Es ist ein warmer Nachmittag. Einer von denen, an denen ich einfach gerne im Freien spaziere und in den nahegelegenen Wald gehe, um die Natur zu genießen. Doch dann wird es laut am Himmel. Ich lebe in einer Gemeinde im Ortskreis Böblingen, südlich von Stuttgart, in der Nähe des Flughafens. Die Maschine, die gerade wie ein wilder Drache über mir am Himmel kreist, ist kein normales Passagierflugzeug.
Seit ich im Stuttgarter Raum lebe, bin ich umgeben von US-Militäreinrichtungen. Früher lebte ich neben den Patch Barracks in Stuttgart-Vaihingen, einem Megakomplex mit eigenem „Food Court“ inklusive diverser Fast-Food-Ketten, Baseballplatz, Schulen und Kindertagesstätten, einem Barber Shop sowie einem Fitnessstudio. Es ist bis heute eine Welt für sich.
Allein in den Patch Barracks sind rund 2500 Soldat:innen stationiert, eingebettet in eine riesige Militärinfrastruktur, die sich über die Region spannt: die Kelley Barracks in Möhringen, die Panzerkaserne in Böblingen (wo ich heute lebe), die Robinson Barracks in Bad Cannstatt und das Army Airfield in Echterdingen. Insgesamt umfasst diese „Little America“ genannte Community zwischen 23.000 und 28.000 Menschen. Ein Staat im Staate, mitten im Ländle.
Von Stuttgart aus in die Welt
Zwei dieser Einrichtungen sind für das Pentagon besonders wichtig: Die Patch Barracks sind auch als US European Command (EUCOM) bekannt, die Kelley Barracks als US Africa Command (AFRICOM). Konkret bedeutet dies, dass sämtliche Operationen auf den jeweiligen Kontinenten von Stuttgart aus koordiniert werden.
Dies sorgte im Fall von Letzterem vor einigen Jahren während der Amtszeit Barack Obamas für Schlagzeilen: Auch illegale Drohnenangriffe in Somalia werden hinter den Mauern AFRICOMs von sogenannten Screenern mitgeplant. Daran hat sich bis heute nichts geändert, doch die Bundesregierung zieht sich seit einem Jahrzehnt mit gekonntem Schweigen und Wegsehen aus der Affäre.
Und nun steht dieses Klein-Amerika wieder im Fokus der Öffentlichkeit. Denn jüngsten Enthüllungen zufolge spielt sie auch beim völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Donald Trumps und Benjamin Netanjahus auf den Iran eine wichtige Rolle. Amateurfunker des Netzwerks „Priyom“, das weltweit nach geheimen Zahlensendern fahndet, schlugen Ende März Alarm. Sie lokalisierten verschlüsselte Botschaften – eine Männerstimme, die persische Ziffern vorliest – auf der Kurzwelle 7910 kHz.
„Nicht mal hier hat man seine Ruhe“, denke ich, während über mir ein fliegendes Monstrum dröhnt
Im Schwabenland wird wohl wieder für den Ernstfall geübt. Ich starre auf das laute, bedrohlich wirkende Monstrum, das sich mit einem tiefen Wummern über meiner Wohnsiedlung bewegt. Das Flugzeug, das über mir die Ruhe am Himmel während meines Spaziergangs stört, ist ein V-22 Osprey aus dem Arsenal des US-Militärs. Es handelt sich dabei um einen martialischen Hybrid aus Hubschrauber und Flugzeug, den die Special Forces gerne für ihre Schattenkriege benutzen. Der Osprey kam schon in vielen Ländern mit schwierigem Terrain zum Einsatz.
„Nicht mal hier hat man seine Ruhe“, denke ich mir nicht zum ersten Mal. Ähnliche Flugkörper haben mich in den letzten Jahren immer wieder nachts – ja, auch nachts! – geweckt und alte Traumata hervorgerufen. Denn für mich, der jahrelang über den Krieg der NATO in Afghanistan berichtet hat, sind diese Fluggeräte nichts Neues. Ich kenne sie alle: US-Kampfbomber, Blackhawk- und Apache-Helikopter oder Predator-Drohnen.
Ich weiß, wie die meisten Kinder in Afghanistan, wie jedes dieser Fluggeräte klingt. Laut, brummend oder summend – aber immer angsteinflößend und bedrohlich. Am Himmel über Kabul hörte man sie die ganze Nacht, als sie die Region um die Hauptstadt verließen und in Dörfer und abgelegene Regionen ausschweiften, um auf „Terroristenjagd“ zu gehen.
„Mein Junge, hierzulande herrscht Krieg“, sagte mir mein Onkel einmal während des Frühstücks, nachdem ich mich über den Fluglärm in Kabul beschwert hatte. „Immer wenn diese Dinger fliegen, stirbt jemand“, fügte er hinzu.
Der Staat im Staate, mitten im Ländle
Das war in Afghanistan – doch was hat das alles mit Deutschland zu tun? Spoiler: Sehr viel. Das Kurzwellensignal kam aus einem Waldstück zwischen den Patch Barracks und der Panzerkaserne, nahe dem Ort Musberg im Siebenmühlental. Ein Teil des Waldes gehört dem US-Militär. Es ist ein Ort der Widersprüche: Während Wanderer auf markierten Pfaden die Stille genießen, joggen derweil US-Soldaten mit schwerem Gerät durch das Dickicht. Hier, hinter meterhohen Zäunen und dichtem Unterholz, befindet sich Experten zufolge eine sogenannte „Number Station“.
Wochenlang sendete eine männliche Stimme diese mysteriösen Botschaften, eingeleitet durch das persische Wort „Tavajjoh“ – Achtung. Darauf folgten endlose Zahlenkolonnen. Der Ursprung der Zahlencodes? Unbekannt. Ich fand das schon damals faszinierend und gruselig zugleich, immerhin ist Farsi meine Muttersprache. Doch nun ist klar: Der Ursprung der Codes liegt praktisch vor meiner Haustür. Ich fahre jeden Tag durch Musberg und kenne auch die umherliegenden Wälder. Sie sind wunderschön und idyllisch. Wer hier durchspaziert, denkt kaum an illegale Kriege oder düstere Militäreinsätze.
Ich suche die besagte Station auf. „Radio Free Iran“, sagt Google Maps, sobald man die Koordinaten eingibt, die die Amateurfunker von „Priyom“ herausgefunden haben. Da hat sich wohl jemand einen Scherz erlaubt. Aber dass hier keine iranische Radiostation ansässig ist, wird deutlich, wenn man in das Gebiet fährt. Nur fünfzehn Minuten Autofahrt und ein paar Schritte zu Fuß sind für mich nötig, um vor besagter Antenne zu stehen.
Wer empfängt diese Codes im Iran?
Vor den Maschendrahtzäunen des schwerbewachten Sperrgebietes: Ein einzelner Funkmast, verborgen hinter dem Dickicht. Doch es gibt auch hochmoderne Überwachungskameras, denen nichts entgeht. Bewaffnete Soldaten, die hier Wache stehen, sieht man nirgends.
„Number Stations“ sind eine Kommunikationstechnologie aus dem Kalten Krieg. Die Kommunikation auf Kurzwelle ist kaum rückverfolgbar, der Empfänger benötigt lediglich ein einfaches Radio und funktioniert ohne Internet- und Serveranbindung. Wer auch immer diese Codes im Iran empfängt, für das Regime in Teheran bleiben die Empfänger unsichtbar. Höchstwahrscheinlich, so vermuten Expert:innen, sind es Anweisungen für Agent:innen oder Koordinaten für Sabotageakte.
Nachdem der Spiegel und andere Medien über den „Geheimsender aus dem Wald“ berichteten, reagierten die Verantwortlichen sofort. Am 25. März wird die Sendeleistung reduziert. Das ist auch ein Eingeständnis: Wer auch immer im Wald agiert, weiß nun, dass er beobachtet wird.
Eine offizielle Bestätigung bleibt aus
Bereits vor Beginn des Krieges wurde immerhin bekannt, dass Agenten von CIA und Mossad sich im Land aufhalten würden. Dass die CIA und das US-Militär auf diese Technologie zurückgreifen, macht Sinn. Sie gehört bis heute zu deren Repertoire. Außerdem herrscht im Iran weiterhin ein Internetblackout.
Hinzu kommt, dass diverse Elite-Einheiten wie die „Green Berets“, die ebenfalls in der Region stationiert sind, als Experten für klandestine Kommunikation und psychologische Kriegsführung bekannt sind. Womöglich sind auch sie involviert – doch eine offizielle Bestätigung des US-Militärs blieb bisher aus.
Als jemand, der schon seit Jahren über amerikanische Schattenoperationen schreibt, weiß ich: Sie wird wahrscheinlich nie kommen – und die Kampfhubschrauber und Jets, die mich schon in Kabul verfolgten, werden weiterhin über den Spielplatz vor meiner Wohnung in Böblingen fliegen.
den Patch Barracks in Stuttgart-Vaihingen, einem Megakomplex mit eigenem „Food Court“ inklusive diverser Fast-Food-Ketten, Baseballplatz, Schulen und Kindertagesstätten, einem Barber Shop sowie einem Fitnessstudio. Es ist bis heute eine Welt für sich.Allein in den Patch Barracks sind rund 2500 Soldat:innen stationiert, eingebettet in eine riesige Militärinfrastruktur, die sich über die Region spannt: die Kelley Barracks in Möhringen, die Panzerkaserne in Böblingen (wo ich heute lebe), die Robinson Barracks in Bad Cannstatt und das Army Airfield in Echterdingen. Insgesamt umfasst diese „Little America“ genannte Community zwischen 23.000 und 28.000 Menschen. Ein Staat im Staate, mitten im Ländle. Von Stuttgart aus in die WeltZwei dieser Einrichtungen sind für das Pentagon besonders wichtig: Die Patch Barracks sind auch als US European Command (EUCOM) bekannt, die Kelley Barracks als US Africa Command (AFRICOM). Konkret bedeutet dies, dass sämtliche Operationen auf den jeweiligen Kontinenten von Stuttgart aus koordiniert werden.Dies sorgte im Fall von Letzterem vor einigen Jahren während der Amtszeit Barack Obamas für Schlagzeilen: Auch illegale Drohnenangriffe in Somalia werden hinter den Mauern AFRICOMs von sogenannten Screenern mitgeplant. Daran hat sich bis heute nichts geändert, doch die Bundesregierung zieht sich seit einem Jahrzehnt mit gekonntem Schweigen und Wegsehen aus der Affäre. Und nun steht dieses Klein-Amerika wieder im Fokus der Öffentlichkeit. Denn jüngsten Enthüllungen zufolge spielt sie auch beim völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Donald Trumps und Benjamin Netanjahus auf den Iran eine wichtige Rolle. Amateurfunker des Netzwerks „Priyom“, das weltweit nach geheimen Zahlensendern fahndet, schlugen Ende März Alarm. Sie lokalisierten verschlüsselte Botschaften – eine Männerstimme, die persische Ziffern vorliest – auf der Kurzwelle 7910 kHz.„Nicht mal hier hat man seine Ruhe“, denke ich, während über mir ein fliegendes Monstrum dröhntIm Schwabenland wird wohl wieder für den Ernstfall geübt. Ich starre auf das laute, bedrohlich wirkende Monstrum, das sich mit einem tiefen Wummern über meiner Wohnsiedlung bewegt. Das Flugzeug, das über mir die Ruhe am Himmel während meines Spaziergangs stört, ist ein V-22 Osprey aus dem Arsenal des US-Militärs. Es handelt sich dabei um einen martialischen Hybrid aus Hubschrauber und Flugzeug, den die Special Forces gerne für ihre Schattenkriege benutzen. Der Osprey kam schon in vielen Ländern mit schwierigem Terrain zum Einsatz. „Nicht mal hier hat man seine Ruhe“, denke ich mir nicht zum ersten Mal. Ähnliche Flugkörper haben mich in den letzten Jahren immer wieder nachts – ja, auch nachts! – geweckt und alte Traumata hervorgerufen. Denn für mich, der jahrelang über den Krieg der NATO in Afghanistan berichtet hat, sind diese Fluggeräte nichts Neues. Ich kenne sie alle: US-Kampfbomber, Blackhawk- und Apache-Helikopter oder Predator-Drohnen.Ich weiß, wie die meisten Kinder in Afghanistan, wie jedes dieser Fluggeräte klingt. Laut, brummend oder summend – aber immer angsteinflößend und bedrohlich. Am Himmel über Kabul hörte man sie die ganze Nacht, als sie die Region um die Hauptstadt verließen und in Dörfer und abgelegene Regionen ausschweiften, um auf „Terroristenjagd“ zu gehen.„Mein Junge, hierzulande herrscht Krieg“, sagte mir mein Onkel einmal während des Frühstücks, nachdem ich mich über den Fluglärm in Kabul beschwert hatte. „Immer wenn diese Dinger fliegen, stirbt jemand“, fügte er hinzu. Der Staat im Staate, mitten im LändleDas war in Afghanistan – doch was hat das alles mit Deutschland zu tun? Spoiler: Sehr viel. Das Kurzwellensignal kam aus einem Waldstück zwischen den Patch Barracks und der Panzerkaserne, nahe dem Ort Musberg im Siebenmühlental. Ein Teil des Waldes gehört dem US-Militär. Es ist ein Ort der Widersprüche: Während Wanderer auf markierten Pfaden die Stille genießen, joggen derweil US-Soldaten mit schwerem Gerät durch das Dickicht. Hier, hinter meterhohen Zäunen und dichtem Unterholz, befindet sich Experten zufolge eine sogenannte „Number Station“. Wochenlang sendete eine männliche Stimme diese mysteriösen Botschaften, eingeleitet durch das persische Wort „Tavajjoh“ – Achtung. Darauf folgten endlose Zahlenkolonnen. Der Ursprung der Zahlencodes? Unbekannt. Ich fand das schon damals faszinierend und gruselig zugleich, immerhin ist Farsi meine Muttersprache. Doch nun ist klar: Der Ursprung der Codes liegt praktisch vor meiner Haustür. Ich fahre jeden Tag durch Musberg und kenne auch die umherliegenden Wälder. Sie sind wunderschön und idyllisch. Wer hier durchspaziert, denkt kaum an illegale Kriege oder düstere Militäreinsätze. Ich suche die besagte Station auf. „Radio Free Iran“, sagt Google Maps, sobald man die Koordinaten eingibt, die die Amateurfunker von „Priyom“ herausgefunden haben. Da hat sich wohl jemand einen Scherz erlaubt. Aber dass hier keine iranische Radiostation ansässig ist, wird deutlich, wenn man in das Gebiet fährt. Nur fünfzehn Minuten Autofahrt und ein paar Schritte zu Fuß sind für mich nötig, um vor besagter Antenne zu stehen.Wer empfängt diese Codes im Iran?Vor den Maschendrahtzäunen des schwerbewachten Sperrgebietes: Ein einzelner Funkmast, verborgen hinter dem Dickicht. Doch es gibt auch hochmoderne Überwachungskameras, denen nichts entgeht. Bewaffnete Soldaten, die hier Wache stehen, sieht man nirgends.„Number Stations“ sind eine Kommunikationstechnologie aus dem Kalten Krieg. Die Kommunikation auf Kurzwelle ist kaum rückverfolgbar, der Empfänger benötigt lediglich ein einfaches Radio und funktioniert ohne Internet- und Serveranbindung. Wer auch immer diese Codes im Iran empfängt, für das Regime in Teheran bleiben die Empfänger unsichtbar. Höchstwahrscheinlich, so vermuten Expert:innen, sind es Anweisungen für Agent:innen oder Koordinaten für Sabotageakte. Nachdem der Spiegel und andere Medien über den „Geheimsender aus dem Wald“ berichteten, reagierten die Verantwortlichen sofort. Am 25. März wird die Sendeleistung reduziert. Das ist auch ein Eingeständnis: Wer auch immer im Wald agiert, weiß nun, dass er beobachtet wird. Eine offizielle Bestätigung bleibt ausBereits vor Beginn des Krieges wurde immerhin bekannt, dass Agenten von CIA und Mossad sich im Land aufhalten würden. Dass die CIA und das US-Militär auf diese Technologie zurückgreifen, macht Sinn. Sie gehört bis heute zu deren Repertoire. Außerdem herrscht im Iran weiterhin ein Internetblackout.Hinzu kommt, dass diverse Elite-Einheiten wie die „Green Berets“, die ebenfalls in der Region stationiert sind, als Experten für klandestine Kommunikation und psychologische Kriegsführung bekannt sind. Womöglich sind auch sie involviert – doch eine offizielle Bestätigung des US-Militärs blieb bisher aus. Als jemand, der schon seit Jahren über amerikanische Schattenoperationen schreibt, weiß ich: Sie wird wahrscheinlich nie kommen – und die Kampfhubschrauber und Jets, die mich schon in Kabul verfolgten, werden weiterhin über den Spielplatz vor meiner Wohnung in Böblingen fliegen.