Nach der Debatte um neue Sonderschulen in Oberösterreich im Oktober flammt jetzt auch in Niederösterreich die Diskussion um Sonderschulen auf.

Rechts: Kindeswohl vor Ideologie

„So inklusiv wie möglich, so spezialisiert wie nötig. Entscheidend sind Kindeswohl und tatsächlicher Bedarf, nicht Ideologie“, stellt FPÖ-Niederösterreich-Bildungssprecher Helmut Fiedler klar. Für ihn ist ausschlaggebend, „dass jedes Kind jene Schulform bekommt, die ihm wirklich hilft“.

Die FPÖ tritt daher für echte Wahlfreiheit ein: Eltern bzw. die Schulbehörde sollen zwischen integrativer Form und Sonderschule entscheiden können.

Sonderschule als „echte Alternative“

Fiedler kritisiert, das Schlagwort Inklusion sei „zu inflationär verkauft worden: ‚Alle in dieselbe Klasse, dann schauen wir schon, wie es irgendwie geht.‘ Nur das ist verantwortungslos und führt zur Überforderung bei Kind, Lehrer und gesamter Klasse.“

Im Schuljahr 2022/23 hatten 5.196 Schüler sonderpädagogischen Förderbedarf, davon wurden 2.675 in Sonderschulen unterrichtet.

Willkürliche Zahlenfestlegung

Dabei stammt die Bestimmung, wer sonderpädagogischen Förderbedarf hat, aus der Tintenburg. Die 2,7-Prozent-Quote legt fest, dass nur für rund 2,7 Prozent aller Schüler „sonderpädagogischer Förderbedarf“ (SPF) festgestellt und entsprechende Ressourcen (z.B. zusätzliche Lehrerstunden, Stützpersonal) bereitgestellt werden sollen.

Unabhängig davon, wie viele wirklich behindert sind. „Das ist eine künstliche Obergrenze. Ressourcen für sonderpädagogische Förderung müssen sich am realen Bedarf und nicht an Quoten orientieren“, so die FPÖ.

Links: „Sonderschulen Strukturen von gestern“

Kritik an dieser Linie kommt von der linken Lebenshilfe Niederösterreich. Für sie sind Sonderschulen keine zeitgemäße Antwort auf die Herausforderungen im Bildungssystem. Sie „verfestige Ausgrenzung statt Teilhabe“, heißt es in einer Aussendung.

Frank und frei behauptet Präsidentin Friederike Pospischil:

Die beste Bildung für alle Kinder ist die gemeinsame Bildung, nicht die Sonderschule.

Internationale Studien und die UN-Behindertenrechtskonvention bekräftigten die inklusive Bildung als Menschenrecht.

Anstatt Sonderschulen zu stärken, fordert die Lebenshilfe mehr Geld für Unterstützungspersonal, barrierefreie Lernumgebungen, kleinere Klassen und eine verpflichtende inklusive Ausbildung für alle Pädagogen.

NÖAAB: Sonderschule als Schutz- und Förderraum

Unterstützung für die Sonderschulen kommt hingegen vom Niederösterreichischen Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmerbund (NÖAAB). Für den überwiegenden Teil der Kinder seien inklusive Lernbedingungen gut, räumt der NÖAAB ein. „Für Kinder mit einem herausfordernden Pflegeaufwand oder schweren Erkrankungen sind alternative Lernbedingungen jedoch erforderlich.“ Kleine Klassen, speziell ausgebildetes Personal und ein geschütztes Umfeld ermöglichten „Bildungserfolge, die in anderen Schulformen oft nicht erreichbar sind“.

Wahlfreiheit

Auch der NÖAAB stellt – im Sinne der FPÖ-Argumentation – klar:

Inklusion bedeutet nicht Gleichmacherei, sondern Wahlfreiheit und passgenaue Angebote. Für manche Kinder ist die Sonderschule der Ort, an dem sie sich sicher fühlen, Selbstvertrauen entwickeln und ihre Fähigkeiten entfalten können.

Der NÖAAB begrüßt daher den im Landtag eingebrachten Antrag, beim Bildungsminister die Einführung eines eigenständigen Studiengangs „Sonderpädagogik“ zu verlangen, ausgelegt sowohl für Sonderschulen als auch für inklusives Unterrichten.

Linke Spielwiese: Behinderte Kinder

Die heutige Auseinandersetzung um Inklusion und Sonderschulen hat eine lange Vorgeschichte.

Die Beschulung von Kindern mit Beeinträchtigung reicht in Österreich bis ins 18. Jahrhundert zurück: Zunächst entstanden eigene Einrichtungen für gehörlose und blinde Kinder. Kinder mit Lernschwierigkeiten wurden ab dem 19. Jahrhundert in sogenannten Hilfsschulen unterrichtet, meist in Städten und auf Initiative Einzelner, während viele Kinder am Land im regulären Unterricht ohne spezifische Förderung blieben.

Sonderschulen seit 1962

Gerade deshalb wurden die Sonderschulen in den 1960er-Jahren als großer Fortschritt gesehen: Mit der Schulreform von 1962 führte die damalige ÖVP-SPÖ-Regierung ein flächendeckendes Sonderschulangebot ein und verankerte damit erstmals ein klares Schulrecht für Kinder mit Beeinträchtigungen.

Eigene Sonderschul-Sparten mit speziellen Lehrplänen sollten den Bedürfnissen dieser Kinder gerecht werden.

Wind dreht sich

Das schmeckt den linken Gesellschafts-Veränderern gar nicht, die Unterschiede zwischen den Menschen gerne leugnen. Seit den 2010er-Jahren arbeiten sie daran, den separaten Unterricht stark einschränken, mit dem Ziel der völligen Abschaffung.

Doch der gesellschaftliche Wind dreht sich, und immer lauter werden die Sonderschulen verteidigt, in Oberösterreich sogar neue gebaut. Nicht zuletzt gemäß Elternwünschen und praktischen Herausforderungen in Regelschulen. Denn „Sonderschule heißt nicht weniger, sondern heißt gezielte Förderung, Würde und echte Bildungschancen“, so Fiedler.



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