
Bundeskanzler Friedrich Merz ist 70 geworden – und feierte ohne AfD und Linke. Dafür gab’s Sekt für Klingbeil und zwei „Chefgrün:Innen“.
Friedrich Merz beging am 11.11. pünktlich zum Beginn der Fünften Jahreszeit sein 70. Wiegenfest. Närrisch wirkt der Kanzler ohnehin nicht, so hat er seinen runden Geburtstag erst mit Arbeit und dann bei einem frühabendlichen Empfang seiner Unionsfraktion verbracht. Nun ist er in einem Alter, in dem andere sich überlegen, ob sie ihren Lebensabend lieber im Allgäu verbringen oder ihre Enkel wegen zu viel Tik Tok- und Instagram-Konsum ermahnen. Merz dagegen überlegt seit Jahrzehnten vor allem eines: Warum verstehen die Deutschen eigentlich nicht sofort, dass er Kanzler werden sollte?
Es ist faszinierend: Kaum ein Politiker hat so viele politische Comebacks versucht wie Merz – und kaum einer hat dabei so hartnäckig an seiner Grundhaltung festgehalten. Er ist der Typ Politiker, der selbst dann noch von „Leistung, Leistung, Leistung“ spricht, wenn er eigentlich seinen Geburtstagskuchen ausblasen soll. Und man glaubt ihm sofort, dass er während des Auspustens die Steuersätze für Torten dekorativ senken würde.
Merz hat Durchhaltevermögen
Merz ist der politische Methusalem, der sich immer jünger gibt, je älter er wird. Mit 70 wirkt er fitter als manche 50-Jährigen im Bundestag – zumindest geistig, denn körperlich kann man nicht ausschließen, dass er heimlich in einem Sauerstoffzelt von BlackRock regeneriert wurde. Er ist die personifizierte PowerPoint-Präsentation: sachlich, steil gegliedert, manchmal etwas zu viel Folie 17, aber immer präzise.
Natürlich gratuliert man ihm auch aus der eigenen Partei – allerdings oft mit dem subtilen Unterton: „Alles Gute, Friedrich, bleib gesund …, aber bitte komm nicht auf die Idee, wieder darüber nachzudenken, wie du uns alle noch einmal auf Linie bringst.“ Für manche Parteifreunde ist Merz eine Art politischer Preußenoffizier, der morgens um sechs Uhr Appell machen würde, wenn man ihn ließe. Ordnung muss sein – und zwar notfalls auch über Bande.
Doch zur Wahrheit gehört: Der Mann hat Durchhaltevermögen. Während andere nach dem gescheiterten ersten Vorsitzkandidatur-Versuch wutschnaubend das Handtuch geworfen hätten, zog Merz sich zurück, wartete ab – und kam wieder. Und wieder. Und wieder. Ein politischer Bumerang in feinem Zwirn. Das hätte ich auch seine langjährige Intimfeindin Angela Merkel nicht erwartet, die, seit er im Kanzleramt sitzt, trotzig Widerworte von der Seitenlinie aufs Spielfeld ruft.
Merz und das Stadtbild
Humorvoll betrachtet ist Merz der Letzte, der wirklich glaubt, man könne Deutschland allein mit Haushaltsdisziplin, Streichlisten und einer Prise Sauerländer Strenge retten. Kritisch betrachtet, ist genau das sein Problem. In einer Welt, in der erwartet wird, dass politische Antworten flexibel, digital und sozial sein müssen, wirkt Merz, na wie wohl? Er wirkt wie das Merkel’sche Neuland Internet und wie ein Politiker aus einer Ära, in der man noch dachte, die Digitalisierung beginne mit dem Faxgerät.
Und dennoch: Er hat eine erstaunliche Fähigkeit, Debatten zu dominieren – selbst dann, wenn er sie nicht unbedingt gewinnen kann. Kaum jemand schafft es, mit einem einzigen Satz die Republik in Aufruhr zu versetzen: „Aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem, und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr großem Umfang auch Rückführungen zu ermöglichen und durchzuführen.“
Mal abgesehen davon, dass das geistige Urheberrecht bei der AfD liegt fragt man sich, ob Merz morgens beim Rasieren überlegt: „Was sage ich heute, um Deutschland geistig zu wecken?“ Oder hat er Bundespräsident Roman Herzog im Ohr? „Es muss ein Ruck durch Deutschland gehen.“ Ein anderes Mal war es die „Sozialtourismus“-Debatte, dann wieder waren es „kleine Paschas“, und manchmal wirkt es so, als wolle er sich selbst ein bisschen testen, ob er noch die alte Schlagkraft hat.
Berechenbar unberechenbar
Aber an seinem 70. Geburtstag sollte man ihm eines zugestehen: Er hat politische Widerstandskraft wie wenige andere. Er ist kein Schönwetterpolitiker, kein Influencer im Bundestag, keiner, der TikTok-Tänze aufführt (man darf dankbar sein). Er ist ein Politiker alter Schule – mit einem Weltbild, das er seit den 90ern kaum aktualisiert hat, und einer Hartnäckigkeit, die sowohl beeindruckend als auch leicht furchteinflößend ist.
Während sich Deutschland also fragt, ob Merz noch einmal den Angriff auf das Kanzleramt wagt oder ob er sich damit begnügt, als Elder Statesman über deutsche Tugenden oder die Brandmauer zu dozieren, feiert der Jubilar vermutlich mit klarer Struktur: kurze Rede, klare Kante, kein Alkohol vor 18 Uhr.
Sein 70. Geburtstag zeigt: Friedrich Merz hat es geschafft, ein politisches Phänomen zu bleiben – polarisierend, gelegentlich unfreiwillig komisch, aber immer relevant. Und vielleicht ist das ja sein größtes Geschenk an die Republik: Egal, ob man ihn bewundert oder verflucht – langweilig wird er nie. Herzlichen Glückwunsch, Herr Merz. Bitte bleiben Sie so berechenbar unberechenbar wie bisher. Deutschland hat sich Sie verdient.