Was ein kurzer Enthauptungsschlag gegen Teheran sein sollte, hat mittlerweile das Potenzial, zu einem Weltbrand zu werden. Und Deutschland ist ganz vorn mit dabei. Welche Torheit, sich nicht um ein Eindämmen der Kampfhandlungen zu bemühen


Der völkerrechtswidrige Angriff Israels und der USA zeigt einmal mehr: Die Hybris der Menschen obsiegt

Foto: Arash Khamooshi/NYT/Redux/laif


Vor über 40 Jahren beschrieb Barbara Tuchman in ihrem Klassiker über Die Torheit der Regierenden, wie falsche Politik immer wieder ganze Regionen durch Kriege ins Unglück stürzen kann. Zentrale Gründe dafür seien das völlige Fehlen von Nachdenken, die Illusion vermeintlicher Allmacht, die Unterschätzung des Gegners und das unzureichende Abwägen von Ziel, Mittel und Zweck.

Diese Einschätzung trifft auch auf den Iran-Krieg zu. Durch den völkerrechtswidrigen Angriff Israels und der USA hat einmal mehr die Hybris obsiegt. Wegen der vielfältigen globalen Vernetzungen verfügt er über das Potenzial, zum Weltkrieg auszuarten. Noch nie hat ein Angriff auf ein Land so schnell eine ganze Region in Brand gesteckt. Bereits nach wenigen Tagen waren gut 20 Staaten direkt oder indirekt involviert – sei es als Angreifer, als Opfer oder als Lieferant von Waffen, Aufklärungsdaten und logistischem Beistand.

Die NATO erklärt sich für abwehrbereit

Die Dynamik des Krieges erreichte schnell das EU-Mitglied Zypern durch Drohnen-Beschuss des dortigen britischen Militärstützpunkts. Daraufhin entsandten Großbritannien, Spanien, die Niederlande und Griechenland Kriegsschiffe, Kampfjets sowie Systeme zur Drohnen- und Raketenabwehr. Athen und Nikosia aktivierten ihre gemeinsame Verteidigungsdoktrin. Frankreich schickte eine Flugzeugträgergruppe.

Die Luftabwehr der NATO fing über der Türkei drei Raketen ab, und die Regierung in Ankara, bislang neutral, warnte Iran vor „weiteren Provokationen“. Die NATO erklärte, sie stehe bereit, alle Alliierten gegen jede Art von Bedrohung zu verteidigen. Sie sei zwar nicht direkt an diesem Krieg beteiligt, so Generalsekretär Mark Rutte, doch leisteten NATO-Staaten wichtige, unterstützende Beiträge. Mittlerweile hat Australien ein Aufklärungsflugzeug, Luftabwehrraketen, ein Tank- und ein Transportflugzeug als Hilfe für die Vereinigten Arabischen Emirate geschickt, Südkorea tat Gleiches mit Flugabwehrsystemen.

Der Preis für Dünger steigt enorm

Geografisch erweitert wird der Konflikt überdies, wenn Russland Teheran mit Zieldaten assistiert, um iranische Angriffe wirksamer zu machen und genau das zu tun, was die USA seit Jahren mit Aufklärungsdaten für die Ukraine praktizieren. Die wiederum will den USA und Golfstaaten mit Know-how für die Drohnenabwehr zur Seite stehen.

Was sich daraus ergibt, ist eine Wechselwirkung zwischen zwei hochintensiv geführten Kriegen. Kiew ringt vermutlich auch wegen der Befürchtung um Aufmerksamkeit, dass seine Armee nicht mehr auf Nachschub an US-Waffen rechnen kann, weil die am Golf gebraucht werden. Russland hat gerade daran ein Interesse und an drastisch gestiegenen Energiepreisen ohnehin. Außerdem will es nach Syrien keinen weiteren Verbündeten in der Region verlieren, zumal der Iran im Ukraine-Krieg für einen wertvollen Support gesorgt hat.

Das ökonomische Aktionsfeld des Krieges ist ebenso unstrittig wie das geostrategische. So stieg der Preis für Dünger um 130 Dollar pro Tonne, was zu höheren Lebensmittelpreisen führen wird. Für Rohöl mussten kurzzeitig 120 Dollar pro Barrel gezahlt werden. Teheran setzt alles daran, den Preis durch die De-facto-Blockade der Straße von Hormus auf den Wert 200 zu treiben. Das kann die Weltwirtschaft kollabieren lassen. Die USA versuchen das durch verstärkte Angriffe und befristet gelockerte Energiesanktionen gegen Russland zu verhindern.

Öltanker in der Meerenge zu eskortieren, das hält Washington (noch) für zu riskant, fordert aber China und die NATO dazu auf, Kriegsschiffe zu entsenden. Berlin lehnt das bislang ab. Die Internationale Energieagentur beschloss zwar die größte Freigabe von Ölreserven in ihrer Geschichte, gleichwohl befürchten Ökonomen für Europa ein Horrorszenario: Stagflation, also die Kombination von Stagnation und Inflation, und in der Konsequenz eine sehr viel höhere Arbeitslosigkeit.

Längst sind gewaltige Fluchtbewegungen nicht mehr auszuschließen

Was in völliger Verkennung tatsächlicher Kräfteverhältnisse als kurzer „Enthauptungsschlag“ geplant war, ist schnell in einen Regionalkrieg umgeschlagen, dessen Folgen umso schwerwiegender sind, je länger er dauert. So attackiert Israel die mit Iran verbündete Hisbollah im Libanon, wodurch mittlerweile über 800.000 Menschen zu Flüchtlingen geworden sind.

Die Regierungen Trump und Netanjahu umwerben iranische Kurden, als Fußtruppen in den Krieg einzugreifen. In Belutschistan beiderseits der iranisch-pakistanischen Grenze operieren Sezessionisten. Da Perser nur 61 Prozent der Bevölkerung Irans ausmachen, droht nicht nur ein Bürgerkrieg, sondern auch der Konflikt mit Pakistan und Afghanistan, die ihrerseits in schwerer Fehde stehen.

Die Verbindung mit Sekundärkonflikten wie im Jemen oder am Horn von Afrika, zwischen Äthiopien und Eritrea oder in Somalia, könnte den Flächenbrand anfachen. Über ein Dutzend Staaten aus Afrika, dem Nahen Osten, Europa und Asien sind im Sudan-Krieg involviert, darunter Russland, die Ukraine, China, Iran und Saudi-Arabien.

Außenminister Johann Wadephul eilte nach Israel, um deutsche Solidarität zuzusichern

Dass dieses Konflikt-Panorama Fluchtbewegungen von Millionen Menschen auslösen kann und Europa nicht verschont bleibt, liegt auf der Hand. Gleichwohl hofft man vergeblich auf europäische Vermittlung. Während Spanien den USA den Gebrauch einer Militärbasis untersagt hat, dient der US-Stützpunkt in Ramstein als wichtiges US-Drehkreuz.

Außenminister Johann Wadephul eilte nach Israel, um deutsche Solidarität zuzusichern. In Brüssel legitimiert Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen den Angriffskrieg, da Europa den „Realitäten Rechnung tragen“ müsse. Offenbar ist ihr entgangen, dass Trump die gleichen Argumente benutzt wie Wladimir Putin zu Beginn des Ukraine-Krieges: direkte Bedrohung, Gebot eines Regimewechsels, verbrecherisches System.

Immerhin stieß sie auf die Kritik von EU-Ratspräsident António da Costa. Während der Iran-Krieg das Potenzial hat, zu einem Weltbrand zu werden, ist Europa gespalten, und Berlin richtet sich auf dem Beifahrersitz der Aggressoren ein. Welche Torheit!

gt. Wegen der vielfältigen globalen Vernetzungen verfügt er über das Potenzial, zum Weltkrieg auszuarten. Noch nie hat ein Angriff auf ein Land so schnell eine ganze Region in Brand gesteckt. Bereits nach wenigen Tagen waren gut 20 Staaten direkt oder indirekt involviert – sei es als Angreifer, als Opfer oder als Lieferant von Waffen, Aufklärungsdaten und logistischem Beistand.Die NATO erklärt sich für abwehrbereitDie Dynamik des Krieges erreichte schnell das EU-Mitglied Zypern durch Drohnen-Beschuss des dortigen britischen Militärstützpunkts. Daraufhin entsandten Großbritannien, Spanien, die Niederlande und Griechenland Kriegsschiffe, Kampfjets sowie Systeme zur Drohnen- und Raketenabwehr. Athen und Nikosia aktivierten ihre gemeinsame Verteidigungsdoktrin. Frankreich schickte eine Flugzeugträgergruppe.Die Luftabwehr der NATO fing über der Türkei drei Raketen ab, und die Regierung in Ankara, bislang neutral, warnte Iran vor „weiteren Provokationen“. Die NATO erklärte, sie stehe bereit, alle Alliierten gegen jede Art von Bedrohung zu verteidigen. Sie sei zwar nicht direkt an diesem Krieg beteiligt, so Generalsekretär Mark Rutte, doch leisteten NATO-Staaten wichtige, unterstützende Beiträge. Mittlerweile hat Australien ein Aufklärungsflugzeug, Luftabwehrraketen, ein Tank- und ein Transportflugzeug als Hilfe für die Vereinigten Arabischen Emirate geschickt, Südkorea tat Gleiches mit Flugabwehrsystemen.Der Preis für Dünger steigt enormGeografisch erweitert wird der Konflikt überdies, wenn Russland Teheran mit Zieldaten assistiert, um iranische Angriffe wirksamer zu machen und genau das zu tun, was die USA seit Jahren mit Aufklärungsdaten für die Ukraine praktizieren. Die wiederum will den USA und Golfstaaten mit Know-how für die Drohnenabwehr zur Seite stehen.Was sich daraus ergibt, ist eine Wechselwirkung zwischen zwei hochintensiv geführten Kriegen. Kiew ringt vermutlich auch wegen der Befürchtung um Aufmerksamkeit, dass seine Armee nicht mehr auf Nachschub an US-Waffen rechnen kann, weil die am Golf gebraucht werden. Russland hat gerade daran ein Interesse und an drastisch gestiegenen Energiepreisen ohnehin. Außerdem will es nach Syrien keinen weiteren Verbündeten in der Region verlieren, zumal der Iran im Ukraine-Krieg für einen wertvollen Support gesorgt hat.Das ökonomische Aktionsfeld des Krieges ist ebenso unstrittig wie das geostrategische. So stieg der Preis für Dünger um 130 Dollar pro Tonne, was zu höheren Lebensmittelpreisen führen wird. Für Rohöl mussten kurzzeitig 120 Dollar pro Barrel gezahlt werden. Teheran setzt alles daran, den Preis durch die De-facto-Blockade der Straße von Hormus auf den Wert 200 zu treiben. Das kann die Weltwirtschaft kollabieren lassen. Die USA versuchen das durch verstärkte Angriffe und befristet gelockerte Energiesanktionen gegen Russland zu verhindern.Öltanker in der Meerenge zu eskortieren, das hält Washington (noch) für zu riskant, fordert aber China und die NATO dazu auf, Kriegsschiffe zu entsenden. Berlin lehnt das bislang ab. Die Internationale Energieagentur beschloss zwar die größte Freigabe von Ölreserven in ihrer Geschichte, gleichwohl befürchten Ökonomen für Europa ein Horrorszenario: Stagflation, also die Kombination von Stagnation und Inflation, und in der Konsequenz eine sehr viel höhere Arbeitslosigkeit.Längst sind gewaltige Fluchtbewegungen nicht mehr auszuschließen Was in völliger Verkennung tatsächlicher Kräfteverhältnisse als kurzer „Enthauptungsschlag“ geplant war, ist schnell in einen Regionalkrieg umgeschlagen, dessen Folgen umso schwerwiegender sind, je länger er dauert. So attackiert Israel die mit Iran verbündete Hisbollah im Libanon, wodurch mittlerweile über 800.000 Menschen zu Flüchtlingen geworden sind.Die Regierungen Trump und Netanjahu umwerben iranische Kurden, als Fußtruppen in den Krieg einzugreifen. In Belutschistan beiderseits der iranisch-pakistanischen Grenze operieren Sezessionisten. Da Perser nur 61 Prozent der Bevölkerung Irans ausmachen, droht nicht nur ein Bürgerkrieg, sondern auch der Konflikt mit Pakistan und Afghanistan, die ihrerseits in schwerer Fehde stehen.Die Verbindung mit Sekundärkonflikten wie im Jemen oder am Horn von Afrika, zwischen Äthiopien und Eritrea oder in Somalia, könnte den Flächenbrand anfachen. Über ein Dutzend Staaten aus Afrika, dem Nahen Osten, Europa und Asien sind im Sudan-Krieg involviert, darunter Russland, die Ukraine, China, Iran und Saudi-Arabien.Außenminister Johann Wadephul eilte nach Israel, um deutsche Solidarität zuzusichernDass dieses Konflikt-Panorama Fluchtbewegungen von Millionen Menschen auslösen kann und Europa nicht verschont bleibt, liegt auf der Hand. Gleichwohl hofft man vergeblich auf europäische Vermittlung. Während Spanien den USA den Gebrauch einer Militärbasis untersagt hat, dient der US-Stützpunkt in Ramstein als wichtiges US-Drehkreuz.Außenminister Johann Wadephul eilte nach Israel, um deutsche Solidarität zuzusichern. In Brüssel legitimiert Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen den Angriffskrieg, da Europa den „Realitäten Rechnung tragen“ müsse. Offenbar ist ihr entgangen, dass Trump die gleichen Argumente benutzt wie Wladimir Putin zu Beginn des Ukraine-Krieges: direkte Bedrohung, Gebot eines Regimewechsels, verbrecherisches System.Immerhin stieß sie auf die Kritik von EU-Ratspräsident António da Costa. Während der Iran-Krieg das Potenzial hat, zu einem Weltbrand zu werden, ist Europa gespalten, und Berlin richtet sich auf dem Beifahrersitz der Aggressoren ein. Welche Torheit!



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