Die Künstlerin Stella Leder beschrieb im „Freitag“ Ausladungen jüdischer Künstler als antisemitische Drangsalierung. Der Autor Tomer Dotan-Dreyfus fragt: Wieso schreibt Leder über manche Fälle und über andere nicht?
Tomer Dotan-Dreyfus
Montage: dts-Agentur/picture alliance (links); K. Thomas/blickwinkel/picture alliance
In Deutschland wird derzeit viel über Ausladungen jüdischer und israelischer Künstler und Akademiker diskutiert, die Kulturszene ist in Aufruhr. Allerdings wird es in den etablierten Medien meist nur von einer Seite besprochen – manche Ausladungen werden skandalisiert, andere nicht. Die Künstlerin und Autorin Stella Leder veröffentlichte im Freitag einen Text, in dem sie manche Ausladungen als antisemitisch bewertet. Auch ich sehe Ausladungen jüdischer und israelischer Künstler, und auch ich halte viele dieser Ausladungen für antisemitisch – nur nicht die, von denen Leder spricht.
Von welchen Ausladungen spricht Leder überhaupt?
Leder erwähnt zwei konkrete prominente Beispiele, beide nicht aus Deutschland: Lahav Shani, der in Belgien ausgeladen wurde, und Eva Illouz, die an der Universität Rotterdam ausgeladen wurde.
Sie nennt außerdem die israelischen Schriftsteller Etgar Keret und David Grossman, die in Deutschland „kaum noch eingeladen“ würden. Warum mich diese Aufzählung nicht überzeugt? Weil ich Kerets Beschwerde und Leders Einschätzung nicht ganz nachvollziehen kann: Keret war im April 2025 zu einer Lesung in Frankfurt am Main. Im November 2024 war er in München für eine Lesung und ein Gespräch. Zuvor zeigte das Jüdische Museum Berlin eine Ausstellung, die allein auf Erzählungen von Etgar Keret basierte, will sagen: Keret ist in Deutschland durchaus präsent, und das auch weiterhin.
Ähnliches gilt für David Grossman. Der Schriftsteller wurde im Dezember 2024 mit dem Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf geehrt. Einen Monat zuvor war er in München und wurde dort über das Leben in Israel nach dem 7. Oktober befragt. Von einer dramatischen Abnahme von Einladungen kann kaum die Rede sein.
Jüdische und israelische Künstler wurden schon vor dem 7. Oktober ausgeladen
Die aktuelle Diskussion über die Ausladung oder fehlende Einladung jüdischer Künstler*innen überrascht mich etwas. Jüdische und israelische Künstler*innen werden in Deutschland nicht erst seit dem 7. Oktober ausgeladen, sondern spätestens seit der BDS-Resolution des Bundestags von 2019 – nur wurden diese Ausladungen in den meisten deutschen Medien kaum skandalisiert.
Ich kenne das Problem von Ausladungen auch selbst. Ein Text von mir für ein Portfolio der Heinrich-Böll-Stiftung wurde im Sommer 2024 abgesagt. Ironischerweise war das Thema des Textes die Einschränkung jüdischer Stimmen in Deutschland.
Eine Soloausstellung der jüdischen Künstlerin Candice Breitz wurde im November 2023 abgesagt. Der israelische Philosoph Omri Boehm wurde in diesem Jahr aus der Gedenkstätte KZ Buchenwald ausgeladen, auch wenn seine Großeltern dieses KZ überlebt haben. Der jüdische Schriftsteller und Pulitzerpreisträger Nathan Thrall wurde 2024 vom Union International Club Frankfurt ausgeladen, und die Gastprofessur der jüdischen Philosophin Nancy Fraser an der Universität Köln wurde abgesagt.
Warum sind diese Ausladungen antisemitisch?
Ich sehe diese Fälle als antisemitisch, weil sie jüdischen Menschen in Deutschland nur eine bestimmte politische Richtung zuschreiben. Sobald wir uns eine andere Richtung erlauben, drohen wir Arbeit, Verträge oder Auftritte zu verlieren – und in manchen Fällen sogar den Schutz des Staates. So ist es im Fall Yuval Carasso geschehen. Der linke israelische Künstler Carasso wurde von Polizist*innen auf einer Protestaktion verletzt und dann des „Widerstands gegen die Staatsgewalt“ beschuldigt. Drei Monate später, natürlich abseits der Öffentlichkeit, wurde Carasso freigesprochen.
Wieso kommt keiner dieser Fälle im Text von Stella Leder vor, frage ich mich.
Möglicher Teil einer Antwort: Hinter uns liegen zwei Jahre, in denen sich die Kultur-, Medien- und weitere gesellschaftliche Bereiche in Deutschland zunehmend an die Staatsräson angepasst haben; zwei Jahre, in denen Akteur*innen teils in schlechter Absicht den Antisemitismusvorwurf nutzen, um alles zum Schweigen zu bringen, was Deutschlands Waffenlieferungen und andere Formen der Unterstützung für Israel infrage stellen könnte. Zwei Jahre, in denen nichtjüdische Deutsche Jüdinnen und Juden wegen ihrer Kritik an einem Genozid verfolgen, sie als Antisemit*innen brandmarken und ausschließen.
Was ist mit Hubert Aiwanger? Mit antisemitischen Polizei-Chats? Mit Elon Musk?
Den Klagenden über Ausladungen im Kulturbetrieb, die häufig keine Beispiele nennen können, geht es nicht um die Ausladungen per se; ihnen geht es vielmehr darum, diese Ausladungen für eigene politische Ziele zu instrumentalisieren. Deshalb tauchen die einen Ausladungen auf, aber dutzende andere Ausladungen werden teils gezielt verschwiegen, teils vergessen oder verdrängt. Mit den Ausladungen wird Politik gemacht. Leider führt diese Politik selbst zu Antisemitismus.
Angst ist ein starkes politisches Mineral. Sie kann Druck erzeugen, Prioritäten verschieben, Kriege starten oder beenden, und sie ist leicht zu gewinnen. Sie ist billig, aber wenn man nicht viel hat – Argumente, meine ich – dann schürft man eben nach Angst. Über Antisemitismus im deutschen Kulturbetrieb wird so oft ohne konkrete Beispiele gesprochen.
Nicht etwa, weil es keine Beispiele gäbe, sondern weil sich viele in dieser Debatte schon daran gewöhnt haben, dass es gar nicht nötig ist, Beispiele zu liefern. Sie sind daran gewöhnt, dass „Antisemitismus“ ein Zauberwort ist, das die Angst jüdischer Menschen mobilisiert und den Betrieb, in dem es als Vorwurf auftaucht, neu ordnet. Diese Dynamik ist aus mehreren Gründen selbst antisemitisch.
Erstens: Beschwerden über Antisemitismus in anderen Bereichen werden in Deutschland regelmäßig ignoriert. Hubert Aiwanger durfte 2023 weiter als bayerischer Staatsminister für Wirtschaft und Energie amtieren, nachdem bekannt wurde, dass der Freie-Wähler-Chef zu seiner Schulzeit antisemitische Flugblätter verfasst hat. Die Aufdeckung antisemitischer Nachrichten in zahlreichen Polizeigruppenchats führte nur in einzelnen Fällen zu Entlassungen oder Disziplinarmaßnahmen – ansonsten blieben viele solcher Vorfälle ohne nachhaltige Aufarbeitung.
Kein deutscher Politiker boykottiert antisemitische Kollegen aus anderen Ländern, seien es Elon Musk, Viktor Orbán oder Jarosław Kaczyński. Es wäre ja nicht „Realpolitik“, einer Tesla-Gigafabrik die Genehmigung nicht zu erteilen, nur weil ihr Chef einen Hitlergruß gezeigt hat. Die Annahme der Antisemitismusvorwerfenden schreibt Jüdinnen und Juden mehr Macht zu, als wir tatsächlich haben.
Wenn die Kritik am Genozid nicht jüdisch ist, was ist dann jüdisch?
Zweitens: In der deutschen Debatte über Antisemitismus und Ausladungen von Israelis oder Jüd*innen wird Jüdischsein mit einer genozidalen Denkweise gleichgesetzt. Das ist eine komplizierte Dynamik. Wenn jüdische Kritiker*innen Israels ausgeladen werden, wird davon ausgegangen, dass die Ausladung einen guten Zweck hat: Mit der Ausladung soll Israel unterstützt werden. Es wird insinuiert, dass ihr Jüdischsein nicht der Grund für die Absage sei, sondern ihr politischer Standpunkt, der fälschlicherweise – absichtlich oder nicht – als Gewaltverherrlichung gesehen wird.
Was daraus entsteht, ist eine Gleichsetzung von Jüdischsein und Genozidunterstützung: Kritik an der israelischen Regierung, Verständnis für Palästinenser oder Kritik am Genozid in Gaza gelten als nichtjüdisch. Was gilt dann als jüdisch? Genau das Gegenteil: die in der israelischen Gesellschaft nach Umfragen verbreitete genozidale Denkweise und antipalästinensischer Rassismus. Diese Gleichsetzung ist selbst nach der IHRA-Definition für Antisemitismus: antisemitisch.
All diese Dynamiken erzeugen Angst unter jüdischen Künstler*innen. Mir wird vorgeworfen, auch von anderen jüdischen Schriftsteller*innen, ich nähme die Angst jüdischer Menschen in diesem Land nicht ernst. Das Gegenteil ist richtig: Ich nehme diese Angst so ernst, dass ich mich weigere, sie zu politisieren. Ich suche nach dem Grund für diese Angst, nach dem Moment, in dem sie erzeugt wird. Wurde jemand ausgeladen, weil er oder sie jüdisch ist – oder weil die Person Positionen vertritt, die in einer pluralen Kulturlandschaft unerträglich sind?
Der Fall Lars Henrik Gass: Rassismus und Antisemitismus
Es gibt israelische Personen, die die Position vertreten, dass Kinder den Tod verdient hätten oder dass Menschen bestimmter Ethnien weniger Rechte haben sollen als andere. Wenn solche Personen ausgeladen werden, wer hat dann Angst? Jüdische Menschen? Oder Rassist*innen – egal ob sie jüdisch sind oder nicht?
Schauen wir uns nochmal einige Beispiele an. Als „größte Boykottkampagne, die es in Deutschland bis heute gegen eine Kulturinstitution gegeben hat“, nennt Stella Leder den Protest gegen Lars Henrik Gass. Den Grund für den Protest gegen Gass erfährt der Leser nicht: Gass, der langjährige Leiter der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen, hatte in einem Facebook-Post am 20. Oktober 2023 Protestierende in Berlin Neukölln pauschal als „Neuköllner Hamas-Freunde und Judenhasser“ bezeichnet. Was auch Gass nicht erwähnte: Viele von den Protestierenden, die er verleumdete, mussten damals dabei zuschauen, wie ihre eigenen Familienmitglieder in Gaza bombardiert und erschossen wurden.
War das nun die „größte“ Boykottkampagne, die es in Deutschland bis heute gegen eine Kulturinstitution gegeben hat? Der Protest gegen die Aussage von Gass war tatsächlich groß: Es gab einen offenen Brief der „International Film Community“, den fast 2000 Filmemacher unterschrieben haben. Dieser Brief rief nicht direkt zum Boykott auf, sondern darin heißt es: „Wir fordern die Mitarbeiter und Partner des Festivals auf, die Gefahr zu erkennen, die von den Äußerungen ihres Direktors ausgeht, diese Haltung zu überdenken und geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um künftig eine verantwortungsvolle Führung zu gewährleisten.“ Und weiter: „Wir ermutigen die Mitglieder der internationalen Filmgemeinschaft, ihre Haltung gegenüber dem Festival als einreichende und besuchende Filmemacher, als Verleiher, Kuratoren und Gäste zu überdenken.“ Die Kampagne richtete sich also weder gegen eine Kulturinstitution per se, noch rief sie explizit zum Boykott auf.
2024 hörte Gass als Leiter der Kurzfilmtage auf.
Womit Stella Leder Recht hat: Zeit für eine ernsthafte Debatte über Antisemitismus
„Nur selten wird offen ausgesprochen, dass jemand ausgeladen wird, weil er Israeli oder Jude ist“, schreibt Stella Leder. Wird es selten ausgesprochen, oder ist es selten der Fall? Können jüdische Menschen auch aus Gründen ausgeladen werden, die mit ihrem Jüdischsein nichts zu tun haben? Lars Henrik Gass jedenfalls ist kein Jude.
Womit Stella Leder wirklich Recht hat: Es ist Zeit, dass wir eine ehrliche und ernsthafte Debatte über Antisemitismus in Deutschland führen. Nicht nur darüber, wo es ihn gibt und was man dagegen tun kann, sondern auch darüber, wie politische Akteure ihn instrumentalisieren, wie eine vergiftete Debatte unseren Fokus verschiebt – und wer durch Antisemitismusvorwürfe systematisch ausgeschlossen wird, obwohl diese Vorwürfe gar nicht beantwortet werden können, weil selbst das in dieser Atmosphäre bereits als antisemitisch gilt.
Welche Politik am Ende von der Ausnutzung und Verwässerung des Antisemitismusbegriffs profitiert, ist ohnehin klar.
hani, der in Belgien ausgeladen wurde, und Eva Illouz, die an der Universität Rotterdam ausgeladen wurde.Sie nennt außerdem die israelischen Schriftsteller Etgar Keret und David Grossman, die in Deutschland „kaum noch eingeladen“ würden. Warum mich diese Aufzählung nicht überzeugt? Weil ich Kerets Beschwerde und Leders Einschätzung nicht ganz nachvollziehen kann: Keret war im April 2025 zu einer Lesung in Frankfurt am Main. Im November 2024 war er in München für eine Lesung und ein Gespräch. Zuvor zeigte das Jüdische Museum Berlin eine Ausstellung, die allein auf Erzählungen von Etgar Keret basierte, will sagen: Keret ist in Deutschland durchaus präsent, und das auch weiterhin.Ähnliches gilt für David Grossman. Der Schriftsteller wurde im Dezember 2024 mit dem Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf geehrt. Einen Monat zuvor war er in München und wurde dort über das Leben in Israel nach dem 7. Oktober befragt. Von einer dramatischen Abnahme von Einladungen kann kaum die Rede sein.Jüdische und israelische Künstler wurden schon vor dem 7. Oktober ausgeladenDie aktuelle Diskussion über die Ausladung oder fehlende Einladung jüdischer Künstler*innen überrascht mich etwas. Jüdische und israelische Künstler*innen werden in Deutschland nicht erst seit dem 7. Oktober ausgeladen, sondern spätestens seit der BDS-Resolution des Bundestags von 2019 – nur wurden diese Ausladungen in den meisten deutschen Medien kaum skandalisiert.Ich kenne das Problem von Ausladungen auch selbst. Ein Text von mir für ein Portfolio der Heinrich-Böll-Stiftung wurde im Sommer 2024 abgesagt. Ironischerweise war das Thema des Textes die Einschränkung jüdischer Stimmen in Deutschland.Eine Soloausstellung der jüdischen Künstlerin Candice Breitz wurde im November 2023 abgesagt. Der israelische Philosoph Omri Boehm wurde in diesem Jahr aus der Gedenkstätte KZ Buchenwald ausgeladen, auch wenn seine Großeltern dieses KZ überlebt haben. Der jüdische Schriftsteller und Pulitzerpreisträger Nathan Thrall wurde 2024 vom Union International Club Frankfurt ausgeladen, und die Gastprofessur der jüdischen Philosophin Nancy Fraser an der Universität Köln wurde abgesagt. Warum sind diese Ausladungen antisemitisch?Ich sehe diese Fälle als antisemitisch, weil sie jüdischen Menschen in Deutschland nur eine bestimmte politische Richtung zuschreiben. Sobald wir uns eine andere Richtung erlauben, drohen wir Arbeit, Verträge oder Auftritte zu verlieren – und in manchen Fällen sogar den Schutz des Staates. So ist es im Fall Yuval Carasso geschehen. Der linke israelische Künstler Carasso wurde von Polizist*innen auf einer Protestaktion verletzt und dann des „Widerstands gegen die Staatsgewalt“ beschuldigt. Drei Monate später, natürlich abseits der Öffentlichkeit, wurde Carasso freigesprochen. Wieso kommt keiner dieser Fälle im Text von Stella Leder vor, frage ich mich.Möglicher Teil einer Antwort: Hinter uns liegen zwei Jahre, in denen sich die Kultur-, Medien- und weitere gesellschaftliche Bereiche in Deutschland zunehmend an die Staatsräson angepasst haben; zwei Jahre, in denen Akteur*innen teils in schlechter Absicht den Antisemitismusvorwurf nutzen, um alles zum Schweigen zu bringen, was Deutschlands Waffenlieferungen und andere Formen der Unterstützung für Israel infrage stellen könnte. Zwei Jahre, in denen nichtjüdische Deutsche Jüdinnen und Juden wegen ihrer Kritik an einem Genozid verfolgen, sie als Antisemit*innen brandmarken und ausschließen.Was ist mit Hubert Aiwanger? Mit antisemitischen Polizei-Chats? Mit Elon Musk?Den Klagenden über Ausladungen im Kulturbetrieb, die häufig keine Beispiele nennen können, geht es nicht um die Ausladungen per se; ihnen geht es vielmehr darum, diese Ausladungen für eigene politische Ziele zu instrumentalisieren. Deshalb tauchen die einen Ausladungen auf, aber dutzende andere Ausladungen werden teils gezielt verschwiegen, teils vergessen oder verdrängt. Mit den Ausladungen wird Politik gemacht. Leider führt diese Politik selbst zu Antisemitismus.Angst ist ein starkes politisches Mineral. Sie kann Druck erzeugen, Prioritäten verschieben, Kriege starten oder beenden, und sie ist leicht zu gewinnen. Sie ist billig, aber wenn man nicht viel hat – Argumente, meine ich – dann schürft man eben nach Angst. Über Antisemitismus im deutschen Kulturbetrieb wird so oft ohne konkrete Beispiele gesprochen.Nicht etwa, weil es keine Beispiele gäbe, sondern weil sich viele in dieser Debatte schon daran gewöhnt haben, dass es gar nicht nötig ist, Beispiele zu liefern. Sie sind daran gewöhnt, dass „Antisemitismus“ ein Zauberwort ist, das die Angst jüdischer Menschen mobilisiert und den Betrieb, in dem es als Vorwurf auftaucht, neu ordnet. Diese Dynamik ist aus mehreren Gründen selbst antisemitisch.Erstens: Beschwerden über Antisemitismus in anderen Bereichen werden in Deutschland regelmäßig ignoriert. Hubert Aiwanger durfte 2023 weiter als bayerischer Staatsminister für Wirtschaft und Energie amtieren, nachdem bekannt wurde, dass der Freie-Wähler-Chef zu seiner Schulzeit antisemitische Flugblätter verfasst hat. Die Aufdeckung antisemitischer Nachrichten in zahlreichen Polizeigruppenchats führte nur in einzelnen Fällen zu Entlassungen oder Disziplinarmaßnahmen – ansonsten blieben viele solcher Vorfälle ohne nachhaltige Aufarbeitung.Kein deutscher Politiker boykottiert antisemitische Kollegen aus anderen Ländern, seien es Elon Musk, Viktor Orbán oder Jarosław Kaczyński. Es wäre ja nicht „Realpolitik“, einer Tesla-Gigafabrik die Genehmigung nicht zu erteilen, nur weil ihr Chef einen Hitlergruß gezeigt hat. Die Annahme der Antisemitismusvorwerfenden schreibt Jüdinnen und Juden mehr Macht zu, als wir tatsächlich haben.Wenn die Kritik am Genozid nicht jüdisch ist, was ist dann jüdisch?Zweitens: In der deutschen Debatte über Antisemitismus und Ausladungen von Israelis oder Jüd*innen wird Jüdischsein mit einer genozidalen Denkweise gleichgesetzt. Das ist eine komplizierte Dynamik. Wenn jüdische Kritiker*innen Israels ausgeladen werden, wird davon ausgegangen, dass die Ausladung einen guten Zweck hat: Mit der Ausladung soll Israel unterstützt werden. Es wird insinuiert, dass ihr Jüdischsein nicht der Grund für die Absage sei, sondern ihr politischer Standpunkt, der fälschlicherweise – absichtlich oder nicht – als Gewaltverherrlichung gesehen wird.Was daraus entsteht, ist eine Gleichsetzung von Jüdischsein und Genozidunterstützung: Kritik an der israelischen Regierung, Verständnis für Palästinenser oder Kritik am Genozid in Gaza gelten als nichtjüdisch. Was gilt dann als jüdisch? Genau das Gegenteil: die in der israelischen Gesellschaft nach Umfragen verbreitete genozidale Denkweise und antipalästinensischer Rassismus. Diese Gleichsetzung ist selbst nach der IHRA-Definition für Antisemitismus: antisemitisch.All diese Dynamiken erzeugen Angst unter jüdischen Künstler*innen. Mir wird vorgeworfen, auch von anderen jüdischen Schriftsteller*innen, ich nähme die Angst jüdischer Menschen in diesem Land nicht ernst. Das Gegenteil ist richtig: Ich nehme diese Angst so ernst, dass ich mich weigere, sie zu politisieren. Ich suche nach dem Grund für diese Angst, nach dem Moment, in dem sie erzeugt wird. Wurde jemand ausgeladen, weil er oder sie jüdisch ist – oder weil die Person Positionen vertritt, die in einer pluralen Kulturlandschaft unerträglich sind?Der Fall Lars Henrik Gass: Rassismus und AntisemitismusEs gibt israelische Personen, die die Position vertreten, dass Kinder den Tod verdient hätten oder dass Menschen bestimmter Ethnien weniger Rechte haben sollen als andere. Wenn solche Personen ausgeladen werden, wer hat dann Angst? Jüdische Menschen? Oder Rassist*innen – egal ob sie jüdisch sind oder nicht?Schauen wir uns nochmal einige Beispiele an. Als „größte Boykottkampagne, die es in Deutschland bis heute gegen eine Kulturinstitution gegeben hat“, nennt Stella Leder den Protest gegen Lars Henrik Gass. Den Grund für den Protest gegen Gass erfährt der Leser nicht: Gass, der langjährige Leiter der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen, hatte in einem Facebook-Post am 20. Oktober 2023 Protestierende in Berlin Neukölln pauschal als „Neuköllner Hamas-Freunde und Judenhasser“ bezeichnet. Was auch Gass nicht erwähnte: Viele von den Protestierenden, die er verleumdete, mussten damals dabei zuschauen, wie ihre eigenen Familienmitglieder in Gaza bombardiert und erschossen wurden. War das nun die „größte“ Boykottkampagne, die es in Deutschland bis heute gegen eine Kulturinstitution gegeben hat? Der Protest gegen die Aussage von Gass war tatsächlich groß: Es gab einen offenen Brief der „International Film Community“, den fast 2000 Filmemacher unterschrieben haben. Dieser Brief rief nicht direkt zum Boykott auf, sondern darin heißt es: „Wir fordern die Mitarbeiter und Partner des Festivals auf, die Gefahr zu erkennen, die von den Äußerungen ihres Direktors ausgeht, diese Haltung zu überdenken und geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um künftig eine verantwortungsvolle Führung zu gewährleisten.“ Und weiter: „Wir ermutigen die Mitglieder der internationalen Filmgemeinschaft, ihre Haltung gegenüber dem Festival als einreichende und besuchende Filmemacher, als Verleiher, Kuratoren und Gäste zu überdenken.“ Die Kampagne richtete sich also weder gegen eine Kulturinstitution per se, noch rief sie explizit zum Boykott auf. 2024 hörte Gass als Leiter der Kurzfilmtage auf.Womit Stella Leder Recht hat: Zeit für eine ernsthafte Debatte über Antisemitismus„Nur selten wird offen ausgesprochen, dass jemand ausgeladen wird, weil er Israeli oder Jude ist“, schreibt Stella Leder. Wird es selten ausgesprochen, oder ist es selten der Fall? Können jüdische Menschen auch aus Gründen ausgeladen werden, die mit ihrem Jüdischsein nichts zu tun haben? Lars Henrik Gass jedenfalls ist kein Jude.Womit Stella Leder wirklich Recht hat: Es ist Zeit, dass wir eine ehrliche und ernsthafte Debatte über Antisemitismus in Deutschland führen. Nicht nur darüber, wo es ihn gibt und was man dagegen tun kann, sondern auch darüber, wie politische Akteure ihn instrumentalisieren, wie eine vergiftete Debatte unseren Fokus verschiebt – und wer durch Antisemitismusvorwürfe systematisch ausgeschlossen wird, obwohl diese Vorwürfe gar nicht beantwortet werden können, weil selbst das in dieser Atmosphäre bereits als antisemitisch gilt. Welche Politik am Ende von der Ausnutzung und Verwässerung des Antisemitismusbegriffs profitiert, ist ohnehin klar.