Deutsche Friedensfreunde eröffnen eine Ausstellung über den Genozid der Wehrmacht an den Leningrader Bürgern. Die Suche nach einem Ausstellungsort gestaltete sich als schwierig. Nicht überall war die Initiative willkommen.

Am vergangenen Wochenende eröffnete die Gesellschaft für Deutsch-Russische Freundschaft e.V. (GDRF e.V.) eine Ausstellung, welche die Belagerung Leningrads in den Jahren 1941 bis 1944 zum Thema hat. Motivation für diese Initiative war nicht nur der Wunsch nach einem würdigenden Gedenken an die vor 85 Jahren Ermordeten, sondern auch die Sorge um die Zukunft. In ihrer Einladung schrieb die Freundschaftsgesellschaft:

„Solange die Erinnerung an diese schrecklichen Tage in den Herzen der Menschen lebt und an die nächsten Generationen weitergegeben wird, kann sich eine solche Tragödie nicht wiederholen.“

Ihren Willen zum Frieden und zur Freundschaft mit Russland bekundete die GDRF auch durch die Tat. Sie hat einen Fonds namens „Blumen für Piskarjewka“ gegründet, dessen Mittel für Blumenschmuck auf dem Sankt Petersburger Piskarjowskoje-Friedhof sorgen sollen. Auf dem dortigen Friedhof befindet sich die zentrale Gedenkstätte für die Opfer der Leningrader Blockade.

Freunde Russlands organisieren sich in Bayern: GDRF-Gedenken in Nürnberg zum Tribunal-Jahrestag

Der 872 Tage langen Einkreisung durch die Wehrmacht und ihre Verbündeten fielen rund 1,1 Millionen Leningrader Bürger zum Opfer. Die Bundesregierung hat die Blockade als deutsches Kriegsverbrechen anerkannt, nicht jedoch als einen Genozid, als den die russische Seite die Belagerung der Stadt betrachtet.

Auch die selektive Entschädigung der noch lebenden Opfer ruft immer wieder die Kritik russischer Vertreter hervor. So leistet die Bundesrepublik Deutschland Zahlungen nur an jüdische Sankt Petersburger, welche die damalige Hungerblockade überlebt haben, nicht jedoch an Überlebende anderer Religionen oder Herkunft. Dementsprechend war es der GDRF ein Anliegen, diese Ungleichbehandlung zu überwinden. Ein Anliegen, das die anwesende Vertreterin der russischen Botschaft, Frau Kupakowa, betont würdigte: Man wisse es in Russland sehr hoch zu schätzen, dass sich der Spendenfonds der GDRF bewusst „an alle Opfer dieses schrecklichen Verbrechens“ richte.

Die GDRF hatte zuvor in einem Schreiben an den Botschafter der Russischen Föderation, Sergei Netschajew, ihr Anliegen vorgebracht und um Unterstützung bei der Suche nach einer Partnerorganisation in Sankt Petersburg gebeten. Die Vorsitzenden des Freundschaftsvereins betonten dabei auch eine persönliche Motivation. Es gebe in dem Verein Mitglieder, deren Vorfahren auf deutscher Seite an der Blockade beteiligt gewesen seien. Sie verspürten eine Verpflichtung, durch den Fonds zugunsten der Überlebenden ihr fortdauerndes historisches Verantwortungsbewusstsein deutlich zu machen.

Die entsprechenden Unterlagen übergab der Vereinsvizevorsitzende Torsten Rexin der Vertreterin der russischen Botschaft. Diese zeigte sich auch persönlich gerührt von der Initiative. Die deutschen Verbrechen seien noch heute ein hochemotionales und empfindliches Thema in Russland. Es gebe keine einzige russische Familie, die davon nicht betroffen gewesen sei. Das sei gewissermaßen Teil des russischen genetischen Gedächtnisses. Auch ihre Familie habe unter der Tragödie des deutschen Überfalls gelitten. Die Leistung der Frontkämpfer und der Arbeiter im Hinterland werde auch heute noch in Russland hoch geehrt. Frau Kupakowa äußerte die Hoffnung, dass der Bundestag sich dazu durchringen werde, den Völkermord am sowjetischen Volk anzuerkennen.

Gesellschaft für Deutsch-Russische Freundschaft sucht Unterstützung:

Dass die Ausstellungseröffnung in Panketal-Schwanebeck am Berliner Stadtrand stattfand und nicht wie ursprünglich geplant im brandenburgischen Bernau ‒ damit hat es eine besondere Bewandtnis. Nach ursprünglicher Zustimmung zum Ausstellungsvorhaben lehnte es die Stadt Bernau ab, die Ausstellung „Zeit, sich zu erinnern“ in ihren Räumlichkeiten stattfinden zu lassen. In einem Schreiben an die Veranstalter ließ der Bernauer Bürgermeister mitteilen, der Stadt liege „jedwede Erinnerungskultur“ sehr am Herzen. Jetzt sei aber nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Begründet wurde die Absage mit dem Hinweis auf die Fortdauer des Ukraine-Krieges. „Sowie die kriegerischen Handlungen in der Ukraine beendet“ seien, komme man gern auf das Anliegen wieder zurück.

Das Schwanebecker Unternehmen Sommer sprang als Ersatz für die abgesagten Räumlichkeiten ein. Torsten Rexins trockener Kommentar auf die „mit kryptischer Rätselhaftigkeit“ erfolgte Absage aus Bernau:

„Wir stellen uns die Frage, unter welchen tagespolitisch gemütlichen Umständen im Rathaus Bernaus das Gedenken an die Opfer des Zweiten Weltkriegs Platz findet.“

In seiner Rede zur Ausstellungseröffnung zitierte Rexin Bruchstücke aus Bertolt Brechts „Kinderhymne“: „…dass ein gutes Deutschland blühe wie ein andres gutes Land. Und nicht über, und nicht unter andren Völkern woll’n wir sein. Von der See bis an die Alpen, Von der Oder bis zum Rhein.“ Es sei ihm und den Vereinsmitgliedern ein Anliegen, dass auch in Piskarjowka die Blumen in guter Obhut seien und auf den dortigen Gräbern nicht verblühten. Die Erinnerung an das in Leningrad geschehene faschistische Kriegsverbrechen müsse in Erinnerung bleiben. Deshalb habe der Verein den Fonds „Blumen für Piskarjowka“ ins Leben gerufen und auch die Ausstellung initiiert. Es sei höchste Zeit, sich zu erinnern.

Der vergessene Völkermord der Nazis in Weißrussland – Vernissage in Köln hält die Erinnerung wach

Rexin las auch einen Ausschnitt aus einer Niederschrift einer Wehrmachtskonferenz vom 21. September 1941, knapp zwei Wochen nach Beginn der Blockade, vor. Dieser zeigt, dass von vornherein das Verhungern der Stadtbevölkerung vorgesehen war. Ein wichtiger Beleg für die genozidalen Absichten auch der Wehrmachtsführung gegen die Sowjetbürger. Drei Wochen später, am 12. Oktober 1941, legte die Wehrmacht fest: „Es ist heute die Entscheidung des Oberkommandos der Wehrmacht bezüglich der Stadt Leningrad gekommen; danach darf eine Kapitulation nicht angenommen werden.“ Damit war eine Großstadt von rund drei Millionen Einwohnern zum Hungertod verurteilt.

Die Ausstellung zitierte auch die Verse der bedeutenden Leningrader Dichterin Olga Bergholz, ebenfalls eine Überlebende der Blockade: „Aber wisse, der du diese Steine betrachtest. Niemand ist vergessen und nichts wird vergessen.“ Dass dieses Verbrechen nicht nur im russischen kollektiven Gedächtnis abgespeichert bleibt, sondern auch deutschen Bundesbürgern die Tragödie und zugleich der heldenhafte Überlebenswille zu Bewusstsein kommt, dazu leistet die Ausstellung einen wichtigen Beitrag.

Gerade in Zeiten wiedererwachender, nach Osten gerichteter deutscher „Kriegstüchtigkeit“ ist es nötig, die russischen Opfer des Nationalsozialismus hervorzuheben. Noch immer (oder schon wieder?) gelten sie in der deutschen Öffentlichkeit als vernachlässigenswerte Opfer zweiter Klasse. Eine brandgefährliche Tendenz.

Mehr zum Thema ‒ Jahrestag der Befreiung Leningrads – Weigerung Berlins, alle Opfer zu entschädigen, ist schockierend

Durch die Sperrung von RT zielt die EU darauf ab, eine kritische, nicht prowestliche Informationsquelle zum Schweigen zu bringen. Und dies nicht nur hinsichtlich des Ukraine-Kriegs. Der Zugang zu unserer Website wurde erschwert, mehrere Soziale Medien haben unsere Accounts blockiert. Es liegt nun an uns allen, ob in Deutschland und der EU auch weiterhin ein Journalismus jenseits der Mainstream-Narrative betrieben werden kann. Wenn Euch unsere Artikel gefallen, teilt sie gern überall, wo Ihr aktiv seid. Das ist möglich, denn die EU hat weder unsere Arbeit noch das Lesen und Teilen unserer Artikel verboten. Anmerkung: Allerdings hat Österreich mit der Änderung des „Audiovisuellen Mediendienst-Gesetzes“ am 13. April diesbezüglich eine Änderung eingeführt, die möglicherweise auch Privatpersonen betrifft. Deswegen bitten wir Euch bis zur Klärung des Sachverhalts, in Österreich unsere Beiträge vorerst nicht in den Sozialen Medien zu teilen.



Source link