Die Corona-Jahre sind offiziell vorbei, doch eine echte Aufarbeitung steht vielerorts noch aus. Im Studio von Report24 spricht Florian Machl mit dem Bürgerreporter Tom Schnipes, der sich intensiv mit den inzwischen veröffentlichten RKI-Protokollen beschäftigt hat. Schnipes hat tausende Seiten der internen Sitzungsniederschriften des Robert Koch-Instituts ausgewertet und systematisch nach Themenbereichen geordnet. Seine Recherchen wurden bereits in juristischen Verfahren herangezogen. Im Gespräch schildert er, welche Informationen sich aus den Dokumenten ergeben und welche Fragen aus seiner Sicht bis heute unbeantwortet geblieben sind.
Tausende Seiten Protokolle aus dem Krisenstab
Die sogenannten RKI-Files umfassen mehrere tausend Seiten Protokolle aus Sitzungen des Krisenstabs während der Corona-Zeit. Schnipes hat dieses Material mehrfach durchgearbeitet und zentrale Aussagen zu Themen wie Massentests, Masken, Schulschließungen oder Impfkampagnen herausgearbeitet. Entscheidend sei dabei die zeitliche Einordnung. In Gerichtsverfahren werde regelmäßig gefragt, wann welche Erkenntnisse vorlagen und welche Maßnahmen zu diesem Zeitpunkt bereits beschlossen oder umgesetzt waren.
Schnipes erklärt, dass sich in den Dokumenten zahlreiche Hinweise darauf finden, dass innerhalb der Behörden schon früh Zweifel an einzelnen Maßnahmen diskutiert wurden. Dazu zählen etwa Fragen zur Wirksamkeit von Massentestungen oder zur Rolle von Kindern im Infektionsgeschehen. Für ihn liegt der Kern der Analyse darin, die damaligen internen Einschätzungen mit der späteren politischen Kommunikation zu vergleichen.
Streitpunkt Massentests und Masken
Ein wiederkehrendes Thema in den Protokollen ist laut Schnipes die Bewertung von Massentestungen. In mehreren Sitzungen sei festgehalten worden, dass großflächige Tests aus Sicht des Krisenstabs keine entscheidende Rolle bei der Eindämmung der Pandemie spielten. Gleichzeitig wurden sie in vielen Ländern zu einem zentralen Instrument der Pandemiebekämpfung.
Auch beim Thema Masken verweist Schnipes auf frühe Diskussionen im Krisenstab. In den Dokumenten werde wiederholt festgehalten, dass für eine generelle Maskenpflicht in der Bevölkerung zunächst keine belastbare Evidenz vorliege. Erst später änderten sich Empfehlungen und politische Vorgaben. Für Schnipes zeigt sich hier eine Diskrepanz zwischen internen Debatten und öffentlicher Darstellung.
Kinder und Schulschließungen
Besonders kritisch sieht der Bürgerreporter den Umgang mit Kindern während der Pandemie. In den RKI-Protokollen werde bereits früh erwähnt, dass Kinder im Infektionsgeschehen eine geringere Rolle spielten und schwere Krankheitsverläufe selten seien. Trotzdem kam es in vielen Ländern zu Schulschließungen und umfangreichen Maßnahmen im Bildungsbereich.
Für Schnipes stellt sich daher die Frage, warum diese Hinweise nicht stärker in politische Entscheidungen eingeflossen seien. Die Folgen für Schüler und Familien seien bis heute spürbar, während eine umfassende Bewertung der Maßnahmen durch offizielle Stellen noch ausstehe.
Impfstoffe und frühe Warnungen
Auch die Einführung der neuen mRNA-Impfstoffe findet sich in den internen Sitzungsnotizen. In frühen Protokollen wird laut Schnipes darauf hingewiesen, dass es zu diesem Zeitpunkt noch kaum praktische Erfahrungen mit solchen Impfstoffen gab. Kurz darauf begann in vielen Ländern die großflächige Impfkampagne.
Darüber hinaus tauchen in den Dokumenten laut seiner Darstellung bereits Hinweise auf mögliche Nebenwirkungen einzelner Impfstoffe auf. Besonders im Zusammenhang mit dem Vektorimpfstoff von AstraZeneca seien Fälle von Thrombosen und anderen Komplikationen diskutiert worden. Für Schnipes zeigt sich daraus, dass Risiken innerhalb der Behörden früh bekannt gewesen seien.
Krankenhausauslastung und Statistikfragen
Ein weiterer Punkt betrifft die tatsächliche Belastung der Krankenhäuser. Schnipes verweist auf interne Einschätzungen und statistische Daten, die teilweise eine geringere Auslastung als erwartet zeigen. Auch dieser Aspekt stehe in einem Spannungsverhältnis zur damaligen öffentlichen Darstellung einer unmittelbar drohenden Überlastung des Gesundheitssystems.
Zusätzlich seien verschiedene statistische Fragen diskutiert worden, etwa die Unterscheidung zwischen Todesfällen „an“ oder „mit“ dem Virus sowie die Aussagekraft von PCR-Tests. Diese Themen seien im Verlauf der Pandemie immer wieder Gegenstand von Debatten gewesen.
Aufarbeitung vor Gericht
Ein Teil der von Schnipes ausgewerteten Dokumente wurde bereits in Gerichtsverfahren eingebracht. In einzelnen Fällen beriefen sich Richter auf Inhalte aus den RKI-Protokollen, um Entscheidungen zu begründen. Für ihn zeigt das, dass die Dokumente juristische Bedeutung haben können.
Gleichzeitig betont er, dass viele Verfahren noch laufen und zahlreiche Fragen weiterhin ungeklärt sind. Die vollständige Auswertung der Protokolle stehe erst am Anfang. Für ihn ist klar, dass die gesellschaftliche und politische Aufarbeitung der Corona-Jahre noch lange nicht abgeschlossen ist.
Forderung nach umfassender Untersuchung
Im Gespräch mit Florian Machl wird einmal mehr deutlich, dass eine umfassende Untersuchung der Pandemiepolitik notwendig ist. Dazu gehörten parlamentarische Untersuchungsausschüsse ebenso wie unabhängige wissenschaftliche Analysen. Nur so könne geklärt werden, welche Entscheidungen auf welchen Informationen beruhten.
Die RKI-Files liefern dafür umfangreiches Material. Sie dokumentieren interne Diskussionen in einer Phase, in der politische Entscheidungen unter großem Druck getroffen wurden. Für Schnipes sind diese Dokumente daher ein zentraler Ausgangspunkt für jede ernsthafte Aufarbeitung der Corona-Zeit.