Die jüngste Eskalation im transatlantischen Handelskonflikt legt die strukturelle Schwäche der Europäischen Union schonungslos offen. Während in Washington klare Machtworte gesprochen werden, ringt Europa um Haltung, Tempo und Richtung. US-Präsident Donald Trump hat mit seiner neuen Zollstrategie Fakten geschaffen – und die EU reagiert einmal mehr mit Ankündigungen, Koordinierungsrunden und diplomatischen Floskeln. EU-Ratspräsident António Costa hat daraufhin kurzfristig einen Sondergipfel einberufen. Doch schon die bloße Notwendigkeit eines solchen Treffens zeigt, wie sehr Brüssel getrieben ist, statt selbst zu treiben.

Washington diktiert die Spielregeln

Trumps Botschaft ist klar und kompromisslos: Ab Anfang 2026 sollen pauschale Strafzölle auf europäische Waren greifen, zunächst moderat, wenige Monate später massiv verschärft. Die politische Verknüpfung dieser Maßnahmen mit der Grönland-Frage verleiht dem Ganzen eine zusätzliche Brisanz. Handelspolitik wird hier offen als geopolitisches Druckmittel eingesetzt. Ob man diesen Stil gutheißt oder nicht – er folgt einer stringenten Logik nationaler Interessen. Genau diese Konsequenz fehlt Europa seit Jahren.

In Brüssel wird unterdessen betont, man habe eine gemeinsame Linie gefunden. Zölle seien schädlich, man wolle Dialog, aber notfalls auch reagieren. Diese Gleichzeitigkeit von Drohung und Beschwichtigung offenbart das Grundproblem: Die EU möchte Stärke demonstrieren, ohne bereit zu sein, die Kosten echter Gegenwehr zu tragen. Diskussionen über Gegenzölle und regulatorische Maßnahmen laufen, doch sie wirken eher wie theoretische Planspiele als wie glaubhafte Abschreckung.

Ein umfassender Handelskonflikt würde Europa deutlich härter treffen als die USA. Gerade exportorientierte Volkswirtschaften sind auf den Zugang zum amerikanischen Markt angewiesen. Diese strukturelle Asymmetrie ist das Ergebnis jahrzehntelanger Politik, die wirtschaftliche Verflechtung über strategische Eigenständigkeit gestellt hat. Nun wird diese Abhängigkeit politisch verwertbar.

Besonders deutlich wird das Machtgefälle am Beispiel Grönlands. Das strategische Interesse der USA an der Insel ist offensichtlich, und Trump scheut nicht davor zurück, wirtschaftliche Hebel einzusetzen, um politische Ziele zu verfolgen. Dass europäische Spitzenpolitiker wie Emmanuel Macron nun lautstark Gegeninstrumente fordern, mag entschlossen klingen – doch ohne wirtschaftliche und politische Geschlossenheit bleibt es Symbolpolitik.

Am Ende steht Europa vor einer unbequemen Wahrheit: Sondergipfel ersetzen keine Strategie. Solange die EU ihre Interessen nicht klar definiert und durchsetzungsfähig vertritt, wird sie im globalen Machtspiel Zuschauer bleiben – mit oder ohne wohlformulierte Abschlusserklärungen.





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