Der Naturschutzbund gewinnt vor Gericht und die deutsche Hauptstadt tobt. Dabei liegt der Grund für die anhaltend glatten Gehwege ganz woanders
Auf die Straße gestreut wird aus diesem schönen Pulver eine ziemlich gefährliche Chemikalie
Foto: Florian Gaertner/photothek/picture alliance
In der bundesdeutschen Hauptstadt tobte gerade der Bär: GLATTEIS! Nach Jahren der Tristesse gibt es in diesem Jahr tatsächlich wieder einmal Winter mit Schnee und Eis, und weil die Hausmeister und Räumdienste mit den Gehwegen gar nicht hinterherkamen, geriet der Regierende Kai Wegner (CDU) schon wieder unter Druck: diesmal nicht wegen Tennis, diesmal wegen Knochenbrüchen. Im Kampf für mehr Sicherheit auf dem Weg zur Arbeit gaben der Regierende und seine Umweltsenatorin das Streusalz per „Allgemeinverfügung“ frei.
Eigentlich ist der Einsatz dieser Räummethode vom Berliner Naturschutzgesetz verboten. Wie übrigens auch in München, Hamburg, Sachsen und vielen Städten Nordrhein-Westfalens. Und das ist auch nicht verwunderlich, wenn man das Material in seine Einzelteile zerlegt: Streusalz – korrekt „Tausalz“ – besteht zu fast einhundert Prozent aus Natriumchlorid. Kommt das mit Schnee, also mit Wasser, in Verbindung, entstehen unter Hitzeentwicklung Salzsäure und Natronlauge. Die Hitze taut das Eis, Säure und Lauge landen im Boden.
Warum Streusalz so gefährlich ist
Ein makabrer Witz geht so: „Was ist ein Mann in Salzsäure?“ Antwort: „Ein gelöstes Problem.“ Larissa Schuster, eine Biochemikerin aus Kalifornien, kannte die Wirkung ganz genau, 2003 löste sie ihren ermordeten Ehemann in Salzsäure auf. Das Zeug ist hochkonzentriert tatsächlich hoch gefährlich, es greift Brücken an, lässt Autos korrodieren.
Nicht nur das: Natronlauge wirkt extrem ätzend, was Hundebesitzer bestätigen werden, die über Streusalzwege mit ihrem Liebling Gassi gehen. Und so etwas wollen wir freiwillig in unsere Böden kippen, an die Wurzeln unserer Bäume, gar ins Grundwasser lassen, bloß weil es mal wieder einen Winter gibt, der diese Bezeichnung auch wirklich verdient?
Es ist eine Errungenschaft der Umweltbewegung, dass der Einsatz von Streusalz stark eingeschränkt, für privat sogar verboten ist. Diese Errungenschaft zu verteidigen, also gegen eine Lockerung des Verbots vor Gericht zu ziehen, ist erste Umweltschützer-Pflicht. Deshalb ein „Chapeau!“ dem Naturschutzbund, der vor dem Berliner Verwaltungsgericht gewonnen hat und dem Regierenden klar machte: Die Zeit der Monarchie ist vorbei, Bürgermeister können nicht einfach so Gesetze ändern.
„Nabu-Vögel“ nennt der Comedian Ingmar Stadelmann die Kläger und witzelt: In Berlin sterbe man nicht auf Glatteis, „hier gleitest du klimaneutral aus dem Leben.“ Vermutlich ist Stadelmann Comedian geworden, weil er im Chemieunterricht nicht aufgepasst hat: Was hat Streusalz mit dem Klima zu tun?
Dabei gibt Stadelmann noch die gemäßigte Stimme in der empörten Herde, die da blökt. Welt-Herausgeber Ulf Poschardt sieht Berlin „im Eimer“, die ehemalige Grünenchefin Ricarda Lang wirft dem Nabu „Dilettantismus“ vor, Springers Kampfblatt BZ kommentierte: „Der NABU kümmert sich um Schneeleoparden in Zentralasien und um Macadamianüsse in Afrika – doch das Wohlergehen von Millionen Berlinern scheint dem Umweltverband weniger wichtig zu sein.“
Wo ist bloß der Mietvertrag?
Moment, liebe Zeitgenossen, analysieren wir das Problem! Natürlich gibt es längst gute, umweltfreundliche Alternativen zum Streusalz. Nicht das gestreute Mittel war in Berlin das Problem: Es gab einfach zu wenige Hände, die ein Mittel ausstreuten.
Was auch nicht verwunderlich ist, wenn wir die letzten Winter bilanzieren: Diese wurden immer milder, im Jahrgang 2019/20, gab es zum Beispiel nicht einen einzigen Tag, an dem es in Berlin eine geschlossene Schneedecke gab. Schneefräsen, Räumgerät, Split – die Winterausrüstung wurde in den letzten Jahren schlicht nicht mehr gebraucht. Wir haben verlernt, wie „Winter“ geht.
Wer war für den Gehweg Straße X gleich nochmal zuständig? Wer muss kontrollieren, dass der Winterdienst ordnungsgemäß funktioniert? Müssen die Mieter eines Geschäfts Schnee schippen, oder sind die Vermieter zuständig? So etwas regelt normalerweise der Mietvertrag. Jetzt muss man nur noch den Hefter finden, in dem dieser abgelegt ist.
vom Berliner Naturschutzgesetz verboten. Wie übrigens auch in München, Hamburg, Sachsen und vielen Städten Nordrhein-Westfalens. Und das ist auch nicht verwunderlich, wenn man das Material in seine Einzelteile zerlegt: Streusalz – korrekt „Tausalz“ – besteht zu fast einhundert Prozent aus Natriumchlorid. Kommt das mit Schnee, also mit Wasser, in Verbindung, entstehen unter Hitzeentwicklung Salzsäure und Natronlauge. Die Hitze taut das Eis, Säure und Lauge landen im Boden.Warum Streusalz so gefährlich istEin makabrer Witz geht so: „Was ist ein Mann in Salzsäure?“ Antwort: „Ein gelöstes Problem.“ Larissa Schuster, eine Biochemikerin aus Kalifornien, kannte die Wirkung ganz genau, 2003 löste sie ihren ermordeten Ehemann in Salzsäure auf. Das Zeug ist hochkonzentriert tatsächlich hoch gefährlich, es greift Brücken an, lässt Autos korrodieren. Nicht nur das: Natronlauge wirkt extrem ätzend, was Hundebesitzer bestätigen werden, die über Streusalzwege mit ihrem Liebling Gassi gehen. Und so etwas wollen wir freiwillig in unsere Böden kippen, an die Wurzeln unserer Bäume, gar ins Grundwasser lassen, bloß weil es mal wieder einen Winter gibt, der diese Bezeichnung auch wirklich verdient?Es ist eine Errungenschaft der Umweltbewegung, dass der Einsatz von Streusalz stark eingeschränkt, für privat sogar verboten ist. Diese Errungenschaft zu verteidigen, also gegen eine Lockerung des Verbots vor Gericht zu ziehen, ist erste Umweltschützer-Pflicht. Deshalb ein „Chapeau!“ dem Naturschutzbund, der vor dem Berliner Verwaltungsgericht gewonnen hat und dem Regierenden klar machte: Die Zeit der Monarchie ist vorbei, Bürgermeister können nicht einfach so Gesetze ändern.„Nabu-Vögel“ nennt der Comedian Ingmar Stadelmann die Kläger und witzelt: In Berlin sterbe man nicht auf Glatteis, „hier gleitest du klimaneutral aus dem Leben.“ Vermutlich ist Stadelmann Comedian geworden, weil er im Chemieunterricht nicht aufgepasst hat: Was hat Streusalz mit dem Klima zu tun?Dabei gibt Stadelmann noch die gemäßigte Stimme in der empörten Herde, die da blökt. Welt-Herausgeber Ulf Poschardt sieht Berlin „im Eimer“, die ehemalige Grünenchefin Ricarda Lang wirft dem Nabu „Dilettantismus“ vor, Springers Kampfblatt BZ kommentierte: „Der NABU kümmert sich um Schneeleoparden in Zentralasien und um Macadamianüsse in Afrika – doch das Wohlergehen von Millionen Berlinern scheint dem Umweltverband weniger wichtig zu sein.“Wo ist bloß der Mietvertrag?Moment, liebe Zeitgenossen, analysieren wir das Problem! Natürlich gibt es längst gute, umweltfreundliche Alternativen zum Streusalz. Nicht das gestreute Mittel war in Berlin das Problem: Es gab einfach zu wenige Hände, die ein Mittel ausstreuten.Was auch nicht verwunderlich ist, wenn wir die letzten Winter bilanzieren: Diese wurden immer milder, im Jahrgang 2019/20, gab es zum Beispiel nicht einen einzigen Tag, an dem es in Berlin eine geschlossene Schneedecke gab. Schneefräsen, Räumgerät, Split – die Winterausrüstung wurde in den letzten Jahren schlicht nicht mehr gebraucht. Wir haben verlernt, wie „Winter“ geht.Wer war für den Gehweg Straße X gleich nochmal zuständig? Wer muss kontrollieren, dass der Winterdienst ordnungsgemäß funktioniert? Müssen die Mieter eines Geschäfts Schnee schippen, oder sind die Vermieter zuständig? So etwas regelt normalerweise der Mietvertrag. Jetzt muss man nur noch den Hefter finden, in dem dieser abgelegt ist.