Die Wahl ist gefallen – und sie ist ein sprachliches Armutszeugnis für den politischen Betrieb: „Sondervermögen“ wurde zum Unwort des Jahres 2025 erklärt. Kaum ein Begriff steht derzeit sinnbildlicher für den Versuch, unbequeme Realitäten mit wohlklingenden Formeln zu übertünchen. Was nach Rücklagen, Reichtum oder finanzieller Stärke klingt, ist in Wahrheit das genaue Gegenteil: neue Schulden, sauber verpackt in semantisches Geschenkpapier.

Wenn Worte die Wirklichkeit verbiegen

Sprache ist nie neutral. Wer Begriffe prägt, prägt auch das Denken. Genau hier liegt das Problem. „Sondervermögen“ suggeriert Besitz, Sicherheit und Vorsorge. Im politischen Alltag meint es jedoch einen ausgelagerten Schuldenberg, der außerhalb des regulären Haushalts geführt wird. Die Bezeichnung dient nicht der Klarheit, sondern der Verschleierung. Schulden sollen nicht mehr wie Schulden klingen, sondern wie eine Art kollektiver Schatz.

Die Jury der sprachkritischen Aktion machte genau diesen Punkt zum Kern ihrer Entscheidung. Der Begriff wirke beschönigend, manipulierend und demokratiegefährdend, weil er eine ehrliche Auseinandersetzung mit den Folgen staatlicher Verschuldung erschwere. Wer von Vermögen spricht, lädt nicht zur kritischen Debatte ein, sondern beruhigt – und genau das scheint beabsichtigt.

Besonders pikant ist die Auszeichnung vor dem Hintergrund aktueller Regierungspläne. Unter dem Etikett „Sondervermögen“ sollen gigantische Summen mobilisiert werden, ohne das Wort Schulden überhaupt noch in den Mund zu nehmen. Wahlversprechen, keine neuen Kredite aufzunehmen, lösen sich dabei elegant im Nebel der Begrifflichkeit auf. Formal bleibt alles korrekt, inhaltlich wird die Realität verdreht.

Dabei wäre Transparenz dringend nötig. Denn jedes sogenannte Sondervermögen bedeutet langfristige Verpflichtungen: Zinszahlungen, Steuerlasten, eingeschränkte finanzielle Spielräume. Es sind nicht abstrakte Zahlen, sondern reale Lasten für kommende Generationen. Wer diese Lasten sprachlich verharmlost, entzieht sich der Verantwortung.

Die Wahl von „Sondervermögen“ zum Unwort ist deshalb mehr als eine sprachliche Fußnote. Sie ist ein Warnsignal. Sie erinnert daran, dass Demokratie Klarheit braucht – auch und gerade in der Sprache. Politische Entscheidungen dürfen umstritten sein, aber sie sollten ehrlich benannt werden. Schulden bleiben Schulden, egal wie elegant man sie verpackt.

Dass dieser Begriff nun offiziell gebrandmarkt wurde, ist ein kleiner, aber wichtiger Schritt. Er entlarvt eine politische Kommunikationsstrategie, die auf Beruhigung statt Aufklärung setzt. Vielleicht zwingt das Unwort des Jahres die Verantwortlichen ja dazu, künftig wieder das zu sagen, was sie tun – und nicht das, was besser klingt.





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