Der gleiche Arbeitsmarkt, der Individualität und Vielfalt offiziell feiert, siebt locker vom Homeoffice auf Kreta aus, wenn man nicht ins dynamische Team passt. Ein Erfahrungsbericht


Wer sich bewirbt, lernt schnell: HR-Recruiter rekrutieren risikoarm vor allem die Besten

Illustration: Kim Stohlmann für der Freitag


In den Neunzigern, als man Deutschland „den kranken Mann Europas“ nannte und die analoge Welt sich bald ziemlich zügig verabschieden sollte, wollte ich Journalistin werden, traute mich aber nicht richtig. Es blieb bei einem unbezahlten Zeitungspraktikum. Es folgten Jobs über Zeitarbeitsfirmen. Einmal bewarb ich mich per Fax von meiner Schwester aus bei einer aufstrebenden Fernsehproduktion – und bekam drei Tage später einen Job als Pressereferentin. Es erscheint mir heute wie ein Märchen.

Jahre später, nach diversen anderen Jobs, zwei Kindern und einer Heirat, schaffte ich den Quereinstieg in die Branche – rückblickend eine bemerkenswerte Leistung auf dem stark formalisierten deutschen Arbeitsmarkt. Noch dazu in einer Branche, die zu einer elitären Berufsgruppe zählt. Erst in den letzten Jahren bringen auch Arbeiterkinder ihre Perspektiven mit.

Diese soziale Homogenität gilt längst nicht nur für Medien. Die Durchlässigkeit auf dem deutschen Arbeitsmarkt bleibt bis heute begrenzt – gerade jetzt, wo er sich mal wieder dringend neu erfinden müsste. Wir erleben eine Zäsur wie zur Wende 1990, wie kurz vor Hartz IV. Die KI-Revolution und die geopolitischen Verwerfungen kosten Millionen Arbeitsplätze. Stickig wird die Luft auch für Führungskräfte, die früher gern weggelobt wurden. Das, könnte man sagen, ist nicht die schlechteste Entwicklung.

„New Work“ beschreibt eine unübersichtliche Situation, Upskilling oder Reskilling ist dringend geboten. Scrum, Kanban, Lean, Jira, Trello, Miro – schon gehört? Nein? Dann ist es zu spät, sorry. Ihnen fehlt das agile Mindset. Sorry, mache nur Spaß.

Kurz: Die alte Personalverwaltung ist verschwunden.

An ihre Stelle ist ein Human-Resources-Apparat getreten – HR, ein Berufszweig, der auch inflationär als Weiterbildung angeboten wird. Auf Instagram gewinnt man jedenfalls diesen Eindruck, wo arbeitslose Akademiker:innen, Young Professionals und Quereinsteiger:innen in Dauerschleife berufliche Möglichkeiten präsentiert bekommen. „Du lernst, wie du Mitarbeiter:innen erfolgreich gewinnst, integrierst und entwickelst, erhältst Einblicke in Arbeitsrecht und Feedback-Techniken – und bist vorbereitet auf eine erfolgreiche Karriere im Bereich HR und Management“, heißt es da.

HR-Recruiter rekrutieren risikoarm

Wer sich bewirbt, lernt schnell: HR-Recruiter rekrutieren risikoarm vor allem die Besten. Alles ist standardisiert, durch Algorithmen und Checklisten gesteuert. Es klingt wie ein gehobener Bullshitjob mit einer unauffälligen Prise darwinistischer Herangehensweise. Auf Stepstone, Indeed oder vergleichbaren Portalen klingt ein Job-Inserat für eine Pressestelle etwa so: „Du liebst Kommunikation, Storytelling und die Arbeit mit Medien? Dann bist du bei uns richtig!“ Der Kandidat lädt sein Zeug hoch – und wird automatisch vorsortiert, nach kaum transparenten Kriterien. Sucht man wie früher den direkten Kontakt zu der Person, für die man arbeiten soll, wirkt das schnell wie ein Versuch, die HR-Leute zu überlisten.

„Diverse Hintergründe“ werden inzwischen standardmäßig begrüßt. Doch welche Unterschiede sind wirklich erwünscht, und welche heimlich problematisch? Sind mittelalte weiße Cis-Frauen, Boomer oder Menschen mit nicht-linearen Lebensläufen überhaupt noch gefragt?

Zwar sind klassische Diskriminierungsmarker wie Foto oder Geburtsdatum offiziell weggefallen, doch anhand von Ausbildungs- oder Berufsjahren lässt sich das Alter leicht erschließen. Mit einem Foto könnte man wenigstens sympathisch wirken – und ist eigentlich höher dotiert als ein Einsteiger frisch von der Uni.

Standardisierte KI-Absagen

Trifft die Bewerbung nicht ins Raster, trudeln standardisierte KI-Absagen ein, die helfen sollen, die Absage nicht persönlich zu nehmen – konkreter wird es nicht.

Aktuell kommen politische Unverschämtheiten ins Spiel. Während Recruiter:innen effektiv aussieben, fordert die Politik, länger zu arbeiten, keine „Lifestyle-Teilzeit“ zu wählen und sich auf einem Arbeitsmarkt zu behaupten, der nur vorgibt, für alle offen zu sein – bis ins Rentenalter. Der gleiche Arbeitsmarkt, der Individualität und Vielfalt offiziell feiert, siebt vom Homeoffice auf Kreta womöglich rigoros aus, wenn man nicht ins junge, dynamische Team passt.

HR-Systeme werden so zu Mitteln gnadenloser Auswahl. Vielfalt wird zur Imageformel, während echte Abweichung systematisch aussortiert wird. Der „woke“ Arbeitsmarkt inszeniert Offenheit – und stabilisiert doch alte Machtverhältnisse in neuer technischer Verpackung. Wer jung, belastbar und günstig ist, darf mitspielen.

die zu einer elitären Berufsgruppe zählt. Erst in den letzten Jahren bringen auch Arbeiterkinder ihre Perspektiven mit.Diese soziale Homogenität gilt längst nicht nur für Medien. Die Durchlässigkeit auf dem deutschen Arbeitsmarkt bleibt bis heute begrenzt – gerade jetzt, wo er sich mal wieder dringend neu erfinden müsste. Wir erleben eine Zäsur wie zur Wende 1990, wie kurz vor Hartz IV. Die KI-Revolution und die geopolitischen Verwerfungen kosten Millionen Arbeitsplätze. Stickig wird die Luft auch für Führungskräfte, die früher gern weggelobt wurden. Das, könnte man sagen, ist nicht die schlechteste Entwicklung.„New Work“ beschreibt eine unübersichtliche Situation, Upskilling oder Reskilling ist dringend geboten. Scrum, Kanban, Lean, Jira, Trello, Miro – schon gehört? Nein? Dann ist es zu spät, sorry. Ihnen fehlt das agile Mindset. Sorry, mache nur Spaß.Kurz: Die alte Personalverwaltung ist verschwunden.An ihre Stelle ist ein Human-Resources-Apparat getreten – HR, ein Berufszweig, der auch inflationär als Weiterbildung angeboten wird. Auf Instagram gewinnt man jedenfalls diesen Eindruck, wo arbeitslose Akademiker:innen, Young Professionals und Quereinsteiger:innen in Dauerschleife berufliche Möglichkeiten präsentiert bekommen. „Du lernst, wie du Mitarbeiter:innen erfolgreich gewinnst, integrierst und entwickelst, erhältst Einblicke in Arbeitsrecht und Feedback-Techniken – und bist vorbereitet auf eine erfolgreiche Karriere im Bereich HR und Management“, heißt es da.HR-Recruiter rekrutieren risikoarm Wer sich bewirbt, lernt schnell: HR-Recruiter rekrutieren risikoarm vor allem die Besten. Alles ist standardisiert, durch Algorithmen und Checklisten gesteuert. Es klingt wie ein gehobener Bullshitjob mit einer unauffälligen Prise darwinistischer Herangehensweise. Auf Stepstone, Indeed oder vergleichbaren Portalen klingt ein Job-Inserat für eine Pressestelle etwa so: „Du liebst Kommunikation, Storytelling und die Arbeit mit Medien? Dann bist du bei uns richtig!“ Der Kandidat lädt sein Zeug hoch – und wird automatisch vorsortiert, nach kaum transparenten Kriterien. Sucht man wie früher den direkten Kontakt zu der Person, für die man arbeiten soll, wirkt das schnell wie ein Versuch, die HR-Leute zu überlisten.„Diverse Hintergründe“ werden inzwischen standardmäßig begrüßt. Doch welche Unterschiede sind wirklich erwünscht, und welche heimlich problematisch? Sind mittelalte weiße Cis-Frauen, Boomer oder Menschen mit nicht-linearen Lebensläufen überhaupt noch gefragt?Zwar sind klassische Diskriminierungsmarker wie Foto oder Geburtsdatum offiziell weggefallen, doch anhand von Ausbildungs- oder Berufsjahren lässt sich das Alter leicht erschließen. Mit einem Foto könnte man wenigstens sympathisch wirken – und ist eigentlich höher dotiert als ein Einsteiger frisch von der Uni. Standardisierte KI-AbsagenTrifft die Bewerbung nicht ins Raster, trudeln standardisierte KI-Absagen ein, die helfen sollen, die Absage nicht persönlich zu nehmen – konkreter wird es nicht.Aktuell kommen politische Unverschämtheiten ins Spiel. Während Recruiter:innen effektiv aussieben, fordert die Politik, länger zu arbeiten, keine „Lifestyle-Teilzeit“ zu wählen und sich auf einem Arbeitsmarkt zu behaupten, der nur vorgibt, für alle offen zu sein – bis ins Rentenalter. Der gleiche Arbeitsmarkt, der Individualität und Vielfalt offiziell feiert, siebt vom Homeoffice auf Kreta womöglich rigoros aus, wenn man nicht ins junge, dynamische Team passt.HR-Systeme werden so zu Mitteln gnadenloser Auswahl. Vielfalt wird zur Imageformel, während echte Abweichung systematisch aussortiert wird. Der „woke“ Arbeitsmarkt inszeniert Offenheit – und stabilisiert doch alte Machtverhältnisse in neuer technischer Verpackung. Wer jung, belastbar und günstig ist, darf mitspielen.



Source link