Bei den aktuellen Radiohead-Shows offenbart sich: Das 2007er-Album „In Rainbows“ ist bei Band und Fans besonders populär. Gerade die Gen Z zeigt eine große Liebe für das unterschätzte Meisterwerk – und das hat nicht nur mit TikTok zu tun


Große Kunst wie von Radiohead funktioniert ohne Subtexte und zeithistorische Einordnungen

Foto: Idols Avalon/Imago Images


Als 2007 Radiohead ihr siebtes Studioalbum In Rainbows veröffentlichten, befand sich die Musikindustrie in einer der vermeintlich größten Krisen ihrer Geschichte, was so natürlich nie stimmte. P2P-Filesharing sorgte bei den großen Labels für Umsatzeinbußen, auch weil sie sich zu krampfhaft am Tonträgerverkauf festklammerten, Streaming-Dienste wie Spotify befanden sich noch in der Entwicklungsphase.

Und auch Radiohead trennten sich von ihrem Label EMI, das zuvor von der Private-Equity-Firma Terra Firma übernommen worden war. In den zehn Jahren zuvor hatten Radiohead sich mit Alben wie OK Computer, Kid A, und Amnesiac in eine eigene Liga als eine der innovativsten Bands der Welt gespielt. Trotz angebotener Millionenvorschüsse enteiste sich die Band aus Oxford aus dem Vertrag mit EMI, auch weil sie sich die Kontrolle über ihren bereits existierenden Songkatalog sichern wollten, die sie mit der Verlängerung eines EMI-Deals hätten aufgeben müssen.

Stattdessen wurde In Rainbows am 10. Oktober 2007 auf der eigenen Webseite digital nach der Idee „Pay what you want“ vertrieben. Fans durften entscheiden, ob und wie viel sie für das MP3-Album ausgeben wollten, um es runterzuladen. Das entkriminalisierte und entstigmatisierte vor allen Dingen den Musikfan, der es sich mittlerweile zur Gewohnheit machte, auf Filesharing-Plattformen wie Soulseek oder Kazaa nach aktueller Musik zu suchen. Am ersten Tag der Veröffentlichung verzeichnete die Band über 1,2 Millionen Downloads. Das wiederum zog kritische Kommentare auf sich.

Pionieren wird es nicht immer leicht gemacht

Lily Allen und Kim Gordon von Sonic Youth monierten, dass Radiohead ihre Popularität ausnutzen würden, um solch ein Business-Modell zu etablieren, denn bei welchem unbekannten Act würde so etwas auch nur ansatzweise funktionieren? Trent Reznor von den Nine Inch Nails motzte, dass Radiohead schlecht klingende Musikfiles unter die Leute brächten, die dadurch dann genötigt würden, die Musik wieder auf teuren („besser klingenden“) Tonträgern zu erstehen. Das Prinzip des „Bezahl so viel, wie du willst“ hat sich seitdem etablieren können. Auf Musikplattformen wie Bandcamp ist das eine beliebte Option, Musik mit den Fans zu teilen. Künstler wie Nils Frahm und Chance The Rapper setzten in der Vergangenheit ebenfalls auf dieses Konzept.

In der Kritik wurde das Album positiv und wohlwollend aufgenommen. Konsens (bei Fans und der Kritik) war seinerzeit jedoch weitestgehend, dass die epochale Größe und popkulturelle Relevanz von Alben wie OK Computer von 1997 und den Nachfolge-Langspielern Kid A und Amnesiac bei weitem nicht erreicht wurde.

Diese Wahrnehmung hat sich über die Jahre gewandelt. Auf der aktuellen Europa-Tournee der Band, fiel das verhältnismäßig junge Publikum auf. Die Reaktionen fielen besonders euphorisch bei Songs wie Weird Fishes / Arpeggi, All I Need oder Jigsaw Falling Into Place aus. Letzterer hatte vor zwei Jahren einen viralen Moment auf TikTok, was die Band bei zahlreichen jungen Menschen schlagartig bekannter machte. Bis heute gibt es Clips, bei denen Teenager Coverversionen des Songs auf Gitarre oder Schlagzeug nachspielen.

Viele dieser Musikfans, auch auf den Konzerten, waren zum Release von In Rainbows noch gar nicht geboren. Anders als bei Kate Bushs Running Up That Hill gab es allerdings keine Erfolgsserie wie Stranger Things, die als Inkubator den Song in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückte. Und ein viraler Hit allein, von denen es jede Woche neue gibt, ist noch lange keine Erklärung dafür, dass Gen-Zler mit viel Mühe und für viel Geld Konzerttickets für eine Band erstehen, die sie „von TikTok kennen“.

Exzellent reifen und altern als Kunstform

Auch beim Autor dieses Texts, der Radiohead 1997 zum ersten Mal live sah, hat sich die Werkrezeption über die Jahre gewandelt. Auch bei ihm gilt In Rainbows seit rund zehn Jahren als das wohl beste Album der Band. Was da unter alteingesessenen Fans noch ein Statement war, das man heute als Ragebait bezeichnen würde, scheint heute allgemeiner Common Sense geworden zu sein.

Das kann nicht nur an TikTok liegen oder daran, dass der Musik-Podcast Dissect sich vor zwei Jahren ebenfalls dem Album widmete und Song für Song en detail analysierte. Was macht die tatsächliche Größe aus und wie konnte es sich zu einem derartigen „Grower“, wie man sagt, entwickeln? Denn auch die Band selber scheint darin ihr Lieblingsalbum der über 30-jährigen Geschichte gefunden zu haben. Zumindest werden auf dieser Tournee die meisten Songs von diesem Album gespielt. Das besitzt, wenn wie sonst kein Promozwang für eine neue Platte dahinter steckt, Aussagekraft.

In Rainbows ist deshalb ein so großes Werk, weil es eine Band zeigt, die – anders als zuvor – weder versucht Normen oder Standards zu brechen, noch progressiv ein Genre neu zu definieren oder sich von den vorangegangenen Erfolgen zu distanzieren. Es sind zehn Songs auf einer Standard-Länge von 42 Minuten. Kein Song länger als fünf Minuten, anders noch als das epische Paranoid Android von 1997, das konzeptuell mit seinen vielen unterschiedlichen Parts noch eher prog-rockig und abgehoben wirkte. Thom Yorke sagte selber dazu: „Es ist unser klassisches Album. Unser Transformer, unser Revolver, unser Hunky Dory.“ Es ist kein Konzeptalbum, die Songs handeln von universellen Themen wie Liebe, Verlust und anderen Emotionen.

Es ist keine aufgeladene Studio-Überproduktion, was indes die wahre und komplexe Qualität der Songs noch viel bedeutsamer zur Geltung bringt. Die brillante Produktion von Nigel Godrich ist trocken und direkt und verliert sich nicht in allzu kathedralen Hallräumen und Effekten. Die Abwesenheit all dieser Dinge, die viele zum Zeitpunkt des Releases 2007 vermissten – das Megalomanische, Unorthodoxe, Künstlerische, sozusagen Pink-Floydeske –, zeigt erst, wie eingespielt, kreativ und perfekt die Band zu dieser Zeit tatsächlich war.

Musik kennt eigentlich keine Regeln. In Rainbows ist aber ein bisschen so, als würden Radiohead Fußball spielen. Und zwar in dem Sinne, dass sie sich bewusst auf ein für alle verständliches und möglichst einfaches Regelwerk einlassen und so noch eindringlicher ihre Grandesse unter Beweis stellen. Eben wie Brasilien bei den WMs 1970 und 1982, die Niederlande 1974 mit Johann Cruyff oder Barcelona unter Pep Guardiola mit Messi, Xavi und Iniesta. Perfekte Momente, die nur so in dieser Zeit entstehen konnten, aber für die Ewigkeit sind.

Radioheads „In Rainbows“ bringt Menschen aus allen Generationen zusammen

Diese formelle Simplizität und Universalität macht In Rainbows auch so zugänglich für jüngere Generationen. Große Kunst funktioniert ohne Subtexte und zeithistorische Einordnungen. Auch fast 20 Jahre nach Erscheinen sind die wundersamen und emotional ergreifenden Songs nicht nur zeitlos, sie sind wie ein Barolo sogar noch besser geworden. Ein User auf Reddit schreibt: „In Rainbows ist für die Gen Z das, was Abbey Road für die Gen X und Millennials ist.“

Man könnte sogar weiter gehen und sagen: In Rainbows ist mindestens so wichtig wie Abbey Road. Zum einen, weil es derzeit Gen Z, Millennials und Gen X gleichermaßen zusammen bringt. Und zum anderen, weil es für eine melancholische Sehnsucht steht, die in heutigen chaotischen Zeiten, in denen es mehr Fragen als Antworten gibt, zwar keine Lösungen anbietet, aber generationenübergreifend Empathie und Trost spendet. Man muss nur gemeinsam daran glauben – und alles wird gut.

sten Bands der Welt gespielt. Trotz angebotener Millionenvorschüsse enteiste sich die Band aus Oxford aus dem Vertrag mit EMI, auch weil sie sich die Kontrolle über ihren bereits existierenden Songkatalog sichern wollten, die sie mit der Verlängerung eines EMI-Deals hätten aufgeben müssen.Stattdessen wurde In Rainbows am 10. Oktober 2007 auf der eigenen Webseite digital nach der Idee „Pay what you want“ vertrieben. Fans durften entscheiden, ob und wie viel sie für das MP3-Album ausgeben wollten, um es runterzuladen. Das entkriminalisierte und entstigmatisierte vor allen Dingen den Musikfan, der es sich mittlerweile zur Gewohnheit machte, auf Filesharing-Plattformen wie Soulseek oder Kazaa nach aktueller Musik zu suchen. Am ersten Tag der Veröffentlichung verzeichnete die Band über 1,2 Millionen Downloads. Das wiederum zog kritische Kommentare auf sich.Pionieren wird es nicht immer leicht gemachtLily Allen und Kim Gordon von Sonic Youth monierten, dass Radiohead ihre Popularität ausnutzen würden, um solch ein Business-Modell zu etablieren, denn bei welchem unbekannten Act würde so etwas auch nur ansatzweise funktionieren? Trent Reznor von den Nine Inch Nails motzte, dass Radiohead schlecht klingende Musikfiles unter die Leute brächten, die dadurch dann genötigt würden, die Musik wieder auf teuren („besser klingenden“) Tonträgern zu erstehen. Das Prinzip des „Bezahl so viel, wie du willst“ hat sich seitdem etablieren können. Auf Musikplattformen wie Bandcamp ist das eine beliebte Option, Musik mit den Fans zu teilen. Künstler wie Nils Frahm und Chance The Rapper setzten in der Vergangenheit ebenfalls auf dieses Konzept.In der Kritik wurde das Album positiv und wohlwollend aufgenommen. Konsens (bei Fans und der Kritik) war seinerzeit jedoch weitestgehend, dass die epochale Größe und popkulturelle Relevanz von Alben wie OK Computer von 1997 und den Nachfolge-Langspielern Kid A und Amnesiac bei weitem nicht erreicht wurde.Diese Wahrnehmung hat sich über die Jahre gewandelt. Auf der aktuellen Europa-Tournee der Band, fiel das verhältnismäßig junge Publikum auf. Die Reaktionen fielen besonders euphorisch bei Songs wie Weird Fishes / Arpeggi, All I Need oder Jigsaw Falling Into Place aus. Letzterer hatte vor zwei Jahren einen viralen Moment auf TikTok, was die Band bei zahlreichen jungen Menschen schlagartig bekannter machte. Bis heute gibt es Clips, bei denen Teenager Coverversionen des Songs auf Gitarre oder Schlagzeug nachspielen.Viele dieser Musikfans, auch auf den Konzerten, waren zum Release von In Rainbows noch gar nicht geboren. Anders als bei Kate Bushs Running Up That Hill gab es allerdings keine Erfolgsserie wie Stranger Things, die als Inkubator den Song in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückte. Und ein viraler Hit allein, von denen es jede Woche neue gibt, ist noch lange keine Erklärung dafür, dass Gen-Zler mit viel Mühe und für viel Geld Konzerttickets für eine Band erstehen, die sie „von TikTok kennen“.Exzellent reifen und altern als KunstformAuch beim Autor dieses Texts, der Radiohead 1997 zum ersten Mal live sah, hat sich die Werkrezeption über die Jahre gewandelt. Auch bei ihm gilt In Rainbows seit rund zehn Jahren als das wohl beste Album der Band. Was da unter alteingesessenen Fans noch ein Statement war, das man heute als Ragebait bezeichnen würde, scheint heute allgemeiner Common Sense geworden zu sein.Das kann nicht nur an TikTok liegen oder daran, dass der Musik-Podcast Dissect sich vor zwei Jahren ebenfalls dem Album widmete und Song für Song en detail analysierte. Was macht die tatsächliche Größe aus und wie konnte es sich zu einem derartigen „Grower“, wie man sagt, entwickeln? Denn auch die Band selber scheint darin ihr Lieblingsalbum der über 30-jährigen Geschichte gefunden zu haben. Zumindest werden auf dieser Tournee die meisten Songs von diesem Album gespielt. Das besitzt, wenn wie sonst kein Promozwang für eine neue Platte dahinter steckt, Aussagekraft.In Rainbows ist deshalb ein so großes Werk, weil es eine Band zeigt, die – anders als zuvor – weder versucht Normen oder Standards zu brechen, noch progressiv ein Genre neu zu definieren oder sich von den vorangegangenen Erfolgen zu distanzieren. Es sind zehn Songs auf einer Standard-Länge von 42 Minuten. Kein Song länger als fünf Minuten, anders noch als das epische Paranoid Android von 1997, das konzeptuell mit seinen vielen unterschiedlichen Parts noch eher prog-rockig und abgehoben wirkte. Thom Yorke sagte selber dazu: „Es ist unser klassisches Album. Unser Transformer, unser Revolver, unser Hunky Dory.“ Es ist kein Konzeptalbum, die Songs handeln von universellen Themen wie Liebe, Verlust und anderen Emotionen.Es ist keine aufgeladene Studio-Überproduktion, was indes die wahre und komplexe Qualität der Songs noch viel bedeutsamer zur Geltung bringt. Die brillante Produktion von Nigel Godrich ist trocken und direkt und verliert sich nicht in allzu kathedralen Hallräumen und Effekten. Die Abwesenheit all dieser Dinge, die viele zum Zeitpunkt des Releases 2007 vermissten – das Megalomanische, Unorthodoxe, Künstlerische, sozusagen Pink-Floydeske –, zeigt erst, wie eingespielt, kreativ und perfekt die Band zu dieser Zeit tatsächlich war.Musik kennt eigentlich keine Regeln. In Rainbows ist aber ein bisschen so, als würden Radiohead Fußball spielen. Und zwar in dem Sinne, dass sie sich bewusst auf ein für alle verständliches und möglichst einfaches Regelwerk einlassen und so noch eindringlicher ihre Grandesse unter Beweis stellen. Eben wie Brasilien bei den WMs 1970 und 1982, die Niederlande 1974 mit Johann Cruyff oder Barcelona unter Pep Guardiola mit Messi, Xavi und Iniesta. Perfekte Momente, die nur so in dieser Zeit entstehen konnten, aber für die Ewigkeit sind.Radioheads „In Rainbows“ bringt Menschen aus allen Generationen zusammenDiese formelle Simplizität und Universalität macht In Rainbows auch so zugänglich für jüngere Generationen. Große Kunst funktioniert ohne Subtexte und zeithistorische Einordnungen. Auch fast 20 Jahre nach Erscheinen sind die wundersamen und emotional ergreifenden Songs nicht nur zeitlos, sie sind wie ein Barolo sogar noch besser geworden. Ein User auf Reddit schreibt: „In Rainbows ist für die Gen Z das, was Abbey Road für die Gen X und Millennials ist.“Man könnte sogar weiter gehen und sagen: In Rainbows ist mindestens so wichtig wie Abbey Road. Zum einen, weil es derzeit Gen Z, Millennials und Gen X gleichermaßen zusammen bringt. Und zum anderen, weil es für eine melancholische Sehnsucht steht, die in heutigen chaotischen Zeiten, in denen es mehr Fragen als Antworten gibt, zwar keine Lösungen anbietet, aber generationenübergreifend Empathie und Trost spendet. Man muss nur gemeinsam daran glauben – und alles wird gut.



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