Die „Ukrainisierung“ der russischsprachigen Stadt am Schwarzen Meer stößt an Grenzen. Sie werden umso sichtbarer, je länger der Krieg dauert. Die Menschen sind von seinem Sinn nicht mehr überzeugt, die Zahl der Kriegsdienstgegner wächst
Die Hafenstadt Odessa hat der Luftkrieg nicht verschont
Foto: Oleksandr Gimanov/Getty Images
Nach einer schlaflosen Nacht in einem völlig überhitzten Schlafwagen komme ich früh am Morgen in Odessa an, der drittgrößten Stadt der Ukraine. Anna holt mich ab und bringt mich zu einer Wohnung im Zentrum. Ich habe sie aus einem halben Dutzend ausgesucht. Es war das einzige Apartment mit Strom und Heizung, bei allen anderen gab es Strom nur wenige Stunden am Tag und – da mit dem Strom auch geheizt werden muss – nur in dieser Zeit ein wenig Wärme.
Am Tag darauf laufe ich durch die Innenstadt mit den zweistöckigen Häusern aus dem 19. Jahrhundert, als das erst 1794 gegründete Odessa die am schnellsten wachsende Stadt des Zarenreiches war. Über den Hafen wurden das Getreide und die Bodenschätze aus den Steppengebieten verschifft, die das Russische Reich nomadisierenden Tataren entrissen hatte.
Eine sagenhaft reiche Oberschicht warb die besten Architekten Europas an, die der Stadt am Schwarzen Meer Bauwerke wie das Opernhaus oder die Passage schenkten, die Vorbildern in Wien oder Mailand kaum nachstanden. Die Steppe, aus der Odessa seinen Wohlstand zog, wurde als „Neurussland“ bezeichnet und mit Einwanderern aus allen möglichen Ländern, darunter viele Deutsche, besiedelt.
Die Lingua franca dieses Völkergemischs war Russisch, was bis heute so geblieben ist. Allerdings hat Odessa seinen ganz eigenen, mit vielen Wörtern aus dem Jiddischen durchsetzten Slang, der aus dem 19. Jahrhundert stammt, als ein Drittel der Bevölkerung Juden waren. Hinzu kommen viel Wortwitz und eine eigentümliche Sprechweise, weder typisch russisch noch typisch ukrainisch.
Der „Seemann“ verschwand
Im Zentrum sind viele Geschäfte geschlossen, und der Lärm der Generatoren ist streckenweise so erschlagend, dass man kaum sein eigenes Wort versteht. Kam es vor einem Jahr noch vor, dass in einem Café oder Restaurant darauf bestanden wurde, nur Ukrainisch oder Englisch zu sprechen, ist es diesmal nur noch in einem Buchladen so. Ein Besucher, den ich um Hilfe bitte, erklärt mir außerhalb des Ladens, dass die Angestellten zwar wie jeder hier Russisch sprechen könnten, aber dies unterließen aus Angst um ihre Arbeit.
In einem Bistro in der Nähe der berühmten Potemkinschen Treppe komme ich mit Sweta, einer jungen Angestellten, ins Gespräch. Sie ist aus einer kleinen Stadt am Dnjepr hierhergezogen. Dort gab es keine Arbeit. In wenigen Tagen will sie zurück, weil man in Odessa „nicht mehr leben kann“.
Was sie vom Krieg denkt? Ihre Großmutter bekomme nach einem langen Arbeitsleben umgerechnet 100 Euro im Monat, und ein junger Mann aus ihrem Ort, der im Krieg beide Beine verloren habe, erhalte eine so geringe Invalidenrente, dass er sich schäme, den genauen Betrag anzugeben. Und das bei der allbekannten Korruption der Kriegsgewinnler, die sich mit westlichen Geldern die Taschen füllen und ihre teuren Autos in Odessa unverschämt zur Schau stellen. Wieso solle man für einen solchen Staat kämpfen? Sie könne jeden Kriegsdienstverweigerer, hier „Uchiliant“ genannt, verstehen.
Befreiung vom Krieg für 10.000 oder 25.000 Dollar
Am selben Tag treffe ich mich mit Nikolai, auch er ein „Uchiliant“, Anfang 30, lange Haare, dünner Schnurrbart. Am liebsten spricht er ein mit Flüchen durchsetztes Englisch. Das hat er von einem Amerikaner, mit dem er in seiner Heimatstadt Mykolajiw jahrelang in verschiedenen Punkbands gespielt hat. Fünf Tage in der Woche arbeitet er als Dispatcher und dirigiert über das Internet Lastwagen durch den Mittleren Westen der USA.
Nikolai wohnt im 21. Stock eines Hochhauses und braucht ohne Lift jedes Mal eine halbe Stunde, um hinunter- und wieder hinaufzukommen, sodass er die Wohnung nur am Wochenende verlässt. Als ich ihn bei meinem Besuch vor einem Jahr traf, erzählte er mir, dass er sich selten hinauswage. Mittlerweile wagt er sich sogar in die Innenstadt. Nicht weil es ungefährlicher geworden sei, sondern weil er befürchte, sonst verrückt zu werden.
Nikolai erinnert mich an Dima, einen Freund, den ich in Kiew getroffen und bei dem ich gewohnt habe. Als Erstes warnte er mich, nur noch mit Pass auf die Straße zu gehen. Die TZK – die berüchtigten Zwangsrekrutierer, im Volksmund „Busifizierer“ genannt, weil sie ihre Opfer in Kleinbusse verfrachten – würden jetzt auch in der Innenstadt auf Menschenjagd gehen. Da könne schnell jemand einkassiert werden, der sich später als Ausländer herausstellt. Ein berühmter Fall in letzter Zeit war ein russischer Staatsangehöriger, der erst einige Tage in Gewahrsam verbrachte, bevor er nachweisen konnte, kein Ukrainer zu sein.
Bliebe noch der illegale Grenzübertritt, als dessen billigste Variante
Lange unterhielt ich mich mit Dima über seine Situation. Klar war, sollte das TZK ihn schnappen, hatte er nur noch geringe Überlebenschancen. Eine Alternative wäre ein sogenannter „Bron“, ein Schriftstück, das ihn als UK – als unabkömmlich, weil kriegswichtig – ausweist. Man bekommt es für 10.000 Dollar. Allerdings gilt es nur für ein Jahr. Dima glaubte nicht, dass der Krieg bis dahin vorbei sein würde. Was dann?
Bliebe noch der illegale Grenzübertritt, als dessen billigste Variante der Kauf einer Route mit Führer in den Karpaten in Betracht käme. Das kostet ein paar hundert Dollar, man wäre tagelang unterwegs und der Erfolg wäre keineswegs sicher, denn die Grenze wird mit Drohnen und Kameras überwacht. 10.000 Dollar koste es auch, so Dima, wenn man bereit sei, in einer sicheren Wohnung in Grenznähe zu warten, bis die Grenze passierbar sei. Das könne Wochen dauern. Und dann müsse man erst einmal von Kiew aus zur Grenze kommen. Schließlich gäbe es noch die Luxusvariante für 25.000 Dollar. In diesem Fall wird man mit dem Auto von seiner Wohnung abgeholt und durch einen offiziellen Grenzkontrollpunkt geschleust.
Nikolai und seiner Freundin ist alles egal
Nikolai in Odessa, der vor einem Jahr trotz seiner Wehrdienstverweigerung noch patriotisch gestimmt war, ist jetzt alles egal. Er will nur, dass der Krieg irgendwie endet. Seine Freundin, eine schweigsame Schönheit, sagt dasselbe. Was sagt der Dichter Konstantin Illizki? Der studierte Historiker war viele Jahre Herausgeber der ältesten Zeitschrift Odessas.
Für den Morjak (Seemann) schrieben Anfang der 1920er Jahre so berühmte Schriftsteller wie Konstantin Paustowski und Isaak Babel. Um den Morjak war es geschehen, als ein weiteres Erscheinen an die Bedingung gebunden wurde, dass die in Russisch erscheinende Auflage in gleicher Höhe in Ukrainisch herausgebracht werden müsse. Das Projekt war damit nicht mehr finanzierbar. Der Morjak verschwand. Das war vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine.
Mein Treffpunkt mit Illizki, das ehemalige Denkmal für die Stadtgründerin Katharina II., zeigt die Ukrainisierungspolitik, der Odessa ausgesetzt ist. Dieses Monument, das sich seit seiner Wiederaufstellung 2007 zu einem Wahrzeichen der Stadt entwickelt hatte, wurde im Dezember 2022 demontiert. Heute wehen hier ukrainische Fahnen. Mittlerweile haben die Bilderstürmer auch das Denkmal für den Dichter Alexander Puschkin ins Visier genommen, der Odessa einst für seine liberale Atmosphäre gepriesen hatte.
Das in den Boden eingelassene russische Zitat aus seinem Werk hat man bereits entfernt. Bürgermeister Hennadij Truchanow, der sich gegen einen Abriss ausgesprochen und auch sonst einigen Widerstand gegen die „Entkolonialisierung“ geleistet hatte, ist Ende 2025 abgesetzt worden, weil er angeblich russischer Staatsbürger sei. Jetzt steht Odessa unter Militärverwaltung.
Keine Frage, all das schmerzt den russischsprachigen Dichter Konstantin Illizki, der seine Heimatstadt und ihre Geschichte innig liebt. Trotzdem ist der bereits 75 Jahre alte Odesset der Einzige, der vorbehaltlos für die Weiterführung des Krieges eintritt. Russland und Putin dürften nicht gewinnen, sonst kehre die alte Unfreiheit wieder, die er in der Sowjetzeit zur Genüge kennengelernt habe. Groteske Vorgänge wie die Umstellung aller Schulen auf Ukrainisch in einer russischsprachigen Stadt würden nach dem Krieg wieder korrigiert, hofft er zumindest.
Gebt Putin den verfluchten Donbass
Abends holt mich die Maklerin Anna wieder ab und bringt mich zum Bahnhof. Unterwegs bricht es aus ihr heraus, wie satt sie alles habe. Dass all die Männer sich verstecken müssten und überhaupt kein Ende des Krieges in Sicht sei. Als ich sie frage, ob alle so denken, bejaht sie das ausdrücklich. Ihrer Meinung nach solle man Wladimir Putin den verfluchten Donbass geben und Frieden schließen. Es gehe einfach nicht mehr.
Selbst Witalij Kim, von Präsident Selenskyj eingesetzter Gouverneur der Nachbarregion Mykolajiw, scheint inzwischen dieser Meinung zu sein. Unterwegs nach Kiew lese ich im englischen Independent, Kim sei der Meinung, dass Frieden jetzt wichtiger sei als die Rückeroberung irgendwelcher Gebiete. „Für das ukrainische Volk bedeutet Sieg meiner Meinung nach einfach nur, dass der Krieg beendet wird“, wird er zitiert. Da lehnt sich jemand ziemlich weit aus dem Fenster.
mit den zweistöckigen Häusern aus dem 19. Jahrhundert, als das erst 1794 gegründete Odessa die am schnellsten wachsende Stadt des Zarenreiches war. Über den Hafen wurden das Getreide und die Bodenschätze aus den Steppengebieten verschifft, die das Russische Reich nomadisierenden Tataren entrissen hatte.Eine sagenhaft reiche Oberschicht warb die besten Architekten Europas an, die der Stadt am Schwarzen Meer Bauwerke wie das Opernhaus oder die Passage schenkten, die Vorbildern in Wien oder Mailand kaum nachstanden. Die Steppe, aus der Odessa seinen Wohlstand zog, wurde als „Neurussland“ bezeichnet und mit Einwanderern aus allen möglichen Ländern, darunter viele Deutsche, besiedelt.Die Lingua franca dieses Völkergemischs war Russisch, was bis heute so geblieben ist. Allerdings hat Odessa seinen ganz eigenen, mit vielen Wörtern aus dem Jiddischen durchsetzten Slang, der aus dem 19. Jahrhundert stammt, als ein Drittel der Bevölkerung Juden waren. Hinzu kommen viel Wortwitz und eine eigentümliche Sprechweise, weder typisch russisch noch typisch ukrainisch.Der „Seemann“ verschwandIm Zentrum sind viele Geschäfte geschlossen, und der Lärm der Generatoren ist streckenweise so erschlagend, dass man kaum sein eigenes Wort versteht. Kam es vor einem Jahr noch vor, dass in einem Café oder Restaurant darauf bestanden wurde, nur Ukrainisch oder Englisch zu sprechen, ist es diesmal nur noch in einem Buchladen so. Ein Besucher, den ich um Hilfe bitte, erklärt mir außerhalb des Ladens, dass die Angestellten zwar wie jeder hier Russisch sprechen könnten, aber dies unterließen aus Angst um ihre Arbeit.In einem Bistro in der Nähe der berühmten Potemkinschen Treppe komme ich mit Sweta, einer jungen Angestellten, ins Gespräch. Sie ist aus einer kleinen Stadt am Dnjepr hierhergezogen. Dort gab es keine Arbeit. In wenigen Tagen will sie zurück, weil man in Odessa „nicht mehr leben kann“.Was sie vom Krieg denkt? Ihre Großmutter bekomme nach einem langen Arbeitsleben umgerechnet 100 Euro im Monat, und ein junger Mann aus ihrem Ort, der im Krieg beide Beine verloren habe, erhalte eine so geringe Invalidenrente, dass er sich schäme, den genauen Betrag anzugeben. Und das bei der allbekannten Korruption der Kriegsgewinnler, die sich mit westlichen Geldern die Taschen füllen und ihre teuren Autos in Odessa unverschämt zur Schau stellen. Wieso solle man für einen solchen Staat kämpfen? Sie könne jeden Kriegsdienstverweigerer, hier „Uchiliant“ genannt, verstehen.Befreiung vom Krieg für 10.000 oder 25.000 DollarAm selben Tag treffe ich mich mit Nikolai, auch er ein „Uchiliant“, Anfang 30, lange Haare, dünner Schnurrbart. Am liebsten spricht er ein mit Flüchen durchsetztes Englisch. Das hat er von einem Amerikaner, mit dem er in seiner Heimatstadt Mykolajiw jahrelang in verschiedenen Punkbands gespielt hat. Fünf Tage in der Woche arbeitet er als Dispatcher und dirigiert über das Internet Lastwagen durch den Mittleren Westen der USA.Nikolai wohnt im 21. Stock eines Hochhauses und braucht ohne Lift jedes Mal eine halbe Stunde, um hinunter- und wieder hinaufzukommen, sodass er die Wohnung nur am Wochenende verlässt. Als ich ihn bei meinem Besuch vor einem Jahr traf, erzählte er mir, dass er sich selten hinauswage. Mittlerweile wagt er sich sogar in die Innenstadt. Nicht weil es ungefährlicher geworden sei, sondern weil er befürchte, sonst verrückt zu werden.Nikolai erinnert mich an Dima, einen Freund, den ich in Kiew getroffen und bei dem ich gewohnt habe. Als Erstes warnte er mich, nur noch mit Pass auf die Straße zu gehen. Die TZK – die berüchtigten Zwangsrekrutierer, im Volksmund „Busifizierer“ genannt, weil sie ihre Opfer in Kleinbusse verfrachten – würden jetzt auch in der Innenstadt auf Menschenjagd gehen. Da könne schnell jemand einkassiert werden, der sich später als Ausländer herausstellt. Ein berühmter Fall in letzter Zeit war ein russischer Staatsangehöriger, der erst einige Tage in Gewahrsam verbrachte, bevor er nachweisen konnte, kein Ukrainer zu sein.Bliebe noch der illegale Grenzübertritt, als dessen billigste VarianteLange unterhielt ich mich mit Dima über seine Situation. Klar war, sollte das TZK ihn schnappen, hatte er nur noch geringe Überlebenschancen. Eine Alternative wäre ein sogenannter „Bron“, ein Schriftstück, das ihn als UK – als unabkömmlich, weil kriegswichtig – ausweist. Man bekommt es für 10.000 Dollar. Allerdings gilt es nur für ein Jahr. Dima glaubte nicht, dass der Krieg bis dahin vorbei sein würde. Was dann?Bliebe noch der illegale Grenzübertritt, als dessen billigste Variante der Kauf einer Route mit Führer in den Karpaten in Betracht käme. Das kostet ein paar hundert Dollar, man wäre tagelang unterwegs und der Erfolg wäre keineswegs sicher, denn die Grenze wird mit Drohnen und Kameras überwacht. 10.000 Dollar koste es auch, so Dima, wenn man bereit sei, in einer sicheren Wohnung in Grenznähe zu warten, bis die Grenze passierbar sei. Das könne Wochen dauern. Und dann müsse man erst einmal von Kiew aus zur Grenze kommen. Schließlich gäbe es noch die Luxusvariante für 25.000 Dollar. In diesem Fall wird man mit dem Auto von seiner Wohnung abgeholt und durch einen offiziellen Grenzkontrollpunkt geschleust.Nikolai und seiner Freundin ist alles egal Nikolai in Odessa, der vor einem Jahr trotz seiner Wehrdienstverweigerung noch patriotisch gestimmt war, ist jetzt alles egal. Er will nur, dass der Krieg irgendwie endet. Seine Freundin, eine schweigsame Schönheit, sagt dasselbe. Was sagt der Dichter Konstantin Illizki? Der studierte Historiker war viele Jahre Herausgeber der ältesten Zeitschrift Odessas.Für den Morjak (Seemann) schrieben Anfang der 1920er Jahre so berühmte Schriftsteller wie Konstantin Paustowski und Isaak Babel. Um den Morjak war es geschehen, als ein weiteres Erscheinen an die Bedingung gebunden wurde, dass die in Russisch erscheinende Auflage in gleicher Höhe in Ukrainisch herausgebracht werden müsse. Das Projekt war damit nicht mehr finanzierbar. Der Morjak verschwand. Das war vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine.Mein Treffpunkt mit Illizki, das ehemalige Denkmal für die Stadtgründerin Katharina II., zeigt die Ukrainisierungspolitik, der Odessa ausgesetzt ist. Dieses Monument, das sich seit seiner Wiederaufstellung 2007 zu einem Wahrzeichen der Stadt entwickelt hatte, wurde im Dezember 2022 demontiert. Heute wehen hier ukrainische Fahnen. Mittlerweile haben die Bilderstürmer auch das Denkmal für den Dichter Alexander Puschkin ins Visier genommen, der Odessa einst für seine liberale Atmosphäre gepriesen hatte.Das in den Boden eingelassene russische Zitat aus seinem Werk hat man bereits entfernt. Bürgermeister Hennadij Truchanow, der sich gegen einen Abriss ausgesprochen und auch sonst einigen Widerstand gegen die „Entkolonialisierung“ geleistet hatte, ist Ende 2025 abgesetzt worden, weil er angeblich russischer Staatsbürger sei. Jetzt steht Odessa unter Militärverwaltung.Keine Frage, all das schmerzt den russischsprachigen Dichter Konstantin Illizki, der seine Heimatstadt und ihre Geschichte innig liebt. Trotzdem ist der bereits 75 Jahre alte Odesset der Einzige, der vorbehaltlos für die Weiterführung des Krieges eintritt. Russland und Putin dürften nicht gewinnen, sonst kehre die alte Unfreiheit wieder, die er in der Sowjetzeit zur Genüge kennengelernt habe. Groteske Vorgänge wie die Umstellung aller Schulen auf Ukrainisch in einer russischsprachigen Stadt würden nach dem Krieg wieder korrigiert, hofft er zumindest.Gebt Putin den verfluchten DonbassAbends holt mich die Maklerin Anna wieder ab und bringt mich zum Bahnhof. Unterwegs bricht es aus ihr heraus, wie satt sie alles habe. Dass all die Männer sich verstecken müssten und überhaupt kein Ende des Krieges in Sicht sei. Als ich sie frage, ob alle so denken, bejaht sie das ausdrücklich. Ihrer Meinung nach solle man Wladimir Putin den verfluchten Donbass geben und Frieden schließen. Es gehe einfach nicht mehr.Selbst Witalij Kim, von Präsident Selenskyj eingesetzter Gouverneur der Nachbarregion Mykolajiw, scheint inzwischen dieser Meinung zu sein. Unterwegs nach Kiew lese ich im englischen Independent, Kim sei der Meinung, dass Frieden jetzt wichtiger sei als die Rückeroberung irgendwelcher Gebiete. „Für das ukrainische Volk bedeutet Sieg meiner Meinung nach einfach nur, dass der Krieg beendet wird“, wird er zitiert. Da lehnt sich jemand ziemlich weit aus dem Fenster.