Die Auswahl zum diesjährigen Berliner Theatertreffen setzt auf Romanadaptionen und Klassiker. Vergessen werden darüber die Dramatiker:innen unserer Tage


Paulina Alpen (Thomas Melle): „Die Welt im Rücken“

Foto: Julian Baumann


Die Sehnsucht ist zweifelsohne da, nach großen, epischen Stoffen, die die Welt erklären und deuten. Wohl auch deswegen zeugt die aktuelle Auswahl zum Berliner Theatertreffen von einem Akzent auf Romanadaptionen.

Schon länger zeichnet sich der Trend ab, Prosa, die sich gut verkauft hat und auf breites Publikumsinteresse gestoßen ist, für die Bühne aufzubereiten. Die Hälfte der „zehn bemerkenswertesten Inszenierungen“, die für das Festival ausgewählt wurden, geht auf Prosawerke zurück – auf Arthur Schnitzlers Novelle Fräulein Else (Wien), Il Gattopardo von Giuseppe Tomasi di Lampedusa (Zürich), Klaus Manns Mephisto (München), Thomas Melles Die Welt im Rücken (Stuttgart) und Serotonin von Michel Houellebecq (Potsdam).

Wo rührt dieses Interesse her? Eine Schwäche des Betriebs? Ist es bei Bestsellern wie Houellebecq die Versuchung, mit dem finanziellen Erfolg in der Buchbranche nun auch die eigenen, klammen Kassen zu füllen? Möglich, aber man darf auch andere Motive unterstellen. Belletristik schafft Verbindung qua Erzählung. Sie fügt Baustein an Baustein, bis Zusammenhänge entstehen, die in einer ansonsten fragmentierten und von Halbwahrheiten geschwemmten Welt nur allzu dringend gebraucht werden.

Bei Jan-Christoph Gockels Schiller indes ist einzigartig

Auffallend ist auch die Hinwendung des Auswahlgremiums zu Klassikern. Neben den bereits benannten sticht insbesondere Jan-Christoph Gockels monumentaler, knapp acht Stunden dauernder Wallenstein, aufgeführt an den Münchner Kammerspielen, hervor. Denn sein Schiller ist tatsächlich einzigartig, hat doch niemand je zuvor die Kriegsstimmung im ersten Teil der Tragödie, „Wallensteins Lager“ als Kochstudio dargestellt. Die Dämpfe aus den Töpfen und Pfannen nehmen die Rauchschwaden über den Schlachtfeldern vorweg. Derweil kocht der ältere Piccolomini später auf den Ceranfeldern – was für eine starke Metapher! – sein eigenes Süppchen, sprich: Er bereitet die große Intrige zu.

Im Idealfall betten Kanonstoffe aus dem Deutschunterricht das Hier und Heute in eine historische Linie ein, zeigen Konstanten und Brüche auf – und treffen wie im aktuellen Jahrgang des Theatertreffens den Nerv der Zeit. Tennessee Williams’ Die Glasmenagerie (Basel) und Melles Depressionsroman geben der allgemeinen Krisenstimmung und Düsternis Raum, die Realisierung von Michel Houellebecqs Serotonin wirft zentrale Fragen über gegenwärtige Rollbacks in Politik und Kultur auf. Und dass die gewaltsamen Konflikte unserer Tage auch den Theaterbetrieb beschäftigen, war erwartbar.

Während Gockel den Dreißigjährigen Krieg in Wallenstein auf unsere stürmischen Tage projiziert und den damals berühmten Herzog mit dem verstorbenen Chef der Wagner-Gruppe, Prigoschin, assoziiert, verweisen Carl Zuckmayers Der Hauptmann von Köpenick (dessen Wiederentdeckung tatsächlich längst überfällig war) in Cottbus und Thomas Manns Mephisto in München auf die Militarisierung, Ideologisierung und aufgeheizte Atmosphäre vor 1933, also eine Epoche, die vielen zunehmend wie das Passepartout unserer Gegenwart erscheint.

Hinzu kommt die besondere Fokussierung auf toxische Männlichkeit, hier gerät Arthur Schnitzlers Fräulein Else (Wien) in den Blick. In der Novelle als Lustobjekt angelegt, interpretiert Regisseurin Leonie Böhm sie als souveränen Charakter, der sich im leichtfertigen Spiel mit dem Publikum buchstäblich die Bühne zurückerobert und dem Werk einen geradezu utopischen Zug verleiht.

Wo sind die Theaterautor:innen der Gegenwart?

Dabei könnte man beinah übersehen, dass bei der Auslese der Jury eine wichtige Gattung hinten runterfällt, nämlich die zeitgenössische Dramatik. Nur Julian Hetzels Three Times Left is Right, ein Kammerspiel über Spaltung und Radikalisierung der Gesellschaft, erschien ihr als neues Stück offensichtlich als würdig – ganz so, als seien die gegenwärtigen Theaterautor:innen zu vernachlässigen. Schade! Immerhin findet sich noch A Year without Summer vom Festival-Dauergast Florentina Holzinger in der Auswahl. Kein Dialogdrama im urtümlichen Sinne, dafür ein bombastisches Spektakel, das den Zerfall von Umwelt und Natur mit jenem des menschlichen Körpers parallelisiert.

Reichlich Melancholie und Finsternis prägen somit den bald zu sehenden Showlauf. Ihn dominieren Klassiker und die erzählende Literatur. Was unsere Bühnenautor:innen über unsere Ära sagen, muss man – abgesehen von den letztgenannten – indes selbst erkunden. Aber wer will, wird da auch fündig!

zweifelsohne da, nach großen, epischen Stoffen, die die Welt erklären und deuten. Wohl auch deswegen zeugt die aktuelle Auswahl zum Berliner Theatertreffen von einem Akzent auf Romanadaptionen.Schon länger zeichnet sich der Trend ab, Prosa, die sich gut verkauft hat und auf breites Publikumsinteresse gestoßen ist, für die Bühne aufzubereiten. Die Hälfte der „zehn bemerkenswertesten Inszenierungen“, die für das Festival ausgewählt wurden, geht auf Prosawerke zurück – auf Arthur Schnitzlers Novelle Fräulein Else (Wien), Il Gattopardo von Giuseppe Tomasi di Lampedusa (ZXX-replace-me-XXX252;rich), Klaus Manns Mephisto (München), Thomas Melles Die Welt im Rücken (Stuttgart) und Serotonin von Michel Houellebecq (Potsdam).Wo rührt dieses Interesse her? Eine Schwäche des Betriebs? Ist es bei Bestsellern wie Houellebecq die Versuchung, mit dem finanziellen Erfolg in der Buchbranche nun auch die eigenen, klammen Kassen zu füllen? Möglich, aber man darf auch andere Motive unterstellen. Belletristik schafft Verbindung qua Erzählung. Sie fügt Baustein an Baustein, bis Zusammenhänge entstehen, die in einer ansonsten fragmentierten und von Halbwahrheiten geschwemmten Welt nur allzu dringend gebraucht werden.Bei Jan-Christoph Gockels Schiller indes ist einzigartigAuffallend ist auch die Hinwendung des Auswahlgremiums zu Klassikern. Neben den bereits benannten sticht insbesondere Jan-Christoph Gockels monumentaler, knapp acht Stunden dauernder Wallenstein, aufgeführt an den Münchner Kammerspielen, hervor. Denn sein Schiller ist tatsächlich einzigartig, hat doch niemand je zuvor die Kriegsstimmung im ersten Teil der Tragödie, „Wallensteins Lager“ als Kochstudio dargestellt. Die Dämpfe aus den Töpfen und Pfannen nehmen die Rauchschwaden über den Schlachtfeldern vorweg. Derweil kocht der ältere Piccolomini später auf den Ceranfeldern – was für eine starke Metapher! – sein eigenes Süppchen, sprich: Er bereitet die große Intrige zu.Im Idealfall betten Kanonstoffe aus dem Deutschunterricht das Hier und Heute in eine historische Linie ein, zeigen Konstanten und Brüche auf – und treffen wie im aktuellen Jahrgang des Theatertreffens den Nerv der Zeit. Tennessee Williams’ Die Glasmenagerie (Basel) und Melles Depressionsroman geben der allgemeinen Krisenstimmung und Düsternis Raum, die Realisierung von Michel Houellebecqs Serotonin wirft zentrale Fragen über gegenwärtige Rollbacks in Politik und Kultur auf. Und dass die gewaltsamen Konflikte unserer Tage auch den Theaterbetrieb beschäftigen, war erwartbar.Während Gockel den Dreißigjährigen Krieg in Wallenstein auf unsere stürmischen Tage projiziert und den damals berühmten Herzog mit dem verstorbenen Chef der Wagner-Gruppe, Prigoschin, assoziiert, verweisen Carl Zuckmayers Der Hauptmann von Köpenick (dessen Wiederentdeckung tatsächlich längst überfällig war) in Cottbus und Thomas Manns Mephisto in München auf die Militarisierung, Ideologisierung und aufgeheizte Atmosphäre vor 1933, also eine Epoche, die vielen zunehmend wie das Passepartout unserer Gegenwart erscheint.Hinzu kommt die besondere Fokussierung auf toxische Männlichkeit, hier gerät Arthur Schnitzlers Fräulein Else (Wien) in den Blick. In der Novelle als Lustobjekt angelegt, interpretiert Regisseurin Leonie Böhm sie als souveränen Charakter, der sich im leichtfertigen Spiel mit dem Publikum buchstäblich die Bühne zurückerobert und dem Werk einen geradezu utopischen Zug verleiht.Wo sind die Theaterautor:innen der Gegenwart?Dabei könnte man beinah übersehen, dass bei der Auslese der Jury eine wichtige Gattung hinten runterfällt, nämlich die zeitgenössische Dramatik. Nur Julian Hetzels Three Times Left is Right, ein Kammerspiel über Spaltung und Radikalisierung der Gesellschaft, erschien ihr als neues Stück offensichtlich als würdig – ganz so, als seien die gegenwärtigen Theaterautor:innen zu vernachlässigen. Schade! Immerhin findet sich noch A Year without Summer vom Festival-Dauergast Florentina Holzinger in der Auswahl. Kein Dialogdrama im urtümlichen Sinne, dafür ein bombastisches Spektakel, das den Zerfall von Umwelt und Natur mit jenem des menschlichen Körpers parallelisiert.Reichlich Melancholie und Finsternis prägen somit den bald zu sehenden Showlauf. Ihn dominieren Klassiker und die erzählende Literatur. Was unsere Bühnenautor:innen über unsere Ära sagen, muss man – abgesehen von den letztgenannten – indes selbst erkunden. Aber wer will, wird da auch fündig!



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