Das Vorgehen des US-Präsidenten ist Rohstoffkolonialismus alter Schule. Dabei hat die progressive Politik Grönlands sich wegen des Klimawandels und der Umwelt entschieden, die Förderung von Öl, Gas und Seltener Erden zu verbieten


Grönland ist ein positives Beispiel dafür, wie ein rohstoffreiches Land souverän und demokratisch über seine Ressourcen entscheiden kann

Fotos: ODD ANDERSEN; Oliver Morin/gettyimages


Kaum spricht Donald Trump 2019 erstmals davon, die größte Insel der Welt kaufen zu wollen, schicken die Milliardäre ihre Dollars voraus. Jeff Bezos, Bill Gates, Michael Bloomberg und Sam Altman investieren in das Start-up KoBold Metals, das auf Grönland mit KI nach kritischen Rohstoffen für Elektronik und Batterien sucht. Gigantische Vorkommen von Lithium, Kupfer und Seltenen Erden schlummern dort.

Trumps Jugendfreund Peter Lauder beteiligt sich an einer Firma, die ein Wasserkraftwerk am Tasersuaq-See zum Betrieb eines Aluminiumwerks bauen will. Silicon Valley fieberträumt von der „Freedom City“ im nicht mehr ewigen Eis: Das von Peter Thiel mitfinanzierte Start-up Praxis will eine Modellstadt ohne staatliche Regulierung und demokratische Beteiligung auf Grönland errichten, inklusive autonomer Fahrzeuge, Mini-Atomkraftwerke und Raketenbasis.

In der ersten Trump-Regierung hoffte Außenminister Mike Pompeo, dass die schmelzende Eisdecke neue maritime Handelswege nach Asien schaffen würde, einen „Suez- oder Panamakanal des Nordens im 21. Jahrhundert“. Außerdem gibt es Öl und Erdgas, etwa vor der Südküste. Die teilautonome arktische Insel scheint eine riesige Bodenschatzkiste, aus der sich bedienen kann, wer sich gegen die Konkurrenz – China und Russland – durchsetzt. Auch die EU will das.

Auf Grönland werden koloniale Fantasien projiziert

Geopolitische Projektionen, libertäre Utopien und koloniale Narrative, die völlig realitätsfern sind. Denn die Rohstoffe lassen sich nicht einfach aus dem Boden holen. Erkundungen sind komplex und nur während weniger Wochen im Sommer möglich, die nötige Infrastruktur – Straßen, Schienen, Flughäfen – fehlt. Es würde Jahre bis Jahrzehnte dauern, an die Ressourcen ranzukommen. Auf der Insel gibt es heute gerade einmal zwei funktionierende Minen.

Es sind aber nicht nur technische und meteorologische Hindernisse, die die gnadenlose Ausbeutung Grönlands unmöglich machen. Sondern strenge Gesetze und Umweltauflagen, die Menschen dort erkämpft haben. 2021 hat die Selbstverwaltungsregierung von Grönland die Suche und Förderung von Öl und Gas an Land und im Wasser verboten. Die Umwelt- und Klimaauswirkungen seien zu groß, begründete der damalige Ministerpräsident Múte B. Egede von der sozialistischen Partei Inuit Ataqatigiit. Darüber hinaus verabschiedete die Regierung ein Gesetz, das den Abbau von Uran verbietet.

Die Wahl 2021 galt als „Bergbau-Wahl“: Sie ging aus den Protesten gegen eine geplante Uran-Mine im Kvanefjeld in Grönlands Süden hervor. Das Gesetz macht gleichzeitig den Abbau Seltener Erden nahezu unmöglich: Viele der potenziell wirtschaftlich relevanten Vorkommen sind sogenannte polymetallische Lagerstätten, bei denen Uran kein Nebenprodukt, sondern geologischer Bestandteil der Seltenen Erden ist. Unternehmen müssen nachweisen, dass der Urananteil unter der Grenze von 100 ppm liegt oder technisch vollständig vermieden wird. Das ist allerdings unrealistisch. Und das hat wiederum dazu geführt, dass das umstrittene Projekt Kvanefjeld gestoppt wurde.

Ein Beispiel für gelungene soziale Transformation

Das australische Unternehmen Greenland Minerals, finanziert von chinesischen Investoren, wollte dort Uran und Seltene Erden fördern. Es strengte eine Investor-Staatsklage an und verlangte 11,5 Milliarden Dollar Schadensersatz von Grönland und Dänemark. Doch das Schiedsgericht in Kopenhagen erklärte im vergangenen Oktober, dass die Frage nach Abbaurechten vor einem grönländischen Gericht verhandelt werden müsste. Auch das ist ein Erfolg der Regierung und des Widerstands vor Ort.

Grönland ist also ein positives Beispiel dafür, wie ein rohstoffreiches Land souverän und demokratisch über seine Ressourcen entscheiden kann und wie Politik und Zivilgesellschaft gemeinsam an der ökologischen und sozialen Transformation arbeiten. Den Bewohner:innen Grönlands – 80 Prozent sind Inuit – ist ja völlig klar, dass die Förderung von Öl, Gas und Mineralien die Klimakrise weiter vorantreibt: Grönland erwärmt sich doppelt so schnell wie die meisten anderen Teile der Welt.

Und so offenbart die Gier nach Öl, Gas und Seltenen Erden für die vermeintlich Grüne Wende auch dies: Klimaschutz und Menschenrechte rutschen immer weiter von der weltpolitischen Agenda, es geht nicht um weniger, sondern mehr. „Wer sich von Grönland einfachen Rohstoffreichtum verspricht, ignoriert das Völkerrecht, demokratische Entscheidungen und die Realität vor Ort“, sagt Hannah Pilgrim vom Verein Powershift in Berlin. „Die Denkweise steht exemplarisch für eine gescheiterte Rohstoffpolitik. Europa sollte daraus lernen: Eine zukunftsfähige Rohstoffpolitik beginnt nicht mit neuen Minen, sondern mit geringerem Verbrauch, größerer Verantwortung und politischer Transformation.“

Auch eine Kolonialisierung 2.0 würde die erfolgreichen sozialen und ökologischen Kämpfe nur gewaltsam niederschlagen können. Deshalb braucht Grönland jetzt unsere ganze Solidarität. Und die beginnt beim Kampf um eine andere Rohstoffpolitik in der EU.

Kathrin Hartmanns Buch Die Welt gewinnen. Mutig statt machtlos. Wie Menschen weltweit etwas bewirken und was wir von ihnen lernen können ist im Ludwig-Verlag erschienen

ter Thiel mitfinanzierte Start-up Praxis will eine Modellstadt ohne staatliche Regulierung und demokratische Beteiligung auf Grönland errichten, inklusive autonomer Fahrzeuge, Mini-Atomkraftwerke und Raketenbasis.In der ersten Trump-Regierung hoffte Außenminister Mike Pompeo, dass die schmelzende Eisdecke neue maritime Handelswege nach Asien schaffen würde, einen „Suez- oder Panamakanal des Nordens im 21. Jahrhundert“. Außerdem gibt es Öl und Erdgas, etwa vor der Südküste. Die teilautonome arktische Insel scheint eine riesige Bodenschatzkiste, aus der sich bedienen kann, wer sich gegen die Konkurrenz – China und Russland – durchsetzt. Auch die EU will das.Auf Grönland werden koloniale Fantasien projiziertGeopolitische Projektionen, libertäre Utopien und koloniale Narrative, die völlig realitätsfern sind. Denn die Rohstoffe lassen sich nicht einfach aus dem Boden holen. Erkundungen sind komplex und nur während weniger Wochen im Sommer möglich, die nötige Infrastruktur – Straßen, Schienen, Flughäfen – fehlt. Es würde Jahre bis Jahrzehnte dauern, an die Ressourcen ranzukommen. Auf der Insel gibt es heute gerade einmal zwei funktionierende Minen.Es sind aber nicht nur technische und meteorologische Hindernisse, die die gnadenlose Ausbeutung Grönlands unmöglich machen. Sondern strenge Gesetze und Umweltauflagen, die Menschen dort erkämpft haben. 2021 hat die Selbstverwaltungsregierung von Grönland die Suche und Förderung von Öl und Gas an Land und im Wasser verboten. Die Umwelt- und Klimaauswirkungen seien zu groß, begründete der damalige Ministerpräsident Múte B. Egede von der sozialistischen Partei Inuit Ataqatigiit. Darüber hinaus verabschiedete die Regierung ein Gesetz, das den Abbau von Uran verbietet.Die Wahl 2021 galt als „Bergbau-Wahl“: Sie ging aus den Protesten gegen eine geplante Uran-Mine im Kvanefjeld in Grönlands Süden hervor. Das Gesetz macht gleichzeitig den Abbau Seltener Erden nahezu unmöglich: Viele der potenziell wirtschaftlich relevanten Vorkommen sind sogenannte polymetallische Lagerstätten, bei denen Uran kein Nebenprodukt, sondern geologischer Bestandteil der Seltenen Erden ist. Unternehmen müssen nachweisen, dass der Urananteil unter der Grenze von 100 ppm liegt oder technisch vollständig vermieden wird. Das ist allerdings unrealistisch. Und das hat wiederum dazu geführt, dass das umstrittene Projekt Kvanefjeld gestoppt wurde.Ein Beispiel für gelungene soziale TransformationDas australische Unternehmen Greenland Minerals, finanziert von chinesischen Investoren, wollte dort Uran und Seltene Erden fördern. Es strengte eine Investor-Staatsklage an und verlangte 11,5 Milliarden Dollar Schadensersatz von Grönland und Dänemark. Doch das Schiedsgericht in Kopenhagen erklärte im vergangenen Oktober, dass die Frage nach Abbaurechten vor einem grönländischen Gericht verhandelt werden müsste. Auch das ist ein Erfolg der Regierung und des Widerstands vor Ort.Grönland ist also ein positives Beispiel dafür, wie ein rohstoffreiches Land souverän und demokratisch über seine Ressourcen entscheiden kann und wie Politik und Zivilgesellschaft gemeinsam an der ökologischen und sozialen Transformation arbeiten. Den Bewohner:innen Grönlands – 80 Prozent sind Inuit – ist ja völlig klar, dass die Förderung von Öl, Gas und Mineralien die Klimakrise weiter vorantreibt: Grönland erwärmt sich doppelt so schnell wie die meisten anderen Teile der Welt.Und so offenbart die Gier nach Öl, Gas und Seltenen Erden für die vermeintlich Grüne Wende auch dies: Klimaschutz und Menschenrechte rutschen immer weiter von der weltpolitischen Agenda, es geht nicht um weniger, sondern mehr. „Wer sich von Grönland einfachen Rohstoffreichtum verspricht, ignoriert das Völkerrecht, demokratische Entscheidungen und die Realität vor Ort“, sagt Hannah Pilgrim vom Verein Powershift in Berlin. „Die Denkweise steht exemplarisch für eine gescheiterte Rohstoffpolitik. Europa sollte daraus lernen: Eine zukunftsfähige Rohstoffpolitik beginnt nicht mit neuen Minen, sondern mit geringerem Verbrauch, größerer Verantwortung und politischer Transformation.“Auch eine Kolonialisierung 2.0 würde die erfolgreichen sozialen und ökologischen Kämpfe nur gewaltsam niederschlagen können. Deshalb braucht Grönland jetzt unsere ganze Solidarität. Und die beginnt beim Kampf um eine andere Rohstoffpolitik in der EU.



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