Die Energy-Drink-Dose wandert von einer Hand in die andere. Auf dem Blech: drei in die Luft gestreckte Fäuste, darunter das Logo der Gewerkschaft IG Metall – und das der gewerkschaftsnahen Betriebsratsliste. An diesem regnerischen Sonntagabend Ende Februar werden die Dosen gern genommen – auch von jenen Arbeitern, die keine Lust auf ein Gespräch mit den IG-Metall-Vertretern in ihren roten Westen haben.

Die Gewerkschafter haben sich direkt vor den Eingängen der Tesla-Fabrik in Grünheide bei Berlin positioniert. Alles ist hell erleuchtet. Ein paar Security-Beschäftigte beobachten das Geschehen misstrauisch: Im Sekundentakt rollen Autos und Busse auf die Parkplätze – in einer Stunde beginnt die Nachtschicht. Viele Arbeiter, die in Winterjacken zu den Toren strömen, halten Kaffeebecher in der Hand. Manche wirken müde, andere laufen lachend in Gruppen. Man hört viele Sprachen: Deutsch, Türkisch, Polnisch.

Die Gewerkschafter fangen die ankommenden Arbeiter ab und verteilen T-Shirts, Flyer – und eben jene Energy-Drink-Dosen. Auf diesen steht auch ein Datum: 2. bis 4. März. Dann wird bei Tesla der dritte Betriebsrat in vier Jahren gewählt. Elon Musk, der US-Tech-Milliardär, dem die sogenannte Gigafactory gehört, will die Gewerkschaft dabei unbedingt draußen halten. Ein Konflikt, der sich seit Jahren zuspitzt, steuert auf seinen nächsten Höhepunkt zu.

Die Betriebsrats-Kandidaten hoffen auf eine faire Wahl

Für die IG Metall ist der Weg in die Gigafactory nicht ganz so leicht wie für ihre Energy-Drink-Dosen: Zwar stellt die IG-Metall-Liste schon jetzt die meisten Mitglieder im Betriebsrat in Grünheide, die Mehrheit hat sie aber – bisher – nicht. Die will sie dieses Jahr erreichen: 116 Personen stellen sich auf der Liste zur Wahl.

Auf Platz 1 kandidiert Laura Arndt, die bei Tesla für die Berufsausbildung im Bereich Mechatronik verantwortlich und schon jetzt Mitglied im Betriebsrat ist. Sie hofft auf eine „faire Betriebsratswahl“, sagt sie im Gespräch mit Medienvertretern, und dass „Schmutzkampagnen nicht von inhaltlichen Fragen“ ablenken. Sie trete an, weil sich „in der Fabrik grundlegend etwas ändern muss“. Das sagt sie nur wenige Stunden, bevor es zu einem Polizeieinsatz bei einer Betriebsratssitzung kommt.

In der Fabrik muss sich etwas grundlegend ändern

Laura Arndt, BR und BR-Kandidatin

In Grünheide ist das Verhältnis zwischen der IG Metall und Tesla seit jeher angespannt. Seit dem Start der Gigafactory vor vier Jahren ringt die Gewerkschaft um Einfluss – und stößt auf Widerstand. Das Werk in Grünheide ist das einzige große Autowerk in Deutschland, das sich konsequent einem Tarifvertrag mit der IG Metall verweigert.

Für die Gewerkschaft ist das ein Sonderfall – und ein strategisch bedeutsamer noch dazu. Denn hier entscheidet sich, ob sich das bewährte deutsche Modell der Sozial- oder zumindest das der Tarifpartnerschaft – also verbindliche Lohn- und Arbeitszeitregelungen zwischen Gewerkschaft und Arbeitgeber auf Augenhöhe – auch gegenüber einem globalen Konzern aus dem US-amerikanischen Silicon Valley behaupten kann.

Mühsamer gewerkschaftlicher Kraftaufbau

Der Tarifvertrag bei Tesla ist jedoch noch Zukunftsmusik. Aktuell geht es für die IG Metall erstmal darum, zum ersten Mal die Mehrheit im Betriebsrat zu holen. Bisher hatten die Mehrheit die als managementnah geltenden Listen.

Bei der ersten Wahl Ende Februar 2022 ging die Initiative zur Gründung des Betriebsrats sogar von Beschäftigten aus, die als unternehmensnah galten. Die IG Metall wurde damals überrumpelt. Gewählt wurde zu einem Zeitpunkt, als erst rund 3.000 statt der damals geplanten 12.000 Mitarbeitenden eingestellt waren. Viele Beschäftigte in der Fertigung hatten noch nicht angefangen oder waren noch nicht wahlberechtigt. Die als arbeitgeberfreundlich geltende Liste „Gigavoice“ gewann damals knapp die Hälfte der Stimmen.

Bei der vorgezogenen zweiten Betriebsratswahl im März 2024 – es musste neu gewählt werden, weil mittlerweile 12.5000 Beschäftigte in Grünheide arbeiteten – konnte die IG Metall einen knappen Sieg erringen. Auch zu jener Zeit war der Wahlkampf dabei schon ein Kräftemessen: Die IG Metall schaffte es im Vorfeld, dass sich tausende Mitglieder im Betrieb zu ihr bekannten. Kurz vor der Wahl flog dann allerdings Elon Musk ein, um nochmal Stimmung gegen die Gewerkschaft zu machen. Laut Medienberichten hatte Musk damals in seiner Rede vor der Belegschaft ausdrücklich vor Tarifverträgen und Gewerkschaften gewarnt.

Aggressivität des Managements gegenüber Gewerkschaften

Musk gilt generell als bekennender Gegner gewerkschaftlicher Organisation. In den weltweiten Werken seines Elektroautokonzerns Tesla lehnt er Arbeitnehmervertretungen ausdrücklich ab und hat Beschäftigten in der Vergangenheit sogar mit dem Entzug von Aktienoptionen gedroht, sollten sie sich gewerkschaftlich organisieren. Als in Schweden die Gewerkschaft IF Metall zum Streik in mehreren Tesla-Werkstätten aufrief, befand Musk auf seiner Plattform X, dass solche Arbeitskämpfe „insane“, verrückt, seien.

Die Beschäftigten in Grünheide schienen das 2024 anders zu sehen: Eine hohe Beteiligung mit Warteschlangen und insgesamt neun Listen zeigten das rege Interesse an Mitbestimmung im Werk auf. Mit knapp 40 Prozent der Stimmen lag die IG Metall außerdem vor „Gigavoice“ (35,9 Prozent). Im neuen, 39-köpfigen Gremium stellt die Gewerkschaft nun 16 Mitglieder und ist damit die größte Gruppe – allerdings eben ohne Mehrheit.

Seit November 2025 herrscht nun erneut Wahlkampfstimmung in Grünheide. Die Gewerkschaft ging in diesem Winter häufig an die Öffentlichkeit: Sie forderte unter anderem die Zahlung von Weihnachtsgeld für 3500 Beschäftigte, sprach von wachsendem Druck auf die Belegschaft und warf der Werksleitung vor, sich der Diskussion zu entziehen. Tesla wiederum hat Anfang Dezember die Gehälter für die Beschäftigten in der Gigafactory um vier Prozent erhöht – was einige hinter vorgehaltener Hand als Wahlkampfmanöver einschätzten.

Laut Medienberichten hat Elon Musk außerdem jüngst mit einer Videobotschaft Druck auf die Belegschaft ausgeübt. Darin stellte der Tesla-Chef den weiteren Ausbau der Fabrik offen infrage. Sollte die Gewerkschaft gestärkt aus der Wahl hervorgehen und „externe Organisationen“ das Unternehmen in eine aus seiner Sicht falsche Richtung drängen, sei eine Erweiterung des Standorts kaum realistisch.

Eskalation mit Polizeieinsatz bei Betriebsratssitzung

Mitte Februar fand der vorläufige Höhepunkt des Schlagabtauschs statt: Bei einer Betriebsratssitzung kam es zum Polizeieinsatz. Der Vorwurf: Ein auf Einladung von IG-Metall-Mitgliedern anwesender Gewerkschafter soll die nichtöffentliche Sitzung mit einem Laptop aufgezeichnet haben. Nachdem er sich geweigert hatte, das Gerät dem Sicherheitspersonal auszuhändigen, schaltete laut Medienberichten die Betriebsratsführung – die Gewerkschaft hält sie für arbeitgebernah – die Polizei ein. Diese beschlagnahmte dann den Laptop.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt jetzt gleich doppelt: einerseits gegen den IG-Metall-Vertreter nach einer Strafanzeige von Tesla, andererseits gegen den Tesla-Werksleiter nach einer Strafanzeige der IG Metall wegen übler Nachrede. Jan Otto, Bezirksleiter der IG Metall für Berlin-Brandenburg-Sachsen, sprach von einer „beispiellosen Aggressivität“ des Managements gegenüber Gewerkschaften. Der Konzern dürfe damit nicht durchkommen – die Betriebsratswahl sei daher auch ein entscheidender Schritt, um demokratische Strukturen im Betrieb zu sichern. Laut Berichten hatten sich Ende Februar die IG Metall und Tesla gerichtlich auf einen Vergleich geeinigt – die Ermittlungen dauern jedoch an.

Rückenwind könnte die IG Metall derweil durch die Arbeitsbedingungen in der Gigafactory erhalten. Beschäftigte kritisieren unter anderem stagnierende Löhne, fehlende Aufstiegschancen und belastende Anforderungen. Die schwierigen Bedingungen sind dabei schon seit Längerem dokumentiert. In einer Befragung der IG Metall gaben 83 Prozent der Teilnehmenden an, sich häufig oder sehr häufig überlastet zu fühlen, fast 60 Prozent berichteten von regelmäßigen körperlichen Beschwerden infolge ihrer Arbeit. Nur rund jeder Zehnte glaubt, unter den bestehenden Bedingungen bis zum Renteneintritt durchzuhalten.

Viele Versprechungen haben zudem Elon Musk und sein Management nicht eingelöst. Statt des angekündigten Wachstums wurden in Grünheide zuletzt nach Medienberichten deutlich mehr Stellen gestrichen als erwartet. Nach Angaben des Wahlvorstands ist die Belegschaft im Vergleich zu vor zwei Jahren um rund 14 Prozent, 1700 Beschäftigte, geschrumpft.

IG Metall fordert 10-Punkte-Plan

Die IG-Metall-Kandidaten versprechen nun, dass mit ihnen zumindest einige Arbeitsbedingungen sowie das Betriebsklima verbessert würden. Ein Zehn-Punkte-Plan, den die Gewerkschaft durchsetzen will, sieht unter anderem die Bezahlung von Mehrarbeit sowie angeglichene Regelungen bei Urlaubs- und Weihnachtsgeld für alle Beschäftigten vor. Betriebsratsmitglied und -kandidatin Laura Arndt spricht sich außerdem für eine Entlastung vom hohen Arbeitsdruck aus, etwa durch zusätzliche Pausen und mehr Personal.

Philipp Schwartz, ebenfalls Betriebsratsmitglied und Kandidat auf der IG-Metall-Liste, betont darüber hinaus den Wunsch vieler Kolleginnen und Kollegen nach mehr Respekt. Sie wollten nicht länger von oben herab behandelt werden. Kritik übte er im Gespräch mit Journalisten auch an einer Führungskultur, die Beschäftigte der „Willkür“ aussetze. Besonders betroffen seien jene, die krank würden, unabhängig der Ursachen. Dieser Druck müsse ein Ende haben, so Schwartz – darin sei er sich mit vielen Beschäftigten einig.

Wie viele Kollegen ihm und der IG Metall letztlich jedoch wirklich zustimmen, ist unklar. Aus dem Werk dringt wenig nach außen, außer es schaukelt sich hoch wie Mitte Februar. Die Gewerkschaft agiert vorsichtig. Tesla und Werksleiter André Thierig haben auf Fragen des Freitag nicht geantwortet.

Warum die Auseinandersetzung über Grünheide hinausweist

Selten dürfte eine Betriebsratswahl in Deutschland mit so viel Aufmerksamkeit verfolgt worden sein wie jene im Tesla-Werk in Grünheide. Die Auseinandersetzung in der brandenburgischen E-Auto-Fabrik ist längst mehr als ein betrieblicher Konflikt. Sie steht exemplarisch für eine größere Frage: Wie viel Raum bleibt für Mitbestimmung, wenn globale Tech-Konzerne, geführt von politisch einflussreichen Milliardären, sich klassischen Kontrollmechanismen zunehmend entziehen?

An diesem regnerischen Sonntagabend reißt der Strom der Menschen in die Gigafactory nicht ab. Nur wenige gehen achtlos an den Gewerkschaftern vor den Werkstoren vorbei. Viele wechseln im Vorübergehen ein paar freundliche Worte. Und immer wieder steckt jemand eine der Energy-Drink-Dosen ein.

rjacken zu den Toren strömen, halten Kaffeebecher in der Hand. Manche wirken müde, andere laufen lachend in Gruppen. Man hört viele Sprachen: Deutsch, Türkisch, Polnisch.Die Gewerkschafter fangen die ankommenden Arbeiter ab und verteilen T-Shirts, Flyer – und eben jene Energy-Drink-Dosen. Auf diesen steht auch ein Datum: 2. bis 4. März. Dann wird bei Tesla der dritte Betriebsrat in vier Jahren gewählt. Elon Musk, der US-Tech-Milliardär, dem die sogenannte Gigafactory gehört, will die Gewerkschaft dabei unbedingt draußen halten. Ein Konflikt, der sich seit Jahren zuspitzt, steuert auf seinen nächsten Höhepunkt zu.Die Betriebsrats-Kandidaten hoffen auf eine faire WahlFür die IG Metall ist der Weg in die Gigafactory nicht ganz so leicht wie für ihre Energy-Drink-Dosen: Zwar stellt die IG-Metall-Liste schon jetzt die meisten Mitglieder im Betriebsrat in Grünheide, die Mehrheit hat sie aber – bisher – nicht. Die will sie dieses Jahr erreichen: 116 Personen stellen sich auf der Liste zur Wahl.Auf Platz 1 kandidiert Laura Arndt, die bei Tesla für die Berufsausbildung im Bereich Mechatronik verantwortlich und schon jetzt Mitglied im Betriebsrat ist. Sie hofft auf eine „faire Betriebsratswahl“, sagt sie im Gespräch mit Medienvertretern, und dass „Schmutzkampagnen nicht von inhaltlichen Fragen“ ablenken. Sie trete an, weil sich „in der Fabrik grundlegend etwas ändern muss“. Das sagt sie nur wenige Stunden, bevor es zu einem Polizeieinsatz bei einer Betriebsratssitzung kommt.In der Fabrik muss sich etwas grundlegend ändernLaura Arndt, BR und BR-KandidatinIn Grünheide ist das Verhältnis zwischen der IG Metall und Tesla seit jeher angespannt. Seit dem Start der Gigafactory vor vier Jahren ringt die Gewerkschaft um Einfluss – und stößt auf Widerstand. Das Werk in Grünheide ist das einzige große Autowerk in Deutschland, das sich konsequent einem Tarifvertrag mit der IG Metall verweigert.Für die Gewerkschaft ist das ein Sonderfall – und ein strategisch bedeutsamer noch dazu. Denn hier entscheidet sich, ob sich das bewährte deutsche Modell der Sozial- oder zumindest das der Tarifpartnerschaft – also verbindliche Lohn- und Arbeitszeitregelungen zwischen Gewerkschaft und Arbeitgeber auf Augenhöhe – auch gegenüber einem globalen Konzern aus dem US-amerikanischen Silicon Valley behaupten kann.Mühsamer gewerkschaftlicher KraftaufbauDer Tarifvertrag bei Tesla ist jedoch noch Zukunftsmusik. Aktuell geht es für die IG Metall erstmal darum, zum ersten Mal die Mehrheit im Betriebsrat zu holen. Bisher hatten die Mehrheit die als managementnah geltenden Listen.Bei der ersten Wahl Ende Februar 2022 ging die Initiative zur Gründung des Betriebsrats sogar von Beschäftigten aus, die als unternehmensnah galten. Die IG Metall wurde damals überrumpelt. Gewählt wurde zu einem Zeitpunkt, als erst rund 3.000 statt der damals geplanten 12.000 Mitarbeitenden eingestellt waren. Viele Beschäftigte in der Fertigung hatten noch nicht angefangen oder waren noch nicht wahlberechtigt. Die als arbeitgeberfreundlich geltende Liste „Gigavoice“ gewann damals knapp die Hälfte der Stimmen.Bei der vorgezogenen zweiten Betriebsratswahl im März 2024 – es musste neu gewählt werden, weil mittlerweile 12.5000 Beschäftigte in Grünheide arbeiteten – konnte die IG Metall einen knappen Sieg erringen. Auch zu jener Zeit war der Wahlkampf dabei schon ein Kräftemessen: Die IG Metall schaffte es im Vorfeld, dass sich tausende Mitglieder im Betrieb zu ihr bekannten. Kurz vor der Wahl flog dann allerdings Elon Musk ein, um nochmal Stimmung gegen die Gewerkschaft zu machen. Laut Medienberichten hatte Musk damals in seiner Rede vor der Belegschaft ausdrücklich vor Tarifverträgen und Gewerkschaften gewarnt.Aggressivität des Managements gegenüber GewerkschaftenMusk gilt generell als bekennender Gegner gewerkschaftlicher Organisation. In den weltweiten Werken seines Elektroautokonzerns Tesla lehnt er Arbeitnehmervertretungen ausdrücklich ab und hat Beschäftigten in der Vergangenheit sogar mit dem Entzug von Aktienoptionen gedroht, sollten sie sich gewerkschaftlich organisieren. Als in Schweden die Gewerkschaft IF Metall zum Streik in mehreren Tesla-Werkstätten aufrief, befand Musk auf seiner Plattform X, dass solche Arbeitskämpfe „insane“, verrückt, seien.Die Beschäftigten in Grünheide schienen das 2024 anders zu sehen: Eine hohe Beteiligung mit Warteschlangen und insgesamt neun Listen zeigten das rege Interesse an Mitbestimmung im Werk auf. Mit knapp 40 Prozent der Stimmen lag die IG Metall außerdem vor „Gigavoice“ (35,9 Prozent). Im neuen, 39-köpfigen Gremium stellt die Gewerkschaft nun 16 Mitglieder und ist damit die größte Gruppe – allerdings eben ohne Mehrheit.Seit November 2025 herrscht nun erneut Wahlkampfstimmung in Grünheide. Die Gewerkschaft ging in diesem Winter häufig an die Öffentlichkeit: Sie forderte unter anderem die Zahlung von Weihnachtsgeld für 3500 Beschäftigte, sprach von wachsendem Druck auf die Belegschaft und warf der Werksleitung vor, sich der Diskussion zu entziehen. Tesla wiederum hat Anfang Dezember die Gehälter für die Beschäftigten in der Gigafactory um vier Prozent erhöht – was einige hinter vorgehaltener Hand als Wahlkampfmanöver einschätzten.Laut Medienberichten hat Elon Musk außerdem jüngst mit einer Videobotschaft Druck auf die Belegschaft ausgeübt. Darin stellte der Tesla-Chef den weiteren Ausbau der Fabrik offen infrage. Sollte die Gewerkschaft gestärkt aus der Wahl hervorgehen und „externe Organisationen“ das Unternehmen in eine aus seiner Sicht falsche Richtung drängen, sei eine Erweiterung des Standorts kaum realistisch.Eskalation mit Polizeieinsatz bei BetriebsratssitzungMitte Februar fand der vorläufige Höhepunkt des Schlagabtauschs statt: Bei einer Betriebsratssitzung kam es zum Polizeieinsatz. Der Vorwurf: Ein auf Einladung von IG-Metall-Mitgliedern anwesender Gewerkschafter soll die nichtöffentliche Sitzung mit einem Laptop aufgezeichnet haben. Nachdem er sich geweigert hatte, das Gerät dem Sicherheitspersonal auszuhändigen, schaltete laut Medienberichten die Betriebsratsführung – die Gewerkschaft hält sie für arbeitgebernah – die Polizei ein. Diese beschlagnahmte dann den Laptop.Die Staatsanwaltschaft ermittelt jetzt gleich doppelt: einerseits gegen den IG-Metall-Vertreter nach einer Strafanzeige von Tesla, andererseits gegen den Tesla-Werksleiter nach einer Strafanzeige der IG Metall wegen übler Nachrede. Jan Otto, Bezirksleiter der IG Metall für Berlin-Brandenburg-Sachsen, sprach von einer „beispiellosen Aggressivität“ des Managements gegenüber Gewerkschaften. Der Konzern dürfe damit nicht durchkommen – die Betriebsratswahl sei daher auch ein entscheidender Schritt, um demokratische Strukturen im Betrieb zu sichern. Laut Berichten hatten sich Ende Februar die IG Metall und Tesla gerichtlich auf einen Vergleich geeinigt – die Ermittlungen dauern jedoch an.Rückenwind könnte die IG Metall derweil durch die Arbeitsbedingungen in der Gigafactory erhalten. Beschäftigte kritisieren unter anderem stagnierende Löhne, fehlende Aufstiegschancen und belastende Anforderungen. Die schwierigen Bedingungen sind dabei schon seit Längerem dokumentiert. In einer Befragung der IG Metall gaben 83 Prozent der Teilnehmenden an, sich häufig oder sehr häufig überlastet zu fühlen, fast 60 Prozent berichteten von regelmäßigen körperlichen Beschwerden infolge ihrer Arbeit. Nur rund jeder Zehnte glaubt, unter den bestehenden Bedingungen bis zum Renteneintritt durchzuhalten.Viele Versprechungen haben zudem Elon Musk und sein Management nicht eingelöst. Statt des angekündigten Wachstums wurden in Grünheide zuletzt nach Medienberichten deutlich mehr Stellen gestrichen als erwartet. Nach Angaben des Wahlvorstands ist die Belegschaft im Vergleich zu vor zwei Jahren um rund 14 Prozent, 1700 Beschäftigte, geschrumpft.IG Metall fordert 10-Punkte-PlanDie IG-Metall-Kandidaten versprechen nun, dass mit ihnen zumindest einige Arbeitsbedingungen sowie das Betriebsklima verbessert würden. Ein Zehn-Punkte-Plan, den die Gewerkschaft durchsetzen will, sieht unter anderem die Bezahlung von Mehrarbeit sowie angeglichene Regelungen bei Urlaubs- und Weihnachtsgeld für alle Beschäftigten vor. Betriebsratsmitglied und -kandidatin Laura Arndt spricht sich außerdem für eine Entlastung vom hohen Arbeitsdruck aus, etwa durch zusätzliche Pausen und mehr Personal.Philipp Schwartz, ebenfalls Betriebsratsmitglied und Kandidat auf der IG-Metall-Liste, betont darüber hinaus den Wunsch vieler Kolleginnen und Kollegen nach mehr Respekt. Sie wollten nicht länger von oben herab behandelt werden. Kritik übte er im Gespräch mit Journalisten auch an einer Führungskultur, die Beschäftigte der „Willkür“ aussetze. Besonders betroffen seien jene, die krank würden, unabhängig der Ursachen. Dieser Druck müsse ein Ende haben, so Schwartz – darin sei er sich mit vielen Beschäftigten einig.Wie viele Kollegen ihm und der IG Metall letztlich jedoch wirklich zustimmen, ist unklar. Aus dem Werk dringt wenig nach außen, außer es schaukelt sich hoch wie Mitte Februar. Die Gewerkschaft agiert vorsichtig. Tesla und Werksleiter André Thierig haben auf Fragen des Freitag nicht geantwortet.Warum die Auseinandersetzung über Grünheide hinausweistSelten dürfte eine Betriebsratswahl in Deutschland mit so viel Aufmerksamkeit verfolgt worden sein wie jene im Tesla-Werk in Grünheide. Die Auseinandersetzung in der brandenburgischen E-Auto-Fabrik ist längst mehr als ein betrieblicher Konflikt. Sie steht exemplarisch für eine größere Frage: Wie viel Raum bleibt für Mitbestimmung, wenn globale Tech-Konzerne, geführt von politisch einflussreichen Milliardären, sich klassischen Kontrollmechanismen zunehmend entziehen?An diesem regnerischen Sonntagabend reißt der Strom der Menschen in die Gigafactory nicht ab. Nur wenige gehen achtlos an den Gewerkschaftern vor den Werkstoren vorbei. Viele wechseln im Vorübergehen ein paar freundliche Worte. Und immer wieder steckt jemand eine der Energy-Drink-Dosen ein.



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