Als die Sicherheitskräfte am Samstag vor dem Krankenhaus der kurdischen Stadt Ilam, im Westen Irans, auftauchten, wussten alle, was passieren sollte: Verwundete Protestierende sollten festgenommen werden. Es ist ein bekanntes Muster. Doch diesmal stellten sich Menschen vor den Eingang. Sie blockierten Türen, schrien: „Dies ist ein Krankenhaus, verschwindet von hier!“

Die Szene wiederholt sich am nächsten Abend. In der Nacht von Sonntag auf Montag versuchten Spezialeinheiten des Regimes erneut, verletzte Demonstrierende aus dem Stadtkrankenhaus Ilams zu entführen. Das Khomeini-Krankenhaus war vollständig von der Revolutionsgarde umstellt, berichten Augenzeug:innen. Regimekräfte schlugen das medizinische Personal, das Widerstand leistete, und zerrten schwerverletzte Demonstrierende, die kaum noch bei Bewusstsein waren, aus dem Krankenhaus. Bislang ist unklar, wohin die Verletzten gebracht wurden und wie ihr Zustand ist.

Seit mehr als einer Woche protestieren Menschen in der Islamischen Republik Iran. Begonnen hat alles mit geschlossenen Läden in Basaren und Einkaufszentren, mit Wut über explodierende Preise, den Verfall der Währung, die alltägliche ökonomische Erstickung. Doch wie schon in den Jahren zuvor blieb es nicht bei wirtschaftlichen Forderungen. Innerhalb weniger Stunden weitete sich der Protest aus, Studierende schlossen sich an, Frauen gingen auf die Straße, in vielen Städten skandierten Menschen Parolen gegen das gesamte System.

Proteste in 78 Städten, mindestens 19 Tote

Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation HRANA kam es bislang in mindestens 222 Orten in 78 Städten und 26 Provinzen zu Protesten, Demonstrationen oder Streiks. 17 Universitäten sind beteiligt. Mindestens 990 Menschen wurden festgenommen, mindestens 19 getötet. Unter den Festgenommenen und Getöteten sind auch Minderjährige.

Die Reaktion des Staates folgt einem bekannten Muster. In vielen Städten herrscht ein massives Sicherheitsaufgebot. Videos zeigen den Einsatz von Tränengas, Schlagstöcken und Schusswaffen. In Ilam, Lordegan und anderen Orten wurde scharf geschossen. Allein in den vergangenen Tagen wurden Dutzende Verletzte registriert, viele durch Gummi- oder Schrotmunition.

Parallel zur Gewalt auf der Straße läuft der Versuch des Regimes, die Kontrolle über die Erzählung zurückzugewinnen. Angehörige getöteter Demonstrierender berichten, dass sie unter Druck gesetzt werden, öffentlich zu erklären, ihre Kinder seien Mitglieder der Basij-Miliz gewesen. In einigen Fällen wird die Herausgabe der Leichname verzögert oder verweigert, um solche Aussagen zu erzwingen.

Tote Demonstranten werden vom Regime als Milizionäre reklamiert, Familien damit erpresst

Auch die Familie von Amir-Hesam Khodayari wird unter Druck gesetzt. Er wurde bei den Protesten der Stadt Kuhdasht erschossen. Innerhalb weniger Stunden verbreiteten Staatsmedien der Islamischen Republik ein Foto des Toten in Militäruniform und behaupteten, er sei ein Basij-Kämpfer gewesen, der von Protestierenden getötet worden sei. Lokale und nationale Behörden setzten seit seinem Tod die Familie unter Druck, diese offizielle Version zu bestätigen. Regierungsbeamte suchten die Familie sogar mit Kameras auf, um Interviews zu erzwingen. Um die Familie weiterhin unter Druck zu setzen, verweigern die Behörden die Herausgabe des Leichnams.

In einem Video, das in den sozialen Medien kursiert, erklärt Khodayaris Vater vor einer versammelten Menschenmenge: „Mein Sohn war kein Basiji.“ Khodayaris Familie ist nicht die einzige, die derzeit unter Druck gesetzt wird. Wie die Menschenrechtsorganisation Hengaw berichtet, sind auch weitere Familien betroffen. Offizielle Angaben zu Todesfällen widersprechen häufig Berichten von Augenzeug:innen. In mehreren Fällen werden alternative Versionen verbreitet, um die Verantwortung von Sicherheitskräften abzustreiten.

Gleichzeitig tauchen im Staatsfernsehen erste erzwungene „Geständnisse“ auf. Die staatliche Nachrichtenagentur Tasnim, die der Revolutionsgarde nahesteht, strahlte ein Video aus, in dem zwei sehr junge Frauen erklären, sie seien vom Ausland bezahlt worden, um „Unruhe“ zu stiften. Auch diese Methodik des Regimes ist nicht neu und wurde bereits bei früheren Protestbewegungen angewendet. Menschenrechtsorganisationen dokumentieren seit Jahren, dass derartige „Geständnisse“ unter massivem Druck oder Folter entstehen. Auch der staatliche Rundfunk IRIB sendete ein Video eines angeblichen „Geständnisses“ im Zusammenhang mit Brandstiftung.

Ayatollah Khamenei sagt: Mit Randalierern verhandelt man nicht

Trotzdem hält der Protest an. Allein in den vergangenen 24 Stunden kam es laut HRANA in mehr als 20 Städten zu Protestaktionen, darunter Teheran, Shiraz, Karaj, Mashhad, Tabriz und Kermanshah, aber auch in kleineren Orten. Gerade diese geografische Breite macht die Bewegung für das Regime schwer kontrollierbar. Sie ist nicht auf Metropolen beschränkt, sie folgt keinem zentralen Aufruf.

Besonders deutlich zeigt sich das bei den Trauerzeremonien. Beerdigungen von getöteten Protestierenden werden immer wieder zu neuen Protestkundgebungen. Menschen versammeln sich und rufen Parolen gegen das Regime.

Am Wochenende äußerte sich auch erstmals Ayatollah Ali Khamenei öffentlich zu den Protesten. Der Oberste Führer der Islamischen Republik erklärte, Proteste seien grundsätzlich zulässig, bezeichnete die aktuelle Bewegung jedoch als „Unruhen“. Mit „Randalierern“ könne nicht verhandelt werden, sagte Khamenei, und machte erneut „Feinde“ für die wirtschaftliche Lage verantwortlich. Auf seinem englischsprachigen X-Kanal schrieb er: „Wir werden den Feind in die Knie zwingen.“ Iraner:innen reagieren darauf mit Beiträgen, dass Khamenei der Feind sei und in die Knie gezwungen wird.

Nach Informationen der britischen Times, die sich auf einen westlichen Geheimdienstbericht beruft, soll Khamenei für den Ernstfall eine Flucht nach Russland vorbereitet haben. Der Notfall greife, sollte es den Sicherheitskräften nicht mehr gelingen, die Proteste unter Kontrolle zu halten. Dasselbe gelte für den Fall, dass Sicherheitskräfte desertierten oder den Befehl verweigerten. Vorgesehen sei eine Evakuierung aus Teheran gemeinsam mit einem engen Kreis von Vertrauten, darunter auch Khameneis Sohn Mojtaba, der als möglicher Nachfolger gilt.

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Mindestens 990 Menschen wurden festgenommen, mindestens 19 getötet. Unter den Festgenommenen und Getöteten sind auch Minderjährige.Die Reaktion des Staates folgt einem bekannten Muster. In vielen Städten herrscht ein massives Sicherheitsaufgebot. Videos zeigen den Einsatz von Tränengas, Schlagstöcken und Schusswaffen. In Ilam, Lordegan und anderen Orten wurde scharf geschossen. Allein in den vergangenen Tagen wurden Dutzende Verletzte registriert, viele durch Gummi- oder Schrotmunition.Parallel zur Gewalt auf der Straße läuft der Versuch des Regimes, die Kontrolle über die Erzählung zurückzugewinnen. Angehörige getöteter Demonstrierender berichten, dass sie unter Druck gesetzt werden, öffentlich zu erklären, ihre Kinder seien Mitglieder der Basij-Miliz gewesen. In einigen Fällen wird die Herausgabe der Leichname verzögert oder verweigert, um solche Aussagen zu erzwingen.Tote Demonstranten werden vom Regime als Milizionäre reklamiert, Familien damit erpresstAuch die Familie von Amir-Hesam Khodayari wird unter Druck gesetzt. Er wurde bei den Protesten der Stadt Kuhdasht erschossen. Innerhalb weniger Stunden verbreiteten Staatsmedien der Islamischen Republik ein Foto des Toten in Militäruniform und behaupteten, er sei ein Basij-Kämpfer gewesen, der von Protestierenden getötet worden sei. Lokale und nationale Behörden setzten seit seinem Tod die Familie unter Druck, diese offizielle Version zu bestätigen. Regierungsbeamte suchten die Familie sogar mit Kameras auf, um Interviews zu erzwingen. Um die Familie weiterhin unter Druck zu setzen, verweigern die Behörden die Herausgabe des Leichnams.In einem Video, das in den sozialen Medien kursiert, erklärt Khodayaris Vater vor einer versammelten Menschenmenge: „Mein Sohn war kein Basiji.“ Khodayaris Familie ist nicht die einzige, die derzeit unter Druck gesetzt wird. Wie die Menschenrechtsorganisation Hengaw berichtet, sind auch weitere Familien betroffen. Offizielle Angaben zu Todesfällen widersprechen häufig Berichten von Augenzeug:innen. In mehreren Fällen werden alternative Versionen verbreitet, um die Verantwortung von Sicherheitskräften abzustreiten.Gleichzeitig tauchen im Staatsfernsehen erste erzwungene „Geständnisse“ auf. Die staatliche Nachrichtenagentur Tasnim, die der Revolutionsgarde nahesteht, strahlte ein Video aus, in dem zwei sehr junge Frauen erklären, sie seien vom Ausland bezahlt worden, um „Unruhe“ zu stiften. Auch diese Methodik des Regimes ist nicht neu und wurde bereits bei früheren Protestbewegungen angewendet. Menschenrechtsorganisationen dokumentieren seit Jahren, dass derartige „Geständnisse“ unter massivem Druck oder Folter entstehen. Auch der staatliche Rundfunk IRIB sendete ein Video eines angeblichen „Geständnisses“ im Zusammenhang mit Brandstiftung.Ayatollah Khamenei sagt: Mit Randalierern verhandelt man nichtTrotzdem hält der Protest an. Allein in den vergangenen 24 Stunden kam es laut HRANA in mehr als 20 Städten zu Protestaktionen, darunter Teheran, Shiraz, Karaj, Mashhad, Tabriz und Kermanshah, aber auch in kleineren Orten. Gerade diese geografische Breite macht die Bewegung für das Regime schwer kontrollierbar. Sie ist nicht auf Metropolen beschränkt, sie folgt keinem zentralen Aufruf.Besonders deutlich zeigt sich das bei den Trauerzeremonien. Beerdigungen von getöteten Protestierenden werden immer wieder zu neuen Protestkundgebungen. Menschen versammeln sich und rufen Parolen gegen das Regime.Am Wochenende äußerte sich auch erstmals Ayatollah Ali Khamenei öffentlich zu den Protesten. Der Oberste Führer der Islamischen Republik erklärte, Proteste seien grundsätzlich zulässig, bezeichnete die aktuelle Bewegung jedoch als „Unruhen“. Mit „Randalierern“ könne nicht verhandelt werden, sagte Khamenei, und machte erneut „Feinde“ für die wirtschaftliche Lage verantwortlich. Auf seinem englischsprachigen X-Kanal schrieb er: „Wir werden den Feind in die Knie zwingen.“ Iraner:innen reagieren darauf mit Beiträgen, dass Khamenei der Feind sei und in die Knie gezwungen wird.Nach Informationen der britischen Times, die sich auf einen westlichen Geheimdienstbericht beruft, soll Khamenei für den Ernstfall eine Flucht nach Russland vorbereitet haben. Der Notfall greife, sollte es den Sicherheitskräften nicht mehr gelingen, die Proteste unter Kontrolle zu halten. Dasselbe gelte für den Fall, dass Sicherheitskräfte desertierten oder den Befehl verweigerten. Vorgesehen sei eine Evakuierung aus Teheran gemeinsam mit einem engen Kreis von Vertrauten, darunter auch Khameneis Sohn Mojtaba, der als möglicher Nachfolger gilt.



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