In einem fesselnden Interview vom 6. März 2026 diskutiert der renommierte Geopolitik-Analyst Pepe Escobar mit Nema Parvani die eskalierende Krise im Nahen Osten. Escobar, der aus Südostasien zugeschaltet ist, beleuchtet Irans raffinierte Strategie im Konflikt mit den USA und Israel. Das Gespräch, das auf Escobars jüngster Kolumne basiert, analysiert die geopolitischen Implikationen eines Krieges, der die Region und die Weltwirtschaft erschüttert.
Die dezentralisierte Mosaik-Strategie Irans: Ein Meisterwerk der Asymmetrie
Pepe Escobar beschreibt Irans militärische und strategische Herangehensweise als „dezentralisierte Mosaik-Strategie“, eine offizielle Bezeichnung, die an die kunstvollen persischen Mosaike in Moscheen und Palästen erinnert, wie jene in Isfahan. Diese Strategie, die er als „Tod durch tausend Schnitte“ betitelt – eine Anspielung auf chinesische Weisheiten –, richtet sich gegen das „Abstinenz-Syndikat“, Escobars Begriff für die US-israelische Allianz. Sie wurde monatelang verfeinert, persönlich geleitet vom Ajatollah Khamenei und der Führung der Islamischen Revolutionsgarden (IRGC), einschließlich eines mehrstufigen Systems zur Nachfolge getöteter Kommandeure.
Der Kern dieser Strategie liegt in der Dezentralisierung: Lokale Kommandeure in Regionen wie Kestan oder Iranisch-Aserbaidschan können autonom Entscheidungen treffen, ohne Rücksprache mit dem Zentralkommando. Dies ermöglicht blitzschnelle Reaktionen, wie die unmittelbare Vergeltung nur 30 Minuten nach dem israelischen Enthauptungsschlag gegen IRGC-Führer. Im Gegensatz zum 12-Tage-Krieg vor Monaten war Irans Stromnetz diesmal besser geschützt, dank russischer Unterstützung bei der Reparatur. Am ersten Tag feuerten die Iraner über 1.200 Raketen und Drohnen ab, was zu massiven Zerstörungen in Israel führte.
Escobar betont die schrittweise Eskalation: Zunächst wurden ältere Raketen aus den Jahren 2012–2014 eingesetzt, nun wechselt Iran zu neueren Modellen, inklusive Hyperschallraketen, die bisher sparsam für präzise Ziele verwendet wurden. Ziele werden sorgfältig ausgewählt und wiederholt angegriffen, bis sie vollständig zerstört sind – darunter US-Militärbasen in Kuwait, Bahrain, den VAE und Katar, Energieanlagen, Raffinerien und sogar Hotels, in denen US-Personal untergebracht ist. Kontroversen um Angriffe auf Tanura in Saudi-Arabien oder Aserbaidschan werden als mögliche False-Flag-Operationen des Syndikats eingestuft, um weitere Länder in den Konflikt zu ziehen.
Die Eskalation und ihre regionalen Auswirkungen
Der Konflikt eskaliert rasant, mit Teheran unter massivem Bombardement, wie Escobar von Kontakten vor Ort, darunter Professor Marandi, bestätigt. Dennoch bleibt Irans Entschlossenheit unerschütterlich: Es handelt sich um einen existentiellen Krieg, der die Bevölkerung einigt. Die Kontinuität der Regierung ist gesichert, mit Spekulationen, dass Mojtaba Khamenei, Sohn des Ajatollahs, als neuer Oberster Führer agiert, wenngleich dies nicht offiziell verkündet wird. Israelische Drohungen, den neuen Führer zu töten, werden als absurd abgetan, ebenso Trumps Behauptung, er könne den nächsten iranischen Leader auswählen – eine Aussage, die Escobar als Gipfel der Dummheit bezeichnet.
Auf der anderen Seite sieht Escobar die USA und Israel als „unbewegliches Objekt“ konfrontiert mit zwei parallelen Gleisen: Iran muss widerstehen, koste es, was es wolle, während die US-Führung in Panik gerät. Die globale Wirtschaft steht am Rande eines Zusammenbruchs, mit Bedingungen für ein systemisches Versagen bereits erfüllt. Die US-Strategie scheiterte: Eine schnelle Enthauptung und Regimewechsel in Teheran misslang, was die Angreifer zu „verwundeten Tieren“ macht. Gerüchte aus dem Pentagon sprechen von einem Krieg bis September, doch Escobar bezweifelt, dass die USA dies aushalten können – Munition reicht nur für zwei bis drei Wochen.
Die Golfstaaten, darunter Saudi-Arabien, VAE, Kuwait und Katar, diskutieren laut Financial Times den Ausstieg aus US-Verträgen und Investitionen. Escobar zitiert einen offenen Brief des emiratischen Milliardärs Khalaf Ahmed al-Habtoor an Trump, der die GCC-Länder als unfreiwillig in den Krieg hineingezogen kritisiert. Die Finanzierung des gescheiterten „Deal of the Century“ (Escobars „Bord of Piss“) kam aus dem Golf, doch nun zerbricht das Vertrauen. Die Monarchien erkennen ihre Rolle als bloße Vasallen, deren Öleinnahmen in US-Dollar recycelt werden, während die USA nur Israel priorisieren.
Globale wirtschaftliche und geopolitische Schocks
Der Krieg markiert das Ende des Petrodollars, argumentiert Escobar. Die Golfstaaten könnten auf Alternativen umschwenken, mit Russland als neuem Schlüsselspieler in OPEC und OPEC+. Putins kollektiver Anruf mit den Golf-Führern deutet auf Mediation hin, doch der Kreml hat kein Interesse daran – er profitiert vom Rückzug der USA aus Westasien. China und Russland unterstützen Iran diskret: Satellitenintelligenz, Beidou-Systeme und militärische Kooperationen, inklusive verbesserter Drohnen (Shaheds mit russischen Komponenten wie der Comet-Antenne).
Die Schließung der Straße von Hormuz – diplomatisch verneint, doch de facto für Feinde blockiert – treibt Ölpreise in die Höhe und verursacht Panik in Japan, Südkorea und Taiwan, die auf Golf-Öl angewiesen sind. China hat Reserven für 240–250 Tage und Alternativen wie die Power-of-Siberia-Pipeline. Europa leidet unter dem Ausfall von Katar-Gas und russischem Energie, was zu Selbstsabotage führt. Escobar sieht dies als Energiekrieg: Die USA tolerieren kein Land wie Iran, das Energie ohne US-Dollar handelt, ähnlich wie Venezuela, doch Iran ist eine mittlere Macht mit 47 Jahren Sanktionserfahrung, hochgebildeter Bevölkerung und zivilisatorischem Erbe.
Die Rolle von Russland, China und der Verrat Indiens
Russland hilft über den Astrachan-Korridor, ohne formelle Bitte Irans, wie Putin betont. China bietet diskrete Unterstützung. Escobar hebt ein Interview mit Außenminister Araghchi hervor, der militärische Kooperation mit Russland und China andeutet, ohne Details preiszugeben. Dies ist ein Krieg gegen BRICS: Iran als Mitglied, unterstützt von Gründern Russland und China, mit Indien als Verräter. Indien bombte den Nord-Süd-Korridor, den es mit Iran und Russland teilt, und unterstützte Israel – eine „Geisteskrankheit“, die BRICS zerstört. Escobar fordert Indiens Ausschluss und Chinas Einbindung, etwa in Chabahar, das er selbst besuchte.
Trumps Ignoranz und die systemische Krise der USA
Escobar kritisiert Trump scharf: Ein „funktionaler Analphabet“ mit begrenztem Vokabular, der nur Fox-News-Soundbites folgt und internationale Gesetze ignoriert. Seine Aufrufe an IRGC-Kommandeure, Waffen niederzulegen, zeugen von Realitätsferne. Die US-Eliten sehen in Iran, Russland und China Albträume, da Eurasien entgleitet. Der Krieg ist asymmetrisch: Iran plant langfristig, mit intakten Fabriken im Osten und Tausenden Drohnen. Die USA fehlt Expertise – keine Ray McGoverns oder Chas Freemans mehr, nur Diktatoren ohne Verständnis für Zivilisationen.
Fazit: Ein Paradigmenwechsel in Westasien
In nur einer Woche hat der Krieg Westasien umgekrempelt: US-Einfluss kollabiert, Petrodollar stirbt, BRICS liegt im Koma. Iran zahlt einen hohen Preis, doch seine Vorbereitung und Allianzen ermöglichen Widerstand. Escobar warnt vor unvorhersehbaren Eskalationen durch „Neo-Caligula“ Trump, doch der „Tod durch tausend Schnitte“ könnte das Syndikat besiegen. Der Kampf geht weiter – ein existentieller für Iran, ein katastrophaler für die globale Ordnung.