Wer kleine Kinder hat, bekommt jahrelang kaum Pausen – vor allem, wenn es keine Hilfe von außen gibt. Das geht auf die Substanz. Nur wo ist die Grenze, wenn es darum geht, seine eigenen Grenzen zu überschreiten?


Seit Monaten murmle ich bestimmt täglich „Ich kann nicht mehr“

Foto: Kinga Krzeminska/Getty Images


Ist es schon zu spät für Neujahrsvorsätze? Ich denke, der hier geht noch. Ich habe mir vorgenommen, im neuen Jahr öfter innezuhalten. Ich habe mir vorgenommen, mehr hinzuhören, was ich brauche.

Ein einfacher Vorsatz eigentlich. Doch weiß ich jetzt schon, dass ich den nicht werde einhalten können. Denn irgendwie verliere ich mich andauernd in unserer fünfköpfigen Familie. Die Einkaufslisten, die Wäsche, die Tanzaufführung, die unendliche Zubereitung von Mahlzeiten, die zu kleinen Gummistiefel, die Windeln für die Kita, der Arzttermin, die Löcher in den Hosen und all die Deadlines, Routinen, Bedürfnisse und anderen Sorgen dazwischen. Alles ist wichtig, vieles dringend, es ist kaum Platz für uns Eltern als Menschen. Wer sind wir und was brauchen wir? Was bleibt von uns, wenn die Kinder groß sind? Und wieso muss das alles so schwer sein, wenn man sich keine Hilfe kaufen kann?

Was fehlen wird, wenn die Kinder groß sind

Mein Leben fühlt sich seit geraumer Zeit an, wie ein Zimmer, in dem permanent acht verschiedene Schallplatten laufen. „Genieß es, sie werden so schnell groß“, brüllt dann noch eine Stimme durch den ohrenbetäubenden Lärm. „Ja, genieß es“, denk’ ich mir. „Du wirst das noch vermissen.“

Aber was davon? Die Kinder, ja. Die kleinen Hände und Füße, die erst zarten, dann sehr lauten Stimmen, die 578 Mal am Tag „Mama“ rufen. Es tut jetzt schon weh, die jüngeren Versionen der Kinder zu verlieren. Plötzlich sind sie weg. Sie sagen nicht mal Lebewohl. Eines Tages krabbeln sie einfach nicht mehr, sie brabbeln nicht mehr und schwupp, wollen sie in der Öffentlichkeit deine Hand nicht halten.

Was ich nicht vermissen werde, sind die Ohrgeräusche jeden Tag. Das Rauschen, Piepsen und Wummern in meinen Ohrmuscheln. Die bleierne Müdigkeit, die mich seit Jahren begleitet, und die immer länger werdende Todo-Liste – sowie der unbeirrbare wie naive Glaube, dass das jetzt „nur ein paar anstrengende Wochen“ sind. Wie fühlt sich eigentlich Langeweile an? Mein Körper weiß es nicht mehr.

Alleine gelassen von der Gesellschaft

Das Gefühl des Abgehängtseins werde ich auch nicht vermissen. Die Isolation, in der wir Eltern, vor allem Mütter, leben. Privat wie beruflich. Ich werde nicht vermissen, dass es in der Beziehung zu meinem Partner heute vor allem darum geht, sich abzuwechseln, uns aufzuteilen. Nicht darum, gemeinsam zu sein. Wer ist dran, die dritte Spülmaschine des Tages auszuräumen? Wer fährt mitten in der Nacht mit dem Kleinkind in die Ambulanz? Wer schafft es nachmittags nochmal mit den Kids im Dunkeln vor die Tür, weil sie uns sonst die Bude zerlegen? Sollte ich nicht diesmal die Kotze aufwischen? „Lass mal, ich mach das“, sagt er. Ein Glück, dass wir uns abwechseln können.

Was ich nicht vermissen werde, ist die Inkonsequenz meiner Erschöpfung. Seit Monaten murmle ich bestimmt täglich „Ich kann nicht mehr“. Es sind keine absichtlichen Worte, es rutscht mir heraus. Eine Unbedachtheit, vielleicht schon eine Angewohnheit, wie andere Leute „so“ sagen, wenn sie ansetzen, etwas zu tun.

Doch was passiert, wenn ich nicht mehr kann? Nichts. Weil ich einfach weitermache. Solange ich nicht umfalle, solange alle zu essen bekommen und sauber sind, die Wäsche gewaschen, die Kinder sicher und pünktlich zu all ihren Terminen und Betreuungseinrichtungen erscheinen, solange passiert gar nichts. Wie kann das sein, frage ich mich. Wie kann das sein, dass wir in all dem nicht zählen? Wie kann man gleichzeitig so wichtig für diese kleinen Menschen sein und so belanglos für die Gesellschaft?

nschen. Wer sind wir und was brauchen wir? Was bleibt von uns, wenn die Kinder groß sind? Und wieso muss das alles so schwer sein, wenn man sich keine Hilfe kaufen kann?Was fehlen wird, wenn die Kinder groß sindMein Leben fühlt sich seit geraumer Zeit an, wie ein Zimmer, in dem permanent acht verschiedene Schallplatten laufen. „Genieß es, sie werden so schnell groß“, brüllt dann noch eine Stimme durch den ohrenbetäubenden Lärm. „Ja, genieß es“, denk’ ich mir. „Du wirst das noch vermissen.“Aber was davon? Die Kinder, ja. Die kleinen Hände und Füße, die erst zarten, dann sehr lauten Stimmen, die 578 Mal am Tag „Mama“ rufen. Es tut jetzt schon weh, die jüngeren Versionen der Kinder zu verlieren. Plötzlich sind sie weg. Sie sagen nicht mal Lebewohl. Eines Tages krabbeln sie einfach nicht mehr, sie brabbeln nicht mehr und schwupp, wollen sie in der Öffentlichkeit deine Hand nicht halten.Was ich nicht vermissen werde, sind die Ohrgeräusche jeden Tag. Das Rauschen, Piepsen und Wummern in meinen Ohrmuscheln. Die bleierne Müdigkeit, die mich seit Jahren begleitet, und die immer länger werdende Todo-Liste – sowie der unbeirrbare wie naive Glaube, dass das jetzt „nur ein paar anstrengende Wochen“ sind. Wie fühlt sich eigentlich Langeweile an? Mein Körper weiß es nicht mehr.Alleine gelassen von der GesellschaftDas Gefühl des Abgehängtseins werde ich auch nicht vermissen. Die Isolation, in der wir Eltern, vor allem Mütter, leben. Privat wie beruflich. Ich werde nicht vermissen, dass es in der Beziehung zu meinem Partner heute vor allem darum geht, sich abzuwechseln, uns aufzuteilen. Nicht darum, gemeinsam zu sein. Wer ist dran, die dritte Spülmaschine des Tages auszuräumen? Wer fährt mitten in der Nacht mit dem Kleinkind in die Ambulanz? Wer schafft es nachmittags nochmal mit den Kids im Dunkeln vor die Tür, weil sie uns sonst die Bude zerlegen? Sollte ich nicht diesmal die Kotze aufwischen? „Lass mal, ich mach das“, sagt er. Ein Glück, dass wir uns abwechseln können.Was ich nicht vermissen werde, ist die Inkonsequenz meiner Erschöpfung. Seit Monaten murmle ich bestimmt täglich „Ich kann nicht mehr“. Es sind keine absichtlichen Worte, es rutscht mir heraus. Eine Unbedachtheit, vielleicht schon eine Angewohnheit, wie andere Leute „so“ sagen, wenn sie ansetzen, etwas zu tun.Doch was passiert, wenn ich nicht mehr kann? Nichts. Weil ich einfach weitermache. Solange ich nicht umfalle, solange alle zu essen bekommen und sauber sind, die Wäsche gewaschen, die Kinder sicher und pünktlich zu all ihren Terminen und Betreuungseinrichtungen erscheinen, solange passiert gar nichts. Wie kann das sein, frage ich mich. Wie kann das sein, dass wir in all dem nicht zählen? Wie kann man gleichzeitig so wichtig für diese kleinen Menschen sein und so belanglos für die Gesellschaft?



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