„Ich bin nicht sicher, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen“, soll Albert Einstein einmal gesagt haben. In Hendrik Otrembas neuem Roman ist dieser postapokalyptische Zustand bereits Wirklichkeit geworden. Nach Jahrzehnten der Umweltzerstörung und der rücksichtslosen Ausbeutung der Ressourcen brauchte es nicht viel, um den von Einstein so präzise vorausgesagten atomaren Weltenbrand auszulösen. Und nun, gut 200 Jahre nach unserer Zeit, ist das Erdenrund ein Ort aus Trümmern, Asche und Staub, „der nur existierte, weil etwas anderes nicht mehr da war“.
Irgendwo in dieser apokalyptischen Landschaft erhebt sich ein Krater, an dessen Rand verloren ein Mann sitzt, der durch das menschengemachte Fegefeuer gegangen ist. Sein Name ist Oswalth Kerzenrauch, sein Alter biblisch. Er ist „ein Gefangener der Unendlichkeit“, weil sein Körper jeder Krise standhielt, die sich auf der Erde seit den 2000er Jahren zugetragen hat. Nichts konnte ihm etwas anhaben, keine Pandemie und kein Artensterben, der Klimawandel nicht und auch nicht der Zusammenbruch der Ökosysteme, die die Welt Stück für Stück gen Abgrund geschoben haben.
Der große Weltkrieg war angesichts der Beförderung destruktiver Tech-Utopien und elitärer Fantasien nur eine Frage der Zeit. Zumal die Menschen das Interesse am Erhalt der Erde verloren, als sich niemand mehr auf ihr fortpflanzen konnte. Die Menschen begannen ihr Heil in neuen Welten zu suchen. Als auf einem Erkundungsflug nach Nektar II eine Frau erstmals wieder ein Kind empfing, nahm das Projekt der Gründung einer neuen Zivilisation in einer anderen Galaxie seinen Lauf.
Dieser Gräber hängt an seiner irdischen Existenz
Die Übersiedlung der Menschheit in die neue Welt ist fast abgeschlossen, als Der Gräber einsetzt. Einmal noch wird eine Raumfähre landen, um die Verbliebenen aus den Ruinen Berlins zu holen. Der jahrhundertealte Kerzenrauch ist einer der letzten Erdbewohner. Im Auftrag der Ausgewanderten gräbt er „Artefakte einer verlassenen, schwindenden Welt“ aus den Ruinen einer zugrunde gewirtschafteten Welt. Erinnerungsstücke, die sich in einem anderen Sonnensystem zu einer Galerie letzter Dinge fügen mögen oder nicht – ihm ist es egal.
Denn dieser Gräber hängt an seiner irdischen Existenz, sowohl seine große Liebe als auch seine Tochter Luzie sind hier begraben. Alle paar Jahre sucht Kerzenrauch ihre Gräber auf, wo er nicht einfach nur einer der zurückgelassenen, sondern der einsamste Mensch auf der Welt ist.
Der in Berlin lebende Autor und Musiker Hendrik Otremba hat einen kompromisslosen und bildmächtigen Roman über einen Mann geschrieben, der bis auf seine Erinnerungen bereits alles verloren hat. Sie sind alles, was ihm auf diesem Planeten bleibt, auf dem er bald der Letzte seiner Art ist. Was macht diese Aussicht mit einem Menschen, der die Liebe gekannt und den Hass (üb)erlebt hat? Kann man Hoffnung schöpfen, auch wenn es am Ende des Tunnels dunkel bleibt? Und wie bringt man die Dinge an ein würdevolles Ende, wenn alle Messen längst gelesen sind?
Otremba geht es nicht um den Planeten, sondern um den Menschen
Otremba sucht nicht nach Antworten auf diese Fragen, sondern wirft sie in seinem horrenden Roman überhaupt erst einmal auf, um der Melancholie, dem Schmerz und der Trauer sowie dem Geheimnis seines tragischen Helden auf die Spur zu kommen. „Wer sich der eigenen verschütteten Vergangenheit zu nähern trachtet, muss sich verhalten wie ein Mann, der gräbt“, sagte Walter Benjamin einmal.
Otremba stellt dieses Motto seinem Roman voran, dessen Handlung nah bei dem titelgebenden Gräber bleibt. Sie folgt ihm aus den Ruinen von Berlin, wo die Zurückgelassenen in der Tempelhofer Kolonie verzweifelt die letzten Kämpfe ausfechten, in das Reich der Erinnerungen. Ob dieser enge Berlin-Bezug ein kluger Schachzug ist, darüber kann man streiten. Zuweilen ist die Welt dann doch recht klein, die hier untergeht. Aber Hendrik Otremba geht es in seiner hellsichtigen Spekulation nicht um den Planeten, sondern um den Menschen, dem er sich mit Neugier und Empathie zuwendet.
Das visionäre neue Leben auf Nektar II spielt deshalb kaum eine Rolle. Für Kerzenrauch ist das Projekt ohnehin nur „die Konsequenz der zivilisatorischen Selbstzerstörung, die im Fortschrittsstreben der Menschen steckt“. Die technischen Entwicklungen bilden in Der Gräber lediglich den Grundanstrich für ein literarisches Verfahren, in dem Abenteuer- und Endzeitroman, Robinsonade und Entwicklungsroman zusammenlaufen. Sogar eine Liebesgeschichte ist in die Handlung eingewoben, allzu leicht will es Otremba seinem lebensmüden Helden nicht machen. Mit der letzten Mission kommt eine Bewohnerin der neuen Welt auf die Erde, die seine festen Überzeugungen ins Wanken bringt.
Otremba kann auf eine Musikerkarriere zurückgreifen
Letztlich sind die penible Sauberkeit, maßlose Eindeutigkeit und vollkommene Existenz der neuen Zivilisation für Otrembas letzten Erdbewohner nur Ausdruck eines Todeskults, in dem sich die menschliche Verantwortung am zivilisatorischen Niedergang spiegelt. In der Hybris, einen neuen Planeten zu okkupieren und den ruinösen menschlichen Bedürfnissen zu unterwerfen, schreibt sich die Zerstörung der Welt fort, die dieser Unsterbliche sein Leben lang beobachtet hat. „Die Geschichte wiederholt sich in ihrer Grausamkeit, setzt sich fort, und darin liegt sein Weltvertrauensverlust“, kommentiert der allwissende Erzähler lakonisch.
Schon in seinem surrealen Debütroman Über uns der Schaum hat der 41-jährige Wahlberliner die Geschichte verlorener Menschen erzählt, die in dunklen Zeiten ums Überleben kämpfen mussten. Blieb er damals noch recht nah an der Gegenwart, findet Otremba hier nun einen Weg, die Gegenwart in die Zukunft zu schreiben. Die Trümmerlandschaften von Coventry und Berlin, Tschernobyl und Donezk, Aleppo oder Gaza sind anschaulich genug, um ein brennendes Morgen zu entwerfen. Oder wie es im Roman heißt: „Die Wirklichkeit überholt die Schreckensszenarien des Ausgedachten.“
Der 1984 in Recklinghausen geborene Otremba kann als Autor – wie Jochen Distelmeyer (Blumfeld), Sven Regener (Element of Crime) oder Judith Holofernes (Wir sind Helden), um nur einige zu nennen – auf eine Musiker- und Bandkarriere zurückgreifen. Poetologisch ist das alles andere als ein Nachteil. Das letzte Album seiner Band Messer von 2024 trägt den Titel Kratermusik – kein Zufall, wie er im Rahmen seiner Poetikdozentur an der Uni Münster durchblicken ließ.
Der frühere Ideenroman ist zweifellos ein Ausgangspunkt
Dabei sprach er über die Anknüpfungen, Fortschreibungen und Querverweise zwischen den einzelnen Bereichen seines künstlerischen Schaffens. Figuren aus seinen Romanen tauchen in Songs auf, in seiner Literatur spiegeln sich Szenen aus seinem Kunsthandwerk. Er selbst spricht vom „dronischen Erzählen“, bei dem er sich permanent zwischen Literatur, Musik, Malerei und Fotografie bewegt: „mal sichtbar, mal unentdeckt, mal passiv, mal mit Einfluss auf das Geschehen“.
Zuletzt sorgte Otremba mit seinem anarchistischen Pfadfinder-Roman Benito (2022) für Aufsehen, und wenn man will, kann man in dem durch die wüste Welt wandernden Kerzenrauch auch den letzten Pfadfinder erkennen. Naheliegender ist aber ein anderer Werkzusammenhang.
In seinem zweiten Roman Kachelbads Erbe (2019) verfolgten einige Auserwählte eine lang gehegte menschliche Vision und ließen sich als „kalte Mieter“ einfrieren, um nach einem Dornröschenschlaf am „Ende der Menschheit“ wieder aufzuwachen.
Das findet eindrucksvolle Bilder für seine spektakuläre Erzählung
Das Verfahren der Kryonik wird in Der Gräber nur am Rande erwähnt, dennoch stehen beide Romane in einem engen Spannungsverhältnis. Der frühere Ideenroman ist zweifellos Ausgangspunkt für Otrembas unwiderstehliche Imagination eines Wanderers jenseits der Gegenwart und wird hier als spekulativer Tatsachenroman fortgeschrieben.
Doch im Gegensatz zu den Figuren, die sich in den 1980er Jahren um den deutschen Auswanderer H. G. Kachelbad scharen (und von denen eine hier auch wieder auftaucht), kann sich Oswalth Kerzenrauch seine Unsterblichkeit nicht aussuchen. Er wird unfreiwillig zum ewig lebenden Beispiel einer gescheiterten Zivilisation und muss ausbaden, was Kachelbads Erben lediglich als Gedankenspiel verfolgen.
Dieser im besten Sinne unbequeme Roman ragt aus der meist selbstreflexiven deutschsprachigen Gegenwartsliteratur heraus. Hendrik Otremba wagt etwas und belohnt seine Leser. Er findet nicht nur eindrucksvolle Bilder für seine spektakuläre Erzählung, sondern auch eine ebenso radikale wie poetische Sprache für das, was wir uns nicht vorstellen wollen. Sie funkelt vor allem dann, wenn er von der Finsternis der Welt in das innere Dunkel seines tragischen Helden wechselt. Dahin, wo die schmerzhaft-schönen Erinnerungen liegen.
Der Gräber Hendrik Otremba März Verlag 2026, 274 S., 24 €
etwas anderes nicht mehr da war“.Irgendwo in dieser apokalyptischen Landschaft erhebt sich ein Krater, an dessen Rand verloren ein Mann sitzt, der durch das menschengemachte Fegefeuer gegangen ist. Sein Name ist Oswalth Kerzenrauch, sein Alter biblisch. Er ist „ein Gefangener der Unendlichkeit“, weil sein Körper jeder Krise standhielt, die sich auf der Erde seit den 2000er Jahren zugetragen hat. Nichts konnte ihm etwas anhaben, keine Pandemie und kein Artensterben, der Klimawandel nicht und auch nicht der Zusammenbruch der Ökosysteme, die die Welt Stück für Stück gen Abgrund geschoben haben.Der große Weltkrieg war angesichts der Beförderung destruktiver Tech-Utopien und elitärer Fantasien nur eine Frage der Zeit. Zumal die Menschen das Interesse am Erhalt der Erde verloren, als sich niemand mehr auf ihr fortpflanzen konnte. Die Menschen begannen ihr Heil in neuen Welten zu suchen. Als auf einem Erkundungsflug nach Nektar II eine Frau erstmals wieder ein Kind empfing, nahm das Projekt der Gründung einer neuen Zivilisation in einer anderen Galaxie seinen Lauf.Dieser Gräber hängt an seiner irdischen ExistenzDie Übersiedlung der Menschheit in die neue Welt ist fast abgeschlossen, als Der Gräber einsetzt. Einmal noch wird eine Raumfähre landen, um die Verbliebenen aus den Ruinen Berlins zu holen. Der jahrhundertealte Kerzenrauch ist einer der letzten Erdbewohner. Im Auftrag der Ausgewanderten gräbt er „Artefakte einer verlassenen, schwindenden Welt“ aus den Ruinen einer zugrunde gewirtschafteten Welt. Erinnerungsstücke, die sich in einem anderen Sonnensystem zu einer Galerie letzter Dinge fügen mögen oder nicht – ihm ist es egal.Denn dieser Gräber hängt an seiner irdischen Existenz, sowohl seine große Liebe als auch seine Tochter Luzie sind hier begraben. Alle paar Jahre sucht Kerzenrauch ihre Gräber auf, wo er nicht einfach nur einer der zurückgelassenen, sondern der einsamste Mensch auf der Welt ist.Der in Berlin lebende Autor und Musiker Hendrik Otremba hat einen kompromisslosen und bildmächtigen Roman über einen Mann geschrieben, der bis auf seine Erinnerungen bereits alles verloren hat. Sie sind alles, was ihm auf diesem Planeten bleibt, auf dem er bald der Letzte seiner Art ist. Was macht diese Aussicht mit einem Menschen, der die Liebe gekannt und den Hass (üb)erlebt hat? Kann man Hoffnung schöpfen, auch wenn es am Ende des Tunnels dunkel bleibt? Und wie bringt man die Dinge an ein würdevolles Ende, wenn alle Messen längst gelesen sind?Otremba geht es nicht um den Planeten, sondern um den Menschen Otremba sucht nicht nach Antworten auf diese Fragen, sondern wirft sie in seinem horrenden Roman überhaupt erst einmal auf, um der Melancholie, dem Schmerz und der Trauer sowie dem Geheimnis seines tragischen Helden auf die Spur zu kommen. „Wer sich der eigenen verschütteten Vergangenheit zu nähern trachtet, muss sich verhalten wie ein Mann, der gräbt“, sagte Walter Benjamin einmal.Otremba stellt dieses Motto seinem Roman voran, dessen Handlung nah bei dem titelgebenden Gräber bleibt. Sie folgt ihm aus den Ruinen von Berlin, wo die Zurückgelassenen in der Tempelhofer Kolonie verzweifelt die letzten Kämpfe ausfechten, in das Reich der Erinnerungen. Ob dieser enge Berlin-Bezug ein kluger Schachzug ist, darüber kann man streiten. Zuweilen ist die Welt dann doch recht klein, die hier untergeht. Aber Hendrik Otremba geht es in seiner hellsichtigen Spekulation nicht um den Planeten, sondern um den Menschen, dem er sich mit Neugier und Empathie zuwendet.Das visionäre neue Leben auf Nektar II spielt deshalb kaum eine Rolle. Für Kerzenrauch ist das Projekt ohnehin nur „die Konsequenz der zivilisatorischen Selbstzerstörung, die im Fortschrittsstreben der Menschen steckt“. Die technischen Entwicklungen bilden in Der Gräber lediglich den Grundanstrich für ein literarisches Verfahren, in dem Abenteuer- und Endzeitroman, Robinsonade und Entwicklungsroman zusammenlaufen. Sogar eine Liebesgeschichte ist in die Handlung eingewoben, allzu leicht will es Otremba seinem lebensmüden Helden nicht machen. Mit der letzten Mission kommt eine Bewohnerin der neuen Welt auf die Erde, die seine festen Überzeugungen ins Wanken bringt.Otremba kann auf eine Musikerkarriere zurückgreifenLetztlich sind die penible Sauberkeit, maßlose Eindeutigkeit und vollkommene Existenz der neuen Zivilisation für Otrembas letzten Erdbewohner nur Ausdruck eines Todeskults, in dem sich die menschliche Verantwortung am zivilisatorischen Niedergang spiegelt. In der Hybris, einen neuen Planeten zu okkupieren und den ruinösen menschlichen Bedürfnissen zu unterwerfen, schreibt sich die Zerstörung der Welt fort, die dieser Unsterbliche sein Leben lang beobachtet hat. „Die Geschichte wiederholt sich in ihrer Grausamkeit, setzt sich fort, und darin liegt sein Weltvertrauensverlust“, kommentiert der allwissende Erzähler lakonisch.Schon in seinem surrealen Debütroman Über uns der Schaum hat der 41-jährige Wahlberliner die Geschichte verlorener Menschen erzählt, die in dunklen Zeiten ums Überleben kämpfen mussten. Blieb er damals noch recht nah an der Gegenwart, findet Otremba hier nun einen Weg, die Gegenwart in die Zukunft zu schreiben. Die Trümmerlandschaften von Coventry und Berlin, Tschernobyl und Donezk, Aleppo oder Gaza sind anschaulich genug, um ein brennendes Morgen zu entwerfen. Oder wie es im Roman heißt: „Die Wirklichkeit überholt die Schreckensszenarien des Ausgedachten.“Der 1984 in Recklinghausen geborene Otremba kann als Autor – wie Jochen Distelmeyer (Blumfeld), Sven Regener (Element of Crime) oder Judith Holofernes (Wir sind Helden), um nur einige zu nennen – auf eine Musiker- und Bandkarriere zurückgreifen. Poetologisch ist das alles andere als ein Nachteil. Das letzte Album seiner Band Messer von 2024 trägt den Titel Kratermusik – kein Zufall, wie er im Rahmen seiner Poetikdozentur an der Uni Münster durchblicken ließ.Der frühere Ideenroman ist zweifellos ein AusgangspunktDabei sprach er über die Anknüpfungen, Fortschreibungen und Querverweise zwischen den einzelnen Bereichen seines künstlerischen Schaffens. Figuren aus seinen Romanen tauchen in Songs auf, in seiner Literatur spiegeln sich Szenen aus seinem Kunsthandwerk. Er selbst spricht vom „dronischen Erzählen“, bei dem er sich permanent zwischen Literatur, Musik, Malerei und Fotografie bewegt: „mal sichtbar, mal unentdeckt, mal passiv, mal mit Einfluss auf das Geschehen“.Zuletzt sorgte Otremba mit seinem anarchistischen Pfadfinder-Roman Benito (2022) für Aufsehen, und wenn man will, kann man in dem durch die wüste Welt wandernden Kerzenrauch auch den letzten Pfadfinder erkennen. Naheliegender ist aber ein anderer Werkzusammenhang.In seinem zweiten Roman Kachelbads Erbe (2019) verfolgten einige Auserwählte eine lang gehegte menschliche Vision und ließen sich als „kalte Mieter“ einfrieren, um nach einem Dornröschenschlaf am „Ende der Menschheit“ wieder aufzuwachen.Das findet eindrucksvolle Bilder für seine spektakuläre ErzählungDas Verfahren der Kryonik wird in Der Gräber nur am Rande erwähnt, dennoch stehen beide Romane in einem engen Spannungsverhältnis. Der frühere Ideenroman ist zweifellos Ausgangspunkt für Otrembas unwiderstehliche Imagination eines Wanderers jenseits der Gegenwart und wird hier als spekulativer Tatsachenroman fortgeschrieben.Doch im Gegensatz zu den Figuren, die sich in den 1980er Jahren um den deutschen Auswanderer H. G. Kachelbad scharen (und von denen eine hier auch wieder auftaucht), kann sich Oswalth Kerzenrauch seine Unsterblichkeit nicht aussuchen. Er wird unfreiwillig zum ewig lebenden Beispiel einer gescheiterten Zivilisation und muss ausbaden, was Kachelbads Erben lediglich als Gedankenspiel verfolgen.Dieser im besten Sinne unbequeme Roman ragt aus der meist selbstreflexiven deutschsprachigen Gegenwartsliteratur heraus. Hendrik Otremba wagt etwas und belohnt seine Leser. Er findet nicht nur eindrucksvolle Bilder für seine spektakuläre Erzählung, sondern auch eine ebenso radikale wie poetische Sprache für das, was wir uns nicht vorstellen wollen. Sie funkelt vor allem dann, wenn er von der Finsternis der Welt in das innere Dunkel seines tragischen Helden wechselt. Dahin, wo die schmerzhaft-schönen Erinnerungen liegen.