Fabio Vighi hat auch den Begriff des „Notfall-Kapitalismus“ geprägt. Er kritisiert den panischen Aktionismus, mit dem auf immer neue Katastrophen und Feinde reagiert wird, als eine Art Wahnvorstellung. Der Freitag traf den gut gelaunten Professor zum Gespräch über psychische und ökonomische Abgründe.
der Freitag: Herr Vighi, die Welt ist aus den Fugen. Eine beliebte Erklärung lautet: Autokraten wie Trump oder Putin führen uns in den Abgrund. Sie sagen, diese Vorstellung sei paranoid.
Fabio Vighi: Ich spreche von „erfolgreicher Paranoia“, das ist ein Begriff, den der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan geprägt hat. Er meinte damit nicht einfach eine psychische Krankheit, sondern einen Zustand, der paradoxerweise den psychischen Zusammenbruch just verhindert. Das ist keine Verrücktheit, in der die Dinge keinen Sinn mehr ergeben. Diese Verrücktheit funktioniert umgekehrt. Sie ergibt zu viel Sinn, die Welt wird mit einer vermeintlichen Sinnhaftigkeit geradezu überfrachtet. Genau das erleben wir heute.
Die absurdesten Dinge erscheinen plötzlich zwanghaft folgerichtig. Es gibt für alles eine Erklärung und für jedes Problem eine Lösung. Das gesamte politische Krisenmanagement der letzten Jahre war davon geprägt, denken Sie nur an die Corona-Maßnahmen. Die derzeitige Kriegsökonomie und Militarisierung funktioniert nach demselben Schema. Der Glaube an die grundlegende Sinnhaftigkeit und Rationalität des Systems ist so blind, dass die Menschen im Allgemeinen gar keine Fragen mehr stellen. In dieser Hinsicht ist die Obsession mit Trump und Putin insgeheim entlastend – und in diesem Sinne „erfolgreich paranoid“.
Inwiefern?
Die Botschaft lautet: „Wären diese Bösewichte nicht, wäre die Welt eigentlich in Ordnung. Da uns diese durchgeknallten Typen nun aber bedrohen, bleibt uns leider keine Alternative: Wir müssen aufrüsten, wir müssen uns wehren.“ Die Personifizierung des Wahns bekräftigt den zugrunde liegenden strukturellen Wahnsinn, nämlich die akuten, destruktiven Widersprüche und Sackgassen des Kapitalismus. Je mehr sich die Menschen über Trump oder Putin aufregen, desto wahnhafter glauben und appellieren sie an ein System, das somit seinerseits auf einer erfolgreichen Paranoia basiert.
Der Kapitalismus ist ein paranoides System?
Ja, Lacan hat das sehr schön herausgearbeitet. Der Kapitalismus beruht – wie die moderne Wissenschaft an sich – auf der paranoiden Überzeugung, dass man alles rational berechnen, erklären, organisieren und vorhersagen kann. Der Kapitalismus fußt auf der Wahnvorstellung, dass man Arbeit berechnen und in einen präzisen Geldbetrag übersetzen kann. Diese Vorstellung hat sich so weit normalisiert, dass uns das gar nicht mehr merkwürdig vorkommt.
Wir finden es normal, dass man unsere Kreativität, unsere Lebensenergie, unsere Geschicklichkeit, all unser menschliches Können und sogar unser Wollen zerlegt und quantifiziert. Dieser Wahnsinn organisiert und strukturiert unsere Realität und er hat eine totalisierende Tendenz, indem er versucht, alles zu eliminieren, was sich dieser Berechenbarkeit und Programmierbarkeit entzieht oder sie stört. Der Kapitalismus ringt mit einer Unmöglichkeit. Übrigens auch der Sozialismus, wenn er Arbeit auf dieselbe Art und Weise fetischisiert.
Die Paranoia des Systems liegt also im Versuch, der Unberechenbarkeit Herr zu werden?
Nicht nur das. Wir haben heute noch ein weiteres Problem, nämlich die technologische Entwicklung. In immer mehr Wirtschaftsbereichen kann man mehr oder weniger auf die menschliche Arbeitskraft verzichten. Die Produktion und zunehmend auch Dienstleistungen werden automatisiert. Das heißt aber auch, dass insgesamt weniger Wohlstand in dieser und für diese Realwirtschaft erzeugt wird. Maschinen senken die Arbeitskosten, was für den Wettbewerb notwendig ist, aber dadurch verringern sie auch die Gesamtmenge des vom Kapital geschaffenen Mehrwerts.
Aus diesem Grund flieht das Kapital seit einem halben Jahrhundert zunehmend in den Finanzsektor, wo mit riesigen Geldsummen spekuliert wird, die – und das ist das Fatale daran – völlig von der Realwirtschaft abgekoppelt sind. Hier entstehen die berüchtigten Blasen, deren Platzen nur verhindert werden kann, indem man immer mehr Geld ins System pumpt. Ein Kredit jagt den nächsten und so verschärft jede vermeintliche Lösung oder Rettung in Form von immer neuen Finanzspritzen das zugrunde liegende Problem.
Aber viele Linke kritisieren den Casino-Kapitalismus.
Entscheidend ist, wie der Finanzkapitalismus analysiert und kritisiert wird. Ich beobachte, dass die Linke sich hier eher in einer Nostalgie verheddert, die für mich ein Teil dieses wahnhaften Symptomkomplexes ist. All diese Forderungen, den Kapitalismus zu zähmen, ihn ethisch-moralisch in die Schranken zu weisen, sich hier und da um die Verlierer und die Schwachen zu kümmern – all dem liegt diese liberal-demokratische Fantasie zugrunde, ein Kapitalismus mit „menschlichem Antlitz“ sei möglich.
Diese Hoffnung war schon immer fragwürdig, aber heute, angesichts der rasenden Digitalisierung und Automatisierung, ist sie vollständig obsolet. Die Zeiten, in denen die Arbeiter einen sozialdemokratischen Klassenkompromiss schließen konnten, sind vorbei, weil das System zerfallen ist und diese Arbeiter überflüssig gemacht hat und sie schlicht nicht mehr braucht. Das System hält sich durch eine bedrohliche Verschuldungsspirale am Leben, nicht nur durch die Ausbeutung von Arbeitskraft, die natürlich nach wie vor stattfindet.
Diese Nostalgie verleugnet also die Krise und ihre systemische Auswegslosigkeit.
Genau. Ganz im Sinne einer erfolgreichen Paranoia hält man daran fest, dass das System mit ein paar wirtschafts- und sozialpolitischen Maßnahmen zu reparieren wäre. Da wird so getan, als seien Arbeit und die Verwertung von Arbeitskraft nach wie vor die zentralen Kategorien für die Reproduktion des Systems. Das ist nicht der Fall und ich glaube, insgeheim wissen das auch alle. Der Kollaps der Arbeitsgesellschaft ist offensichtlich. Technologische Produktivität zerstört arbeitsbasierte Produktivität, und der Kapitalismus überlebt durch Verschuldung und Massenmanipulation.
Nun gut, aber nicht alle wünschen sich die guten alten Zeiten zurück.
Das stimmt, es gibt auch die spiegelbildliche optimistische Projektion in die Zukunft. Das geht in Richtung Posthumanismus. Da dominieren dann die Vorstellungen einer vollautomatisierten Gesellschaft, in der es als Befreiung erscheint, dass wir überflüssig gemacht werden. Diese Vorstellungen gibt es bei Rechten und bei Linken, Letztere betonen, dass das dann irgendwie egalitär zugehen soll. Doch warum sollte das der Fall sein? Wie verhalten sich in dieser Annahme das Kapital, die Technologie, die Produktionsweise und die Menschen zueinander? Diese Frage bleibt unbeantwortet.
Der KI-Hype beruht letztendlich auf einer gigantischen Finanzblase, die sich immer weiter aufbläht und von der ausschließlich die großen Tech-Giganten profitieren. Ich sehe da keine Befreiung am Horizont. Mir scheint, es läuft eher darauf hinaus, dass wir rund um die Uhr überwacht werden und mit einem kleinen Grundeinkommen Netflix schauen und Drogen konsumieren dürfen. Oder man schickt uns eben in den Krieg.
Das klingt zynisch.
Ich meine es nicht zynisch. Es geht mir wirklich darum, klarzumachen, in welcher Situation wir uns befinden. Wir leben in einer Verschuldungsökonomie, deren Prämissen und Funktionsweise wir verstehen müssen. Das klingt vielleicht abstrakt, aber die Auswirkungen sind dramatisch. Die USA haben eine Staatsverschuldung von rund 38 Billionen US-Dollar. Haben Sie eine Vorstellung, wie viel das ist?
Nein, eine Billion hat zwölf Nullen, so viel kann ich sagen.
Was denken Sie, an welchem Punkt der Geschichte waren wir vor einer Billion Sekunden?
Vielleicht im 18. Jahrhundert?
Meine Studenten geben eine ähnliche Schätzung ab, wenn ich sie frage. Tatsächlich landet man etwa im Jahr 30.000 vor Christus. So viel zur Verschuldung der USA. Sie übertrifft die Wirtschaftsleistung bei Weitem. Diese Schulden lassen sich niemals durch produktive Arbeit refinanzieren. Die USA – größte Volkswirtschaft der Welt – sind eigentlich bankrott. Diese Verschuldungsspirale ist aber nicht nur das Problem einer einzelnen Volkswirtschaft. Es ist ein globales Phänomen, es zieht die ganze Welt in Mitleidenschaft. Die komplette Weltwirtschaft hängt davon ab, dass sie billig an Kredite kommt, um ihre Schulden zu tilgen. Und das ist im Übrigen die eigentliche Kraft, die uns in den Krieg treibt, nicht irgendwelche Typen, die mal smart und mal durchgeknallt daherkommen.
Wie genau hängt die Militarisierung mit der Schuldenökonomie zusammen?
In Deutschland ist der Zusammenhang doch recht offensichtlich. Deutschland war stets skeptisch gegenüber der Staatsverschuldung und sehr versessen auf die ominöse „schwarze Null“. Die Kriegsökonomie wirft dieses Austeritätsdogma über Bord. Plötzlich wird die „Zeitenwende“ ausgerufen und eine gigantische Verschuldung ist möglich. Oder denken Sie an den letzten Mega-Kredit der EU für die geschundene Ukraine: 90 Milliarden Euro! Nachdem das „grüne Wachstum“ mehr oder weniger gescheitert ist, schaltet die EU jetzt um auf „dunkelgrünes Wachstum“ in Tarnfarben.
Rüstungsausgaben sollen Wachstum ermöglichen und aus der Stagnation helfen, eine Art militärisches Konjunkturprogramm zur Belebung der Wirtschaft. Diese Verbindung von Krieg oder Aufrüstung und Verschuldung ist aber eigentlich nicht völlig neu.
Der entscheidende Punkt ist: Heute rettet uns nichts mehr aus der Stagnation. Wie gesagt, wir stehen vor einem totalen Zusammenbruch der produktiven, arbeitsbasierten Wirtschaft, sogar derjenigen, die Waffen herstellt. Aber die Kriegslogik ermöglicht immer weitere Verschuldung. Sie hält das Finanzsystem liquide und die Spekulation am Laufen. So zögert man den Zusammenbruch eines bereits kollabierenden Systems hinaus: Wir bekämpfen immer neue Feinde, reagieren auf immer neue Katastrophen, während sich die eigentliche Katastrophe unaufhaltsam hinter unserem Rücken vollzieht.
Also hilft die „erfolgreiche Paranoia“, in dieser kollabierenden, verrückten Welt nicht den Verstand zu verlieren?
So kann man das zusammenfassen. Nur bietet diese „erfolgreiche Paranoia“ eben auch keinen Ausweg aus diesem Notstands-Kapitalismus – sie führt uns nur noch tiefer in den Wahnsinn, den wir für Vernunft halten. Wir müssten diesen Panikmodus verlassen und uns nicht von einem Notfall zum nächsten jagen lassen. Wir müssten versuchen zu verstehen, was all diese Krisen und Notfälle miteinander verbindet, und gemeinsam eine Vorstellungskraft entwickeln, die über dieses zugrunde liegende Desaster hinausweist.
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Fabio Vighi ist Professor für Kritische Theorie und Italienisch an der Universität Cardiff in Großbritannien. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Ideologiekritik, politische Ökonomie, theoretische Psychoanalyse und vieles mehr. Kürzlich erschien sein Buch Unverwertbar. Wahnvorstellungen einer zusammenbrechenden Welt auf Deutsch
ist ein Begriff, den der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan geprägt hat. Er meinte damit nicht einfach eine psychische Krankheit, sondern einen Zustand, der paradoxerweise den psychischen Zusammenbruch just verhindert. Das ist keine Verrücktheit, in der die Dinge keinen Sinn mehr ergeben. Diese Verrücktheit funktioniert umgekehrt. Sie ergibt zu viel Sinn, die Welt wird mit einer vermeintlichen Sinnhaftigkeit geradezu überfrachtet. Genau das erleben wir heute.Die absurdesten Dinge erscheinen plötzlich zwanghaft folgerichtig. Es gibt für alles eine Erklärung und für jedes Problem eine Lösung. Das gesamte politische Krisenmanagement der letzten Jahre war davon geprägt, denken Sie nur an die Corona-Maßnahmen. Die derzeitige Kriegsökonomie und Militarisierung funktioniert nach demselben Schema. Der Glaube an die grundlegende Sinnhaftigkeit und Rationalität des Systems ist so blind, dass die Menschen im Allgemeinen gar keine Fragen mehr stellen. In dieser Hinsicht ist die Obsession mit Trump und Putin insgeheim entlastend – und in diesem Sinne „erfolgreich paranoid“.Inwiefern?Die Botschaft lautet: „Wären diese Bösewichte nicht, wäre die Welt eigentlich in Ordnung. Da uns diese durchgeknallten Typen nun aber bedrohen, bleibt uns leider keine Alternative: Wir müssen aufrüsten, wir müssen uns wehren.“ Die Personifizierung des Wahns bekräftigt den zugrunde liegenden strukturellen Wahnsinn, nämlich die akuten, destruktiven Widersprüche und Sackgassen des Kapitalismus. Je mehr sich die Menschen über Trump oder Putin aufregen, desto wahnhafter glauben und appellieren sie an ein System, das somit seinerseits auf einer erfolgreichen Paranoia basiert.Der Kapitalismus ist ein paranoides System?Ja, Lacan hat das sehr schön herausgearbeitet. Der Kapitalismus beruht – wie die moderne Wissenschaft an sich – auf der paranoiden Überzeugung, dass man alles rational berechnen, erklären, organisieren und vorhersagen kann. Der Kapitalismus fußt auf der Wahnvorstellung, dass man Arbeit berechnen und in einen präzisen Geldbetrag übersetzen kann. Diese Vorstellung hat sich so weit normalisiert, dass uns das gar nicht mehr merkwürdig vorkommt.Wir finden es normal, dass man unsere Kreativität, unsere Lebensenergie, unsere Geschicklichkeit, all unser menschliches Können und sogar unser Wollen zerlegt und quantifiziert. Dieser Wahnsinn organisiert und strukturiert unsere Realität und er hat eine totalisierende Tendenz, indem er versucht, alles zu eliminieren, was sich dieser Berechenbarkeit und Programmierbarkeit entzieht oder sie stört. Der Kapitalismus ringt mit einer Unmöglichkeit. Übrigens auch der Sozialismus, wenn er Arbeit auf dieselbe Art und Weise fetischisiert.Die Paranoia des Systems liegt also im Versuch, der Unberechenbarkeit Herr zu werden?Nicht nur das. Wir haben heute noch ein weiteres Problem, nämlich die technologische Entwicklung. In immer mehr Wirtschaftsbereichen kann man mehr oder weniger auf die menschliche Arbeitskraft verzichten. Die Produktion und zunehmend auch Dienstleistungen werden automatisiert. Das heißt aber auch, dass insgesamt weniger Wohlstand in dieser und für diese Realwirtschaft erzeugt wird. Maschinen senken die Arbeitskosten, was für den Wettbewerb notwendig ist, aber dadurch verringern sie auch die Gesamtmenge des vom Kapital geschaffenen Mehrwerts.Aus diesem Grund flieht das Kapital seit einem halben Jahrhundert zunehmend in den Finanzsektor, wo mit riesigen Geldsummen spekuliert wird, die – und das ist das Fatale daran – völlig von der Realwirtschaft abgekoppelt sind. Hier entstehen die berüchtigten Blasen, deren Platzen nur verhindert werden kann, indem man immer mehr Geld ins System pumpt. Ein Kredit jagt den nächsten und so verschärft jede vermeintliche Lösung oder Rettung in Form von immer neuen Finanzspritzen das zugrunde liegende Problem.Aber viele Linke kritisieren den Casino-Kapitalismus.Entscheidend ist, wie der Finanzkapitalismus analysiert und kritisiert wird. Ich beobachte, dass die Linke sich hier eher in einer Nostalgie verheddert, die für mich ein Teil dieses wahnhaften Symptomkomplexes ist. All diese Forderungen, den Kapitalismus zu zähmen, ihn ethisch-moralisch in die Schranken zu weisen, sich hier und da um die Verlierer und die Schwachen zu kümmern – all dem liegt diese liberal-demokratische Fantasie zugrunde, ein Kapitalismus mit „menschlichem Antlitz“ sei möglich.Diese Hoffnung war schon immer fragwürdig, aber heute, angesichts der rasenden Digitalisierung und Automatisierung, ist sie vollständig obsolet. Die Zeiten, in denen die Arbeiter einen sozialdemokratischen Klassenkompromiss schließen konnten, sind vorbei, weil das System zerfallen ist und diese Arbeiter überflüssig gemacht hat und sie schlicht nicht mehr braucht. Das System hält sich durch eine bedrohliche Verschuldungsspirale am Leben, nicht nur durch die Ausbeutung von Arbeitskraft, die natürlich nach wie vor stattfindet.Diese Nostalgie verleugnet also die Krise und ihre systemische Auswegslosigkeit.Genau. Ganz im Sinne einer erfolgreichen Paranoia hält man daran fest, dass das System mit ein paar wirtschafts- und sozialpolitischen Maßnahmen zu reparieren wäre. Da wird so getan, als seien Arbeit und die Verwertung von Arbeitskraft nach wie vor die zentralen Kategorien für die Reproduktion des Systems. Das ist nicht der Fall und ich glaube, insgeheim wissen das auch alle. Der Kollaps der Arbeitsgesellschaft ist offensichtlich. Technologische Produktivität zerstört arbeitsbasierte Produktivität, und der Kapitalismus überlebt durch Verschuldung und Massenmanipulation.Nun gut, aber nicht alle wünschen sich die guten alten Zeiten zurück.Das stimmt, es gibt auch die spiegelbildliche optimistische Projektion in die Zukunft. Das geht in Richtung Posthumanismus. Da dominieren dann die Vorstellungen einer vollautomatisierten Gesellschaft, in der es als Befreiung erscheint, dass wir überflüssig gemacht werden. Diese Vorstellungen gibt es bei Rechten und bei Linken, Letztere betonen, dass das dann irgendwie egalitär zugehen soll. Doch warum sollte das der Fall sein? Wie verhalten sich in dieser Annahme das Kapital, die Technologie, die Produktionsweise und die Menschen zueinander? Diese Frage bleibt unbeantwortet.Der KI-Hype beruht letztendlich auf einer gigantischen Finanzblase, die sich immer weiter aufbläht und von der ausschließlich die großen Tech-Giganten profitieren. Ich sehe da keine Befreiung am Horizont. Mir scheint, es läuft eher darauf hinaus, dass wir rund um die Uhr überwacht werden und mit einem kleinen Grundeinkommen Netflix schauen und Drogen konsumieren dürfen. Oder man schickt uns eben in den Krieg.Das klingt zynisch.Ich meine es nicht zynisch. Es geht mir wirklich darum, klarzumachen, in welcher Situation wir uns befinden. Wir leben in einer Verschuldungsökonomie, deren Prämissen und Funktionsweise wir verstehen müssen. Das klingt vielleicht abstrakt, aber die Auswirkungen sind dramatisch. Die USA haben eine Staatsverschuldung von rund 38 Billionen US-Dollar. Haben Sie eine Vorstellung, wie viel das ist?Nein, eine Billion hat zwölf Nullen, so viel kann ich sagen.Was denken Sie, an welchem Punkt der Geschichte waren wir vor einer Billion Sekunden?Vielleicht im 18. Jahrhundert?Meine Studenten geben eine ähnliche Schätzung ab, wenn ich sie frage. Tatsächlich landet man etwa im Jahr 30.000 vor Christus. So viel zur Verschuldung der USA. Sie übertrifft die Wirtschaftsleistung bei Weitem. Diese Schulden lassen sich niemals durch produktive Arbeit refinanzieren. Die USA – größte Volkswirtschaft der Welt – sind eigentlich bankrott. Diese Verschuldungsspirale ist aber nicht nur das Problem einer einzelnen Volkswirtschaft. Es ist ein globales Phänomen, es zieht die ganze Welt in Mitleidenschaft. Die komplette Weltwirtschaft hängt davon ab, dass sie billig an Kredite kommt, um ihre Schulden zu tilgen. Und das ist im Übrigen die eigentliche Kraft, die uns in den Krieg treibt, nicht irgendwelche Typen, die mal smart und mal durchgeknallt daherkommen.Wie genau hängt die Militarisierung mit der Schuldenökonomie zusammen?In Deutschland ist der Zusammenhang doch recht offensichtlich. Deutschland war stets skeptisch gegenüber der Staatsverschuldung und sehr versessen auf die ominöse „schwarze Null“. Die Kriegsökonomie wirft dieses Austeritätsdogma über Bord. Plötzlich wird die „Zeitenwende“ ausgerufen und eine gigantische Verschuldung ist möglich. Oder denken Sie an den letzten Mega-Kredit der EU für die geschundene Ukraine: 90 Milliarden Euro! Nachdem das „grüne Wachstum“ mehr oder weniger gescheitert ist, schaltet die EU jetzt um auf „dunkelgrünes Wachstum“ in Tarnfarben.Rüstungsausgaben sollen Wachstum ermöglichen und aus der Stagnation helfen, eine Art militärisches Konjunkturprogramm zur Belebung der Wirtschaft. Diese Verbindung von Krieg oder Aufrüstung und Verschuldung ist aber eigentlich nicht völlig neu.Der entscheidende Punkt ist: Heute rettet uns nichts mehr aus der Stagnation. Wie gesagt, wir stehen vor einem totalen Zusammenbruch der produktiven, arbeitsbasierten Wirtschaft, sogar derjenigen, die Waffen herstellt. Aber die Kriegslogik ermöglicht immer weitere Verschuldung. Sie hält das Finanzsystem liquide und die Spekulation am Laufen. So zögert man den Zusammenbruch eines bereits kollabierenden Systems hinaus: Wir bekämpfen immer neue Feinde, reagieren auf immer neue Katastrophen, während sich die eigentliche Katastrophe unaufhaltsam hinter unserem Rücken vollzieht.Also hilft die „erfolgreiche Paranoia“, in dieser kollabierenden, verrückten Welt nicht den Verstand zu verlieren?So kann man das zusammenfassen. Nur bietet diese „erfolgreiche Paranoia“ eben auch keinen Ausweg aus diesem Notstands-Kapitalismus – sie führt uns nur noch tiefer in den Wahnsinn, den wir für Vernunft halten. Wir müssten diesen Panikmodus verlassen und uns nicht von einem Notfall zum nächsten jagen lassen. Wir müssten versuchen zu verstehen, was all diese Krisen und Notfälle miteinander verbindet, und gemeinsam eine Vorstellungskraft entwickeln, die über dieses zugrunde liegende Desaster hinausweist.