Solch einen Auflauf habe das recht ansehnliche, aber verschlafene Köthen noch nicht erlebt, schwärmt AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund im Landtag von Sachsen-Anhalt noch eine Woche nach dem AfD-„Bürgerdialog“.

Wer Ende Februar erst eine halbe Stunde vor Veranstaltungsbeginn erschien, hatte keine Chance mehr auf einen der 440 Plätze im Johann-Sebastian-Bach-Saal des Schlosses. Dessen hier während seiner Zeit als Hofkapellmeister entstandenen sechs Brandenburgischen Konzerte hätte man in den folgenden zweieinhalb Stunden dumpfen Hasses lieber gehört.

Ein Landesfürst für Schwiegermütter, wirklich?

Wie der neue designierte Landesfürst spendet Siegmund den mindestens hundert vergeblich auf Einlass Wartenden persönlich Trost, und sei es mit einem Selfie. Der Strahlemann hat ja als sympathischer Schwiegermutter-Typ das gewinnende Lächeln, das gar nichts anderes als den Sieg bei den Landtagswahlen am 6. September zulässt. Davon sind die zusammenströmenden AfD-Anhänger überzeugt.

An die draußen vergeblich Wartenden richtet der gutaussehende Messias extra einige Worte. Der Andrang sei ein „starkes Zeichen“. Im Lande herrsche Wechselstimmung, „die Leute wollen sich nicht mehr belügen lassen“. Der „schöne Sigi“ erteilt allen einen Schlusssegen und vertröstet sie auf weitere fünfzig geplante Wahlforen im ganzen Bundesland.

Der Landtagswahlkampf in Sachsen-Anhalt ist bereits Anfang März eröffnet. Die Debatte zur ersten Regierungserklärung des im Januar ziemlich überfallartig zum Haseloff-Nachfolger gewählten neuen Ministerpräsidenten Sven Schulze ließ das spüren. Sie veranschaulichte auch, warum sich die Alternative für Sachsen-Anhalt in Umfragen der 40-Prozent-Marke nähert.

Sieht gar nicht so aus, wie ein Nazi, nicht einmal wie ein „Arier“ mit seinem schwarzen Schopf

Schneidig trägt der erst drei Wochen nach der deutschen-deutschen Vereinigung 1990 geborene Ulrich Siegmund seine Replik auf Schulze vor. Die Attacken kommen wie aus der sprichwörtlichen Maschinenpistole geschossen, prasselnde Polemik. Über beiden Ohren hat er die Kopfhaare zwar rasiert und betont damit die Mittelbürste. Aber sonst sieht er gar nicht aus wie ein Nazi, nicht einmal wie ein „Arier“ mit seinem schwarzen Schopf.

Solche Entertainerqualitäten werden wichtiger in zunehmend personalisierten und auf Äußerlichkeiten zugeschnittenen Wahlkämpfen. In der noch regierenden CDU hat sie niemand drauf. Ministerpräsident Sven Schulze, zuvor Wirtschaftsminister, gibt sich wohlmeinend, aber bieder. Seine Beschwörung eines selbstbewussten Spitzenlandes verrät eher ein bemühtes Anrennen gegen die defensive Grundstimmung.

Mit einem Landesvaterimage wie sein Vorgänger Reiner Haseloff nach 15 Jahren kann er noch nicht punkten. Und wer den CDU-Fraktionsvorsitzenden Guido Heuer nichtsahnend erstmals reden hört, fragt sich nach Sound und Inhalt irritiert, ob da gerade ein CDU- oder ein AfD-Abgeordneter am Pult steht. Im gemeinsamen Hass auf alles Grüne und auf die angeblichen Schmarotzer dieser Gesellschaft jedenfalls wären beide koalitionsfähig. Die AfD gibt hier schon den Ton an.

Eine doppelte Drohung für den Wahlseptember

Jegliche Bündnisspekulationen aber vermeiden die AfD und ihre Spitzen taktisch geschickt. Es will ja sowieso niemand mit ihnen, jedenfalls vor der Wahl. Und von Schillers Wilhelm Tell lernen, heißt siegen lernen: „Der Starke ist am mächtigsten allein.“ Erst recht, wenn man einen jungen Möchtegern-Fürsten mit dem sagenhaften Namen Siegmund aus der nordischen Edda hat. Macht nichts, wenn man ihm die Textbausteine inzwischen soufflieren kann.

Sie laufen auf eine doppelte Drohung hinaus. Rhetorisch geschickt inszeniert der Spitzenkandidat zwei mögliche Wahlausgänge am 6. September. Entweder schafft die AfD „nur“ ein Ergebnis unterhalb der 40 Stimmenprozente, kann also keine Alleinregierung bilden. Für diesen Fall malen Siegmund und seine apokalypseverliebte AfD den Teufel an die Wand, und der trägt beide Hörner immer auf der linken Seite. Dann drohe nämlich eine „Blutwurstkoalition“ von CDU und Linken, also außen zum Schein schwärzlich, aber innerlich blutrot.

Keine Schulpflicht, dafür lieber Gas aus Russland

Erreicht die AfD aber ihr Wahlziel von 45plus, dann brechen für das immer „wunderschöne“ Sachsen-Anhalt schwarzweißrotgoldene Zeiten an. „Wir werden von hier aus Geschichte schreiben“, ruft Siegmund auch in den Plenarsaal des Landtages und glüht geradezu bei der Vorstellung, die konservative Weltrevolution werde in diesem Herbst von Magdeburg ausgehen. Dann nämlich werde sich der „gesunde Menschenverstand“ durchsetzen. Das klingt stets nach „gesundem Volksempfinden“, das in der Geschichte schon für schlimmste Verheerungen gesorgt hat.

Was dann positiv unter der Herrschaft der Volksverführer kommen soll, wird außer Irgendwie-Bildung nicht klar. Dafür wird gewaltig aufgeräumt werden. „Hähne abdrehen, Geld umleiten“, schleudert Ulrich Siegmund in die Säle. Die Umleitung führt immer zum deutschen Volkskern und nicht mehr zu dieser dubiosen Zivilgesellschaft, die selbstverständlich nur ein Tarnbegriff für linksextreme staatsgeförderte Zusammenrottungen ist. So wie die Kirche auch, die nichts mehr vom Staat bekommen soll, und der gebührenfinanzierte öffentlich-rechtliche Rundfunk sowieso.

Schluss mit Gedenkstättenfahrten für Jugendliche, Schluss mit allen energetischen Sanierungen, sondern Freiheit, für die in neuer Abhängigkeit wieder russisches Gas und Öl strömen soll. Weg mit der Schulpflicht, und: „Wir werden die größte Abschiebeoffensive starten, die dieses Land je gesehen hat!“

Ein Anmacher, ein Ideologe und ein Querulant

Dafür wird Siegmund im Landtag beklatscht und im Köthener Schloss bejubelt. Ein „Sieg-“ in den Saal zu rufen und auf das Echo „-mund“ zu warten, unterlässt er aber inzwischen. Diese Anschlussfähigkeit an schlichte, im Vorgestern wurzelnde Gemüter trug ihm bei der Wahl des AfD-Spitzenkandidaten Ende Mai des vorigen Jahres eine Zustimmung von mehr als 97 Prozent ein.

Zudem geriert sich der Mann mit dem Bachelorabschluss in Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftspsychologie gern proletarisch-volksnah, wenn er seine zeitweise Arbeit auf dem Bau herausstellt. Sympathiepunkte bringt auch der Übertritt des geläuterten ehemaligen CDU‑Mitglieds im Alter von 24 Jahren zur AfD. 610.000 Follower zählte zum Zeitpunkt seiner Kandidatenwahl seine Seite „Mutzurwahrheit90“ bei TikTok.

Die Fans interessiert es nicht, dass nach Recherchen von „Correctiv“ der designierte Nationalheld beim rechtsextremen Deportationsgipfel am 25. November 2023 in Potsdam dabei war. Auch nicht, dass nach MDR-Recherchen seine Kampagnenseite mit einem Onlineshop der Identitären Bewegung verknüpft ist, gegenüber der formal ein Unvereinbarkeitsbeschluss besteht.

Ein nett und jugendlich verpackter Fanatiker

„Siegmund ist kein Ideologe“, schätzt der bekannte Rechtsextremismusexperte David Begrich ein. Er ist einfach nur das freundliche Gesicht des Alternativismus, ließe sich hinzufügen, ein begabtes Frontschwein, wie Musiker zu sagen pflegen. Ein nett und jugendlich verpackter Fanatiker.

Ideologische Fundamente aus dem Menschheitsbauschutt vergangener Jahrtausende gießen andere Reaktionäre in Sachsen-Anhalt. In Köthen und bei den anstehenden „Bürgerdialogen“ stellen sie sich schon wie die künftigen Triumvirn vor.

Neben dem Durchreißer Siegmund posieren der Kulturkämpfer Thomas Tillschneider und der unberechenbare Daniel Roi. Einen Vierten könnte man noch hinzurechnen, den Fraktions-Covorsitzenden Oliver Kirchner. Der ehemalige Spitzenkandidat von 2021 übernimmt im Landtag eher die Rolle des Wadenbeißers mit den rüdesten und primitivsten Attacken.

Tillschneider und Roi sind gut im Selbsinzenieren

Der gebürtige Rumäniendeutsche und in Baden-Württemberg aufgewachsene Thomas Tillschneider aber muss ernst genommen werden. Der in Jena promovierte Islamwissenschaftler besitzt intellektuelles Format, zitiert in Köthen den Evangelisten Johannes mit dem Satz „Die Wahrheit wird euch frei machen“, um kurz darauf den „großen fetten Kirchensteuerkirchen“ den Kulturkampf anzusagen.

Der krasse Rechtsaußen steckt hinter vielen Passagen des krassen Wahlprogramms der AfD, insbesondere hinter der erklärten Absicht, nicht-völkisch-patriotische Kunst auszuhungern. Im Falle einer Magdeburger Machtergreifung dürfte Tillschneider für den Vorsitz der Landeskulturkammer gesetzt sein.

Der auch erst 38-jährige Agrarwissenschaftler Daniel Roi redete in Köthen am längsten, lässt auch im Landtag keine Gelegenheit zur Selbstinszenierung aus, erwies sich aber innerparteilich als Stänkerer. 2016 legte er sich mit dem damaligen Fraktionschef André Poggenburg an und verlor, 2024 wurde er gar wegen eines „unwiderruflich zerstörten Vertrauensverhältnisses“ und wegen „zersetzerischer Zusammenarbeit mit der Presse gegen die eigene Partei“ aus der Landtagsfraktion ausgeschlossen. Aber nur ein halbes Jahr später folgte das AfD-typische Rein-Raus-Spiel, die Fraktion widerrief die angebliche Unwiderruflichkeit.

Geduld bitte bis zum Sturz des Scheiß-Establishments!

Keiner der über 400 AfD-Anhänger im Schloss Köthen fragte die Spitzen der hochmoralischen Aufräumerpartei nach Filz und Überkreuzanstellungen. Immerhin sind einige Sachsen-Anhalter selbst involviert, auch Siegmund, und immerhin ist es der Landesverband des Bundestagsabgeordneten Jan Wenzel Schmidt, der zur Aufdeckung der Vetternwirtschaft beitrug.

Auch um das heikle Thema des Verhältnisses zu den beiden Imperatoren Russlands und US-Amerikas drücken sich Basis und Führung herum. Der FDP-Abgeordnete Andreas Silbersack vermutete deshalb im Landtagsplenum, die AfD erwähne es nicht, „weil sie gar nicht mehr wissen, mit wem sie sich zuerst ins Bett legen sollen“.

„Wer einen Keil zwischen Russland und Deutschland treiben will, handelt objektiv gegen deutsche Interessen“, erklärte Thomas Tillschneider immerhin bei der Köthener Versammlung. Dann aber enttäuschte er Frager, die der AfD mangelnde Radikalität bei der Beseitigung des Systems vorwarfen. „Wir reparieren die schweren Schäden der Demokratie – wir machen jetzt keine Revolution“, stellte der Chefideologe klar. Ein murrendes „Och“ im Volk, das doch fordert „Dieses Scheiß-Establishment muss endlich weg!“.

Der Mann mit dem wachsenden Wikingerbart bat aber nur um Aufschub bis zur Wahl, auf die die ganze Welt schaue. „Sie kann der erste Dominostein sein für eine Kettenreaktion, an deren Ende die Befreiung unseres Landes steht!“

nden persönlich Trost, und sei es mit einem Selfie. Der Strahlemann hat ja als sympathischer Schwiegermutter-Typ das gewinnende Lächeln, das gar nichts anderes als den Sieg bei den Landtagswahlen am 6. September zulässt. Davon sind die zusammenströmenden AfD-Anhänger überzeugt.An die draußen vergeblich Wartenden richtet der gutaussehende Messias extra einige Worte. Der Andrang sei ein „starkes Zeichen“. Im Lande herrsche Wechselstimmung, „die Leute wollen sich nicht mehr belügen lassen“. Der „schöne Sigi“ erteilt allen einen Schlusssegen und vertröstet sie auf weitere fünfzig geplante Wahlforen im ganzen Bundesland.Der Landtagswahlkampf in Sachsen-Anhalt ist bereits Anfang März eröffnet. Die Debatte zur ersten Regierungserklärung des im Januar ziemlich überfallartig zum Haseloff-Nachfolger gewählten neuen Ministerpräsidenten Sven Schulze ließ das spüren. Sie veranschaulichte auch, warum sich die Alternative für Sachsen-Anhalt in Umfragen der 40-Prozent-Marke nähert.Sieht gar nicht so aus, wie ein Nazi, nicht einmal wie ein „Arier“ mit seinem schwarzen SchopfSchneidig trägt der erst drei Wochen nach der deutschen-deutschen Vereinigung 1990 geborene Ulrich Siegmund seine Replik auf Schulze vor. Die Attacken kommen wie aus der sprichwörtlichen Maschinenpistole geschossen, prasselnde Polemik. Über beiden Ohren hat er die Kopfhaare zwar rasiert und betont damit die Mittelbürste. Aber sonst sieht er gar nicht aus wie ein Nazi, nicht einmal wie ein „Arier“ mit seinem schwarzen Schopf.Solche Entertainerqualitäten werden wichtiger in zunehmend personalisierten und auf Äußerlichkeiten zugeschnittenen Wahlkämpfen. In der noch regierenden CDU hat sie niemand drauf. Ministerpräsident Sven Schulze, zuvor Wirtschaftsminister, gibt sich wohlmeinend, aber bieder. Seine Beschwörung eines selbstbewussten Spitzenlandes verrät eher ein bemühtes Anrennen gegen die defensive Grundstimmung.Mit einem Landesvaterimage wie sein Vorgänger Reiner Haseloff nach 15 Jahren kann er noch nicht punkten. Und wer den CDU-Fraktionsvorsitzenden Guido Heuer nichtsahnend erstmals reden hört, fragt sich nach Sound und Inhalt irritiert, ob da gerade ein CDU- oder ein AfD-Abgeordneter am Pult steht. Im gemeinsamen Hass auf alles Grüne und auf die angeblichen Schmarotzer dieser Gesellschaft jedenfalls wären beide koalitionsfähig. Die AfD gibt hier schon den Ton an.Eine doppelte Drohung für den WahlseptemberJegliche Bündnisspekulationen aber vermeiden die AfD und ihre Spitzen taktisch geschickt. Es will ja sowieso niemand mit ihnen, jedenfalls vor der Wahl. Und von Schillers Wilhelm Tell lernen, heißt siegen lernen: „Der Starke ist am mächtigsten allein.“ Erst recht, wenn man einen jungen Möchtegern-Fürsten mit dem sagenhaften Namen Siegmund aus der nordischen Edda hat. Macht nichts, wenn man ihm die Textbausteine inzwischen soufflieren kann.Sie laufen auf eine doppelte Drohung hinaus. Rhetorisch geschickt inszeniert der Spitzenkandidat zwei mögliche Wahlausgänge am 6. September. Entweder schafft die AfD „nur“ ein Ergebnis unterhalb der 40 Stimmenprozente, kann also keine Alleinregierung bilden. Für diesen Fall malen Siegmund und seine apokalypseverliebte AfD den Teufel an die Wand, und der trägt beide Hörner immer auf der linken Seite. Dann drohe nämlich eine „Blutwurstkoalition“ von CDU und Linken, also außen zum Schein schwärzlich, aber innerlich blutrot.Keine Schulpflicht, dafür lieber Gas aus RusslandErreicht die AfD aber ihr Wahlziel von 45plus, dann brechen für das immer „wunderschöne“ Sachsen-Anhalt schwarzweißrotgoldene Zeiten an. „Wir werden von hier aus Geschichte schreiben“, ruft Siegmund auch in den Plenarsaal des Landtages und glüht geradezu bei der Vorstellung, die konservative Weltrevolution werde in diesem Herbst von Magdeburg ausgehen. Dann nämlich werde sich der „gesunde Menschenverstand“ durchsetzen. Das klingt stets nach „gesundem Volksempfinden“, das in der Geschichte schon für schlimmste Verheerungen gesorgt hat.Was dann positiv unter der Herrschaft der Volksverführer kommen soll, wird außer Irgendwie-Bildung nicht klar. Dafür wird gewaltig aufgeräumt werden. „Hähne abdrehen, Geld umleiten“, schleudert Ulrich Siegmund in die Säle. Die Umleitung führt immer zum deutschen Volkskern und nicht mehr zu dieser dubiosen Zivilgesellschaft, die selbstverständlich nur ein Tarnbegriff für linksextreme staatsgeförderte Zusammenrottungen ist. So wie die Kirche auch, die nichts mehr vom Staat bekommen soll, und der gebührenfinanzierte öffentlich-rechtliche Rundfunk sowieso.Schluss mit Gedenkstättenfahrten für Jugendliche, Schluss mit allen energetischen Sanierungen, sondern Freiheit, für die in neuer Abhängigkeit wieder russisches Gas und Öl strömen soll. Weg mit der Schulpflicht, und: „Wir werden die größte Abschiebeoffensive starten, die dieses Land je gesehen hat!“Ein Anmacher, ein Ideologe und ein QuerulantDafür wird Siegmund im Landtag beklatscht und im Köthener Schloss bejubelt. Ein „Sieg-“ in den Saal zu rufen und auf das Echo „-mund“ zu warten, unterlässt er aber inzwischen. Diese Anschlussfähigkeit an schlichte, im Vorgestern wurzelnde Gemüter trug ihm bei der Wahl des AfD-Spitzenkandidaten Ende Mai des vorigen Jahres eine Zustimmung von mehr als 97 Prozent ein.Zudem geriert sich der Mann mit dem Bachelorabschluss in Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftspsychologie gern proletarisch-volksnah, wenn er seine zeitweise Arbeit auf dem Bau herausstellt. Sympathiepunkte bringt auch der Übertritt des geläuterten ehemaligen CDU‑Mitglieds im Alter von 24 Jahren zur AfD. 610.000 Follower zählte zum Zeitpunkt seiner Kandidatenwahl seine Seite „Mutzurwahrheit90“ bei TikTok.Die Fans interessiert es nicht, dass nach Recherchen von „Correctiv“ der designierte Nationalheld beim rechtsextremen Deportationsgipfel am 25. November 2023 in Potsdam dabei war. Auch nicht, dass nach MDR-Recherchen seine Kampagnenseite mit einem Onlineshop der Identitären Bewegung verknüpft ist, gegenüber der formal ein Unvereinbarkeitsbeschluss besteht.Ein nett und jugendlich verpackter Fanatiker „Siegmund ist kein Ideologe“, schätzt der bekannte Rechtsextremismusexperte David Begrich ein. Er ist einfach nur das freundliche Gesicht des Alternativismus, ließe sich hinzufügen, ein begabtes Frontschwein, wie Musiker zu sagen pflegen. Ein nett und jugendlich verpackter Fanatiker.Ideologische Fundamente aus dem Menschheitsbauschutt vergangener Jahrtausende gießen andere Reaktionäre in Sachsen-Anhalt. In Köthen und bei den anstehenden „Bürgerdialogen“ stellen sie sich schon wie die künftigen Triumvirn vor.Neben dem Durchreißer Siegmund posieren der Kulturkämpfer Thomas Tillschneider und der unberechenbare Daniel Roi. Einen Vierten könnte man noch hinzurechnen, den Fraktions-Covorsitzenden Oliver Kirchner. Der ehemalige Spitzenkandidat von 2021 übernimmt im Landtag eher die Rolle des Wadenbeißers mit den rüdesten und primitivsten Attacken.Tillschneider und Roi sind gut im Selbsinzenieren Der gebürtige Rumäniendeutsche und in Baden-Württemberg aufgewachsene Thomas Tillschneider aber muss ernst genommen werden. Der in Jena promovierte Islamwissenschaftler besitzt intellektuelles Format, zitiert in Köthen den Evangelisten Johannes mit dem Satz „Die Wahrheit wird euch frei machen“, um kurz darauf den „großen fetten Kirchensteuerkirchen“ den Kulturkampf anzusagen.Der krasse Rechtsaußen steckt hinter vielen Passagen des krassen Wahlprogramms der AfD, insbesondere hinter der erklärten Absicht, nicht-völkisch-patriotische Kunst auszuhungern. Im Falle einer Magdeburger Machtergreifung dürfte Tillschneider für den Vorsitz der Landeskulturkammer gesetzt sein.Der auch erst 38-jährige Agrarwissenschaftler Daniel Roi redete in Köthen am längsten, lässt auch im Landtag keine Gelegenheit zur Selbstinszenierung aus, erwies sich aber innerparteilich als Stänkerer. 2016 legte er sich mit dem damaligen Fraktionschef André Poggenburg an und verlor, 2024 wurde er gar wegen eines „unwiderruflich zerstörten Vertrauensverhältnisses“ und wegen „zersetzerischer Zusammenarbeit mit der Presse gegen die eigene Partei“ aus der Landtagsfraktion ausgeschlossen. Aber nur ein halbes Jahr später folgte das AfD-typische Rein-Raus-Spiel, die Fraktion widerrief die angebliche Unwiderruflichkeit.Geduld bitte bis zum Sturz des Scheiß-Establishments!Keiner der über 400 AfD-Anhänger im Schloss Köthen fragte die Spitzen der hochmoralischen Aufräumerpartei nach Filz und Überkreuzanstellungen. Immerhin sind einige Sachsen-Anhalter selbst involviert, auch Siegmund, und immerhin ist es der Landesverband des Bundestagsabgeordneten Jan Wenzel Schmidt, der zur Aufdeckung der Vetternwirtschaft beitrug.Auch um das heikle Thema des Verhältnisses zu den beiden Imperatoren Russlands und US-Amerikas drücken sich Basis und Führung herum. Der FDP-Abgeordnete Andreas Silbersack vermutete deshalb im Landtagsplenum, die AfD erwähne es nicht, „weil sie gar nicht mehr wissen, mit wem sie sich zuerst ins Bett legen sollen“.„Wer einen Keil zwischen Russland und Deutschland treiben will, handelt objektiv gegen deutsche Interessen“, erklärte Thomas Tillschneider immerhin bei der Köthener Versammlung. Dann aber enttäuschte er Frager, die der AfD mangelnde Radikalität bei der Beseitigung des Systems vorwarfen. „Wir reparieren die schweren Schäden der Demokratie – wir machen jetzt keine Revolution“, stellte der Chefideologe klar. Ein murrendes „Och“ im Volk, das doch fordert „Dieses Scheiß-Establishment muss endlich weg!“.Der Mann mit dem wachsenden Wikingerbart bat aber nur um Aufschub bis zur Wahl, auf die die ganze Welt schaue. „Sie kann der erste Dominostein sein für eine Kettenreaktion, an deren Ende die Befreiung unseres Landes steht!“



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