Adam und Evas Vertreibung aus dem Paradies ist die erste uns bekannte Horrorgeschichte. Das Monster in Form einer Schlange verführte die ersten Menschen zur Erbsünde und brachte den Tod in die Welt. Moderne Horrorgeschichten ersetzen die Erbsünde durch Schuld- und Schamgefühle. Ob in The Shining oder Stranger Things quälen Schuldgefühle die Figuren, füttern das Monster. Kein anderes Genre verbindet so nachdrücklich Psyche mit Tod.
Mary Shelleys Frankenstein erweiterte Horror um die Moralphilosophie, indem sie fragte: Wer gehört zu uns? Und wen jagen wir? Nicht zufällig ist Frankensteins Monster ein Zwischenwesen. Es zu töten, heißt, dem Tod zu entkommen, aber auch, ein Mörder zu werden. Persönliche Horrorgeschichten handeln von jenen Momenten, in denen wir eine Schuld auf uns geladen haben, für die wir uns schämen.
Nationale Horrorgeschichten handeln von jenen Momenten, in denen unser Land eine Schuld auf sich geladen hat, für die es sich schämt.
Das Horrorexperiment
Das Dritte Reich ist unsere nationale Horrorgeschichte. Wie Dr. Frankenstein trugen wir einst antisemitische Geschichten als Körperteile zusammen, erschufen „das jüdische Monster“ und verwandelten uns selbst in ein Monster. Die Konzentrationslager als entsetzliche Orte erinnern daran.
Die meisten Länder hassen ihre Horrorgeschichte, spielen sie herunter oder bestreiten sie gänzlich. Stattdessen ergehen sie sich in glorreichen Erzählungen, auf die sie stolz sind.
Franzosen schauen lieber auf die Französische Revolution als auf ihre Kolonialgeschichte, Amerikaner lieber auf die Amerikanische Revolution als auf ihren Sklavenhandel. Ohne Selektion kein Patriotismus.
Niemand will das Monster im Spiegel sehen. Umso bewundernswerter ist das deutsche Experiment mit seiner Horrorgeschichte. Kein anderes Land erinnert sich so konsequent an seine Schuld wie Deutschland. Kein anderes Land identifiziert sich so hartnäckig mit seinem Genozid wie dieses, was angesicht der Monströsitat der Taten auch nicht verwundert.
Das Experiment zielt auf die Überwindung des Monsters durch Aufarbeitung. Schonungslos die eigenen Verbrechen zu benennen, ist keine Selbstverständlichkeit. Ich wünschte, mehr Länder würden ihre Geschichte als eine Geschichte von Verbrechern erzählen. Nicht aus Masochismus, sondern aus Ehrlichkeit. Aus Demut.
Nur wie gut hat das Experiment funktioniert?
Springe ich in meine Schulzeit zurück …
Nationale Erzählungen haben zwei Funktionen: Menschen zusammenzubringen und ihnen ein positives Selbstbild zu vermitteln. So erleichtern sie die Identifikation mit dem eigenen Land. Vermischt man sie mit dem Horrorgenre, hat das weitreichende Folgen. Nennen wir es das Monsterproblem. Egal, wie sehr sich ein Land mit seiner Horrorgeschichte auseinandersetzt, am Ende bleibt ein Monster in der Geschichte. Die Gefahr für das positive Selbstbild.
Springe ich in meine Schulzeit zurück, sehe ich genervte Gesichter, wenn wir Das Dritte Reich durchnehmen. Egal ob in Deutsch, Geschichte oder Politik – überall tauchte das Monster auf. Meine deutschen Mitschüler wollten nichts mit einer Vergangenheit zu tun haben, für die sie nichts konnten.
Meine migrantischen Mitschüler verbanden mit Hitler so viel wie mit Napoleon: nichts. Die meisten schalteten ab. Niemand schämte sich. Dabei ist Scham ein wichtiges Element im Horror. Der Theorie nach soll sie dazu führen, dass sich das große Verbrechen nicht mehr wiederholt.
Nur empfand niemand Scham.
Wie viele Migras schämen sich für die Naziverbrechen?
Auch ich nicht. Zwar war das Dritte Reich eine moralische Katastrophe, aber für mich weniger aus Scham als vielmehr aus Menschlichkeit. Wie viele Migras schämen sich für die Naziverbrechen? Fühlen sich dafür verantwortlich? Kaum welche. Aber nicht, weil sie es sich zu leicht machen, sondern weil sie bei diesem Experiment nie vorgesehen waren.
Horror hat als Erzählform eine warnende Funktion, weshalb die Protagonisten so oft in den Geschichten sterben. Wir sollen gar nicht erst an den Apfel denken. Deutschland sucht aber nicht nur den Apfel, sondern auch die Schlange, was uns zurück zum Monsterproblem führt.
Betrachten wir die Erinnerungskultur im Spiegel des Horrorgenres, verstehen wir aktuell gegenläufige Strömungen unserer Zeit besser. Zwei davon stechen ins Auge. Migranten, die sich oft fremd fühlten, prangern heute lautstark das Thema Rassismus an und greifen auf Mary Shelleys Frage zurück: Wer gehört zu uns? Stell dir Frankenstein als Aktivisten vor.
Rettung im Grundsatzprogramm
Deutsche, die sich nie mit der Täterrolle der Erinnerungskultur identifizieren konnten, wählen immer häufiger rechte Parteien und finden Rettung im Grundsatzprogramm der AfD, wo es heißt: „Die aktuelle Verengung der deutschen Erinnerungskultur auf die Zeit des Nationalsozialismus ist zugunsten einer erweiterten Geschichtsbetrachtung aufzubrechen, die auch die positiven, identitätsstiftenden Aspekte deutscher Geschichte mit umfasst.
Da ist der Schwenk ins Positive. Die Rückkehr in die alte nationale Erzählung.
Ein Teil Deutschlands will das Monster im Spiegel nicht mehr sehen.
Das Experiment mit dem Horrorgenre steht vor einer Bewährungsprobe. Die Sehnsucht nach Veränderung ist überall spürbar. Wohin diese Veränderung geht, weiß niemand, doch wir werden Shelleys Fragen auf die eine oder andere Weise beantworten müssen:
Wer gehört zu uns? Welches Monster werden wir diesmal jagen?
sönliche Horrorgeschichten handeln von jenen Momenten, in denen wir eine Schuld auf uns geladen haben, für die wir uns schämen.Nationale Horrorgeschichten handeln von jenen Momenten, in denen unser Land eine Schuld auf sich geladen hat, für die es sich schämt. Das HorrorexperimentDas Dritte Reich ist unsere nationale Horrorgeschichte. Wie Dr. Frankenstein trugen wir einst antisemitische Geschichten als Körperteile zusammen, erschufen „das jüdische Monster“ und verwandelten uns selbst in ein Monster. Die Konzentrationslager als entsetzliche Orte erinnern daran. Die meisten Länder hassen ihre Horrorgeschichte, spielen sie herunter oder bestreiten sie gänzlich. Stattdessen ergehen sie sich in glorreichen Erzählungen, auf die sie stolz sind.Franzosen schauen lieber auf die Französische Revolution als auf ihre Kolonialgeschichte, Amerikaner lieber auf die Amerikanische Revolution als auf ihren Sklavenhandel. Ohne Selektion kein Patriotismus.Niemand will das Monster im Spiegel sehen. Umso bewundernswerter ist das deutsche Experiment mit seiner Horrorgeschichte. Kein anderes Land erinnert sich so konsequent an seine Schuld wie Deutschland. Kein anderes Land identifiziert sich so hartnäckig mit seinem Genozid wie dieses, was angesicht der Monströsitat der Taten auch nicht verwundert.Das Experiment zielt auf die Überwindung des Monsters durch Aufarbeitung. Schonungslos die eigenen Verbrechen zu benennen, ist keine Selbstverständlichkeit. Ich wünschte, mehr Länder würden ihre Geschichte als eine Geschichte von Verbrechern erzählen. Nicht aus Masochismus, sondern aus Ehrlichkeit. Aus Demut. Nur wie gut hat das Experiment funktioniert?Springe ich in meine Schulzeit zurück …Nationale Erzählungen haben zwei Funktionen: Menschen zusammenzubringen und ihnen ein positives Selbstbild zu vermitteln. So erleichtern sie die Identifikation mit dem eigenen Land. Vermischt man sie mit dem Horrorgenre, hat das weitreichende Folgen. Nennen wir es das Monsterproblem. Egal, wie sehr sich ein Land mit seiner Horrorgeschichte auseinandersetzt, am Ende bleibt ein Monster in der Geschichte. Die Gefahr für das positive Selbstbild.Springe ich in meine Schulzeit zurück, sehe ich genervte Gesichter, wenn wir Das Dritte Reich durchnehmen. Egal ob in Deutsch, Geschichte oder Politik – überall tauchte das Monster auf. Meine deutschen Mitschüler wollten nichts mit einer Vergangenheit zu tun haben, für die sie nichts konnten.Meine migrantischen Mitschüler verbanden mit Hitler so viel wie mit Napoleon: nichts. Die meisten schalteten ab. Niemand schämte sich. Dabei ist Scham ein wichtiges Element im Horror. Der Theorie nach soll sie dazu führen, dass sich das große Verbrechen nicht mehr wiederholt.Nur empfand niemand Scham.Wie viele Migras schämen sich für die Naziverbrechen?Auch ich nicht. Zwar war das Dritte Reich eine moralische Katastrophe, aber für mich weniger aus Scham als vielmehr aus Menschlichkeit. Wie viele Migras schämen sich für die Naziverbrechen? Fühlen sich dafür verantwortlich? Kaum welche. Aber nicht, weil sie es sich zu leicht machen, sondern weil sie bei diesem Experiment nie vorgesehen waren.Horror hat als Erzählform eine warnende Funktion, weshalb die Protagonisten so oft in den Geschichten sterben. Wir sollen gar nicht erst an den Apfel denken. Deutschland sucht aber nicht nur den Apfel, sondern auch die Schlange, was uns zurück zum Monsterproblem führt.Betrachten wir die Erinnerungskultur im Spiegel des Horrorgenres, verstehen wir aktuell gegenläufige Strömungen unserer Zeit besser. Zwei davon stechen ins Auge. Migranten, die sich oft fremd fühlten, prangern heute lautstark das Thema Rassismus an und greifen auf Mary Shelleys Frage zurück: Wer gehört zu uns? Stell dir Frankenstein als Aktivisten vor.Rettung im Grundsatzprogramm Deutsche, die sich nie mit der Täterrolle der Erinnerungskultur identifizieren konnten, wählen immer häufiger rechte Parteien und finden Rettung im Grundsatzprogramm der AfD, wo es heißt: „Die aktuelle Verengung der deutschen Erinnerungskultur auf die Zeit des Nationalsozialismus ist zugunsten einer erweiterten Geschichtsbetrachtung aufzubrechen, die auch die positiven, identitätsstiftenden Aspekte deutscher Geschichte mit umfasst.Da ist der Schwenk ins Positive. Die Rückkehr in die alte nationale Erzählung.Ein Teil Deutschlands will das Monster im Spiegel nicht mehr sehen.Das Experiment mit dem Horrorgenre steht vor einer Bewährungsprobe. Die Sehnsucht nach Veränderung ist überall spürbar. Wohin diese Veränderung geht, weiß niemand, doch wir werden Shelleys Fragen auf die eine oder andere Weise beantworten müssen:Wer gehört zu uns? Welches Monster werden wir diesmal jagen?