Ein gallisches Dorf im Großreich der Finanzindustrie: Der Club Voltaire im Frankfurter Bankenviertel ist Kneipe, Musiklokal, Debattenort – und Treffpunkt für Linke unterschiedlicher Couleur. Was sein drohendes Ende noch verhindern kann
Foto: Club Voltaire
„Wenn Sie einen Schweizer Bankier aus dem Fenster springen sehen, springen Sie hinterher. Es gibt bestimmt etwas zu verdienen.“ Dieses Zitat wird Voltaire zugeschrieben, und sicher hätte der große Aufklärer Ähnliches gesagt, nur nicht über Schweizer, wäre ihm die Bankenstadt Frankfurt am Main im 21. Jahrhundert bekannt gewesen. Aber es gibt auch eine gute Nachricht: Es existiert hier noch, das aufklärerische Denken, selbst am Rand des Bankenviertels. Ein bisschen eingeklemmt zwar zwischen den ersten Adressen, an denen die Haute-Volée ihre Konsumbedürfnisse befriedigt, aber unübersehbar am Leben.
Im Schatten des Doppelturms der Deutschen Bank
„Freßgass“ nennt sich das Stückchen Fußgängerzone, an dessen Ende sich unübersehbar der Doppelturm der Deutschen Bank präsentiert. Biegt man in eine kleine Seitenstraße ab, findet sich zwischen zwei neueren Bauten das schmale Häuschen einer traditionellen Institution, die sich den Namen des Aufklärers gegeben hat. Hier residiert, wie ein gallisches Dorf im Großreich der Finanzindustrie, der Club Voltaire. Es gibt ihn seit 1962, und jetzt droht ihm das Aus.
Diese Mischung aus Kneipe, Musiklokal und Debattenort mag wie ein Denkmal vergangener Zeiten des Aufbruchs wirken. Der große Raum im Erdgeschoss hat über alle Renovierungen hinweg Patina angesetzt. Es ist ein Treffpunkt der Linken unterschiedlicher Couleur, spürbar allerdings verwurzelt in der Frankfurter Tradition der „Undogmatischen“. Aber es ist kein Ort der „Alt-68er“, jedenfalls nicht nur.
Geschlechterfragen und Arbeitskämpfe, dazu Apfelwein
Die kleine Bühne war in frühen Zeiten Ort einer Art linken Ost-West-Dialogs mit Gästen wie Anna Seghers oder Christa Wolf, später trat Mikis Theodorakis auf und dann die Gründungsgeneration der Grünen. Heute wird nicht nur über Trump, Kuba, Geschlechterfragen oder Arbeitskämpfe diskutiert. Regelmäßig liest die Redaktion der Titanic, am Tanzabend wird getanzt, am Improvisationsabend improvisiert, und auf der Karte stehen Flammkuchen, Bier und Apfelwein. Zu Preisen, die auch ein jüngeres Publikum anziehen.
Placeholder image-1
An der Wand hängt ein Plakat mit dem berühmtesten Voltaire-Zitat: „Ich bin zwar nicht einverstanden mit dem, was Sie sagen, aber ich werde bis zum Äußersten kämpfen, dass Sie es sagen dürfen.“ Womit garantiert wäre, dass auch der Unsinn, der im linken Spektrum hier und da geredet wird, seinen Platz hat. Aber viel wichtiger ist die Symbolkraft, die weit über den Ort hinausreicht.
Es werden Unterschriften und Spenden gesammelt – die Stadt Frankfurt könnte das Gebäude kaufen
Was sie ausmacht? Räume wie dieser sind, buchstäblich und im übertragenen Sinne, im Schwinden. Räume, in denen Einigkeit herrscht, sich trotz eines breiten Meinungsspektrums und innerer Liberalität dem Diktat einer Haltung nicht zu beugen, die sich als Ideologie des Pragmatismus beschreiben lässt. Es ist das Festhalten an der Idee, dass selbst in einem schmalen Häuschen wie diesem Platz sein muss für Ideen, die das Bestehende zur Kenntnis nehmen, aber nie ohne den Anspruch, es zu überwinden.
Der Mietvertrag des Club Voltaire mit den privaten Eigentümern des Hauses gilt noch bis Ende des Jahres, dann soll das Gebäude verkauft werden. Die Folgen wären der Abriss und ein Neubau, in dem „der Club“ sicher keinen Platz mehr hätte. Jetzt wird in der Stadt gesammelt und für den Erhalt getrommelt. Die Stadtpolitik, die einen Kauf beschließen könnte, ist angesprochen, die Stadtgesellschaft, die mit Krediten helfen könnte, ebenso. Wenn der Erhalt gelänge, würde sich sicher kein Banker aus dem Fenster stürzen. Aber ein gallisches Dorf der Veränderung wäre am Leben.
m Leben.Im Schatten des Doppelturms der Deutschen Bank„Freßgass“ nennt sich das Stückchen Fußgängerzone, an dessen Ende sich unübersehbar der Doppelturm der Deutschen Bank präsentiert. Biegt man in eine kleine Seitenstraße ab, findet sich zwischen zwei neueren Bauten das schmale Häuschen einer traditionellen Institution, die sich den Namen des Aufklärers gegeben hat. Hier residiert, wie ein gallisches Dorf im Großreich der Finanzindustrie, der Club Voltaire. Es gibt ihn seit 1962, und jetzt droht ihm das Aus.Diese Mischung aus Kneipe, Musiklokal und Debattenort mag wie ein Denkmal vergangener Zeiten des Aufbruchs wirken. Der große Raum im Erdgeschoss hat über alle Renovierungen hinweg Patina angesetzt. Es ist ein Treffpunkt der Linken unterschiedlicher Couleur, spürbar allerdings verwurzelt in der Frankfurter Tradition der „Undogmatischen“. Aber es ist kein Ort der „Alt-68er“, jedenfalls nicht nur.Geschlechterfragen und Arbeitskämpfe, dazu Apfelwein Die kleine Bühne war in frühen Zeiten Ort einer Art linken Ost-West-Dialogs mit Gästen wie Anna Seghers oder Christa Wolf, später trat Mikis Theodorakis auf und dann die Gründungsgeneration der Grünen. Heute wird nicht nur über Trump, Kuba, Geschlechterfragen oder Arbeitskämpfe diskutiert. Regelmäßig liest die Redaktion der Titanic, am Tanzabend wird getanzt, am Improvisationsabend improvisiert, und auf der Karte stehen Flammkuchen, Bier und Apfelwein. Zu Preisen, die auch ein jüngeres Publikum anziehen.Placeholder image-1An der Wand hängt ein Plakat mit dem berühmtesten Voltaire-Zitat: „Ich bin zwar nicht einverstanden mit dem, was Sie sagen, aber ich werde bis zum Äußersten kämpfen, dass Sie es sagen dürfen.“ Womit garantiert wäre, dass auch der Unsinn, der im linken Spektrum hier und da geredet wird, seinen Platz hat. Aber viel wichtiger ist die Symbolkraft, die weit über den Ort hinausreicht.Es werden Unterschriften und Spenden gesammelt – die Stadt Frankfurt könnte das Gebäude kaufenWas sie ausmacht? Räume wie dieser sind, buchstäblich und im übertragenen Sinne, im Schwinden. Räume, in denen Einigkeit herrscht, sich trotz eines breiten Meinungsspektrums und innerer Liberalität dem Diktat einer Haltung nicht zu beugen, die sich als Ideologie des Pragmatismus beschreiben lässt. Es ist das Festhalten an der Idee, dass selbst in einem schmalen Häuschen wie diesem Platz sein muss für Ideen, die das Bestehende zur Kenntnis nehmen, aber nie ohne den Anspruch, es zu überwinden.Der Mietvertrag des Club Voltaire mit den privaten Eigentümern des Hauses gilt noch bis Ende des Jahres, dann soll das Gebäude verkauft werden. Die Folgen wären der Abriss und ein Neubau, in dem „der Club“ sicher keinen Platz mehr hätte. Jetzt wird in der Stadt gesammelt und für den Erhalt getrommelt. Die Stadtpolitik, die einen Kauf beschließen könnte, ist angesprochen, die Stadtgesellschaft, die mit Krediten helfen könnte, ebenso. Wenn der Erhalt gelänge, würde sich sicher kein Banker aus dem Fenster stürzen. Aber ein gallisches Dorf der Veränderung wäre am Leben.