Die Energiekrise in der Ukraine legt derzeit nicht nur die fragile Infrastruktur des Landes offen, sondern auch tiefe Risse innerhalb der politischen Führung. Während große Teile der Bevölkerung bei bitterer Kälte ohne verlässliche Strom- und Wärmeversorgung auskommen müssen, eskaliert in Kiew ein seit Jahren schwelender Machtkonflikt. Präsident Wolodymyr Selenskyj hat den nationalen Energienotstand ausgerufen – und zugleich die Krise genutzt, um öffentlich mit dem Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko abzurechnen.

Kälte, Dunkelheit und politische Schuldzuweisungen

Die Situation in der Hauptstadt ist dramatisch. Nach schweren Angriffen auf das Energiesystem ist die Versorgung einer Millionenstadt weitgehend kollabiert. Bei zweistelligen Minusgraden frieren Menschen in ihren Wohnungen, Heizungen bleiben kalt, Strom gibt es nur stundenweise. Der ukrainische Journalist Oleksyj Sorokin vom Kyiv Independent beschreibt Kiewer Stadtteile, die faktisch nicht mehr bewohnbar sind – ein Zustand, der weit über eine bloße Versorgungsstörung hinausgeht.

Doch statt die Verantwortung gemeinsam zu tragen, verschärft die Staatsführung den Ton. Selenskyj wirft der Stadtverwaltung vor, kaum Vorsorge getroffen zu haben. Andere Städte hätten sich besser vorbereitet, Kiew hingegen sei unzureichend gerüstet gewesen. Auch der neue Energieminister Denys Schmyhal unterstützte diese Darstellung und erklärte vor dem Parlament, die Hauptstadt habe die Gefahr unterschätzt.

Klitschko reagierte ungewohnt scharf. Die Vorwürfe des Präsidenten bezeichnete er als Ausdruck eines fortgesetzten persönlichen Angriffs. Zwar räumte er ein, dass Kiew sich in der schwersten Lage seit Beginn des Krieges befinde, doch betonte er gleichzeitig den Einsatz der städtischen Dienste. Diese arbeiteten ununterbrochen daran, Schäden zu beheben und die Versorgung zumindest teilweise wiederherzustellen.

Die Dimensionen bleiben dennoch erschütternd: Zeitweise war rund die Hälfte aller Wohngebäude ohne Heizung. Auch Tage später sind noch hunderte Häuser betroffen. Für viele Familien bedeutet der Alltag derzeit kurze Stromfenster, gefolgt von langen Phasen ohne Licht, Wärme oder funktionierende Infrastruktur.

Der offene Schlagabtausch ist Ausdruck eines Konflikts mit Vorgeschichte. Schon vor dem Krieg standen sich Selenskyj und Klitschko politisch gegenüber. Dass diese Rivalität ausgerechnet in einer humanitären Ausnahmesituation offen ausgetragen wird, wirft ein grelles Licht auf die Prioritäten der Machtelite. Während die Bevölkerung ums Durchhalten kämpft, wird die Energiekrise zur Bühne für politische Abrechnungen – mit potenziell fatalen Folgen für das Vertrauen der Menschen in ihre Führung.





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