Im Netz rätseln Linke über die Urheberschaft des Anschlags auf das Berliner Stromnetz, um von der wesentlichen Frage abzulenken: Was sind nach zivilem Ungehorsam und ignorierten Volksentscheiden sinnvolle Instrumente linken Widerstands?


Nur noch Kerzenschein hinter dem Fenster

Foto: Carsten Koall/doa/picture alliance


Das waren bestimmt keine Linken, sondern das waren Geheimdienste! So liest man viele Kommentare im Netz nach dem Angriff auf das Stromnetz in Berlin. Dabei hatte eine „Vulkangruppe“ sich auf mehreren linken Online-Portalen zu dem Angriff auf die Energieversorgung bekannt, mit sogar einer zweiten Beteuerungs-Erklärung: „Zu den kursierenden Unterstellungen einer angeblichen ‚False-Flag-Aktion‘ eines ausländischen Staates sagen wir klar: Diese Spekulationen sind nichts weiter als der Versuch, die eigene Ohnmacht zu kaschieren.“ Die Konstruktion eines äußeren Feindes sei „bequem, entlastet und verschiebt die Debatte“.

Man kann nun natürlich spekulieren, dass trotz dieser Erklärungen Geheimdienste involviert sind – und das für Linke unangenehme Thema damit abhaken. Oder man macht Witze darüber, wie die taz, die eine linke Urheberschaft für unmöglich hält: Radikale Linke würden nie um 6 Uhr morgens aufstehen, heißt es dort spöttisch in einer Glosse.

Darüber kann man lachen – aber irgendwie ist das auch ein Zeichen dafür, dass man sich mit der Dummheit im eigenen linken Lager nicht auseinandersetzen will. Dies wäre dabei dringend nötig. Denn über die Urheberschaft hinaus ergeben sich andere, politisch relevante Fragen.

Eine linksradikale Tradition bis zum „Kommenden Aufstand“

Ich erinnere mich noch gut an die Debatten über den „Kommenden Aufstand“ – jenes aus Frankreich stammende Pamphlet von 2007, das auch im bürgerlichen Feuilleton faszinierte und in der gesellschaftlichen Linken Fantasien über Massenaufstände, Sabotage-Akte und eine neue Welle nihilistischer Technikkritik auslöste. Selten wurde dabei reflektiert, wer bei der herbeigesehnten Unterbrechung des Alltags eigentlich die Leidtragenden wären.

Der hinter dem Pamphlet stehende ideologische Insurrektionalismus, eine anarchistische Strömung, die den kompromisslosen Aufstand in den Vordergrund stellt, wich in den 2010er Jahren langsam einer neuen „Massenlinie“ der radikalen Linken. Prägende Ansätze waren Organizing, aber auch ein neuer Legalismus – Politik wurde mit Volksentscheiden gemacht, oder jüngst durch Wahlerfolge der Linkspartei.

Doch aufgearbeitet wurden in der radikalen Linken die Aufstandsfantasien und die ihnen folgenden Kabelbrände, Anschläge auf die Deutsche Bahn und so weiter kaum. Die Aktionen wurden nicht begrüßt, aber auch Distanzierungen gab es eher selten. Nur wenige Stimmen wie das linksradikale Lower-Class-Magazine äußerten schon 2017 eine richtige Kritik – „Es ist keineswegs besonders revolutionär, auf die Sympathien des Volkes zu scheißen“ war dort ein Artikel betitelt.

Jetzt gerade haben rund 100.000 Menschen bei Minustemperaturen gelitten und wussten nicht, wohin sie sich wenden sollten.

Die radikale Lücke der gesellschaftlichen Linken: Was, wenn Parlament und Regierung einen Volksentscheid ignorieren?

Aktuell ist die Debatte angesichts des realen Schadens noch verhalten, viele scheinen überfordert. Sollte die Aktion der „Vulkangruppe“ tatsächlich von links kommen, ist sie nicht zu rechtfertigen. Begrüßenswert war die Reaktion der Linkspartei, die sich nicht nur verbal distanzierte, sondern bei der Versorgung der Leidtragenden mit anpackte.

Dennoch verweist die Verirrung des linken Radikalismus auf ein Dilemma: die „radikale Lücke“. So habe ich ein Phänomen in meinem jüngst erschienenen Buch Das laute Berlin genannt. Dort geht es darum, dass in den vergangenen Jahren Regelbrüche und ziviler Ungehorsam – am Beispiel der Mietenbewegung konkret Hausbesetzungen – kaum weiterentwickelt wurden, während legale Taktiken Sprünge machten.

So ergibt sich in der Mietenbewegung heute eine Situation, bei der linke Politik auf parlamentarische Arbeit und Volksentscheide praktisch festgelegt ist, was durchaus seine Probleme hat – etwa wenn Parlament und Regierung einen Volksentscheid mit Millionenmehrheit ignorieren. Welche Druckmittel bleiben in diesem Fall?

In der Klimabewegung war man da eigentlich weiter – hier gab es lange Jahre eine erfolgreiche Tradition des gewaltlosen Regelbruchs: die Massenblockade. Sie wurde aus den Protesten gegen die Castor-Transporte der 2000er Jahre übernommen und im Jahrzehnt danach auf Aktionen in Kohlegruben übertragen. Die Taktik brach Regeln, ohne Menschen zu verletzen. Sie wurde verstanden und erwarb Sympathien.

Ende Gelände, Letzte Generation: Ziviler Ungehorsam in der Krise

Diese Protestform geriet jedoch in die Krise, als der Kohleausstieg durch war. Eine Umstellung der Taktik auf die Gasindustrie misslang – Aktionen der Kampagne „Ende Gelände“ gegen Gas-Terminals etwa zogen nur noch vergleichsweise wenig Menschen an. Das aus den Reihen der Aktivist*innen vorgeschlagene Konzept einer „friedlichen Sabotage“ wurde ebenso kaum aufgegriffen.

Gleichzeitig grätschten ab 2022 die „Klimakleber“ der Letzten Generation rein – mit friedlichen, aber gegen die „kleinen Leute“ gerichteten Blockaden im Straßenverkehr. Die Aufmerksamkeit und auch die gesellschaftliche Wut waren gleichermaßen groß. Sympathien für die Klimabewegung brachten die Aktionen nicht – eher im Gegenteil. Damit war ein Lernprozess unterbrochen.

Bereiten nun Ohnmacht, Verzweiflung und fehlende Alternativen den Weg für einen Radikalismus, der zwar im Namen der Mehrheit spricht – sich aber um das Leiden der Menschen vor Ort nicht kümmert? Der Schreck über den mutmaßlich linken Anschlag der „Vulkangruppe“ könnte zum Ausgangspunkt einer Debatte werden, die den heute wieder modischen Verbalradikalismus eines „By any means necessary“ erdet.

Solch eine Debatte würde schließlich fragen: Wie kann Widerstand aussehen, der nicht nur radikal meint, sondern gesellschaftlich trägt?

Ralf Hoffrogge ist Historiker und forscht zu Gewerkschaften und Arbeiterbewegung. Er lebt in Berlin und engagiert sich dort seit zwölf Jahren in verschiedenen Mietenprotesten. Gemeinsam mit anderen gründete er 2017 die Initiative „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ und war Mitanmelder des Volksentscheides, der im September 2021 eine Million Menschen überzeugte. Im September veröffentlichte er das Buch Das laute Berlin: Deutsche Wohnen & Co enteignen und die Wiederkehr der Vergesellschaftung(Brumaire, 24 Euro).

atte“.Man kann nun natürlich spekulieren, dass trotz dieser Erklärungen Geheimdienste involviert sind – und das für Linke unangenehme Thema damit abhaken. Oder man macht Witze darüber, wie die taz, die eine linke Urheberschaft für unmöglich hält: Radikale Linke würden nie um 6 Uhr morgens aufstehen, heißt es dort spöttisch in einer Glosse.Darüber kann man lachen – aber irgendwie ist das auch ein Zeichen dafür, dass man sich mit der Dummheit im eigenen linken Lager nicht auseinandersetzen will. Dies wäre dabei dringend nötig. Denn über die Urheberschaft hinaus ergeben sich andere, politisch relevante Fragen.Eine linksradikale Tradition bis zum „Kommenden Aufstand“Ich erinnere mich noch gut an die Debatten über den „Kommenden Aufstand“ – jenes aus Frankreich stammende Pamphlet von 2007, das auch im bürgerlichen Feuilleton faszinierte und in der gesellschaftlichen Linken Fantasien über Massenaufstände, Sabotage-Akte und eine neue Welle nihilistischer Technikkritik auslöste. Selten wurde dabei reflektiert, wer bei der herbeigesehnten Unterbrechung des Alltags eigentlich die Leidtragenden wären.Der hinter dem Pamphlet stehende ideologische Insurrektionalismus, eine anarchistische Strömung, die den kompromisslosen Aufstand in den Vordergrund stellt, wich in den 2010er Jahren langsam einer neuen „Massenlinie“ der radikalen Linken. Prägende Ansätze waren Organizing, aber auch ein neuer Legalismus – Politik wurde mit Volksentscheiden gemacht, oder jüngst durch Wahlerfolge der Linkspartei.Doch aufgearbeitet wurden in der radikalen Linken die Aufstandsfantasien und die ihnen folgenden Kabelbrände, Anschläge auf die Deutsche Bahn und so weiter kaum. Die Aktionen wurden nicht begrüßt, aber auch Distanzierungen gab es eher selten. Nur wenige Stimmen wie das linksradikale Lower-Class-Magazine äußerten schon 2017 eine richtige Kritik – „Es ist keineswegs besonders revolutionär, auf die Sympathien des Volkes zu scheißen“ war dort ein Artikel betitelt.Jetzt gerade haben rund 100.000 Menschen bei Minustemperaturen gelitten und wussten nicht, wohin sie sich wenden sollten.Die radikale Lücke der gesellschaftlichen Linken: Was, wenn Parlament und Regierung einen Volksentscheid ignorieren? Aktuell ist die Debatte angesichts des realen Schadens noch verhalten, viele scheinen überfordert. Sollte die Aktion der „Vulkangruppe“ tatsächlich von links kommen, ist sie nicht zu rechtfertigen. Begrüßenswert war die Reaktion der Linkspartei, die sich nicht nur verbal distanzierte, sondern bei der Versorgung der Leidtragenden mit anpackte.Dennoch verweist die Verirrung des linken Radikalismus auf ein Dilemma: die „radikale Lücke“. So habe ich ein Phänomen in meinem jüngst erschienenen Buch Das laute Berlin genannt. Dort geht es darum, dass in den vergangenen Jahren Regelbrüche und ziviler Ungehorsam – am Beispiel der Mietenbewegung konkret Hausbesetzungen – kaum weiterentwickelt wurden, während legale Taktiken Sprünge machten. So ergibt sich in der Mietenbewegung heute eine Situation, bei der linke Politik auf parlamentarische Arbeit und Volksentscheide praktisch festgelegt ist, was durchaus seine Probleme hat – etwa wenn Parlament und Regierung einen Volksentscheid mit Millionenmehrheit ignorieren. Welche Druckmittel bleiben in diesem Fall? In der Klimabewegung war man da eigentlich weiter – hier gab es lange Jahre eine erfolgreiche Tradition des gewaltlosen Regelbruchs: die Massenblockade. Sie wurde aus den Protesten gegen die Castor-Transporte der 2000er Jahre übernommen und im Jahrzehnt danach auf Aktionen in Kohlegruben übertragen. Die Taktik brach Regeln, ohne Menschen zu verletzen. Sie wurde verstanden und erwarb Sympathien.Ende Gelände, Letzte Generation: Ziviler Ungehorsam in der KriseDiese Protestform geriet jedoch in die Krise, als der Kohleausstieg durch war. Eine Umstellung der Taktik auf die Gasindustrie misslang – Aktionen der Kampagne „Ende Gelände“ gegen Gas-Terminals etwa zogen nur noch vergleichsweise wenig Menschen an. Das aus den Reihen der Aktivist*innen vorgeschlagene Konzept einer „friedlichen Sabotage“ wurde ebenso kaum aufgegriffen.Gleichzeitig grätschten ab 2022 die „Klimakleber“ der Letzten Generation rein – mit friedlichen, aber gegen die „kleinen Leute“ gerichteten Blockaden im Straßenverkehr. Die Aufmerksamkeit und auch die gesellschaftliche Wut waren gleichermaßen groß. Sympathien für die Klimabewegung brachten die Aktionen nicht – eher im Gegenteil. Damit war ein Lernprozess unterbrochen.Bereiten nun Ohnmacht, Verzweiflung und fehlende Alternativen den Weg für einen Radikalismus, der zwar im Namen der Mehrheit spricht – sich aber um das Leiden der Menschen vor Ort nicht kümmert? Der Schreck über den mutmaßlich linken Anschlag der „Vulkangruppe“ könnte zum Ausgangspunkt einer Debatte werden, die den heute wieder modischen Verbalradikalismus eines „By any means necessary“ erdet.Solch eine Debatte würde schließlich fragen: Wie kann Widerstand aussehen, der nicht nur radikal meint, sondern gesellschaftlich trägt?



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