Die Empörungsmaschine läuft hervorragend geölt: Heidi Reichinnek neben einem Audi A8 – sechssteilliger Listenpreis, Diesel, angeblich personalisiertes Kennzeichen. Gepostet natürlich von der als „Umweltpartei“ eher unbekannten AfD als „Doppelmoral-Beweis“ der Linke-Fraktionschefin. Die Berliner Zeitung hat gecheckt: Das ist kein Privatwagen, sondern ein geleastes Fraktionsfahrzeug der Fraktion, wie auch bei der AfD- und allen anderen Fraktionen üblich. Privat besitzt Reichinnek laut Fraktionssprecher kein Auto.
Mal wieder sehr viel Energie um nichts, die viele von uns aber – wie gewünscht – defokussieren ließ. Bisschen Ablenkung.
Denn mal ehrlich: Das Problem ist nicht Heidi Reichinnek. Das Problem ist jedoch durchaus in diesem Foto zu finden: Mobilität begreift diese Gesellschaft, insbesondere im Zusammenhang mit Spitzenpolitiker*innen und Führungskräften als Statussymbol – und nicht als Infrastrukturfrage. Das Problem ist ein System, in dem die Dienstwagenkultur – parteiübergreifend, in Bund und Ländern – Oberklasselimousinen als selbstverständlichen Standard definiert, während dieselben Politiker*innen in den Parlamenten über CO₂-Budgets debattieren.
Ein aktuelles Beispiel, das sehr viel weniger Aufmerksamkeit als Heidi Reichinnek bekommt: NRW-Finanzminister Marcus Optendrenk (CDU) ist seit wenigen Tagen wieder mit einem Diesel-Dienstwagen unterwegs. Konkret: ein Audi A8 L 50 TDI Quattro, laut Hersteller auf Kurzstrecken mit zehn Litern Verbrauch. Davor hatte er einen BMW i7 – rein elektrisch. Den gab er auf. Begründung gegenüber der WAZ: „Bei einem engen Terminkalender und langen Fahrten durch ein Flächenland wie Nordrhein-Westfalen stoßen sie an Grenzen.“
Politiker wechseln vom E-Autos auf Diesel-Dienstwagen
Das ist kein Einzelfall. In Nordrhein-Westfalen setzen inzwischen nur noch sieben von sechzehn Kabinettsmitgliedern auf E-Autos oder Hybridmodelle. NRW-Bauministerin Ina Scharrenbach (CDU) hatte bereits vorher zurück auf Diesel gewechselt – und hat für die nächste Periode wieder einen Diesel bestellt. Ministerpräsident Hendrik Wüst und Innenminister Herbert Reul (beide CDU) fahren gepanzerte Verbrenner-Limousinen.
Ich höre schon das schnelle Entschuldigen: Spitzenpolitiker*innen müssen gepanzert fahren, haben enge Terminpläne, müssen Flächenländer bereisen – das gehe eben nicht mit dem E-Auto. Ist das so?
Ich erinnere an Leonore Gewessler, ehemalige österreichische Klimaministerin, die konsequent auf Bahn, Nachtzug und Rad setzte – auch als Ministerin, auch für Termine, die andere Politiker*innen für „unzumutbar ohne Auto“ erklärt hätten. Sie hat demonstriert, dass es geht, wenn man es will. Und ja: Sie wurde manchmal nicht für die Ministerin gehalten, wenn sie mit dem Rad ankam.
Zohran Mamdani macht es vor: U-Bahn statt Auto
Ich erinnere an Zohran Mamdani, den neuen Bürgermeister von New York, der öffentlich kommuniziert, U-Bahn zu fahren. In New York. Als Bürgermeister. Nicht als PR-Gag einmal fürs Foto, sondern als Haltung. An Cem Özdemir, der zur Amtseinführung als Bundeslandwirtschaftsminister mit dem Fahrrad ankam. Symbolisch, ja. Aber ein Symbol, das etwas sagt über die Frage: Was zeige ich, wenn ich ankomme?
Diese Beispiele sind keine Einladung zur Neidgesellschaft und kein Aufruf zu performativer Bescheidenheit. Sie zeigen, dass es Spielraum gibt – politisch, praktisch, kulturell. Und dass der Spielraum nicht ausgeschöpft wird. Wer täglich Entscheidungen über Klimaschutz trifft, reist oft in einer anderen Welt. Und oft in der Luft.
Dabei wäre sehr viel möglich. Das Nachtzugnetz wächst wieder. Wien–Paris ist nachts bequem möglich. Die Bahn verbindet Berlin mit fast allen deutschen Großstädten in unter drei Stunden. Für viele Dienstreisen innerhalb Deutschlands ist der ICE schneller als Flug plus Weg zum Flughafen.
Der Zoom weg von Heidi Reichinnek
Jetzt zoomen wir heraus. Weit heraus.
Das reichste ein Prozent der Weltbevölkerung hatte am 10. Januar 2026 sein gesamtes CO₂-Jahresbudget aufgebraucht. Das hat Oxfam berechnet. Zum Vergleich: Die ärmere Hälfte der Menschheit braucht dafür über 1.000 Tage – das sind fast drei Jahre. Ab dem 11. Januar „plündern“ die Superreichen also buchstäblich die Treibhausgasbudgets aller anderen.
Und das sind nur die direkten Konsum-Emissionen. Die Investitionen dieser Menschen in fossile Industrien verursachen laut Oxfam noch einmal das 340-Fache dessen. Hinzu kommt, dass für viele von uns Menschen wie Taylor Swift und Jeff Bezos „Idole“ sind. Warum erlauben wir diese fossile Gier – aber ein Foto von Heidi Reichinnek vor einem Audi emotionalisiert?
Das ist kein Zufall. Das ist Ablenkung.
Die Empörung über den Audi A8 einer Linken-Politikerin ist kein Beitrag zur Klimadebatte. Sie ist ein Instrument, das gezielt davon ablenkt, wer die Klimakrise verursacht und wer die Mittel hätte, sie zu lösen. Während wir über das Kennzeichen eines Fraktionswagens diskutieren, haben die Superreichen dieser Welt bereits ihren nächsten Transatlantikflug im Privatjet hinter sich, ohne dass sie damit „sauer aufstoßen“.
Ein paar Ideen: Besteuerung von Privatjets, Superjachten, Kerosin
Das reichste Prozent der Deutschen besitzt 35 Prozent des gesamten Nettovermögens. Die Zahl der Milliardär*innen in Deutschland ist 2025 um ein Drittel auf 172 gestiegen. Ihr Gesamtvermögen: 840 Milliarden US-Dollar, inflationsbereinigt 30 Prozent mehr als im Vorjahr. In weniger als anderthalb Stunden verdienen diese Menschen das durchschnittliche Jahresgehalt in Deutschland.
Die Mechanik dieser Ablenkungsdebatten ist alt und sie funktioniert – weil sie an etwas Echtes andockt. Ja, Kohärenz von Politiker*innen ist wichtig. Ja, Dienstwagenkultur gehört reformiert. Ja, Symbole zählen.
Aber kein Symbol zählt so viel wie Strukturen. Und die Struktur, die wir brauchen, heißt: Besteuerung von exzessivem Reichtum, von Privatjets, von Superjachten, von Kapitalgewinnen, die die Klimakrise finanzieren. Eine Milliardärssteuer. Ein Ende der Kerosinsteuerbefreiung. Konsequente CO₂-Bepreisung, die nicht die Pendlerin im Ruhrgebiet trifft, sondern die, die in 90 Minuten mehr emittieren als andere im Leben. Und damit „witzigerweise“ genau das, wofür Menschen wie Heidi Reichinnek stehen:
Tax the rich. Nicht als Slogan auf dem Shirt. Sondern als Klimapolitik.
viel Energie um nichts, die viele von uns aber – wie gewünscht – defokussieren ließ. Bisschen Ablenkung.Denn mal ehrlich: Das Problem ist nicht Heidi Reichinnek. Das Problem ist jedoch durchaus in diesem Foto zu finden: Mobilität begreift diese Gesellschaft, insbesondere im Zusammenhang mit Spitzenpolitiker*innen und Führungskräften als Statussymbol – und nicht als Infrastrukturfrage. Das Problem ist ein System, in dem die Dienstwagenkultur – parteiübergreifend, in Bund und Ländern – Oberklasselimousinen als selbstverständlichen Standard definiert, während dieselben Politiker*innen in den Parlamenten über CO₂-Budgets debattieren.Ein aktuelles Beispiel, das sehr viel weniger Aufmerksamkeit als Heidi Reichinnek bekommt: NRW-Finanzminister Marcus Optendrenk (CDU) ist seit wenigen Tagen wieder mit einem Diesel-Dienstwagen unterwegs. Konkret: ein Audi A8 L 50 TDI Quattro, laut Hersteller auf Kurzstrecken mit zehn Litern Verbrauch. Davor hatte er einen BMW i7 – rein elektrisch. Den gab er auf. Begründung gegenüber der WAZ: „Bei einem engen Terminkalender und langen Fahrten durch ein Flächenland wie Nordrhein-Westfalen stoßen sie an Grenzen.“Politiker wechseln vom E-Autos auf Diesel-DienstwagenDas ist kein Einzelfall. In Nordrhein-Westfalen setzen inzwischen nur noch sieben von sechzehn Kabinettsmitgliedern auf E-Autos oder Hybridmodelle. NRW-Bauministerin Ina Scharrenbach (CDU) hatte bereits vorher zurück auf Diesel gewechselt – und hat für die nächste Periode wieder einen Diesel bestellt. Ministerpräsident Hendrik Wüst und Innenminister Herbert Reul (beide CDU) fahren gepanzerte Verbrenner-Limousinen.Ich höre schon das schnelle Entschuldigen: Spitzenpolitiker*innen müssen gepanzert fahren, haben enge Terminpläne, müssen Flächenländer bereisen – das gehe eben nicht mit dem E-Auto. Ist das so?Ich erinnere an Leonore Gewessler, ehemalige österreichische Klimaministerin, die konsequent auf Bahn, Nachtzug und Rad setzte – auch als Ministerin, auch für Termine, die andere Politiker*innen für „unzumutbar ohne Auto“ erklärt hätten. Sie hat demonstriert, dass es geht, wenn man es will. Und ja: Sie wurde manchmal nicht für die Ministerin gehalten, wenn sie mit dem Rad ankam.Zohran Mamdani macht es vor: U-Bahn statt AutoIch erinnere an Zohran Mamdani, den neuen Bürgermeister von New York, der öffentlich kommuniziert, U-Bahn zu fahren. In New York. Als Bürgermeister. Nicht als PR-Gag einmal fürs Foto, sondern als Haltung. An Cem Özdemir, der zur Amtseinführung als Bundeslandwirtschaftsminister mit dem Fahrrad ankam. Symbolisch, ja. Aber ein Symbol, das etwas sagt über die Frage: Was zeige ich, wenn ich ankomme?Diese Beispiele sind keine Einladung zur Neidgesellschaft und kein Aufruf zu performativer Bescheidenheit. Sie zeigen, dass es Spielraum gibt – politisch, praktisch, kulturell. Und dass der Spielraum nicht ausgeschöpft wird. Wer täglich Entscheidungen über Klimaschutz trifft, reist oft in einer anderen Welt. Und oft in der Luft. Dabei wäre sehr viel möglich. Das Nachtzugnetz wächst wieder. Wien–Paris ist nachts bequem möglich. Die Bahn verbindet Berlin mit fast allen deutschen Großstädten in unter drei Stunden. Für viele Dienstreisen innerhalb Deutschlands ist der ICE schneller als Flug plus Weg zum Flughafen.Der Zoom weg von Heidi ReichinnekJetzt zoomen wir heraus. Weit heraus.Das reichste ein Prozent der Weltbevölkerung hatte am 10. Januar 2026 sein gesamtes CO₂-Jahresbudget aufgebraucht. Das hat Oxfam berechnet. Zum Vergleich: Die ärmere Hälfte der Menschheit braucht dafür über 1.000 Tage – das sind fast drei Jahre. Ab dem 11. Januar „plündern“ die Superreichen also buchstäblich die Treibhausgasbudgets aller anderen. Und das sind nur die direkten Konsum-Emissionen. Die Investitionen dieser Menschen in fossile Industrien verursachen laut Oxfam noch einmal das 340-Fache dessen. Hinzu kommt, dass für viele von uns Menschen wie Taylor Swift und Jeff Bezos „Idole“ sind. Warum erlauben wir diese fossile Gier – aber ein Foto von Heidi Reichinnek vor einem Audi emotionalisiert?Das ist kein Zufall. Das ist Ablenkung.Die Empörung über den Audi A8 einer Linken-Politikerin ist kein Beitrag zur Klimadebatte. Sie ist ein Instrument, das gezielt davon ablenkt, wer die Klimakrise verursacht und wer die Mittel hätte, sie zu lösen. Während wir über das Kennzeichen eines Fraktionswagens diskutieren, haben die Superreichen dieser Welt bereits ihren nächsten Transatlantikflug im Privatjet hinter sich, ohne dass sie damit „sauer aufstoßen“.Ein paar Ideen: Besteuerung von Privatjets, Superjachten, KerosinDas reichste Prozent der Deutschen besitzt 35 Prozent des gesamten Nettovermögens. Die Zahl der Milliardär*innen in Deutschland ist 2025 um ein Drittel auf 172 gestiegen. Ihr Gesamtvermögen: 840 Milliarden US-Dollar, inflationsbereinigt 30 Prozent mehr als im Vorjahr. In weniger als anderthalb Stunden verdienen diese Menschen das durchschnittliche Jahresgehalt in Deutschland.Die Mechanik dieser Ablenkungsdebatten ist alt und sie funktioniert – weil sie an etwas Echtes andockt. Ja, Kohärenz von Politiker*innen ist wichtig. Ja, Dienstwagenkultur gehört reformiert. Ja, Symbole zählen.Aber kein Symbol zählt so viel wie Strukturen. Und die Struktur, die wir brauchen, heißt: Besteuerung von exzessivem Reichtum, von Privatjets, von Superjachten, von Kapitalgewinnen, die die Klimakrise finanzieren. Eine Milliardärssteuer. Ein Ende der Kerosinsteuerbefreiung. Konsequente CO₂-Bepreisung, die nicht die Pendlerin im Ruhrgebiet trifft, sondern die, die in 90 Minuten mehr emittieren als andere im Leben. Und damit „witzigerweise“ genau das, wofür Menschen wie Heidi Reichinnek stehen:Tax the rich. Nicht als Slogan auf dem Shirt. Sondern als Klimapolitik.