach Wasser, nach Strom, nach Wärme, nach warmem Essen oder einem Dach über dem Kopf.Aber menschliche Grundbedürfnisse sind nun einmal Grundbedürfnisse, weshalb in Situationen, in denen staatliche Systeme diese nicht mehr befriedigen können, zivile Strukturen und Netzwerke entstehen, um dies selbst, gleichsam „von unten“, zu tun. Das ist nicht neu. Wir kennen das aus ökonomischen Zusammenbrüchen wie der Eurokrise in Griechenland, oder dem Kollaps der argentinischen Wirtschaft vor 25 Jahren.Wir erleben es aber auch im Kontext des Berliner Stromausfalls: Viele Berliner*innen reagieren mit einer Welle der Solidarität und Unterstützung, und bestätigen so die Grundthese der „Kollapsbewegung“: Menschen helfen sich in einer Katastrophe gegenseitig, statt einander die Köpfe einschlagen zu wollen. Berliner*innen haben vollkommen „fremden“ Menschen angeboten, bei ihnen in der Wohnung zu schlafen. Ehrenamtliche Helfer*innen aus ganz Deutschland reisten an, um Kaffee zu kochen, Brötchen zu schmieren, und auf allerlei andere Arten und Weisen zu helfen.Katastrophen sind nicht das Ende der Menschlichkeit Das Spannende an dieser Art gesellschaftlicher Katastrophenhilfe ist, dass sie nicht nur horizontale soziale Beziehungen stärkt und ganz konkret menschliches Leiden reduziert. Sie vermittelt den Helfenden außerdem ein Gefühl von Selbstwirksamkeit, das so ganz im Gegensatz steht zu den Gefühlen, die gerade in der Gesellschaft zu dominieren scheinen: Machtlosigkeit, Angst, Vereinzelung.Wer in einer Katastrophe anderen hilft, erlebt, dass wir in einer Katastrophe nicht handlungsunfähig sein müssen, sondern, mit der richtigen Vorbereitung, in der Lage sind, selbstwirksame, solidarische Menschen zu sein. Und wem in einer Katastrophe solidarisch geholfen wird, erlebt, dass Katastrophen nicht das Ende der Menschlichkeit sind, sondern Momente, die das Beste in Menschen hervorbringen können.Genau in diese Richtung weist die entstehende „Kollapsbewegung“: Wir als Bewegung akzeptieren, dass es immer mehr „Katastrophen“ geben wird, welcher Art und wie verursacht auch immer. Wir wissen, dass in solchen Katastrophen Menschen leiden werden, und wollen dieses Leid reduzieren, gleichzeitig aber auch Pfade zu Hoffnung und Handlungsfähigkeit trotz Katastrophen anbieten.Solidarisches Preppen bedeutet, Gemeinschaften zu stärkenDie Strategie, die wir hier vorschlagen, nennen wir „solidarisches Preppen“. Das bedeutet nicht, massenhaft Vorräte in privaten Bunkern zu sichern, sondern zuallererst soziale Beziehungen und Netzwerke zu stärken. Das bedeutet, Nachbar*innen und Mitglieder der eigenen „Community“ (in meinem Fall wäre das unter anderem die queere/schwule Community Berlins) aktiv kennenzulernen, herauszufinden, wer welche (besonderen) Bedürfnisse hat, wer welche Fähigkeiten und Ressourcen mitbringt.Es bedeutet, Treffpunkte und Kommunikationsweisen festzulegen, für den Fall, dass keine Telekommunikation funktioniert. Solidarisches Preppen bedeutet, Gemeinschaften zu stärken, und somit solidarisches Handeln in der Katastrophe praktisch möglich zu machen.Und je besser wir uns solidarisch auf Katastrophen vorbereiten, desto resilienter werden wir als Gesellschaft – egal, ob bei Stromausfall oder Hochwasser, trotz Kollaps oder Faschismus. Solidarische Katastrophenvorbereitung ist der Weg nach vorn. Berlin hat das in diesen Tagen wieder sehr eindrücklich bewiesen.