Im Iran hat sich womöglich ein brutales Massaker an zehntausenden Protestierenden ereignet – doch die Angehörigen außer Landes wissen so gut wie nichts über die Ereignisse vor Ort. Über angespannte Stunden und das Starren auf Smartphones
Brennende Straßen: Aufnahme aus Teheran vom 9. Januar 2026
Foto: Koshiran/Getty Images
Der blaue Haken ist eigentlich ein banales Symbol. Zwei Häkchen im WhatsApp-Chat, die sagen: Nachricht angekommen, gelesen, alles gut. In diesen Tagen ist der blaue Haken für viele Iraner:innen in Deutschland etwas anderes geworden. Es ist das Einzige, was zwischen ihnen und dem Schlimmsten steht.
Es fühlt sich an wie in einem Krimi. Das Warten, das Starren auf das Handy. Dieses Wissen, dass die Internetsperre in Iran noch nicht aufgehoben ist und es ohnehin keine Möglichkeit gibt, dass ein zweiter Haken an der versendeten Nachricht auftaucht, aber dennoch diese Hoffnung, diese ständige Aktualisierung der Chats.
Seit fast einer Woche ist das Internet in ganz Iran abgeschaltet. Internationale Anrufe sind blockiert; seit Dienstag können vereinzelt Menschen über das Festnetz aus Iran ins Ausland anrufen – umgekehrt ist das nicht möglich. Aus diesen kurzen Gesprächen, die am Dienstag möglich waren, hört man: Die Lage ist noch schlimmer, als uns die Bilder vermuten lassen.
Die Internetsperre ist Teil der psychologischen Kriegsführung
Mindestens 12.000 Menschen sollen laut dem iranischen Exilmedium Iran International bei den Protesten getötet worden sein. Unabhängig verifizieren lässt sich diese Zahl bisher nicht. Sollte sich das aber bestätigen, wäre es das brutalste Massaker, das es jemals in der Geschichte der Islamischen Republik gab.
Iraner:innen in der Diaspora sehen die Videos, die über das Satellitennetzwerk Starlink um die Welt gehen: Leichensäcke über Leichensäcke. Familien, die verzweifelt nach ihren Angehörigen suchen, mit Leichen gefüllte Plätze. Überfüllte Krankenhäuser und Leichenhallen. Beerdigungen auf den Friedhöfen wie am Fließband.
Und während diese Videos im Netz geteilt werden, geistert im eigenen Hinterkopf immer diese eine Frage: Ist mein Familienmitglied unter diesen Toten?
Die Internetsperre ist Teil der psychologischen Kriegsführung des Regimes. Gegen die Menschen im Land und gegen jene außerhalb, die zusehen müssen, wie ihre Familien im Dunkeln verschwinden. Wer wartet, weiß: Diese Stille kann alles heißen – Festnahme oder sogar Tod.
Das Smartphone wird zum Folterinstrument
Das Regime weiß genau, was es tut. Die Abschaltung dient nicht nur dazu, Proteste zu erschweren. Sie dient dazu, Gewalt zu verbergen, Dokumentation der schwersten Menschenrechtsverbrechen unmöglich zu machen, Familien zu zermürben. Wenn niemand filmen, niemand posten, niemand telefonieren kann, dann existiert das Verbrechen offiziell nicht. Dann gibt es nur noch das Staatsfernsehen und seine Version der Realität.
Für viele in der Diaspora wird das Smartphone zum Folterinstrument. Jede Push-Nachricht lässt den Puls hochschießen. Der einzelne Haken an der WhatsApp-Nachricht wird mit jedem Tag zu einer größeren Qual.
Man tauscht sich untereinander aus – wer hat wen erreicht, wer hat welche Informationen über die Stadtteile, in denen die Angehörigen leben. Es geht um Menschen, die nicht wissen, ob ihre Liebsten noch leben. Geschwister und Cousinen, die versuchen, über Umwege herauszufinden, ob jemand verhaftet wurde.
Repression funktioniert auch leise und digital
Währenddessen reagieren europäische Regierungen mit Floskeln. Man sei „besorgt“, verfolge die Lage „aufmerksam“. Dabei ist die Internetsperre kein Nebenschauplatz. Sie ist zentraler Bestandteil der Gewalt.
Wer sie hinnimmt, nimmt in Kauf, dass Massaker im Verborgenen stattfinden. Wer sie nicht klar verurteilt und politisch beantwortet, macht sich mitschuldig an der Unsichtbarkeit der Opfer. Der blaue Haken erzählt mehr über diesen Moment als jede diplomatische Erklärung. Er zeigt: Repression funktioniert auch leise und digital.
Es stehen ganz konkret Leben auf dem Spiel. Vielleicht sollte man weniger über Geopolitik reden und mehr über diese zwei Häkchen. Dann wäre klarer, was diese Internetsperre wirklich ist: eine Waffe gegen Menschen und gegen ihre Sichtbarkeit. Und gegen jede Hoffnung, dass das, was gerade in Iran passiert, nicht im Dunkeln verschwindet
Menschen über das Festnetz aus Iran ins Ausland anrufen – umgekehrt ist das nicht möglich. Aus diesen kurzen Gesprächen, die am Dienstag möglich waren, hört man: Die Lage ist noch schlimmer, als uns die Bilder vermuten lassen.Die Internetsperre ist Teil der psychologischen KriegsführungMindestens 12.000 Menschen sollen laut dem iranischen Exilmedium Iran International bei den Protesten getötet worden sein. Unabhängig verifizieren lässt sich diese Zahl bisher nicht. Sollte sich das aber bestätigen, wäre es das brutalste Massaker, das es jemals in der Geschichte der Islamischen Republik gab.Iraner:innen in der Diaspora sehen die Videos, die über das Satellitennetzwerk Starlink um die Welt gehen: Leichensäcke über Leichensäcke. Familien, die verzweifelt nach ihren Angehörigen suchen, mit Leichen gefüllte Plätze. Überfüllte Krankenhäuser und Leichenhallen. Beerdigungen auf den Friedhöfen wie am Fließband.Und während diese Videos im Netz geteilt werden, geistert im eigenen Hinterkopf immer diese eine Frage: Ist mein Familienmitglied unter diesen Toten?Die Internetsperre ist Teil der psychologischen Kriegsführung des Regimes. Gegen die Menschen im Land und gegen jene außerhalb, die zusehen müssen, wie ihre Familien im Dunkeln verschwinden. Wer wartet, weiß: Diese Stille kann alles heißen – Festnahme oder sogar Tod. Das Smartphone wird zum FolterinstrumentDas Regime weiß genau, was es tut. Die Abschaltung dient nicht nur dazu, Proteste zu erschweren. Sie dient dazu, Gewalt zu verbergen, Dokumentation der schwersten Menschenrechtsverbrechen unmöglich zu machen, Familien zu zermürben. Wenn niemand filmen, niemand posten, niemand telefonieren kann, dann existiert das Verbrechen offiziell nicht. Dann gibt es nur noch das Staatsfernsehen und seine Version der Realität.Für viele in der Diaspora wird das Smartphone zum Folterinstrument. Jede Push-Nachricht lässt den Puls hochschießen. Der einzelne Haken an der WhatsApp-Nachricht wird mit jedem Tag zu einer größeren Qual.Man tauscht sich untereinander aus – wer hat wen erreicht, wer hat welche Informationen über die Stadtteile, in denen die Angehörigen leben. Es geht um Menschen, die nicht wissen, ob ihre Liebsten noch leben. Geschwister und Cousinen, die versuchen, über Umwege herauszufinden, ob jemand verhaftet wurde.Repression funktioniert auch leise und digitalWährenddessen reagieren europäische Regierungen mit Floskeln. Man sei „besorgt“, verfolge die Lage „aufmerksam“. Dabei ist die Internetsperre kein Nebenschauplatz. Sie ist zentraler Bestandteil der Gewalt.Wer sie hinnimmt, nimmt in Kauf, dass Massaker im Verborgenen stattfinden. Wer sie nicht klar verurteilt und politisch beantwortet, macht sich mitschuldig an der Unsichtbarkeit der Opfer. Der blaue Haken erzählt mehr über diesen Moment als jede diplomatische Erklärung. Er zeigt: Repression funktioniert auch leise und digital.Es stehen ganz konkret Leben auf dem Spiel. Vielleicht sollte man weniger über Geopolitik reden und mehr über diese zwei Häkchen. Dann wäre klarer, was diese Internetsperre wirklich ist: eine Waffe gegen Menschen und gegen ihre Sichtbarkeit. Und gegen jede Hoffnung, dass das, was gerade in Iran passiert, nicht im Dunkeln verschwindet