Das Bulletin of the Atomic Scientists berechnet, wie viele Minuten oder Sekunden uns – metaphorisch gesprochen – noch bis zur globalen Katastrophe bleibt. Jetzt ist die Uhr schon wieder ein Stückchen weitergerückt. Wie reagieren wir darauf?
Man muss keinNobelpreisträger:in sein, um zu bemerken, dass es derzeit nicht ganz so rosig auf unserem Planeten aussieht
Fotos [M]: Pablo Martinez Monsivais/AP/DPA, kampee patisena/Getty Images
Fünfundachtzig, in Zahlen 85, Sekunden. So viel Zeit bleibt Ihnen, mir und dem Rest der Weltgemeinschaft noch bis zur globalen Katastrophe, also im übertragenen Sinne. Das zumindest verkündete der Wissenschafts- und Sicherheitsrat der Organisation „Bulletin of the Atomic Scientists“ vor wenigen Tagen. Zur Pressekonferenz gab es sogar eine Uhr, besser gesagt das Viertel einer Uhr, allerdings ohne Sekundenzeiger. Na ja, es geht wohl um Symbolik, schätze ich.
Albert Einstein und J. Robert Oppenheimer gehören zu den Gründungsmitgliedern der Organisation, die seit 1947 – auch in Absprache mit mehreren Nobelpreisträger:innen – jährlich die Weltuntergangsuhr, die Doomsday Clock, neu einstellt.
Gestartet sind die Atomic Scientists bei sieben Minuten vor zwölf, seitdem geht es fröhlich vor und zurück: 1953 zum Beispiel auf zwei vor zwölf, als die USA und die Sowjetunion jeweils eine Wasserstoffbombe gebaut und getestet hatten. 1991, also nach dem Ende des Kalten Krieges, ging es auch mal auf entspannte 17 Minuten vor zwölf. Jetzt also 85 Sekunden, so knapp wie noch nie.
Ich weiß nicht, wie es Ihnen dabei geht, aber bei mir mischt sich da zum Unbehagen auch das irrige wohlige Gefühl von Bestätigung. Man muss ja nun wirklich nicht Nobelpreisträger:in sein, um zu bemerken, dass es derzeit nicht ganz so rosig auf unserem Planeten aussieht. Ist doch nett, wenn einem dann von intellektueller Autorität wissend zugenickt wird.
Kriege, Klima, KI, das kennen wir. Aber dann gibt es da eine ganz neue Bedrohung
Und auch bei der Begründung für die Sekundennähe zum Weltuntergang können wir Katastrophenangstgebeutelten quasi Bullshit-Bingo spielen. Die USA, Russland und China verhielten sich zunehmend aggressiv, feindselig und nationalistisch, und viel zu viele Staats- und Regierungschefs seien selbstgefällig und gleichgültig geworden. Geschenkt. Die militärischen Konflikte und das – auch atomare – Wettrüsten sind fürs Sicherheitsgefühl auch eher schlecht, klar; vielleicht drohen uns sogar Konflikte im Weltall, hui.
Dann die Klimakrise: So viel CO₂ wie noch nie, so heiß wie noch nie, so hohe Meeresspiegel wie noch nie, 60.000 Hitzetote in Europa, 350.000 Vertriebene durch die Überschwemmungen im Kongo-Flussbecken, eine Million Vertriebene in Brasilien durch Rekordregen, Donald Trump (mehr muss ich dazu, glaube ich, nicht sagen) – alles genauso furchtbar wie bekannt. Auch der nächste Punkt, „Die KI-Revolution hat das Potenzial, das bestehende Chaos und die Dysfunktionalität im weltweiten Informationsökosystem zu beschleunigen“ – ein alter Bekannter, sehen wir ja jetzt schon.
Da will man sich schon fast ein bisschen gelangweilt in vertrauter Weltuntergangsstimmung zurücklehnen, da kommt dann doch noch ein Schocker: Spiegelzellen. Falls Sie von denen auch noch nie gehört haben: Das sind die Spiegelbilder der auf der Erde vorkommenden Moleküle, so ähnlich wie unsere linke Hand die rechte Hand spiegelt. Sie könnten uns alle umbringen. Noch gibt es sie erst nur als theoretische Möglichkeit, nicht in der Wirklichkeit, aber es wird daran geforscht.
Na Mahlzeit, eine Gefahr, die es noch gar nicht gibt, uns aber alle auslöschen könnte
Das Gefährliche an ihnen ist: Nicht gespiegelte Moleküle können gegen gespiegelte Moleküle nichts ausrichten. Das ist vor allem bei Spiegelbakterien ein echtes Problem, weil unser Immunsystem gegen sie komplett machtlos wäre. Spiegelzellen könnten deswegen „möglicherweise das gesamte Leben auf der Erde zerstören“.
Das droht uns jetzt noch nicht sofort, die Erfindung der Spiegelzellen wird laut einem Forschungsbericht bestimmt noch so zehn Jahre dauern. Wir könnten die Weltuntergangsuhr dann eigentlich noch mal ein bisschen zurückstellen, finde ich, aber ich will nicht kleinlich sein. Und falls Sie das alles schon wussten, darf ich Ihnen jetzt immerhin gratulieren: Sie haben beim Bingo gewonnen.
Doomsday Clock, neu einstellt.Gestartet sind die Atomic Scientists bei sieben Minuten vor zwölf, seitdem geht es fröhlich vor und zurück: 1953 zum Beispiel auf zwei vor zwölf, als die USA und die Sowjetunion jeweils eine Wasserstoffbombe gebaut und getestet hatten. 1991, also nach dem Ende des Kalten Krieges, ging es auch mal auf entspannte 17 Minuten vor zwölf. Jetzt also 85 Sekunden, so knapp wie noch nie.Ich weiß nicht, wie es Ihnen dabei geht, aber bei mir mischt sich da zum Unbehagen auch das irrige wohlige Gefühl von Bestätigung. Man muss ja nun wirklich nicht Nobelpreisträger:in sein, um zu bemerken, dass es derzeit nicht ganz so rosig auf unserem Planeten aussieht. Ist doch nett, wenn einem dann von intellektueller Autorität wissend zugenickt wird.Kriege, Klima, KI, das kennen wir. Aber dann gibt es da eine ganz neue BedrohungUnd auch bei der Begründung für die Sekundennähe zum Weltuntergang können wir Katastrophenangstgebeutelten quasi Bullshit-Bingo spielen. Die USA, Russland und China verhielten sich zunehmend aggressiv, feindselig und nationalistisch, und viel zu viele Staats- und Regierungschefs seien selbstgefällig und gleichgültig geworden. Geschenkt. Die militärischen Konflikte und das – auch atomare – Wettrüsten sind fürs Sicherheitsgefühl auch eher schlecht, klar; vielleicht drohen uns sogar Konflikte im Weltall, hui.Dann die Klimakrise: So viel CO₂ wie noch nie, so heiß wie noch nie, so hohe Meeresspiegel wie noch nie, 60.000 Hitzetote in Europa, 350.000 Vertriebene durch die Überschwemmungen im Kongo-Flussbecken, eine Million Vertriebene in Brasilien durch Rekordregen, Donald Trump (mehr muss ich dazu, glaube ich, nicht sagen) – alles genauso furchtbar wie bekannt. Auch der nächste Punkt, „Die KI-Revolution hat das Potenzial, das bestehende Chaos und die Dysfunktionalität im weltweiten Informationsökosystem zu beschleunigen“ – ein alter Bekannter, sehen wir ja jetzt schon.Da will man sich schon fast ein bisschen gelangweilt in vertrauter Weltuntergangsstimmung zurücklehnen, da kommt dann doch noch ein Schocker: Spiegelzellen. Falls Sie von denen auch noch nie gehört haben: Das sind die Spiegelbilder der auf der Erde vorkommenden Moleküle, so ähnlich wie unsere linke Hand die rechte Hand spiegelt. Sie könnten uns alle umbringen. Noch gibt es sie erst nur als theoretische Möglichkeit, nicht in der Wirklichkeit, aber es wird daran geforscht.Na Mahlzeit, eine Gefahr, die es noch gar nicht gibt, uns aber alle auslöschen könnteDas Gefährliche an ihnen ist: Nicht gespiegelte Moleküle können gegen gespiegelte Moleküle nichts ausrichten. Das ist vor allem bei Spiegelbakterien ein echtes Problem, weil unser Immunsystem gegen sie komplett machtlos wäre. Spiegelzellen könnten deswegen „möglicherweise das gesamte Leben auf der Erde zerstören“.Das droht uns jetzt noch nicht sofort, die Erfindung der Spiegelzellen wird laut einem Forschungsbericht bestimmt noch so zehn Jahre dauern. Wir könnten die Weltuntergangsuhr dann eigentlich noch mal ein bisschen zurückstellen, finde ich, aber ich will nicht kleinlich sein. Und falls Sie das alles schon wussten, darf ich Ihnen jetzt immerhin gratulieren: Sie haben beim Bingo gewonnen.