Besonders faszinierten ihn die männlichen Tänzer, die mit großen Sprüngen und Salti durch die Luft wirbelten und antike Helden und legendäre Gestalten auf der Bühne zum Leben erweckten. Liu beobachtete genau ihre Karrieren, wer Solist wurde und welche Rollen sie übernahmen.
Ein Traum mit Hindernissen
Es war ein großer Traum, den Liu verfolgte. Seine Mutter Gao Weiwei befürchtete jedoch, dass er ihn nie verwirklichen könnte. In China galt bereits der Besitz von Shen-Yun-DVDs – wie die, die Liu immer wieder ansah – als Vorwand für eine Verhaftung durch die Behörden der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh).
Falun Gong und seine Prinzipien
Frau Gaos Mutter hatte diese positiven Erfahrungen selbst gemacht und brachte daraufhin ihren beiden Töchtern Falun Gong bei. Diese kontaktierten wiederum ihre Schwester Rongrong, die zu dieser Zeit in Japan arbeitete, und berichteten ihr von ihren Erfahrungen mit der Praxis.
Rongrong – geschätzt und beliebt
Die Familie schilderte gegenüber der Epoch Times, dass Rongrong das Nesthäkchen und der Liebling der Familie gewesen sei. Ihr gütiges und liebevolles Wesen habe sie sich bis ins Erwachsenenalter bewahrt. An der Kunsthochschule, an der sie arbeitete, sei sie sehr beliebt und in ihrer Gemeinschaft hoch angesehen gewesen. Viele Studenten hätten begonnen, Falun Gong zu praktizieren, nachdem sie durch Rongrong davon erfahren hatten.
Mit Beginn der staatlichen Verfolgung von Falun Gong im Jahr 1999 geriet Rongrong jedoch ins Visier der Kommunistischen Partei Chinas.
Als Falun-Gong-Praktizierende waren die Gaos überzeugt, dass es nicht ausreichte, nur über Wahrhaftigkeit, Güte und Nachsicht zu sprechen, sondern dass diese Werte auch gelebt werden müssten. Das bedeutete, der allgegenwärtigen Propaganda der Partei, mit der sie versuchte, die Bevölkerung zu täuschen und ihre Verbrechen zu verschleiern, die Wahrheit über die tatsächlichen Geschehnisse entgegenzusetzen.
Die Familienmitglieder reichten Petitionen ein, protestierten und verteilten Flugblätter über die Verfolgung. Dafür wurden sie bereits in den frühen Jahren mehrfach inhaftiert. Rongrong traf es jedoch am härtesten: Sie galt dem Regime als prominentes Ziel, geführt als „streng geheimer Fall Nr. 26“. Entgegen aller gesetzlichen Vorschriften wurde sie in das Longshan-Arbeitslager gebracht und dort systematisch gefoltert.
Fotos, die um die Welt gingen
Im Oktober wurde Rongrong von Freunden aus dem Krankenhaus geschmuggelt und versteckte sich monatelang bei Praktizierenden im Untergrund. Im Frühjahr 2005 wurden sie und ihre Helfer entdeckt und erneut festgenommen. Mitte Juni informierten die Behörden die Familie, dass Rongrong im Krankenhaus des Masanja-Arbeitslagers liege, das für seine hohe sogenannte „Umerziehungsquote“ bekannt ist.
Druck auf die Familie nach ihrem Tod
Nach Rongrongs Tod setzten die Behörden die Familie weiter unter Druck. Sie sollten ein Formular unterzeichnen, das einer schnellen Einäscherung zustimmte. Frau Gao ist überzeugt, dass das Regime so Verantwortung abwälzen und Beweise für die Folter beseitigen wollte. Die Schikanen hielten an. Frau Gao und ihr noch junger Sohn, der spätere Shen-Yun-Tänzer, lebten rund fünf Monate im Untergrund und auf der Flucht.

Juli 2016, Washington D.C. – Gao Weiwei mit einem Foto ihrer ermordeten Schwester Gao Rongrong bei einer Kerzenlichtmahnwache am Washington Monument zum Gedenken an all die vom kommunistischen Regime in China getöteten Falun-Gong-Praktizierenden.
Schließlich wurden sie entdeckt und festgenommen. Überraschenderweise ließ man sie jedoch noch in derselben Nacht wieder frei. Frau Gao berichtete der Epoch Times, sie habe dabei heimlich ein Gespräch zwischen dem Vorgesetzten der Beamten und dessen Mitarbeitern mitgehört. Dieser habe erklärt, er wolle nicht in einen Falun-Gong-Fall verwickelt werden.
Unerschütterlicher Glaube
Trotz jahrelanger Einschüchterung wankte Frau Gao nie in ihrem Glauben. Sie sprach weiterhin offen über die Verfolgung von Falun Gong und erklärte, es sei ihre Verantwortung, nach den Prinzipien der Praxis zu leben und die Wahrheit auszusprechen.
Das zeigte sich im Alltag: Sie erklärte den Lehrern ihres Sohnes, warum er den Jungen Pionieren nicht beitreten würde, was akzeptiert wurde. Auch während der Olympischen Spiele 2008 in Peking sprach sie ruhig mit den Polizisten, die ihr Haus überwachten, und stellte fest, dass viele von ihnen kaum wussten, warum sie sie beobachten sollten. Sie setzte ihre Aufklärungsarbeit fort, verteilte Informationsmaterial und hängte Plakate auf.
Für ihren Sohn Louis Liu bedeutete dies, mit dem Bewusstsein aufzuwachsen, wie wichtig ein prinzipientreues Leben ist.
2013 reifte bei Louis Liu der Entschluss, sich in den USA an der Fei Tian Academy of the Arts, der Shen Yun vorgeschalteten Ausbildungsstätte, zu bewerben. Mithilfe von im Ausland entwickelter Technologie umging er die chinesische Internetzensur („Golden Shield“) und reichte seine Bewerbung online ein.
Neuanfang in den USA
Für Liu stand fest, dass dies sein Weg war. Entgegen den Sorgen seiner Mutter verliefen sowohl der Bewerbungsprozess als auch die Beschaffung der notwendigen Dokumente reibungslos. Schließlich wanderte die gesamte Familie in die Vereinigten Staaten aus.
Das erste Jahr in Amerika verging für Liu wie im Flug. Er begann seine formelle Ausbildung im klassischen chinesischen Tanz und fand sich Schritt für Schritt in seiner neuen Umgebung zurecht. Als er schließlich mit Shen Yun auf Tournee ging, wurde ihm bewusst: „Ich mache hier etwas ganz Besonderes.“

20. Juli 2025, New York City – Louis Liu bei einer Parade von Falun-Gong-Anhängern. Die Teilnehmer forderten ein Ende der seit 26 Jahren andauernden Verfolgung ihres Glaubens durch die Kommunistische Partei Chinas.
Foto: Mark Zou/The Epoch Times
Der erste Auftritt
Im Gespräch mit der Epoch Times erinnerte sich Liu an seinen ersten Bühnenauftritt: „Als ich das erste Mal auf die Bühne trat und dieses riesige Publikum sah, war ich aufgeregt und nervös. Ich wusste nicht, was ich denken sollte – so etwas hatte ich noch nie erlebt.“
Rückblickend beschreibt Liu das vergangene Jahrzehnt als einen fortlaufenden Prozess der künstlerischen und persönlichen Reifung, bei dem jeder Schritt von Bedeutung gewesen sei.
Auch heute liebe er den Tanz ebenso sehr wie zu Beginn seines Traums: „Es geht nicht nur um die Bewegungen, sondern um den Ausdruck des inneren Selbst und der eigenen Kultur.“

20. Juli 2025, New York City – Eine Gruppe von Shen-Yun-Tänzerinnen bei der Parade durch Chinatown, Manhattan.
Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Adhiraj Chakrabarti
Tanz als Zeugnis von Glauben und Widerstand
Die Aufführungen von Shen Yun bestehen aus mehr als einem Dutzend Szenen. Eine davon erzählt tänzerisch, wie Falun-Gong-Praktizierende im heutigen China trotz staatlicher Unterdrückung an ihrem Glauben festhalten. Auch Louis Liu wirkt in diesen Stücken mit. Er sagt, dass er dabei nicht nur die Geschichte seiner eigenen Familie erzähle, sondern die vieler Praktizierender, die das auf der Bühne Gezeigte selbst erlebt hätten.
„Ich hoffe, der Welt durch diese Geschichten zeigen zu können, was Familien, die noch immer unter der Verfolgung leiden, tagtäglich durchmachen“, sagte der Shen-Yun-Tänzer.

Künstler von Shen Yun Performing Arts nehmen am 20. Juli 2025 in New York City an einem Marsch durch Chinatown, Manhatten, teil, der ein Ende der seit 26 Jahren andauernden Verfolgung von Falun Gong durch die Kommunistische Partei Chinas fordert.
Foto: Benny Zhang/Epoch Times
Epoch Times ist ein langjähriger Medienpartner von Shen Yun Performing Arts und berichtet seit der Gründung von Shen Yun im Jahr 2006 über die Veranstaltungen und Reaktionen des Publikums.
Tourneeplan in Europa
Bis Anfang Mai 2026 gastiert Shen Yun in Europa. Hier ein Überblick über die Termine in Deutschland und Österreich:
Deutschland
8.–10. Februar 2026 Berlin
4.–8. März 2026 Mülheim an der Ruhr
11.–14. März 2026 Bremen
8.–12. April 2026 Füssen
2.–4. Mai 2026 Frankfurt am Main
Österreich
22.–25. Januar 2026 Wien
6.–7. März 2026 Salzburg