Robert Habeck hat eine Gesprächsreihe im Theater „Berliner Ensemble“. An diesem Sonntag fand unter dem Titel „Wozu Kulturkampf?“ die dritte Folge statt. Allerdings kam der ehemalige Wirtschaftsminister ziemlich spät …


Kam zu spät, weil er auf einer Nahost-Konferenz war – Robert Habeck

Foto: Jörg Brüggemann


War Robert Habeck ein guter Politiker? Darüber gehen die Meinungen auseinander. Ist Robert Habeck ein guter Moderator? Um das zu prüfen, ging es am Wochenende ins Theater. Im Berliner Ensemble führt der ehemalige Vizekanzler seit Oktober die Gesprächsreihe „Habeck live“. An diesem Sonntag waren die Schriftstellerin Nora Bossong und der Herausgeber der FAZ Jürgen Kaube zu Gast. Nora Bossong gilt als kluge Beobachterin der Demokratie und ihrer Probleme, und Kaube als ein gnadenloser Beobachter der Beobachter, der meist schon die Beschreibung eines Problems für problematisch hält. So auch die Fragestellung der aktuellen Ausgabe des Formats: „Wozu Kulturkampf?“ Kämpfe gibt es, ja sicher, aber von welcher Kultur ist da die Rede?

Wie würde sich Habeck in dieser Runde schlagen? Beantwortet werden konnte diese Frage erst einmal nicht, denn Habeck war nicht da. Er kam von einer Konferenz im Nahen Osten, sein Flieger hatte sich um zehn Stunden verspätet, jetzt saß er im Taxi auf dem Weg von Schönefeld nach Mitte. Bis er da sein würde, übernahm Andrea Paluch, Schriftstellerin und Ehefrau von Habeck, die Moderation im ausverkauften Saal. Bis zu seiner Ankunft hatte man unter anderem erörtert:

  • was der Kulturkampf im neunzehnten Jahrhundert bedeutet, als sich Bismarck und die katholische Kirche gegenüberstanden. Damals galt es konkret die kirchliche Macht zu beschränken. Heute werden die Kämpfe in und mit der Zivilgesellschaft ausgefochten.
  • dass man mit Kultur verschiedenes meinen kann, und es nichts gibt, das nicht auch als Kultur gesehen werden kann (Kaube als Mitglied der „Akademie für Fußballkultur“). Bedenkenswert die Definition von Kaube: Man braucht einen Kulturbegriff, um Dinge zusammenzubringen, die nicht zusammengehören. Was zum Beispiel soll eine „Leitkultur“ sein?
  • dass Antonio Gramsci mit seinem Begriff der „kulturellen Hegemonie“ eine gute Folie für den Kulturkampf (den es evtl. gar nicht gibt) geliefert hat. Es geht hier um die Macht im „vorpolitischen Raum“.
  • dass es tatsächlich immer um einen Kampf geht. Dass diese Kämpfe aber alle in Karlsruhe enden, siehe Abtreibung.
  • dass das, was man einen Kulturkampf bezeichnet, möglicherweise immer ein Kampf gegen die Gewaltenteilung meint.

Nach fünfzig Minuten tritt Habeck atemlos auf die Bühne und ist sofort in der Diskussion. Er hat im Taxi übers Handy zugehört. „Ist Kulturkampf also gerade der Versuch, die Gewaltenteilung aufzuheben, Herr Kaube?“ „Niemand von rechts wird sagen, dass die Gewaltenteilung weg muss. Es dient der Verwirrung der Begriffe.“

Habeck ist nicht Lanz

Habeck ist „nicht Lanz“, wie er an einer Stelle sagt. Er will mehr, will die „Logik des Kulturkampfs“ (den es vielleicht gar nicht gibt) erörtern. In seine Moderation fließt die Erfahrung seiner Zeit als Wirtschaftsminister ein. Er spricht von einem Problem, das ihn offensichtlich umtreibt. Die angestrebte ökologische Transformation löst Stress aus. Es droht Statusverlust. Auch Jobverlust. Aber darüber sprechen die Leute nicht, ist ja auch schwer darüber zu sprechen. Also spricht man lieber über anderes. „Und dann trägt das Lastenfahrrad die Schuld, dass es der Automobilindustrie schlecht geht.“ Kulturkampf als Ersatzhandlung.

Habeck, der doch so sehr von der Kultur kommt (Philosoph, Schriftsteller), ist deprimiert, dass es eine „kulturelle Aufladung von Sachthemen“ gab und gibt. Als Beispiel nennt er den erbitterten Kampf um das sogenannte Heizungsgesetz. Die affektive Aufladung einer Wärmepumpe. Dass gerade er, der große Kommunikator hier nicht sehr gut kommuniziert und die Debatte erhitzt hatte, verschweigt er. Dabei geht es für Habeck in der Politik nicht ohne Emotionen.

Er berichtet, dass er neulich in den USA an einem Seminar über Empathieforschung teilgenommen hat. Man setzt sich auf die freien Plätze in einem Bus nach einem Muster, man folgt einem Politiker, einer Politikerin in einer Talkshow nach der „B-Haltungsnote“. Hat man Empathie für jemanden, kann man sich dessen Argumente zurechtlegen. Habeck hat sich immer um eine gute B-Haltungsnote bemüht. Aber gerade das, was er für eine Stärke hielt: nahbar zu sein, mit den „Leuten“ zu sprechen, ging anderen Leuten auf den Keks, erinnert sei an die Küchengespräche.

Steckt in den Kulturkämpfen nicht eine Sehnsucht nach einem „Wir“? Nora Bossong spricht von Loyalitäten. Die waren schon im 19. Jahrhundert wichtig, und sind es heute immer noch. Gruppenbildungen scheinen unumgänglich. Bossong bringt den Begriff der Identität ins Spiel. Auch Habeck hält die Herstellung eines Wir für unumgänglich. „Aufgeklärter Patriotismus“, „europäischer Patriotismus“, etwas in der Art, er hat es als Kanzlerkandidat versucht zu vermitteln, und ging damit vielen Leuten abermals auf den Wecker.

Das Lob der Indifferenz

Auch Kaube hält nicht viel von diesem Wir. Er will lieber von Interessen sprechen. Die sind in einer ausdifferenzierten Gesellschaft sehr vielschichtig. Er spricht den deutlichen Satz: „Mich deprimiert, dass Menschen Parteien wählen, die erkennbar nicht ihren Interessen entsprechen.“ Außerdem singt Kaube das Lob der Indifferenz. Viele Leute haben keine Meinung, ob vegane Menschen bessere Menschen sind oder nicht. Habeck bitter: „Ich hätte mir viel mehr Indifferenz gewünscht.“

Einig ist man sich in der Runde, dass Kulturkämpfe auch eine Folge davon sind, dass Ideologien an Bindekraft verloren haben. Habeck erinnert an Francis Fukuyamas „Ende der Geschichte“ mit dem weltweiten Siegeszug der liberal-kapitalistischen Demokratien. Diese These scheint widerlegt. Kaube gibt ihm dennoch recht. „Kulturkämpfe könnten eine Art Phantomschmerzen sein.“

Am Ende fasst Habeck die Diskussion zusammen: Kulturkämpfe haben die Funktion, Gruppen zu bilden. Gesellschaftliche Themen, die schwer zu greifen sind, werden in Kulturkämpfe übersetzt. Am Ende der Ideologien ist ein Leerraum entstanden, in dem die Kulturkämpfe eintreten. „Das hier war kein Parteitag.“

Kaube und Bossong wollten nicht widersprechen. Nicht diskutiert wurde über die angekündigten Fragen: „Wie verändert sich der öffentliche Raum, wenn Kunst politisch vereinnahmt wird – und was bleibt, wenn der Diskurs selbst zur Bühne wird?“

Aber genau das passierte natürlich hier: Der Diskurs selbst wurde zur Bühne. Ist das schlecht? Nein. Spielte Habeck seine Rolle gut? Ich würde sagen ja. Hier kann er mit seiner Mischung aus saloppem Gespräch („Alter!“) und Geistesgegenwart brillieren. Oder noch einfacher. Hier kann er zur Freude seines Publikums ausleben, was ihm als übel genommen wurde: Gut reden. Oder um es etwas freundlicher auszudrücken: gut laut nachdenken.

Und hier bewahrheitet sich, was er in der politischen Kommunikation etwas allzu dick aufgetragen hatte: Dass er außerdem gut zuhören kann. Dass er seine Erfahrung als Wirtschaftsminister und Kanzlerkandidat ins Gespräch bringt, kann man ihm jetzt auch nicht verübeln, und auch nicht, dass er die Gesprächsthemen so wählt, dass er sie einbringen kann. Last but not least hat er Sinn für Pointen. Die Verspätung kam zustande, weil er auf einer Tagung im Nahen Osten war. Zwei Dinge seien ihm klar geworden: Europa und die Demokratie interessierten dort niemanden.

Diskutiert wurde dieser Befund nicht mehr.

und Kaube als ein gnadenloser Beobachter der Beobachter, der meist schon die Beschreibung eines Problems für problematisch hält. So auch die Fragestellung der aktuellen Ausgabe des Formats: „Wozu Kulturkampf?“ Kämpfe gibt es, ja sicher, aber von welcher Kultur ist da die Rede?Wie würde sich Habeck in dieser Runde schlagen? Beantwortet werden konnte diese Frage erst einmal nicht, denn Habeck war nicht da. Er kam von einer Konferenz im Nahen Osten, sein Flieger hatte sich um zehn Stunden verspätet, jetzt saß er im Taxi auf dem Weg von Schönefeld nach Mitte. Bis er da sein würde, übernahm Andrea Paluch, Schriftstellerin und Ehefrau von Habeck, die Moderation im ausverkauften Saal. Bis zu seiner Ankunft hatte man unter anderem erörtert:was der Kulturkampf im neunzehnten Jahrhundert bedeutet, als sich Bismarck und die katholische Kirche gegenüberstanden. Damals galt es konkret die kirchliche Macht zu beschränken. Heute werden die Kämpfe in und mit der Zivilgesellschaft ausgefochten.dass man mit Kultur verschiedenes meinen kann, und es nichts gibt, das nicht auch als Kultur gesehen werden kann (Kaube als Mitglied der „Akademie für Fußballkultur“). Bedenkenswert die Definition von Kaube: Man braucht einen Kulturbegriff, um Dinge zusammenzubringen, die nicht zusammengehören. Was zum Beispiel soll eine „Leitkultur“ sein?dass Antonio Gramsci mit seinem Begriff der „kulturellen Hegemonie“ eine gute Folie für den Kulturkampf (den es evtl. gar nicht gibt) geliefert hat. Es geht hier um die Macht im „vorpolitischen Raum“.dass es tatsächlich immer um einen Kampf geht. Dass diese Kämpfe aber alle in Karlsruhe enden, siehe Abtreibung.dass das, was man einen Kulturkampf bezeichnet, möglicherweise immer ein Kampf gegen die Gewaltenteilung meint.Nach fünfzig Minuten tritt Habeck atemlos auf die Bühne und ist sofort in der Diskussion. Er hat im Taxi übers Handy zugehört. „Ist Kulturkampf also gerade der Versuch, die Gewaltenteilung aufzuheben, Herr Kaube?“ „Niemand von rechts wird sagen, dass die Gewaltenteilung weg muss. Es dient der Verwirrung der Begriffe.“Habeck ist nicht LanzHabeck ist „nicht Lanz“, wie er an einer Stelle sagt. Er will mehr, will die „Logik des Kulturkampfs“ (den es vielleicht gar nicht gibt) erörtern. In seine Moderation fließt die Erfahrung seiner Zeit als Wirtschaftsminister ein. Er spricht von einem Problem, das ihn offensichtlich umtreibt. Die angestrebte ökologische Transformation löst Stress aus. Es droht Statusverlust. Auch Jobverlust. Aber darüber sprechen die Leute nicht, ist ja auch schwer darüber zu sprechen. Also spricht man lieber über anderes. „Und dann trägt das Lastenfahrrad die Schuld, dass es der Automobilindustrie schlecht geht.“ Kulturkampf als Ersatzhandlung.Habeck, der doch so sehr von der Kultur kommt (Philosoph, Schriftsteller), ist deprimiert, dass es eine „kulturelle Aufladung von Sachthemen“ gab und gibt. Als Beispiel nennt er den erbitterten Kampf um das sogenannte Heizungsgesetz. Die affektive Aufladung einer Wärmepumpe. Dass gerade er, der große Kommunikator hier nicht sehr gut kommuniziert und die Debatte erhitzt hatte, verschweigt er. Dabei geht es für Habeck in der Politik nicht ohne Emotionen.Er berichtet, dass er neulich in den USA an einem Seminar über Empathieforschung teilgenommen hat. Man setzt sich auf die freien Plätze in einem Bus nach einem Muster, man folgt einem Politiker, einer Politikerin in einer Talkshow nach der „B-Haltungsnote“. Hat man Empathie für jemanden, kann man sich dessen Argumente zurechtlegen. Habeck hat sich immer um eine gute B-Haltungsnote bemüht. Aber gerade das, was er für eine Stärke hielt: nahbar zu sein, mit den „Leuten“ zu sprechen, ging anderen Leuten auf den Keks, erinnert sei an die Küchengespräche.Steckt in den Kulturkämpfen nicht eine Sehnsucht nach einem „Wir“? Nora Bossong spricht von Loyalitäten. Die waren schon im 19. Jahrhundert wichtig, und sind es heute immer noch. Gruppenbildungen scheinen unumgänglich. Bossong bringt den Begriff der Identität ins Spiel. Auch Habeck hält die Herstellung eines Wir für unumgänglich. „Aufgeklärter Patriotismus“, „europäischer Patriotismus“, etwas in der Art, er hat es als Kanzlerkandidat versucht zu vermitteln, und ging damit vielen Leuten abermals auf den Wecker.Das Lob der IndifferenzAuch Kaube hält nicht viel von diesem Wir. Er will lieber von Interessen sprechen. Die sind in einer ausdifferenzierten Gesellschaft sehr vielschichtig. Er spricht den deutlichen Satz: „Mich deprimiert, dass Menschen Parteien wählen, die erkennbar nicht ihren Interessen entsprechen.“ Außerdem singt Kaube das Lob der Indifferenz. Viele Leute haben keine Meinung, ob vegane Menschen bessere Menschen sind oder nicht. Habeck bitter: „Ich hätte mir viel mehr Indifferenz gewünscht.“Einig ist man sich in der Runde, dass Kulturkämpfe auch eine Folge davon sind, dass Ideologien an Bindekraft verloren haben. Habeck erinnert an Francis Fukuyamas „Ende der Geschichte“ mit dem weltweiten Siegeszug der liberal-kapitalistischen Demokratien. Diese These scheint widerlegt. Kaube gibt ihm dennoch recht. „Kulturkämpfe könnten eine Art Phantomschmerzen sein.“Am Ende fasst Habeck die Diskussion zusammen: Kulturkämpfe haben die Funktion, Gruppen zu bilden. Gesellschaftliche Themen, die schwer zu greifen sind, werden in Kulturkämpfe übersetzt. Am Ende der Ideologien ist ein Leerraum entstanden, in dem die Kulturkämpfe eintreten. „Das hier war kein Parteitag.“Kaube und Bossong wollten nicht widersprechen. Nicht diskutiert wurde über die angekündigten Fragen: „Wie verändert sich der öffentliche Raum, wenn Kunst politisch vereinnahmt wird – und was bleibt, wenn der Diskurs selbst zur Bühne wird?“Aber genau das passierte natürlich hier: Der Diskurs selbst wurde zur Bühne. Ist das schlecht? Nein. Spielte Habeck seine Rolle gut? Ich würde sagen ja. Hier kann er mit seiner Mischung aus saloppem Gespräch („Alter!“) und Geistesgegenwart brillieren. Oder noch einfacher. Hier kann er zur Freude seines Publikums ausleben, was ihm als übel genommen wurde: Gut reden. Oder um es etwas freundlicher auszudrücken: gut laut nachdenken.Und hier bewahrheitet sich, was er in der politischen Kommunikation etwas allzu dick aufgetragen hatte: Dass er außerdem gut zuhören kann. Dass er seine Erfahrung als Wirtschaftsminister und Kanzlerkandidat ins Gespräch bringt, kann man ihm jetzt auch nicht verübeln, und auch nicht, dass er die Gesprächsthemen so wählt, dass er sie einbringen kann. Last but not least hat er Sinn für Pointen. Die Verspätung kam zustande, weil er auf einer Tagung im Nahen Osten war. Zwei Dinge seien ihm klar geworden: Europa und die Demokratie interessierten dort niemanden.Diskutiert wurde dieser Befund nicht mehr.



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